9punkt - Die Debattenrundschau

Dieses Mal innerhalb der Gefängnismauern

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.10.2015. Ensaf Haidar alarmiert heute, dass die Auspeitschung ihres Mannes Raif Badawi womöglich noch in dieser Woche wieder aufgenommen werden soll. Hunderte britischer Professoren antworten heute mit einem Israel-Boykott-Aufruf im Guardian auf die von J.K. Rowling und Hilary Mantel mit lancierte Verteidigung des Dialogs. Der französische Streit um "Mein Kampf" geht weiter: Historiker schlagen vor, eine wissenschaftlich Übersetzung ins Netz zu stellen. Die FAZ staunt über die Sprachverteidiger von Pegida. Reuters meldet: VG Media und Google streiten jetzt vor Gericht um das Leistungsschutzrecht.

Europa

Der sehr mild und vorsichtig formulierte Aufruf gegen einen Israel-Boykott, der letzte Woche unter anderem von J.K. Rowling und Hilary Mantel lanciert wurde (unsere Resümees), ruft weiter wütende Gegenreaktionen hervor. 343 britische Universitätsprofessoren erklären nun in einer ganzseitigen Anzeige im Guardian, "dass sie keine Einladungen in akademische Institutionen Israels akzeptieren, nicht als Vermittler in irgendwelchen Gesprächen tätig werden oder an Konferenzen teilnehmen werden, die von Israelis finanziert oder geponsort werden". Zu den Unterzeichnen gehören der Kapitalismuskritiker David Graeber, der israelische Historiker Ilan Pappe und der Philosoph Richard Sennett (und sonst nur wenige prominente Namen). Die Liste lässt sich hier nachlesen.

Professor Jonathan Rosenhead, einer der Initiatoren, erzählt im Guardian, welchen übermenschlichen Heroismus es die Professoren kostete, sich zu dieser guten Absicht zu bekennen: "Die Unterschriften kamen trotz des Drucks zustande, der ausgeübt wird, damit man den Staat Israel nicht kritisiert. Nun, da diese Selbstverpflichtung öffentlich ist, hoffen wir, dass viele weitere sich anschließen." Auf die Frage, ob die Professoren die Anzeige bezahlt haben oder der Guardian die Aktion indirekt sponsorte, hat der Guardian noch nicht geantwortet.

Patrick Bahners lauschte in München einer Kundgebung der Pegida, die der Pflege der deutschen Sprache galt. Das Deutsche wurde als "phonetische" Sprache gefeiert, eine Sprache, die sich schreibt, wie sie sich ausspricht: "Hier schafft sich die Polemik gegen die Lügenpresse ihren metaphysischen Grund: Das Deutsche erscheint als Medium der Wahrheit, als die Sprache, in der die Dinge beim Namen genannt werden können. Der Verdacht des Landesverrats, der sich gegen Staats- und Presseorgane richtet, wird auf den Befund des Sprachverrats gestützt."

Für die SZ macht Hilmar Klute mit Durs Grünbein einen Abstecher zur Pegida-Demo. Grünbein nimmt sich am Anfang noch fest vor, sich nicht aufzuregen. Klappt aber nicht: "Mit jedem Wegmeter schwillt allerdings auch Grünbein der Hals an. 'Was für ein Dreck.'"

Henryk Broder fühlt sich in der Welt durch die Flüchtlingskrise an den Mauerfall erinnert: "Für die DDR-Deutschen änderte sich schlagartig alles, die BRD-Deutschen machten weiter, so als wäre irgendwo in der Mongolei ein Gartenzaun umgefallen. Und nun droht ihnen das gleiche Ungemach wie einst den Brüdern und Schwestern im Osten. Die DDR ist durch Auswanderung implodiert, die BRD droht unter der Last der Einwanderung zu kollabieren. Damals wie heute war oder ist die Öffnung der Grenzen die Ursache der Kalamität. Das deutsche Schicksal scheint unter Wiederholungszwang zu leiden."
Archiv: Europa

Politik

Ensaf Haidar, die Frau des saudischen Bloggers Raif Badawi, schreibt auf der Website für Badawi: "Ich bin von einer gut unterrichteten Quelle informiert worden, dass die saudischen Behörden grünes Licht für die Wiederaufnahme der Auspeitschungen Badawis gegeben haben. Die Quelle sagte auch, dass die Auspeitschung dieses Mal innerhalb der Gefängnismauern vollzogen werden soll."


