9punkt - Die Debattenrundschau

Der Mercedes kommt mit einem Doktortitel

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.09.2015. Kenan Malik findet keineswegs, dass die Flüchtlingskrise noch nie gekannte Ausmaße hat. Monika Grütters hat nun den Entwurf des Kulturgutschutzgesetzes vorgestelt, und alle freuen sich über die "Präzisierungen". Die FAZ findet die Kooperation zwischen SZ und NDR und WDR "total intransparent". Die Columbia Review of Journalism erzählt, was Journalisten in Marokko passiert, die Flüchtlinge als Flüchtlinge bezeichnen.

Europa

Kenan Malik stellt in einem Blogbeitrag einige falsche Eindrücke in der aktuellen Flüchtlingsdebatte richtig: "Es gibt zwar mehr Flüchtlinge denn je in der Welt, aber die Zahl der nach Europa kommenden Flüchtlinge stellt keineswegs einen historischen Rekord dar. Im Jahr 1914 floh eine Million Belgier vor dem beginnenden Ersten Weltkrieg. Allein Britannien nahm 250.000 Flüchtlinge auf - ohne großes Aufsehen. Gut drei Millionen Menschen flohen nach dem Vietnamkrieg aus Vietnam, Kambodscha und Laos. 2,5 Millionen fanden ein neues Heim, meist in Europa und in den USA. Allein die USA, deren Bevölkerung kleiner ist als die der EU, nahm über eine Million auf. Die heutigen Zahlen erscheinen nur jenen beängstigend, die jede Perspektive verloren haben."

Richard Herzinger entwirft in der Welt ein Szenario, das dazu beitragen würde, die Lage der Flüchtlinge vor Ort erträglicher zu machen und Länder wie Libanon und Jordanien zu stützen - aber das ginge nicht ohne hohen Aufwand, auch militärischen: "Europa bekommt durch die Flüchtlingskrise einen Crashkurs in weltpolitischer Tauglichkeit verordnet. Davon, dass er ihn besteht, hängt nichts weniger ab als seine eigene Zukunft. Die Kosten und Aufwendungen dafür werden enorm sein."

In der taz beklagt Charlotte Wiedemann ein Migrationsmanagement, das Syrer in Deutschland willkommen heißt, nicht aber Afrikaner: "Während sich Deutschland zu Recht entrüstet über die ungarische Zäune-Politik, baut Deutschland selbst mit an den Zäunen in Afrika. Und in der Abschottung nach Süden ist sich die Europäische Union einig. Wer aus dem subsaharischen Afrika Richtung Europa will, soll künftig den Kontinent möglichst gar nicht mehr verlassen können."

Dass München wirklich einiges bevorsteht, ahnt Tobias Schulze in der taz, wenn mit dem Oktoberfest nicht nur Tausende von Flüchtlingen, sondern auch Hunderttausende von Kampftrinkern organisiert werden müssen.

Andreas Breitenstein schickt für die NZZ eine Postkarte aus dem slowenischen Bled, dessen Naturheilanstalt für "atmosphärische Kuren" einst als avantgardistisch gepriesen wurde, aber auch weniger idyllische Zeiten erlebte: "Nach den Strapazen des Tötenlassens ließ es sich am See der Partisanenkönig Tito gutgehen - in einer von deutschen Zwangsarbeitern errichteten, längst in ein 4-Sterne-Hotel verwandelten Residenz, deren Mini-Monumentalität und spartanisch-gemütliches Interieur bis heute den diskreten Charme der sozialistischen Bourgeoise verstrahlt. Hier empfing er als Führer des blockfreien Jugoslawien die "Großen" der Epoche, von Haile Selassie über Kim Il Sun und Nasser bis Willy Brandt."
Archiv: Europa

Geschichte


Titelblätter der Publikationen "Im fremden Land", Gedichte von Mates Olitski, Eschwege 1947, "In heldischn Gerangl", Sammelband zum Aufstand im Warschauer Ghetto, New York 1949, sowie "Zurik zum Lebn" von Malke Kelerich, München 1948. Abbildungen: Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz.


Sieglinde Geisel besucht für die NZZ die Ausstellung "Im fremden Land" im Jüdischen Museum Berlin. Sie zeigt Veröffentlichungen aus den Lagern der Displaced Persons, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Gründung Israels 250.000 überlebende Juden lebten: "Seit 2009 sammelt die Staatsbibliothek Berlin diese Hefte, Zeitschriften und Bücher der jüdischen Displaced Persons. Schon durch die Sprache erinnern die Schriften an das, was Europa verloren hat: Publiziert wurde auf Jiddisch, die Muttersprache des europäischen Judentums, oder auf Hebräisch, die Muttersprache der Zukunft, denn unter den jüdischen DP war der Zionismus die vorherrschende Ideologie. Jiddische Druckereien gab es in Deutschland keine mehr, hebräische Lettern mussten aus Palästina beschafft werden."

In der taz berichtet Klaus Hillenbrand über die Ausstellung.
Archiv: Geschichte

Kulturpolitik

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat ihren Entwurf für ein neues Kulturgutschutzgesetz nun vorgelegt, und Jens Bisky kann in der SZ die Kampagne von Sammlern und Galeristen gegen die Novelle noch weniger verstehen: "Formulierungen wurden präzisiert, Bestimmungen entschärft, Befürchtungen entkräftet. Und doch schaut man ungläubig auf die hochsommerliche Entrüstung zurück, als kein Vergleich, kein noch so aberwitziger Verweis auf die DDR oder gar das "Dritte Reich" gescheut wurde, das Vorhaben zu diskreditieren. Wer so losbrüllt, dem scheint es an Argumenten zu fehlen."

