9punkt - Die Debattenrundschau

Innerhalb der knappen Bandbreite

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.08.2015. Die New York Times würdigt Robert Conquest, den Historiker des stalinistischen Hungermords in der Ukraine, der im Alter von 98 Jahren gestorben ist. Die taz fragt, ob Googles Algorithmen sexistisch sind. Politico.eu porträtiert die Geldaristokratin Lynn Forester de Rothschild, die Springer das Fürchten lehrt. Die FAZ porträtiert die Sankt-Petersburger Journalistin Ljudmila Sawtschuk, die undercover in einer putinistischen "Fabrik der Trolle" arbeitete.

Internet

Friedrich Schmidt porträtiert auf den politischen Seiten der FAZ die Sankt-Petersburger Journalistin Ljudmila Sawtschuk, die undercover in einer "Fabrik der Trolle" arbeitete und im Auftrag des Kreml Desinformation im russischen Internet verbreitete: "Zu großer Form liefen die Blogger nach dem Mord an dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow auf. Eine Anweisung am 28. Februar, dem Tag nach der Tat, lautete: "Wir kommen zu dem Schluss, dass der Mord an dem Oppositionellen Nemzow der Regierung nicht nutzt, dass offensichtlich eine Provokation dahintersteckt." Eine weitere: "Wir bilden eine negative Einstellung zu Vertretern der Opposition, die versuchen, politische Vorteile aus dem Tod des Kampfgefährten zu ziehen.""

In der taz referiert Svenja Bergt die Ergebnisse einer Studie, nach der die schwache Netzneutralität für die europäische Wirtschaft einen Wettbewerbsnachteil darstellt: "So geht die Studie davon aus, dass Start-ups, die den Tech-Giganten aus dem Silicon Valley etwas entgegensetzen könnten, es schwerer hätten, auf den Markt zu kommen. Das Ungleichgewicht der beiden Märkte würde dadurch weiter verstärkt. Verschärft würde der Effekt durch die im Vergleich zu den USA heterogene Struktur Europas... Auch der Breitband-Ausbau würde eher langsamer vorangehen. Schließlich hätten die Anbieter der Infrastuktur dann eher ein Interesse daran, sie knapp zu halten - um innerhalb der knappen Bandbreite priorisierte Zugänge verkaufen zu können."

Außerdem erläutert Svenja Bergt, wie die Filterblasen bei Google und Facebook den Status Quo zementieren - etwa am Beispiel von Googles Jobbörse: "Nutzer, die von Google als männlich identifiziert wurden, bekamen mit höherer Wahrscheinlichkeit hochbezahlte Führungsjobs angeboten als solche, die als weiblich identifiziert wurden."
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Geschichte

Der Historiker Robert Conquest ist im Alter von 98 Jahren gestorben. William Grimes erinnert in seinem New York Times-Nachruf nicht nur daran, dass Conquest mit "The Great Terror" ein frühes Standardwerk über die stalinistischen Säuberungen verfasst hat - als er in der wohlmeinenden Linken im Westen noch auf saure Mienen stieß. "Conquest kehrte zum Thema der Dreißiger im Jahr 1986 mit seiner Studie "The Harvest of Sorrow - Soviet Collectivization and the Terror-Famine" zurück, das Stalins Kampagne zur Gleichschaltung der Ukraine durch Requirierung von Saatgut schildert. Millionen kamen bei der folgenden staatlich organisierten Hungersnot ums Leben. In seinem Vorwort notierte Conquest: "Bei den Taten, die hier erzählt werden, kamen nicht zwanzig Menschen pro Wort, sondern zwanzig Menschen pro Buchstabe dieses Buchs ums Leben.""
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Überwachung

Im Zusammenhang mit den Landesverratsermittlungen gegen Netzpolitik.org hatten Angela Merkel und Thomas de Maizière große Bedenken gegen diesen Angriff auf die Pressefreiheit geäußert. Aus einer Auskunftsklage des Tagesspiegels gegen das Kanzleramt geht jedoch hervor, dass im vergangenen Jahr auch Bundeskanzleramt und Innenministerium Medienberichte auf Geheimschutzverstöße untersuchen ließen, berichtet Jost Müller-Neuhof: "Welche Inhalte und Folgen die Geheimschutzverfahren hatten, teilt die Bundesregierung nicht mit. Auch nicht, auf welche Medienberichte oder Veröffentlichungen welcher Journalisten sie sich beziehen." Dies würde zu einer "Vertiefung des Geheimschutzverstoßes" führen, heißt es. Angeblich hat man aber keine Whistleblower aufgespürt.
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Politik

