Efeu - Die Kulturrundschau

Kochlöffel und Wecker

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05.08.2015. Salzburg und die Presse liegen dem peruanischen Tenor Juan Diego Flórez zu Füßen. Der Standard lässt sich erklären, wie Kunst im Öffentlichen Raum uns alle zu Philosophen macht. Die FAZ schwärmt vom neuen postnationalen Tom-Cruise-Film. Im Logbuch Suhrkamp denkt Rachel Cusk über "weibliches Schreiben" nach. Die Zeit porträtiert Krautrock-Pionier Hans-Joachim Roedelius.

Kunst

Anne Katrin Feßler unterhält sich für den Standard mit Michael Obrist vom Architektur-Kunst-Kollektiv feld72 über Kunst im öffentlichen Raum: "Prozesse hat das fünfköpfige Team von feld72 (neben Obrist auch Anne-Catherine Fleith, Peter Zoderer, Mario Painter und Richard Scheich) immer wieder gerne initiiert. 2004 implementierten sie etwa bei der Architekturbiennale in Venedig die österreichische Straßenverkehrsordnung: Nach dieser ist es "nicht erlaubt, auf Gehwegen unbegründet stehenzubleiben. Das war freilich wie aufgelegt. Es ist zwar absurd und klingt nach Monty Python, ist aber wahr. Es öffnet der Polizei Möglichkeiten zum Einschreiten, wobei es im besten Falle eine Gesellschaft von Philosophen, Fußgängern und Justizbeamten erzeugt, die auf Gehwegen darüber diskutiert, ob es sich um ein unbegründetes Stehenbleiben handelt oder nicht.""

Die Situation in China - und insbesondere seine eigene - sei heute "ganz anders als früher", erklärt Ai Weiwei gegenüber Jörg Häntzschel im ausführlichen SZ-Gespräch: "Die Atmosphäre ist offener. Man kann mit den Leuten jetzt ein bisschen reden. ... Kommunikation ist wichtig, um der anderen Seite meine Arbeit verständlich zu machen. Um ihnen zu erklären, dass auch sie Teil der Gesellschaft sind und profitieren werden, wenn diese sich verändert. Ich bin in dieser Hinsicht sehr vorangekommen. Und sie haben jetzt eine viel positivere Einstellung mir gegenüber."

Weitere Artikel: Clemens Schnur (Berliner Zeitung) spricht mit dem Fotografen Harf Zimmermann, der Berliner Brandwände dokumentiert. Bei Artnet empfiehlt Ben Davis zehn Kunstessays aus dem Monat Juli.
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Film



An Christopher McQuarries und Tom Cruise" neuestem Teil der "Mission Impossible"-Reihe hat die Filmkritik rege Freude. Leninist Dietmar Dath bekundet in der FAZ sogar, dass der Film politisch was auf dem Kasten hat: Er "überzeugt mit einer globalstrategischen Analyse, die so postnational und stockfinster ist, dass Peter Scholl-Latour eigentlich aus dem Grab heraus eine Urheberrechtsklage anstrengen müsste. Tom Cruise kämpft hier nur mehr vordergründig gegen fassbare Feinde, in Wahrheit aber gegen die nur zu verständliche Neigung, sich aufs Ohr zu hauen, bis irgendwer all die geschäftigen Irren rings um den Helden wieder nach Guten und Bösen sortiert hat. ... Was für eine Epoche: Action als Behaglichkeit der Verzweifelten." Anke Westphal (Berliner Zeitung) ist trotz Cruise" privater Scientology-Eskapaden schlicht "entzückt" von diesem Film. Oliver Kaever (ZeitOnline) hat viel Freude an den tollen Set Pieces. Und Jan Schulz-Ojala (Tagesspiegel) ist anscheinend ein wenig neidisch auf Cruises körperliche Fitness. Im Standard ist Dominik Kamalzadeh eher verhalten.

In der taz schreibt Anke Leweke zum Schaffen von Männerkino-Meister Sam Peckinpah, dem das Filmfestival von Locarno eine Retrospektive widmet: "Wie eine Todeslandschaft sieht der Westen bei Peckinpah aus. ... Letztlich sind alle Filme Peckinpahs Fluchtbewegungen, egal welchem Genre sie angehören. Fluchten nach vorne, die in den Tod, den Abgrund, in brutale Showdowns führen."

Weiteres: Gunda Bartels (Tagesspiegel), Gerhard Midding (Berliner Zeitung), Susan Vahabzadeh (SZ) und Verena Lueken (FAZ) gratulieren Michael Ballhaus zum 80. Geburtstag. Dazu passend kann man beim Bayerischen Rundfunk ein ausführliches Feature über Ballhaus von Moritz Holfelder nachhören.

Besprochen werden der Animationsfilm "Ooops! Die Arche ist weg..." (FAZ) und Cameron Crowes "Aloha" (SZ).
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Literatur

Das Logbuch Suhrkamp setzt seine Reihe über Feminismus mit einem Essay der Schriftstellerin Rachel Cusk vor. Diese denkt darüber nach, was man unter "weiblichem Schreiben" verstehen könnte: "Der Begriff (...) benennt nicht einfach eine von Frauen geschriebene Literatur, sondern eine, die unter typisch weiblichen Lebensumständen entsteht und durch sie geformt wird. Ein Buch wird nicht dadurch zu einem Beispiel für "weibliches Schreiben", weil es von einer Frau geschrieben wurde. Vielleicht kann Literatur erst dann als "weiblich" gelten, wenn kein Mann sie produziert haben könnte."

