Efeu - Die Kulturrundschau

Wirklich gemeine Fragen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.09.2015. Die Welt bewundert hingerissen den Urknall von Individualität in den Bildern Giottos. Prätention oder Reflexion? Die Filmkritiker diskutieren über Terrence Malicks "Knight of Cups". Die taz kritisiert die neue Bescheidenheit des Burgtheaters. Die Zeit sieht auf der Bühne nur noch Zombies. Der Freitag stellt Politthriller vor, die weh tun.

Kunst


Jeder hat seine eigene Frisur: Ausschnitt aus Giottos Polyptychon "Polittico Baroncelli et dettaglio" aus der Florentiner Kirche Santa Croce, ca. 1330

Vierzehn mal Giotto! Vierzehn mal "Urknall von Individualität". Dirk Schümer steht staunend und ergriffen im Palazzo Reale in Mailand: "Zwischen 1315 und 1330 hat der reife Meister hier seine diesseitige Himmelsvision hingemalt: Hohe Kuriengeistliche mit demütigem Blick am Petrusthron, eine Engelskapelle, die mit aufgeblasenen Backen und aufgerissenen Mündern der Marienkrönung ein Ständchen gibt. Jede der über hundert Himmelsfiguren hat hier eigene Frisur, Alter, Gesichtszüge und Individualität mitbekommen, obwohl das kollektive Konzept vom Paradies dargestellt ist. ... niemand unter den Legionen, die über Giotto geschrieben haben, brachte sein Genie so auf den Punkt wie sein Zeitgenosse Cennino Cennini: "Giotto wandelte die Kunst vom Griechischen ins Lateinische und führte sie zur Modernität." Genau das ist es: Von der Ikone zur Bilderzählung, vom Ewigen ins Zeitliche, ins Heutige."

In der Zeit berichtet ein entnervter Hanno Rauterberg von der von Carolyn Christov-Bakargiev kuratierten Biennale in Istanbul, die sich "für reale Orte so wenig wie für reale Geschichte [interessiert]. Sie gebraucht sie nur, um ihr zirkuläres Weltbild zu propagieren: dass Altes und Neues mühelos zueinanderfinden, weil ohnehin alles schon einemal da war."

Besprochen wird Banksys Dismaland (Freitag).
Archiv: Kunst

Film


Hyperreale Depression: Urbaner Erzählfluss in Malicks "Knight of Cups".

Nach Werner Herzog (mehr) und Aleksei German (noch mehr) kommt jetzt mit Terrence Malicks mit "Knight of Cups" der nächste gravitätische Autorenfilmer in die Kinos. SZ-Rezensent Fritz Göttler sieht in dem mit Christian Bale prominent besetzten, assoziativ montierten Film über einen Drehbuchautor in einer Sinn- und Lebenskrise "eine moderne Pilgerreise". Für ihn ist das reinster Malick: "Das ist das Prinzip seines Kinos - die klassischen Schuss-Gegenschuss-Sequenzen auflösen, die unilineare, eindeutige Beziehung, die sie zwischen Subjekt und Objekt etabliert. Malicks Sequenzen sind im Fluss, die strenge erzählerische Erzählordnung lässt er gern den TV-Autoren."

In der Welt sah Cosima Lutz nur noch "spirituelle Allgemeinplätze". Und überhaupt: "Malicks letzte Filme scheinen ständig zu versuchen, sich aneinander zu erinnern. Oder sich an etwas zu erinnern, das unbedingt gesagt und bebildert und mit dröhnenden Klängen eingeprägt werden muss. Und damit schaffen sie Verwechselbarkeit und Vergessen. Bis in einzelne Einstellungen einander ähnelnd, türmt Malick die einfache Idee vom Menschen als geistig-körperlichem Doppelwesen zu immer bombastischeren Meditationsbilderfluten auf, begleitet von den immergleichen Flüstergebeten aus dem Off und überwölbt von Riesenklängen. Mag jeder dieser Filme von unterschiedlichen Dingen handeln, so ist doch jeder das Déjà-vu des anderen."