Der Ökonom Steffen Huck erzählt in der FAZ von der Flüchtlingskatastrophe in Jordanien, die von der einheimischen Bevölkerung stoisch und solidarisch ertragen wird: "Anderthalb Millionen Flüchtlinge in einem Land mit rund sechs Millionen Einwohnern - für Deutschland würde das im Verhältnis die Aufnahme von zwanzig Millionen Flüchtlingen bedeuten. Und Jordanien ist ein ressourcenarmes Entwicklungsland; das Pro-Kopf-Einkommen beträgt nur ein Viertel des deutschen."
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Kulturpolitik

Fast muss man den Archäologen des 19. Jahrhunderts dankbar sein, dass sie Kunstschätze im Nahen Osten raubten und nach Europa brachten. So sind sie heute dem Zugriff der Islamisten entzogen, schreibt Michael Wolffsohn in der Welt: "Ist es mehr als Ironie der Geschichte, dass die unbestreitbare Unmoral von damals heute, unter veränderten Umständen, plötzlich fast zum Segen wird?"

Europa

In der SZ widerspricht der Ökonom und Soziologe Michael Hutter dem Soziologen Stephan Lessenich, der vergangene Woche Griechenland als Opfer von Kolonialismus bezeichnet hatte (unser Resümee): "Im Fall von Griechenland strömten die Güter in das Land; die "Ausbeutung" besteht darin, auf dem Bezahlen der Rechnungen in ferner Zukunft zu bestehen... Wenn da von "Geiselhaft" die Rede ist, dann ließe sich diese Bezeichnung mit ähnlicher Grobschlächtigkeit in die gegenteilige Richtung wenden: Die Strategie der griechischen Regierung hat die anderen Euro-Länder in eine Situation gebracht, in der die politischen Gefahren eines Zerfalls der Währungsunion so groß geworden sind, dass die 80 Milliarden Euro des nächsten Rettungspakets als Lösegeld aufgebracht werden müssen."
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Medien

Alex Spence und Matthew Karnitschnig präsentieren bei Politico.eu einen höchst instruktiven Artikel über Lynn Forester de Rothschild, die sich als "Mittelschichtmädchen" bezeichnet und zu den Fundraisern von Hillary Clinton gehört. Sie hält mit ihrer Familie 21 Prozent der Anteile beim Economist, wo sie zweitgrößten Anteil nach der Pearson-Gruppe mit 50 Prozent, die aber verkaufen will. Rothschild spielte schon eine Rolle, als sie half, den Springer Verlag (dem die Häfte von politico.eu gehört) bei der Financial Times draußen zu halten. Nun, vermuten die Autoren, könnten sie und ihre Familie "versuchen, ein Arrangement zustande zu bringen, das den Economist auf Dauer von großen Konzernen fernhält, zum Beispiel durch eine Finanzierung von Seiten wohlhabender Freunde der Familie. "Die Rothschilds haben in der letzten Zeit mit mächtigen Freunden gesprochen", sagt ein gut vernetzter Medienmanager. Rothschild selbst wollte sich zu diesem Artikel nicht äußern." Schon jetzt, so die Autoren, ist das Kapital des liberalen Blattes großen Teils auf Finanzaristokraten wie etwa die Fiat-Erben mit 4,7 Prozent verstreut.

Ist es mit der Pressefreiheit bei uns womöglich nicht so weit her, wie wir gerne glauben würden? Angesichts der Berichterstattung über den Iran hegt die taz-Reporterin Charlotte Wiedemann der Verdacht, dass sich die Berichterstattung in den Zeitungen nach westlicher Geopolitik ausrichtet: "Solange die geopolitische Stimmung vom Wunsch der USA dominiert wurde, in Teheran einen regime change herbeizuführen, beteiligten sich viele Medien an einer Dämonisierung Irans. In keiner Diktatur, außer Nordkorea, schienen die Gefängnisse schlimmer. Nun wird Iran zum Beispiel, wie sich mit einer neuen politischen Großwetterlage der Blick ändert. Seit der Unterschrift in Wien haben iranische Menschenrechtsverletzungen abrupt an Gewicht verloren."

Weiteres: stern.de meldet mit Agenturen, dass in der Türkei gegen 18 Journalisten Haftstrafen verlangt werden, weil sie Bilder von eine Geiselnahme veröffentlichten. Darunter ist auch Can Dundar, Chefredakteur von Cumhüriyet. Und in der FR schildert Benno Schwinghammer den Fall des ägyptischen Fotojournalisten Ahmed Gamal Siada, der fast 500 Tage im Gefängnis verbrachte.
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