9punkt - Die Debattenrundschau

Die Balzstimme des Hahnes

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.08.2015. Im Tagesspiegel erklärt die Autorin Amanda Michalopoulou, warum es auf Naxos gerade so gut läuft. Die israelisch-jüdische Debatte über Berlin geht weiter: In der Welt findet der Philosoph Omri Boehm gute Gründe dafür, in Berlin für ein besseres Israel einzutreten. Die Schweiz am Sonntag erzählt, wie honorige Schweizer Bürger einst der fast bankrotten DDR halfen. Und die FAZ fragt mit Blick auf Netzpolitik: soll nun auch noch jeder "selbsternannte Blogwart" Pressefreiheit genießen?

Medien

Ganz bitter und krass verweigert FAZ-Redakteur Reinhard Müller im großen Leitartikel auf Seite 1 den Bloggern (auch der Netzpolitik?) die Pressefreiheit: "Heute kann jeder Einzelne unbegrenzt viele Menschen erreichen. Wenn man daraus aber den Schluss zieht, dass sich jeder selbsternannte Blogwart auf die Pressefreiheit berufen kann, hätte das weitreichende Konsequenzen, etwa für das Zeugnisverweigerungsrecht wie auch für die Gesetze zum Schutz vor einer Gefährdung der Sicherheit. Tatsächlich ist die freie, also nicht vom Staat oder von Internetgiganten finanzierte Presse ohnehin im Schwinden begriffen." Nur die Presse ist also frei, die Bürger sollen das Maul halten. Auf der Medienseite der FAZ sieht es der Staats- und Medienrechtler Christoph Degenhart immerhin ein bisschen anders.

Bild
darf keine Reporter zum Prozess gegen zwei mutmaßliche IS-Terroristen mehr schicken, nachdem die Zeitung die Personen unverpixelt gezeigt hatte, schreibt turi2. Bild protestiert: "Um Angst und Schrecken zu verbreiten, posierten die Täter mit abgeschlagenen Köpfen, doch wenn die Terroristen sich vor einem deutschen Gericht verantworten sollen, dürfen sie plötzlich nicht mehr erkannt werden. Das sei "absurd", so Bild.de-Chef Julian Reichelt. Besonders heikel macht den Fall die Tatsache, dass sich einer der Angeklagten in einem NDR-Interview erkennbar vor der Kamera zu den Tatvorwürfen geäußert hatte."

In der Presse staunt Anne-Catherine Simon über die unfassbare Medienkarriere des Yanis Varoufakis: "Für ein paar Monate hat Yanis Varoufakis den guten linken Macho und verwegenen Einzelkämpfer auf die westliche Weltbühne zurückgebracht; nur dass er nicht wie Che Guevara allmählich vom politischen Aktivisten zum Popstar und Sexidol wurde, sondern - obwohl beim Amtsantritt fast unbekannt - in wenigen Tagen dazu gemacht wurde." Dem Geheimnis seiner Krisen-Erotik kommt sie mit Rudolph Steiner auf die Spur, für den "der Schlachtruf von der Freiheit der Völker" immer auch die "Balzstimme des Hahnes" war.
Archiv: Medien

Gesellschaft

Sowohl in Indien als auch in Pakistan sind Hunderte pornografischer Websites gesperrt worden. Devjyot Ghoshal stellt in Quartz die beiden Aktivisten in Pakistan und in Indien vor, die ihre Länder dazu gebracht haben - aus moralisch religiösen Gründen. Kamlesh Vaswani setzte in Indien eine Petition auf, die sich so las: Pornografie "ist so furchtbar, dass manche es gar nicht erkennen, bis es zu spät ist, und die meisten geben es nicht zu. Sie ist schlimmer als Hitler, schlimmer als Aids, Krebs oder jede andere Epidemie, eine größere Katastrophe als der nukleare Holocaust, und sie muss gestoppt werden." Viele Nutzer werden die Sperren allerdings umgehen können, meint Ghoshal.

Die israelisch-jüdische Debatte über Israelis in Berlin geht weiter. Der Philosoph Omri Boehm wendet sich in der Welt gegen die Attacken des Journalisten James Kirchick (unser Resümee) gegen angeblich allzu linke Israelis, die das heutige Berlin idealisierten, und zitiert als einen Hauptgrund, nach Berlin zu gehen, das Einziehen fundamentalistischen religiösen Denkens in die israelische Armee (ein Soldat kam ins Gefängnis, weil er ein Schinkenbrot aß, ein General schickte seine Soldaten mit religiösen Parolen in die Schlacht): "Kirchick lamentiert über die "kleine, aber sehr laute Gruppe" in Berlin lebender Israelis, die "es sich zur Aufgabe gemacht hat, Israel öffentlich an den Pranger zu stellen". Das ist Unsinn, denn gerade heute ist es die Pflicht jedes israelischen Patrioten, der sich um sein Land sorgt, den politisch-theologischen Fundamentalismus zu bekämpfen."

