9punkt - Die Debattenrundschau

Man bringt das immer mit Athen in Verbindung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.08.2015. Yannis Palaiologos, Redakteur bei Kathimerini, attackiert in politico.eu scharf die amerikanischen Ökonomieprofessoren Krugman, Stiglitz und Sachs, die sich als Varoufakis-Berater in Szene setzten. Ebenfalls in Politico.eu ein Bericht über die Übernahme des Economist durch die Agnellis und die Rothschilds. Nicht Google sollte der Welt das Internet bringen, findet die FAZ. In der FR sucht Jan Assmann den Ursprung der Demokratie in der Bibel. Die SZ erinnert daran, dass die Nazis nicht gegen die Russen, sondern die Sowjetunion Krieg führten.

Europa

Yannis Palaiologos, Redakteur bei Kathimerini, attackiert in politico.eu scharf die amerikanischen Ökonomieprofessoren Paul Krugman, Joseph Stiglitz und Jeffrey Sachs, die sich teilweise als geheime Varoufakis-Berater in Szene setzten: "Weltberühmte Wirtschaftswissenschaftler - Männer mit Nobelpreisen und höchsten akademischen Ehren - gaben Radikalen, die ein ruchloses Spiel mit Griechenlands finanzieller, politischer und geopolitischer Zukunft spielten und von einer sozialistischen Machtübernahme träumten, Rückendeckung. Jetzt wo sich Tsipras zähneknirschend Richtung Zentrum bewegt und seine Regierung und Partei (falls er es schafft) von Leuten wie Varoufakis befreit, wird es Zeit für ihre Cheerleader, ein bisschen von ihrer Ex-Cathedra-Makroökonomie abzugehen."
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Religion

Die FR hat das lange Gespräch aus der Samstagsausgabe online gestellt, das Christian Thomas mit dem Ägyptologen Jan Assmann über dessen Studie über die biblische "Exodus"-Geschichte führte. Darin erklärt Assmann, weshalb er in der Erzählung vom Auszug aus Ägypten und dem Bundesschluss zwischen Gott und Mose die "Blaupause einer transzendent verankerten Verfassung" sieht: "Hier wird nicht nur zum ersten Male eine Revolution gemacht, hier wird auch zum ersten Mal einem Volk eine Verfassung gegeben. Das ist ein Aspekt der Geschichte, der nach meinem Eindruck in der westlichen Perspektive unterbelichtet geblieben ist. Man bringt das immer mit Athen in Verbindung, mit Athen und seiner Demokratie, doch in solchen Darstellungen bleibt die Bedeutung dieser Gründung vollkommen abgedunkelt, die in der Geschichte, etwa im 17., 18. Jahrhundert, mindestens so bedeutend war. Da hat man sich nicht auf Aristoteles berufen, sondern auf Jehova, wenn es galt, das Königtum in seine Schranken zu verweisen."
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Stichwörter: Jan Assmann, Exodus

Internet

Anders denn als Konglomerat könnte Google (alias Alphabet) gar nicht mehr existieren, meint Seth Fiegerman in Mashable: "Gerüchte sagen, dass Google alles Mögliche kaufen will von der veganen Burgerkette "Impossible Food" (für Hunderte von Millarden Dollar) bis zu Twitter (für Dutzende Milliarden). Es investiert in Lieferung per Drohne und Express-Shopping-Firmen, experimentiert von Neuem mit Google Glass und - ach ja - es besitzt eine Firma, die kleine Satelliten macht."

Google sorgt für Infrastrukturen, die Städte und Staaten nicht ausreichend schaffen, etwa schnelles Internet per Ballon in Sri Lanka. Adrian Lobe interviewt dazu in der FAZ den Internetskeptiker Nicholas Carr und alarmiert: "Die Kostenfreiheit der Dienstleistungen ist somit eine Illusion. Wir bezahlen für den Service mit unseren Daten und, viel teurer, mit unserer Privatsphäre. Das Wohlfahrtsstaatsmodell à la Silicon Valley ist mit einem Verlust persönlicher Freiheiten verbunden."
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Medien

Die Verlagsgruppe Pearson trennt sich von ihrem Fünfzigprozent-Anteil am Economist und übergibt ihn an zwei Oligarchenfamilien, berichtet in Politico.eu Alex Spence, der einen solchen Deal schon vor Tagen in Aussicht stellte (unsere Resümees): "Als Teil der Vereinbarung wird laut Reuters Exor, die Investment-Holding der Agnelli-Familie ihren Anteil von 4,7 auf 40 Prozent erhöhen. Das macht aus den Itaienern die größten Teilhaber in dem Verlagshaus. Die Rothschilds, die zur Zeit 21 Prozent halten, werden aber die gleichen Stimmrechte wie bisher behalten, verlautet es aus nahestehenden Quellen."

Anja Reschkes Kritik an sogenannten Asylkritikern und den Aufruf zur Bloßstellung von Rassisten (hier das Video) wurde vergangene Woche sehr gefeiert, machte sie aber auch zum Ziel von Anfeindungen und Drohungen, erzählt sie Joachim Huber im Tagesspiegel: "Das reicht von Zuschriften, dass ich vom NDR abgemahnt, gekündigt, vom Hof gejagt werden soll, und endet mit Kommentaren über mich wie "die Antifa-Nigger-Muslim-Zigeunerhure" oder "verbrennt die Alte". Das ist aber genau die Hetze, gegen die ich mich gewehrt habe. Wenn Flüchtlinge als "überwiegend dumm wie Bohnenstroh" bezeichnet werden, als "zu 95 Prozent unbrauchbar, untauglich, nicht integrabel und den europäischen Leitkulturen abträglich", oder wenn über die "auf Vermehrung ausgerichteten Schwarzen, die sich mit unserem weißen Volksstamm vermischen wollen" geschrieben wird, dann ist das genau der Ton und die Kommentare, gegen die man sich auflehnen muss."

In der taz meldet Beate Seel, dass der seit dreieinhalb Jahren inhaftierte syrische Journalist und Anwalt Masen Darwisch aus dem Gefängnis entlassen wurde, die Anklage wegen "Unterstützung terroristischer Handlungen" besteht allerdings weiter.
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Geschichte

Dass der Konflikt in der Ukraine nicht nur Spannungen auf politischer Ebene erzeugt, sondern auch die gemeinsame Arbeit von deutschen und russischen Historikern belastet, berichtet Julian Hans in der SZ am Beispiel des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst: "Seit Russen und Ukrainer über ihren Anteil am Sieg streiten und sich Moskau mitunter als alleiniger Bezwinger des Faschismus inszeniert, wirkt der Name plötzlich wie ein Statement. Schließlich wurde auch in der deutschen Öffentlichkeit zuletzt der Irrglaube geäußert, Deutschland habe mit Russland Krieg geführt, es seien 27 Millionen Russen getötet worden, nicht Sowjetbürger."
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Stichwörter: Russland, Faschismus