9punkt - Die Debattenrundschau

Weißer Fleck auf der mentalen Landkarte

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.06.2015. Wird Tayyip Erdogan seine Niederlage verkraften, fragen die Zeitungen. In der NZZ verzweifelt Kiran Nagarkar an der indischen Fortschrittsresistenz. In der SZ sucht Frank-Walter Steinmeier einen neuen deutschen Blick auf die Welt. Das französische Blog arrêtsurimage erklärt, warum die iranische Karikaturistin Atena Farghadani zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Politik

In der taz fürchtet Jürgen Gottschlich, dass sich Tayyip Erdogan noch ziemlich lange dagegen sträuben wird, seinen Niedergang einzugestehen: "Erdogan kann es noch gar nicht fassen, dass die Mehrheit der türkischen Wähler ihm nicht in seine "Neue Türkei" folgen will, und hat offenbar noch in der Wahlnacht die Parole ausgegeben, dieser Fehler müsse durch eine erneute Abstimmung korrigiert werden. Es sieht so aus, als werde es keine Koalition geben, sondern stattdessen Neuwahlen im Herbst. Der Despot will seine Niederlage noch nicht wahrhaben."

Erdogan sei jeder Maßstab abhanden gekommen, kommentiert Christiane Schlötzer in der SZ den Wahlerfolg der Kurdenpartei HDP, erinnert aber auch an die enorme Modernisierungsleistung, die er dem Land abverlangt hat: "Der Erfolg von Demirtaş ist auch ein Erfolg dieser Liberalisierungspolitik."

Nun haben auch die Niederlande die Burka veboten, zumindest "gewissermaßen", schreibt Abigail R. Asman bei Politico.eu: "Basierend auf einem Vorschlag des Innenministeres Ronald Plasterk erließ das Kabinett im Mai eine Vorschrift, die gesichtsverbergende Kleidungsstrücke im öffentlichen Nahverkehr, Krankenhäusern, Regierungsgebäuden und Schulen verbietet. Das Verbot betrifft Gesichtsmasken und Motorradhelme ebenso wie Burkas und Nikabs, die das Gesicht, aber nicht die Augen einer Frau verbergen. Zusätzlich kann die Polizei jederzeit verlangen, dass Bürger ihre Schleier oder Helme für eine Identitätskontrolle abnehmen."

Schön, wenn Indiens Premier Narendra Modi ab und zu einen Besen in die Hand nimmt, meint der Schriftsteller Kiran Nagarkar in der NZZ, aber diese Kampagne für ein sauberes Land ist nicht einmal Kosmetik: "Die ganze Welt weiß inzwischen, dass wir China im Wettlauf um den Spitzenplatz im Sektor Luftverschmutzung geschlagen haben: Nirgendwo in der Welt ist die Luftqualität so miserabel wie in Delhi, und Mumbai folgt dichtauf, obwohl es direkt am Meer liegt. Seit fünf oder sechs Jahrzehnten herrscht in meiner Stadt akuter Wassermangel; Lungenkrankheiten nehmen bei Erwachsenen und Kindern in alarmierendem Maß zu. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind überlastet bis zum Kollaps, die Straßen von einer ständig wachsenden Blechlawine verstopft."

Weiteres: Gregor Gysi, der nicht wieder an die Spitze der Linkspartei-Fraktion gewählt werden will, erinnert den Welt-Autor Thomas Schmid an seinen Vater Klaus Gysi, einen weltläufigen DDR-Funktionär, der den Betonköpfen Glamour verlieh.
Archiv: Politik

Kulturpolitik

"Es geht mir um die soziale Kraft von Kultur", erklärt Außenminister Frank-Walter Steinmeier sehr sozialdemokratisch im SZ-Interview seine Vorstellungen von auswärtiger Kultupolitik. Und vor allem sollte sie sich nicht auf den Export deutschen Kulturguts beschränken, sondern im Austausch funktionieren: "Hören Sie britische Nachrichten, die BBC, und deutsche Sender: Die Welt spielt bei uns nur dann eine Rolle, wenn irgendwo gemordet, gefoltert oder getötet wird. Wir haben einen sehr deutschen Blick auf die Welt, der sich nicht leicht irritieren lässt. Es sei denn, es gibt gewaltsame Zuspitzungen. Es wäre ein Riesenfortschritt, wenn das Humboldt-Forum dazu beitragen könnte, unsere Neugier auf die Welt jenseits von Konflikten steigern zu helfen."

