Efeu - Die Kulturrundschau

Das Empfindsame, Bloße, Ungeschützte

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28.10.2015. Auf den Hofer Filmtagen reist die Welt mit deutschen Jesiden in den Nordirak. Im Standard erzählt der Regisseur Gerd Kroske von zwei Strichen - entlang der Berliner Mauer und entlang der israelischen Mauer. Slipped Disc wünscht sich mehr Musikerinnen bei den Wiener Philharmonikern. Die SZ begutachtet jüngste Theaterinszenierungen rund um Pegida und diagnostiziert ein Wellness-Programm an Selbstvergewisserung für die linke Bourgeoisie.

Film


Düzen Tekkal und ihr Vater in Cinar. Foto: von Düzen Tekkals Webseite

Hanns-Georg Rodek zeigt sich in der Welt ziemlich beeindruckt vom Flüchtlingsschwerpunkt bei den Hofer Filmtagen: Nur wenige Monate seit der Eskalation in Syrien so viele Filme zum Thema? Und die meisten geben einem durchaus was zu beißen, meint er. Zum Beispiel ein Film der deutschen Jesidin Düzen Tekkal, die für ihren Film "Hawar" mit ihrem Vater in den Nordirak reiste: "Düzen Tekkal stößt bis nahe an die Kampfeslinie vor - und ruft dann die Front an. Dort hat sich eine Anti-IS-Brigade vor einem Handy wie zu einem Gruppenfoto aufgestellt, und das Wort führt ihr Kommandant. Und nun wird - deutsch geredet. Der Anführer ist ein Gärtner aus Bad Oeynhausen, ein Jeside, der seiner vom IS mit Ausrottung bedrohten Glaubensgemeinschaft zur Hilfe geeilt ist. Hinter ihm steht sein Sohn. Den sehen wir später zurück daheim, wie er wieder zur Berufsschule geht. Erstaunlich viele Menschen vor und an und hinter der Front reden deutsch, und es sind keine fanatisierten Islamisten. Die Konflikte des Nahen Ostens wurden nicht durch die Flüchtlingswelle nach Deutschland hereingetragen. Sie waren längst da."


Gerd Kroske, "Striche ziehen"

Der Regisseur Gerd Kroske erzählt im Interview mit dem Standard von seinem Dokumentarfilm "Striche ziehen" (unsere Kritik hier), der eine Kunstaktion an der Berliner Mauer 1986 und eine Spitzelaffäre zum Gegenstand hat. Bei der Kunstaktion hatten fünf Punks, die gerade aus der DDR nach Westberlin übersiedelt waren, einen weißen Strich quer über die Mauer gezogen. Diese Aktion hat ein Fortsetzung, erzählt Kroske, an der Sperranlage, die Israel in der Westbank errichtet hat: "Ab 2011 tauchte auf der palästinensischen Seite ein blauer Strich auf. Da hatte jemand das Prinzip begriffen, das die deutschen Punks 1986 schon verstanden haben: dass man durch eine solche Markierung erst wieder das Bauwerk sichtbar macht, über die Graffiti hinweg. Wir haben tatsächlich noch Rudimente des Strichs gefunden - eine Idee, dass es für diese Geschichte auch noch eine Gegenwart gibt."

Weitere Artikel: Auf critic.de bringt Michael Kienzl erste Notizen von der Viennale. Der SWR lässt Bodo Mrozek, Wolf Christian Schröder und Rüdiger Suchsland über James Bond diskutieren.

Besprochen werden der neue Bond-Film "Spectre" (NZZ, Welt), Justin Kurzels "Macbeth" mit Michael Fassbender und Marion Cotillard (Standard), eine Ausstellung in Berlin mit Karl Ewalds Fotografien aus der Stummfilmzeit (Tagesspiegel) und Justin Kurzels "Macbeth"-Verfilmung (critic.de, SZ, FAZ).
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Musik

Hundertprozentig zufrieden ist Norman Lebrecht in Slipped Disc nicht mit der Meldung, dass das Festival von Luzern im nächsten Sommer ein Festival der Dirigentinnen sein soll. "Hauptergebnis wird ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter der Alte-Musik-Spezialistin Emmanuelle Haim. Das ist eine Politik der großen Gesten. Die Wiener Philharmoniker müssen an ihrem Image arbeiten. Es gibt nach wie vor weniger als zehn Musikerinnen in ihren Reihen."

Die Zeit hat Christine Lemke-Matweys Porträt über den jungen Dirigenten Andris Nelsons, der in Boston und in Leipzig Orchestern vorsteht, online nachgereicht. Um den Porträtierten macht sie sich angesichts dieser Auslastung plus Gastauftritte große Sorgen, denn "ihm fehlt die Drachentöterhaut, mit der sich eine Schostakowitsch- oder eine Brahms-Sinfonie jederzeit auch weniger kraftvoll und inspiriert bewerkstelligen lässt. Das Empfindsame, Bloße, Ungeschützte ist seine Qualität. Wird er sich nun, unter der anhaltenden Vieldirigiererei, einen Panzer zulegen (müssen), um weiteren, kommenden Verführungen zu widerstehen und an der Musik, wie er sie auffasst, nicht eines Tages zu verglühen?"

Weiteres: Für den Tagesspiegel tourt Udo Badelt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester durch Japan und Korea. Tazler Jens Uthoff spricht mit der Musikerin Meghan Remy über deren LoFi-Rock-Projekt US Girls. Für die taz porträtiert Tobias Richtsteig den Jazzpianisten Michael Wollny. SZler Michael Stallknecht war bei einem Karlheinz Stockhausen gewidmeten Festival in München, wo er die Erfahrung machte, "dass man ein und dasselbe Stück in der einen Minute höchst sonderbar und in der nächsten enorm ergreifend finden kann."