Barbara Schweizerhof verteidigt in der taz den Regisseur gegen den Vorwurf der Prätention: Seine "Hyperrealität lässt aus der Beschreibung von Wehleidigkeit eine Reflexion über Depression werden." Und unser Filmkritiker Lukas Foerster lobte bei der Berlinale: "Es zeigt sich noch mit jedem neuen Film, dass Malicks Sinnsuche gerade nicht in die vergeistigte Einsamkeit des Autorenfilmersubjekts führen, sondern ganz im Gegenteil hinaus ins Chaos der Welt."

In Venedig ist taz-Rezensentin Cristina Nord gerührt von Laurie Andersons Hunde-Filmessay "Heart of Dog". Gebannt hört Verena Lueken (FAZ) Brian De Palma zu, wie er im Dokumentarfilm "De Palma" von seinem Leben und Schaffen erzählt. Und mit "Anomalisa", den auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sehr formidabel findet, hat Charlie Kaufman den Stopmotion-Trickfilm "neu erfunden", jubelt Susan Vahabzadeh in der SZ.

Weitere Artikel: Matthias Dell spricht im Freitag mit der Regisseurin Marie Wilke über deren Dokumentarfilm "Staatsdiener". Carolin Weidner (taz) und Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) empfehlen Filme des Berliner Doku.Arts-Festivals. Im Guardian amüsiert sich Benjamin Lee darüber, mit welcher Chuzpe der Verleih von "Legend", dem neuen Film mit Tom Hardy, Lees mittelmäßiges Verdikt über den Film zu Promozwecken umdeutet.

Besprochen werden Paolo Sorrentinos "Youth" mit Harvey Keitel und Michael Caine (NZZ), Emmanuelle Bercots "La tête haute" mit Catherine Deneuve als Jugendrichterin (NZZ), David Ruehms "Therapie für einen Vampir" (Welt), "Fack ju Göhte 2" (Freitag, ZeitOnline, Tagesspiegel und FAZ)), Andrew Haighs "45 Years" mit Charlotte Rampling (taz, Berliner Zeitung, Tagesspiegel, unsere Besprechung hier), die Serie "The Affair" (ZeitOnline) und Alexandra Schneiders Doku "Private Revolutions - Jung, weiblich, ägyptisch" (SZ).
Archiv: Film

Bühne

Uwe Mattheiss schreibt in der taz über die Arbeit der beiden neuen Wiener Theaterintendantinnen Karin Bergmann (Burgtheater) und Anna Badora (Volkstheater). Beide haben ihren Dienst unter ökonomisch schwierigen Vorraussetzungen angetreten, das versteht er, doch "die neue Bescheidenheit [am Burgtheater] ist nicht nur ein gutes Zeichen. Die Burg war immer im besten Sinne der verrückte Ort, an dem möglich war, was anderswo gar nicht erst erwogen wurde. ... [Und] wäre dem Volkstheater nicht besser gedient gewesen, hätte man es mit dem vorhandenen Budget als Koproduktionshaus mit internationaler Perspektive positioniert, das eine Praxis freien Produzierens jenseits von Prekariat ermöglicht und die Kunst des Theaters zukunftsfähig macht für die Zeit nach dem Repertoiretheater?"

Ist es Blasierheit, ist es Angst? Woran auch immer es liegt: Deutsche Theatermacher stellen fast nur noch Zombies auf die Bühne, diagnostiziert Peter Kümmel in der Zeit. Ganz besonders, wenn Klassiker aufgeführt werden. "Alles in allem ist der Zombie eine billige und todsichere Denkfigur. Da wir das Leid der Welt nicht abwenden, da wir nicht retten und handeln, da wir sogar, ziemlich unbehelligt von fremdem Unglück, unseren Komfort genießen, sind wir selbst Unrührbare, also Untote. Wir haben es nicht besser verdient. Nur der Regisseur hat es besser verdient, weil er es auf sich genommen hat, uns den Spiegel vorzuhalten." (Dazu muss man allerdings nicht unbedingt ins Theater gehen, man kann auch in der Zeit eine Seite weiterblättern, wo Slavoj Zizek auf den Zombie Kapitalismus einprügelt.)