Gesellschaft

Hannah Kushnir ist eine von zwei jüdischen Lehrerinnen an einer Berliner Schule mit viel Migrationshintergrund. Beliebtestes Schimpfwort unter den Schülern: "Du Jude!" Im Tagesspiegel schreibt sie: "Ich frage mich: Hören nur meine Kollegin und ich das? Wo ist das Empfinden der "Anständigen" (Zitat Angela Merkel), der anderen Lehrer, die auf die Verfassung der Bundesrepublik geschworen haben, wo das Empfinden der deutschen Schüler? Und was sagte die Schulleitung, der von diesen Vorgängen berichtet wurde? Sie sagte tatsächlich: "Nun seien Sie mal nicht so empfindlich!""

Sieglinde Geisel fallen in der NZZ zu Ronja von Rönnes nassforschen Äußerungen zum Feminismus in der Welt einige Gegenargumente ein, vor allem gewisse Ungleichheit beim Thema Kinder und Karriere. Und eine echte Ungerechtigkeit: "Außerdem steigern Männer durch die Macht ihren Sex-Appeal, bei Frauen scheint es umgekehrt zu sein."
Anzeige
Archiv: Gesellschaft

Geschichte

Bis ins 19. Jahrhundert war die Ukraine in Europa durchaus ein Begriff. Erst mit der Sowjetunion wurde sie in Russland eingemeindet und als eigenes Land vergessen, schreibt der Osteuropa-Historiker Andreas Kappeler in der FAZ. Und sie hatte auch nach dem Mauerfall Schwierigkeiten aus dem großen Schatten Russlands hervorzutreten: "Während die Unabhängigkeitsbewegungen im Baltikum und im Kaukasus registriert wurden, blieb die Ukraine weiter im Dunkeln. Fast niemand hätte es für möglich gehalten, dass die Sowjetunion verschwinden und eine unabhängige Ukraine entstehen könnte. Die Ukraine wurde zwar ein unabhängiger Staat, doch blieb sie noch lange ein weitgehend weißer Fleck auf der mentalen Landkarte."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Mauerfall, Ukraine

Ideen

Fasziniert folgte Welt-Autor Thomas Schmid dem Abschiedsvortrag Jan Philipp Reemtsmas an seinem Hamburger Institut über "Gewalt als Lebensform", deren Entfesselung soziologisch nicht erklärbar sei: "Die "licence to kill" (Erlaubnis zu töten) als "die Selbstermächtigung zum großen "Du darfst"!". Das ist es, was offenkundig Karl Boger, der in Auschwitz folterte und tötete, der Terrorist Andreas Baader und der in den Dschihad gezogene Rapper aus Köln gemeinsam haben... Gewalt als attraktive Lebensform besitzt eine Grandiosität, die dem bürgerlichen Leben grundsätzlich abgeht."
Archiv: Ideen

Medien

Der niederländische Mediendienst Blendle startet ab September auch in Deutschland, meldet Peter Turi bei turi2: "Der Leser soll wie in einem digitalen Kiosk einzelne Artikel kaufen, teilen, empfehlen und diskutieren können. Das Produkt Zeitung oder Zeitschrift wird entbündelt und in die Web-Welt integriert."

Die iranische Karikaturistin Atena Farghadani ist zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden, von denen sie mindestens sieben Jahre wird absitzen müssen, scheibt Alain Korkos im französischen Medienblog arrêtsurimages. Sie hatte religiöse Berater mit Tierköpfen gezeichnet. "Gezeigt wurde die Zeichnung bei einer Ausstellung zum Gedenken an Bürger, die bei Repressionen anlässlich der Präsidentschaftswahlen ums Leben gekommen waren, informiert Amnesty International. Die Zeichnung mokiert sich über Bemühungen des Parlaments, freiwillige Sterilisation von Frauen strafbar zu machen und den Zugang zu Verhütungsmitteln und Familienplanung zu erschweren."

Pascal Burkhard vergleicht in der NZZ verschiedene Finanzierungsmodelle der öffentlich-rechtlichen Sender und sieht in der deutschen Haushaltsabgabe ein Modell, das sich in Europa wohl durchsetzen wird.

Und noch zwei Meldungen aus der Welt der Oligarchie: Die Berliner Zeitung informiert, dass Springer-Chef Mathias Döpfner das Prinzessinnenpalais Unter den Linden gekauft hat: "Bis 1918 wohnten dort Mitglieder des preußischen Königshauses." Und die Fifa-Eigenpropaganda "United Passions" hat, wie ebenfalls die Berliner weiß, bei ihrem Start in den USA lumpige 545 Euro eingespielt: "Die Fifa hatte das Projekt mit 25 Millionen Euro finanziert."
Archiv: Medien