David Grossman schreibt in der FAZ über rassistisch-religiöse Kräfte in Israel, die ein Attentat gegen eine palästinensische Familie und eines gegen schwule Mitbürger zu verantworten haben: "Von Tag zu Tag entfalten sich bei uns finstere fanatische, in ihrem Extremismus hermetische Elemente, entzünden sich selbst im religiös-nationalistischen Feuer und sind blind gegenüber den Grenzen, die die Wirklichkeit, die Moral und der gesunde Menschenverstand ihnen setzen sollten."

Nicht sportlich, aber symbolisch sieht Micha Brumlik in der taz die Makkabiade in einer Liga mit Christos Reichstagsverhüllung: "Christos Verhüllung fungierte als eine Art Geisteraustreibung, als ein Exorzismus durch Kunst. Zwanzig Jahre später wird Berlin Zeugin eines weiteren Exorzismus: Die Makkabiade auf dem Gelände des Berliner Olympiastadions soll Berlin und das von den Nationalsozialisten so genannte "Reichssportfeld", auf dem 1936 Hitlers Olympische Spiele stattfanden, von den Geistern dieser Vergangenheit befreien."

Außerdem: Daniela Segenreich-Horsky erzählt in der NZZ die Geschichte der Armenier in Israel. In der FAZ schreibt Lena Bopp über neue Studien zu "Gehaltsgeschlechtern und Rentengefälle". Thomas Steinfeld denkt in der SZ sehr grundsätzlich und zeitlos über das Wahre, Gute und Schöne nach, auch unter Berücksichtigung modernerer Kunstbegriffe und des Freihandelsabkommens. Und Caroline Fetscher erzählt im Tagesspiegel das allzu wahre Märchen von von der Bärenstadt, die genau so viele Schulden hat wie das Eulenland.
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Europa

Auf den griechischen Inseln, behaupten die Touristen, spüre man nichts von der Krise, im Tagesspiegel kann die Autorin Amanda Michalopoulou das bestätigen, aber auch erklären: "Auf Naxos bin ich nicht den gekrümmten Gestalten begegnet, wie ich sie aus Athen kenne, ich habe auch niemanden gesehen, der im Müll herumwühlt. Das ist auf die Autarkie der Insel zurückzuführen, auf den Gemüseanbau, die Käsereien. Und auf ihre Geografie: Naxos hat keine ausbaufähigen Buchten, und so haben sich die Einwohner schon früh dem Ackerbau und der Viehzucht zugewandt. Auf der Insel redet man nicht sonderlich viel von der Regierung und der Troika. Die Leute reden lieber von ihren Tieren und ihrem Käse und was sie in ihrem Garten anpflanzen wollen."

(Via Politico.eu) Roger Cohen schreibt in der New York Times zur europäischen Krise: "Europa ist gefangen zwischen jenen, die reinwollen, jenen, die rauswollen, und jenen, die es zerstören wollen. Jene, die reinkommen, sind verzweifelt, jene die rauswollen, sind verärgert und die Zerstörer schwenken Fahnen. Dieser dreifache Angriff macht die 28 Mitgliederstaaten der EU zum ersten Mal anfälliger für Brüche als fähig zu weiterer Integration."

Barbara Oertel stöhnt in der taz über all die politischen Fehler und Versäumnisse, die sich der ukrainische Präsident Petro Poroschenko leistet. Von unsauberen Einzelwahlen bis zur ausbleibenden Entmachtung der Oligarchen: "Was sagt uns das alles? Dass Kiew nach 2004 ein zweites Mal Gefahr läuft, die Chance auf eine grundlegende Umgestaltung des Landes zu verspielen."
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Archiv: Europa

Geschichte

Honorige Schweizer Bürger halfen der fast bankrotten DDR Ende der achtziger Jahre sich zu refinanzieren und waren dabei, als nach der Wende DDR-Vermögen versteckt wurde, schreibt der Schweizer Journalist und Historiker Ricardo Tarli in der Schweiz am Sonntag: "Erst jetzt, 25 Jahre nach dem Ende der DDR, kommen dank der Auswertung von Stasi-Akten und von bislang gesperrten Staatsschutzakten aus dem schweizerischen Bundesarchiv die Geschäfte der Stasi in der Schweiz ans Licht: Die Palette reicht von Geldwäscherei über Waffenhandel bis zu Schmuggel von Elektronik. Brisant: In das Stasi-Netzwerk waren prominente bürgerliche Schweizer Politiker verstrickt."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: DDR, Stasi, Schweiz