In der SZ verfolgt Katja Riedel Hinweise, nach denen der zum IS-Terroristen gewandelte deutsche Rapper Denis Cuspert bei einem Luftangriff in Syrien getötet worden sei.
Archiv: Politik
Stichwörter: Raif Badawi

Geschichte

Der französische Streit um eine wissenschaftlich annotierte Übersetzung von Hitlers "Mein Kampf" geht weiter (unser Resümee). Libération publiziert ein ganzes Dossier zur Frage. Im Editorial berichten Philippe Douroux und Lilian Alemagna: "Eine Gruppe junger Historiker schlägt nun vor, die Ausgabe online zu stellen, ebenfalls mit wissenschaftlichen Kommentaren und Analysen. 'So ließen sich die Frage des Verbots, die in Zeiten des Internets ohnehin gegenstandslos ist, und der kommerzielle Aspekt einer Neuedition umgehen, erklärt der Historiker und Spezialist für den Ersten Weltkrieg André Loez. 'Jeder könnte diese wissenschaftliche Ausgabe konsultieren und jene, die das Buch zu dunklen Zwecken gebrauchen wollen, würden abgehalten. Es wäre doch bestürzend, wenn das Buch in Frankreich zum Bestseller würde." Der Verlag Fayard hat unterdessen angekündigt, etwaige Gewinne aus seiner Ausgabe für gute Zwecke zu spenden. Auch die FAZ berichtet heute über das Thema.

Jan-Heiner Tück erinnert in der NZZ an die Vatikanische Erklärung "Nostra Aetate" (In unserer Zeit), mit der sich die Katholische Kirche vor fünfzig Jahren offiziell vom Antijudaismus abkehrte.
Anzeige
Archiv: Geschichte

Überwachung

Ben Branstetter erklärt in The Daily Dot, "warum der Tod des Ipod das Ende der Privatsphäre" war: "Der Ipod war vielleicht das letzte Gadget für den Massenmarkt, das wie ein Produkt agierte, und nicht wie ein Üerwachungsgerät. Es hat keinen GPS-Chip, der jede Bewegung verfolgt oder Mikrofone, die heimlich Ihre Unterhaltungen abhören. Verglichen mit dem Ding, dass Sie jetzt in Ihrer Tasche haben, war der Ipod etwa so sehr an Ihren Handlungen und Gewohnheiten interessiert wie ein Taschenrechner."
Archiv: Überwachung
Stichwörter: Apple, Ipod, Privatsphäre, Gadgets

Kulturpolitik

In der FR sorgt sich Harald Jähner um den Fortbestand der Friedrichswerderschen Kirche in Berlin: "Es gehört zur traurigen Komik der Berliner Baugeschichte, dass das einzig am Schinkelplatz verbliebene historische Gebäude Schaden nimmt durch historisierende Protzbauten, die von der Aura des Geländes nicht nur nippen, sondern sie gleich ganz verschlingen."

Internet

Auf Netzpolitik kommentiert Markus Beckedahl das gestern beschlossene Ende der Netzneutralität in Europa sehr enttäuscht, aber auch mit Blick nach vorn: "Die Debatte wird sich leider in Richtung der Regulierungsbehörden wie bei uns die Bundesnetzagentur verlagern. Das bedeutet, sie wird intransparenter und Telko-Lobbyisten haben dort besser Chancen, ihre Interessen durchzusetzen. Wichtig ist, diese weitere Debatte ausreichend zu beobachten und aus zivilgesellschaftlicher Sicht darauf einzuwirken und Verbraucherinteressen dort zu vertreten."
Archiv: Internet

Medien

(Via turi2) Der Streit um das Leistungsschutzrecht der Verlage wird künftig wohl vor Gericht ausgetragen, meldet Reuters: "Ein Schiedsverfahren dazu sei gescheitert, bestätigte das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) am Dienstag. Die in der VG Media zusammengeschlossenen Verlage legten Widerspruch gegen einen Einigungsvorschlag der zuständigen Schiedsstelle beim DPMA ein. Sie begründeten dies damit, dass sie dem US-Konzern Vergleichsverhandlungen angeboten haben. Auch Google kündigte Widerspruch an. Beobachter erwarten nun einen langjährigen Justizstreit."

Unter der hübschen Überschrift "Wir sind digitale Disruption, Baby" berichtet Claudia Schwartz in der NZZ von den Münchner Medientagen, auf denen sie leider unter Goldfisch-Niveau klassifiziert wurde: "Unsere Konzentrationsfähigkeit, so das Ergebnis einer Studie des Softwareentwicklers Microsoft, sank im Zuge des digitalen Lebensstils in der vergangenen Dekade von 12 auf 8 Sekunden."

In der taz berichtet Martin Reeh, dass Wolfgang Lieb bei den Nachdenkseiten aufhört, aus Frustration über den zweifelhaften Kurs, den sie unter Albrecht Müller in den letzten Jahren eingeschlagen haben: "Weg vom linkssozialdemokratischen Mainstream, hin zum wahnsinnigen Rand."

In ihrer taz-Kolumne freut sich Silke Burmester über eine Anzeigen-Aktion der Freischreiber im Tagesspiegel, der seine freien Autoren bis Ende des Jahres ausgesperrt hat.


Archiv: Medien