Weiteres: Im Gespräch mit der NZZ kritisiert der Schauspieler Robert Hunger-Bühler die Mutlosigkeit des Zürcher Theaterlebens. Besprochen werden Simon McBurneys Solo "The Encounter" am Théâtre de Vidy in Lausanne (NZZ), die Johann-Strauss-Operette "Prinz Methusalem" in Hombrechtikon (NZZ), Marie Chouinards Choreografien beim Berliner "Tanz im August" gezeigte Choreografien (Freitag) und die Dramatisierung von Maja Maja Haderlaps Roman "Engel des Vergessens" in Wien (die FAZ und SZ "eher schwammig" finden).
Anzeige
Archiv: Bühne

Musik

Sehr dankbar ist Georg Seeßlen im Freitag dafür, dass Frank A. Schneider in seinem Buch "Deutschpop, halt"s Maul" die hiesige Popmusik niedermacht. Denn was einst in seiner amerikanischen Variante ein Erlösungsversprechen war, wird eingedeutscht zur Verstetigung der Umstände, ist Seeßlen überzeugt: "Der nationale Wohlfühlkuschelindiepop [ist] nichts anderes als Propaganda für das zufriedene unglückliche Leben in einer Mitte, der schon alles egal ist." Eine längere Version des Essays findet sich auf Getidan.

Weiteres: Auf Pitchfork führt Anthony Mansuy durch die gegenwärtige französische Popszene. Michael Bartsch berichtet in der taz vom Festival Romamor im Festspielhaus Hellerau bei Dresden.

Besprochen werden das vierte Box-Set der Unwound-Discografie (Pitchfork), das neue Album von Beirut (Pitchfork), Max Richters "Sleep" (The Quietus), ein von François-Xavier Roth dirigiertes Schönberg-Konzert des SWR-Orchesters (Tagesspiegel), ein Konzert des Pianisten Igor Levit beim Lucerne Festival (NZZ), ein von Donald Runnicles dirigiertes Konzert des Orchesters der Deutschen Oper (Tagesspiegel) sowie neue Alben von The Internet und Hiatus Kaiyote, die damit laut Andrian Kreye (SZ) das "schon lange in kalter Virtuosität stagnierende R"n"B-Genre" renovieren.
Archiv: Musik

Literatur

Im Freitag gibt uns Thomas Wörtche mit einem Überblick über aktuelle Politthriller eine wunderbare Leseliste für den kommenden Leseherbst in die Hand. Für unsere Zeit zwischen NSU und IS, von NSA bis Ukraine passe der Politthriller ohnehin literarisch wie die Faust aufs Auge, sofern er sich nicht als Erklärbär-Literatur positioniert, schreibt der Experte: "Politthriller, wenn sie gut sind, haben eben keine Antworten. Dafür stellen sie die wirklich gemeinen Fragen. Und je eleganter sie das tun, desto größer ist der Schmerz." Dazu passend: Wörtches aktueller Leichenberg.

Für den Perlentaucher räumt Arno Widmann wieder Bücher vom Nachttisch: Unter anderem bespricht er Philipp Felschs "Der lange Sommer der Theorie", das er für "eines der schönsten Bücher des Jahres" hält. Im Logbuch Suhrkamp führt Doron Rabinovici durch seine Bibliothek. Sandra Kegel (FAZ) porträtiert die Shoah-Überlebende Marceline Loridan-Ivens, deren autobiografischer Roman "Und du bist nicht zurückgekommen" gerade im Insel Verlag erschienen ist.
 
Besprochen werden ein Band mit Erzählungen von Amy Hempel (NZZ), Nora Bossongs "36,9" (Freitag), Eugen Ruges "Cabo de Gata" (FR), Kazuo Ishiguros "Der begrabene Riese" (FAZ), Benno Meyer-Wehlacks 1969 geschriebene, jetzt erstmals veröffentlichte Erzählung "Schlattenschammes" (SZ) und Miranda Julys "Der erste fiese Typ" (FAZ, mehr).
Archiv: Literatur