Efeu - Die Kulturrundschau

Der Vernunft trauen

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12.08.2015. Die NZZ lernt in Paris denken mit Gottfried Honegger. Der Tagesspiegel bewundert die zackigen Figuren und Frisuren der Achtziger im Städel. Der Standard lernt bei Impulstanz, wie sehr auch Künstler in exotische Klischees verfallen. Die Filmkritiker feiern Mohammed Rasoulofs im Untergrund entstandenen Politthriller "Manuscripts Don't Burn".

Kunst


Gottfried Honegger, Tableau-relief C 1327, 2001. © Philippe Migeat - Centre Pompidou, MNAM-CCI /Dist. RMN-GP, © Gottfried Honegger

Guido Magnaguagno reißt sich los von der neu arrangierten Dauerausstellung im Centre Pompidou und besucht für die NZZ die Gottfried-Honegger-Werkschau ein Stockwerk tiefer, die ihm die oben fehlende "art concret" ersetzt. Schwerpunkt der Ausstellung sind die zwischen 1953 und 1958 entstandenen Bilder Honeggers, die aus der Natur schöpfen. "In der stolzen Reihe von zehn weißen "Pliages", aus Aluminium "gefalteten" Skulpturen, wird 2002/03 ein neues Prinzip sichtbar. Der leere oder wie in den berühmten "tableaux-reliefs" (seinem Markenzeichen) schon angedeutete abwesende Raum, wie hier die Wand, propagiert visuell das Verhältnis von einfachster Materialität mit dem immateriellen Geist, der Idee, dem Denken. Denken, schreiben, machen. Die Räume der Zukunft öffnen. Der Vernunft trauen."


Walter Dahn und Jiri Geork Dokoupil, Ohne Titel (Kotzer II), 1980, Detail

Viel zu lange wurde die Kunst der 80er Jahre stiefmütterlich behandelt, findet Christiane Meixner im Tagesspiegel. Umso größer ist ihre Freude über eine Ausstellung im Städel Museum, die die seinerzeit gefeiert, dann teils rasch vergessenen, wilden deutschen Künstlers dieses Jahrzehnts wieder in Erinnerung ruft. Die Zeit "war großartig", staunt Meixner, "jedenfalls so, wie die Bilder sie kolportieren mit zackigen Figuren und Frisuren, auf die sich auch Berlins Hipster längst wieder beziehen. ... Die Ausstellung ist Revision und Ergänzung, wenn sie die Malereigeschichte um jene Positionen ergänzt, die nach der Wende 1989 zugunsten deutsch-deutscher Biografien von Georg Baselitz, Gehard Richter oder Sigmar Polke in den Hintergrund gerieten. "

Besprochen werden außerdem die Joan-Mitchell-Retrospektive im Kunsthaus Bregenz (FR), Danh Vos Ausstellung "Ydob eht ni mraw si it" im Museum Ludwig in Köln (SZ) und Céleste Boursier-Mougenots Wasser-Film-Installation "Acquaalta" im Palais de Tokyo in Paris (FAZ).

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Bühne


Surijt Nongmeikapam, Choy Ka Fai: Softmachine. Foto © Law Kian Yen

Bei Impulstanz Wien lernt Helmut Ploebst mit Choreografien von Rianto, contact Gonzo und Surijt Nongmeikapam, was kulturelle Vielfalt wirklich bedeutet, erzählt er im Standard. Der indische Choreograf Nongmeikapam etwa entwarf zusammen mit dem aus Singapur stammenden Choy Ka Fai "eine Vernetzung aus dem indischen Tanz Kathak, der Kampfkunst Kalaripayattu, Tanz- und Kampfchoreografie speziell aus Manipur und - europäischen Formen. Bewusst und mit hintergründiger Ironie spielte er dabei mit Klischeebildungen. Aber nicht solchen aus der Tourismusfalle, sondern mit jenen, die im Kunstfeld entstehen, wenn dort via Exotismus breites Publikum gefischt werden soll."

Weitere Artikel: Barbara Villiger Heilig schickt der NZZ einen anregenden Bericht von der Theater-Biennale in Venedig. Vor Beginn der Ruhrtriennale, für die Intendant Johan Simons die stillgelegte Zeche im entlegenen Lohberg als Schauplatz mitauserkoren hat, berichtet Eva Berger in der taz aus der kleinen Stadt bei Dinslaken, die das anrückende Kreativpersonal trotz des Mottos "Seid umschlungen" eher skeptisch beäugt. Michaela Schlagenwerth (Berliner Zeitung) unterhält sich mit Virve Sutinen, der neuen Leiterin des Berliner Festivals "Tanz im August". Frederik Hanssen (Tagesspiegel), Wolfgang Schreiber (SZ) und Eleonore Büning (FAZ) gratulieren dem Regisseur Harry Kupfer zum 80. Geburtstag.