Ähnlich sieht das Rose-Marie Gropp in der FAZ: "Was als nicht zuletzt von willkürlichen Lektüren des früheren Entwurfs geschürter Aufschrei die Runde machte - nämlich dass die Sammler in Deutschland künftig um ihren Besitzstand fürchten müssten -, war schon länger als stark übertrieben entlarvt." In der Welt, die sich besonders laut über die Novelle empört hat, triumphiert Swantje Karich dagegen: "Die Kritiker haben gewonnen. Im zweiten Entwurf ist das Kulturgutschutzgesetz von Monika Grütters nicht wiederzuerkennen." In der FR beleuchtet Kerstin Krupp die Eckpunkte und sieht von Grütters durchaus Bedenken und Kritik von Handel und Sammlern berücksichtigt.

Marine Le Pen hat neulich im französischen Fernsehen von Eric Zemmour geschwärmt, einem Autor jüdisch-algerischen Ursprungs, der durch seine rechtspopulistischen Bücher von sich reden machte. Ihn könnte sie sich gut als ihren Kulturminister vorstellen. Julien Longhi spielt das Szenario in der Huffpo.fr durch (was nebenbei zeigt, wie plausibel diese Idee in Frankreich schon erscheint) und kommt anhand einiger Zitate zu dem Ergebnis, "dass die ideologische Konvergenz nicht nur in den kulturellen Referenzen Zemmours und des Front national bestehen, sondern auch in ihrer Interpretation: Man trauert um eine angeblich gloriose Vergangenheit, grenzt sich ab vor einer hermetischen, nicht populären Kultur, hat Schwierigkeiten mit einem gewissen Multikulturalismus und stellt sich gegen einige Künstler, die die "Grundlagen" Frankreichs in Frage stellen."
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Medien

In einem Artikel über eine wirklich öde klingende Neufassung des WDR-Gesetzes durch das Land NRW (alle Macht geht vom Rundfunkrat auf den Verwaltungsrat über, angeblich schafft das Transparenz) erfährt man auch, was FAZler Michael Hanfeld über die Zusammenarbeit zwischen der Süddeutschen Zeitung und den Sendern denkt, und zwar sei das "eine nicht durch Gold aufzuwiegende, von den Rundfunkräten anstandslos durchgewunkene, total intransparente Kooperation" und ein "Recherchepool, der in so gut wie jeder ARD-Nachrichtensendung erwähnt wird".

Es gibt auch Konflikte, von denen man nicht jeden Tag hört. Sam Kimball porträtiert in der Columbia Journalism Review den marokkanischen Journalisten Ali Lmrabet, der nach einem Schreibverbot von zehn Jahren erstmals wieder schreiben darf. Sein Verbrechen war im Jahr 2005, dass er die Flüchtlinge aus der rohstoffreichen Westsahara, die an der Grenze zu Algerien in Flüchtlingscamps vegetieren, als Flüchtlinge bezeichnete: "Marokko hat die Rebellen seit je bekämpft, der Konflikt hat Tausende von Menschen ins benachbarte Algerien und nach Mauretanien getrieben. Die marokkonische Regierung bezeichnet sie als "Selbstexilierte" und macht die Rebellen der Polisario für ihre Flucht verantwortlich. Sie als "Flüchtlinge" zu bezeichnen ist in Marokko tabu, denn das impliziert, dass sie von der marokkanischen Besatzungsarmee vertrieben wurden."

Und dann noch dieses Statement Sunny Hundals im Independent zur heuchlerischen Debatte um die neuen Charlie-Hebdo-Karikaturen: "Charlie Hebdo"s cartoon of Aylan Kurdi is exactly what free speech looks like."
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Gesellschaft

Flüchtlinge helfen doch, berichtet Simone Gaul für zeit online aus dem Dörfchen Golzow, das aus einer DDR-Langzeitdokumentation von Barbara und Wilfried Junge bekannt ist. Dem Ort gehen die Einwohner aus. Der Bürgermeister holte Flüchtlinge: "Die Gemeinde hatte elf leerstehende Wohnungen, zwei davon waren ohne größere Renovierungsarbeiten bezugsfertig. Auch wenn zunächst nicht alle Nachbarn begeistert waren: Innerhalb weniger Tage bekam Golzow plötzlich zehn neue Einwohner, vier Erwachsene und sechs Kinder. Drei davon kamen auf die Schulkinderliste, die dem Schulamt damit lang genug war."

Aus Automobilen werden ja jetzt langsam wirklich Auto-Mobile. Für den Autofan und IAA-Besucher und FAZ-Autor Niklas Maak, der am liebsten mit altmodischen Alfas die Küstentraßen Liguriens entlangröhren würde, ein Alptraum: "Der Mercedes kommt mit einem Doktortitel in Medizin und Psychologie, das Auto analysiert und therapiert seinen Fahrer. Der Computer steuert nicht nur das Auto, sondern, per Lichttherapie und mit blutdrucksenkenden Eingriffen, auch den Menschen, der darin sitzt."
Archiv: Gesellschaft