Weitere Artikel: In der NZZ stellt Angela Schader die Webseite der Manchester University für Elizabeth Gaskell vor. "Die Börsenvereins-Wirtschaftstochter MVB hat das einst als Branchenlösung angepriesene Projekt Libreka an den E-Book-Dienstleister Zeilenwert verkauft. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart", meldet Buchreport.

Besprochen werden E. L. Doctorows letzter Roman "In Andrews Kopf" (Standard), Dörte Hansens Bestseller "Altes Land" (ZeitOnline), Michael Bulgakows "Ich bin zum Schweigen verdammt" (Tagesspiegel), I. J. Kays "Nördlich der Mondberge" (taz) und Anna Kuschnarowas Jugendroman "Das Herz von Libertalia" (NZZ).
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Bühne

Salzburg hat einen neuen Star: den peruanischen Tenor Juan Diego Flórez, meldet ein absolut hingerissener Wilhelm Sinkovicz in der Presse: "Flórez verfügt über eine weiche, warme Prachtstimme und fühlt sich in jenem Register, in dem es für die meisten Kollegen schon in jeder Hinsicht eng zu werden beginnt, ganz offenkundig am wohlsten. Da ist es eigentlich egal, was er singt. Man lauscht "angstfrei", erwartet die elegantesten Kantilenen und sichersten Acuti - auch jenseits der magischen C-Grenze. Sie "kommen" alle, die Schlusstöne wachsen sogar, einer nach dem andern, zu festspielhausfüllender Größe: Und doch vermag dieser Sänger eine intime Lagerfeueratmosphäre zu suggerieren, als sänge er nur für eine kleine Gemeinde engster Freunde." Uns hat Sartori gestern mehr beeindruckt. Hier "Una furtiva lagrima".



Weitere Artikel: Im Freitag kann Thomas Irmer den Tod des Berliner Bühnenbildners Bert Neumann kaum fassen. Für die FAZ spricht Verena Lueken mit der Choreografin Lucinda Childs.

Besprochen werden Beethovens "Fidelio" in Salzburg (Standard), Choreografien von Máté Mészáros und Keith Hennessy beim Festival Impulstanz in Wien (Standard) sowie Henry Masons Salzburger "Komödie der Irrungen"-Inszenierung ("perfektes Komödienglück", meint Frederik Hanssen im Tagesspiegel).
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Musik

Auch mit 81 Jahren ist der bis heute musikalisch höchst umtriebige Krautrock-Pionier Hans-Joachim Roedelius äußert vital zugange, berichtet Thomas Mießgang in einer Home Story über den Musiker in der Zeit. Beim Besuch erfuhr er unter anderem auch, woher die düsteren, rätselhaften Töne der frühen Cluster-Alben rührten: "Unsere Musik war intuitiv und entstand im Augenblick. Wir benutzten alles, was gerade da war - manchmal auch Kochlöffel und Wecker." Auch trotz solcher unorthodoxer Methoden gilt: "Mit den besten, sagen wir, 20 Alben, an denen der Musikschöpfer beteiligt war, könnte man einen ganzen Kanon der elektronischen Popmoderne konstruieren." Hier der erste Teil eines aktuellen Konzertmitschnitts:



Und wenn wir schon mal bei elektronischer Musik sind: Das Verlagsblog von Melville House empfiehlt für den heutigen Mittwoch Jürgen Kargs "Vollmond-Selene":



Weiteres: In den USA wurden letzte Woche kein Klassikalbum häufiger als 298 mal verkauft, der Markt ist "quasi ausradiert", meldet Slipperdisc. Jens Uthoff hat für die taz das Bardentreffen in Nürnberg besucht. Die FAZ hat Peter Kempers Besprechung von Frank Zappas "Dance Me This" aus gestrigen Printausgabe online gestellt.

Besprochen werden das neue Album der Post-Rocker Field Music (The Quietus), das neue Album von Ghost (The Quietus) und neue Metal-Veröffentlichungen (The Quietus).
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Architektur


Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig. Foto: Architekten Schulz und Schulz

Gerade im Osten gibt es erstaunliche Bewegungen von unten, verfallende Kirchen zu renovieren, während die Kirchen selbst zumeist für Abriss und demütigende Umwidmung plädieren. Oder sie setzen einen Neubau ins Land - wie jetzt St. Trinitatis in Leipzig - der "von entfesselter Leidenschaftslosigkeit" ist, schimpft Dankwart Guratzsch in der Welt. "Der Baumeister Schinkel hatte für den Kirchenbau den Anspruch aufgestellt: "Im religiösen Gebäude soll Gott dargestellt werden. Dies ist nicht anders möglich als durch das Universum." Architekten unserer Zeit ist diese Sicht versperrt. Viele Leipziger aber empfinden das Bauwerk nun laut Passantenumfragen als uninspiriert, kalt und sperrig. Für den Glanz der Spiritualität, das Geheimnis und die Mystik des sakralen Ortes, die auch den Ungläubigen verstummen macht, lässt es wenig Raum."

Weiteres: Für die SZ begutachtet Alexander Menden den Neuanbau der Whitworth Art Gallery in Manchester: "Mit einem Blick erfasst man jetzt alle historischen Schichten des Gebäudes." Besprochen wird eine Ausstellung zum Werk des klassizistischen Architekten Friedrich Weinbrenner in der Städtischen Galerie Karlsruhe (NZZ).
Archiv: Architektur