Besprochen werden ein Brahms-Zyklus im neuen Konzertsaal in Lugano (NZZ), ein Liederabend von Anne Schwanewilms im Opernhaus Zürich (NZZ) und Fusion-Jazz beim Zürcher Festival Jazznojazz (NZZ).
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Literatur

Der an sich als Favorit gehandelte Roman "2084" von Boualem Sansal befindet sich nun doch nicht mehr auf der Shortlist des Prix Goncourt und anderer wichtiger Literaturpreise, meldet die franzöische Huffington Post. Eine neue Website präsentiert zahlreiche Materialien zum Vorleser Karl Kraus, berichtet Helmut Mayer in der FAZ. Außerdem hat die FAZ Raoul Schrotts Plädoyer für eine Neuübersetzung der ersten Verzeilen der Ilias online nachgereicht.
 
Besprochen werden Martin Amis' "Interessengebiet" (taz), Wilhelm Bartschs "Amerikatz" (Tagesspiegel), Helen Macdonalds "H wie Habicht" (Zeit), Fred Vargas' Kriminalroman "Das barmherzige Fallbeil" (FR), Andreas Kollenders "Kolbe" (FR), ein Band mit Essays von Fritz Stern (NZZ), die Wagenbach-Edition von Vasaris Künstlerviten (NZZ), Alexander Demandts Kulturgeschichte der Zeit (NZZ) und eine Schau zu Leben und Werk des 45 Jahre in einer Nervenheilanstalt lebenden Dichters Ernst Herbeck im Museum Gugging (Standard). Hier sein Morgengedicht von 1960:

"Der Morgen: / Im Herbst da reiht / der Feenwind / da sich im Schnee / die Mähnen treffen. / Amseln pfeifen heer / im Wind und fressen".
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Kunst

Katrin Schregenberger schildert die viermonatige Reise der Fotografen Taiyo Onorato und Nico Krebs durch Eurasien: Das Ergebnis kann derzeit im Fotomuseum Winterthur betrachtet werden. In den USA machen sich Hipster einen Ulk daraus, gegen Renoir-Bilder zu demonstrieren, berichtet Peter Richter in der SZ: Lanciert hat diese "Gaudi-Kampagne" Max Geller und sie stelle "sowohl eine Referenz an die Bilderstürmerei der klassischen Avantgarde-Bewegungen als auch an den radikalen Jargon auf dem Universitäts-Campus von heute" dar.

Besprochen werden die Ausstellung "Zeitgeist Berlin" in Brasilien (Berliner Zeitung), eine Ausstellung im Museum für islamische Kunst über dessen Gründer Friedrich Sarre (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Und sie bewegt sich doch" im Kunstmuseum Luxemburg (Tagesspiegel), Johanna Diehls Fotoausstellung "Ukraine Series" in der Pinakothek der Moderne in München (SZ), eine Ausstellung über Delacroix und Delaroche im Museum der bildenden Künste in Leipzig (FAZ) und die Ausstellung "Le bouddhisme de Madame Butterfly - Le japonisme bouddhique" im Ethnografischen Museum in Genf (FAZ).
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Bühne

Drei Berliner Inszenierungen beschäftigen derzeit die Feuilletons und also auch Mounia Meiborg, die in der SZ eine große Sortierung vornimmt: Da wäre zum ersten Falk Richters an der Schaubühne aufgeführtes Stück "Fear", dessen Zorn auf den kleinbürgerlichen Pegida-Rechtsextremismus lediglich linksbürgerliche Interessen schmeichele: "Ein Wellness-Programm an Selbstvergewisserung", schreibt die Kritikerin, denn "die Nazis, das sind die anderen." (Eine weitere Besprechung gibts heute auch in der taz.) Zum zweiten ist da Jan Bosses Inszenierung am Deutschen Theater von Roland Schimmelpfennigs "Wintersonnenwende", eine skeptische Beäugung der politischen Zuverlässigkeit eben jener linksbürgerlichen Kreise. Diese Inszenierung kapituliert ihrer Ansicht nach allerdings "vor dem Text". (Eine weitere Besprechung bringt die Berliner Zeitung.) Gnade vor den Augen der SZ-Kritikerin findet Nurkan Erpulats Bühnenadaption von Olga Grjasnowas Roman "Die juristische Unschärfe einer Ehe" am Maxim Gorki Theater, die wenigstens einen Moment lang den "Sicherheitsabstand, der an diesem Berliner Premierenwochenende zwischen dem Theater und seinen Stoffen liegt", überwinde. Weniger zufrieden zeigt sich Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung: "Es wird nicht gespielt, sondern mit viel Elan und Einsatzfreude planmäßig Ausgedachtes vorgemacht." Eine weitere Besprechung bringt die taz.

Weiteres: Kerstin Krupp spricht in der Berliner Zeitung mit dem Opernregisseur und Dirigenten Christoph Hagel, der gerade Mozarts Singspiel "Der Schauspieldirektor" vorbereitet. Besprochen werden Harry Kupfers eingedampfte Frankfurter Inszenierung von Michail Glinkas Oper "Iwan Sussanin" ("Nicht durchweg überzeugt diese aufs Potpourrihafte reduzierte Skelettierung", schreibt Hans-Klaus Jungheinrich in der FR) und Olivier Pys Straßburger Inszenierung von Gabriel Faurés Oper "Pénélope" (FAZ).
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