Besprochen wird der Salzburger "Mackie Messer" (Standard).
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Architektur

Jan Marot besucht für den Standard das vom mexikanisch-slowenischen Architektenquartett MX-SL konzipierte, dem spanischen Schriftsteller gewidmete Zentrum Federíco García Lorca in Granada, das 79 Jahre nach dessen Ermordung endlich eröffnet wurde.
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Stichwörter: Federico Garcia Lorca

Literatur

In der FAZ porträtiert Hannes Hintermeier den auf Originalausgaben spezialisierten Büchersammler Reinhard Wittmann. Willi Winkler schreibt in der SZ Nachrufe auf Renate Rasp (hier) und Utta Danella (dort).

Besprochen werden E.L. Doctorows "In Andrews Kopf" (FR), Sebastiano und Lorenzo Tomas gleichnamige Comicadaption von Wim Wenders" Film "Der Himmel über Berlin" (taz), Alina Bronskys "Baba Dunjas letzte Liebe" (SZ), Amélie Nothombs Roman "Eine heitere Wehmut" (NZZ), Max Webers Briefe der Jahre 1903 bis 1905 (NZZ) und zwei Romane von Andrea Hirata (NZZ).
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Stichwörter: Utta Danella, Wim Wenders

Film



Neben Jafar Panahi ist der Filmemacher Mohammed Rasoulof der zweite große, iranische Regisseur, der wegen Berufsverbot und drohender Haftstrafe seine Spielfilme im Untergrund drehen und heimlich außer Landes bringen muss. Entsprechend wütend fällt sein Politthriller "Manuscripts Don"t Burn" aus, der zum Schutz aller Beteiligten nur mit anonymisierten Credits ins Kino kommt. Die Filmkritik ist begeistert: In diesem Film über Repression und Staatsgewalt lässt der Regisseur "an Deutlichkeit nichts zu wünschen", schreibt Claus Löser in der Berliner Zeitung. "Waren seine vorherigen Arbeiten noch eher von gleichnishaften Konstellationen getragen, die sich so auch anderswo oder vor hundert Jahren hätten zutragen können, legt Rasoulof nun den Finger in die schwärende Wunde der von staatlicher Willkür geprägten iranischen Heimat." Bert Rebhandl schließt sich in der FAZ an: Der Film "macht auf bedrückende Weise klar, dass die Dichter (und die, für die sie sprechen, also alle Menschen) nur ein schwaches Medium haben, das sie der Macht entgegenhalten können: Es ist der eigene, angreifbare Körper."

Weitere Artikel: Susanne Ostwald schreibt in der NZZ über das Filmfest von Locarno. Gerhard Dorfi berichtet im Standard kurz über die Tarkowski-Retrospektive im Linzer Moviemento.

Besprochen werden Judd Apatows neue Komödie "Die Dating-Queen" mit Amy Schumer (taz, Standard) und Guy Ritchies 60s-Spionage-Komödie "Codename U.N.C.L.E." (SZ).
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Musik

Das neue Album "Compton" von Dr. Dre, sein erstes seit 16 Jahren, haut tazler Stephan Szillus nicht gerade vom Hocker. Zwar klinge es "irrsinnig knusprig, manchmal jedoch zu aufgeräumt und poliert, beinahe klinisch sauber. Den Schulterschluss mit der heutigen HipHop-Welt herzustellen versucht der 50-jährige Milliardär, indem er 808-Drums und die Percussion-Figuren des Trap einsetzt. Allerdings reproduzieren viele Tracks bloß Klischees." Stimmt schon, an seine Klassiker kommt Dre mit dieser Veröffentlichung tatsächlich nicht ran, meint unterdessen Jay Balfour auf Pitchfork, "doch sie ist nichtsdestotrotz exzellent."

Weiteres: Gunda Bartels unterhält sich im Tagesspiegel mit der Sängerin Nicola Rost von der Band Laing. Besprochen werden Bianca Casadys Konzertperformnnce auf Kampnagel (Spex), das Berliner Konzert des Sun Ra Arkestra unter Marshall Allen (taz) und das aus dem Nachlass veröffentlichtes Album "Dance Me This" von Frank Zappa, das Thomas Steinfeld (SZ) zufolge durchaus "hörbar" ist, auch wenn es darauf "rumst und scheppert, donnert und klopft".
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