9punkt - Die Debattenrundschau

Samt nachgebildetem Eiffelturm

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.06.2015. Raif Badawi soll nun doch tausend Peitschenhiebe erhalten und zehn Jahre im Gefängnis bleiben, melden die Medien. Der Guardian erinnert an sein Verbrechen: Er ist für die Trennung von Staat und Religion eingetreten. Der NZZ graut vor Capital Cairo. Wenn die Staaten so scharf darauf sind, das Internet zu kontrollieren, dann vielleicht auch, weil es ein Raum der Freiheit ist, vermutet Alan Rusbridger in der CJR. Was bedeutet es eigentlich, dass ein zentraler Ort deutscher Repräsentation wie das Humboldt-Forum ganz ohne Deutschland auskommen will?, fragt die FAS.

Politik

Das höchste Gericht Saudi Arabiens hat die Strafe von zehn Jahren Gefängnis und tausend Peitschenhieben gegen den Blogger Raif Badawi bestätigt, meldete gestern der Guardian und zitiert Badawis Frau Ensaf Haidar: "Diese letzte Entscheidung ist unwiderruflich. Sie hat mich schockiert... Ich hatte gehofft, dass der neue König eine Amnestie für politische Gefangene bringt." Badawi wird vorgeworfen, den Islam beleidigt zu haben.

Wie diese Beleidigung des Islams aussah, erklären die Redakteure des Guardian in einem Kommentar zur bestätigten Strafe: "Die Beleidigung bestand darin, eine Website, das Saudi Free Liberals Forum zu gründen, die für Säkularismus und Redefreiheit eintrat. Er vermied eine direkte Kritik der saudischen Königsfamilie, aber wie viele arabische Denker vor ihm ist er überzeugt, dass eine Trennung zwischen Glaube und Staat der beste Weg für sein Land sei, um "Modernisierung und Hoffnung" zu erreichen."

Frankreich, das unter François Hollande sehr enge Beziehungen zu Saudi Arabien entwickelt, soll sich nun für die Freilassung Badawis einsetzen, fordert Pierre Haski bei Rue89: "König Salman, der das Land seit einigen Monaten aus der Starre zu befreien sucht, in die es die regierende Gerontokratie geführt hatte, zeigt bei gesellschaftlichen Fragen nicht den gleichen Eifer: Todesstrafen haben sich vervielfacht. In der Frauenfrage bleibt Saudi Arabien eines der rückschrittlichsten Länder der muslimischen Welt. Und die grausame Bestrafung Raif Badawis wird zum Symbol der Intoleranz für jede intellektuelle Abweichung aufgebaut."

In einem Interview mit Yannick Nock und Benjamin Weinmann von der Schweiz am Sonntag spricht der im Exil lebende ägyptische Comedian Bassem Youssef auch über das Charlie-Hebdo-Massaker: "Das war schrecklich. Einfach nur schrecklich. Der Anschlag wurde von vielen Leuten in der arabischen Welt verurteilt. Ich werde immer gefragt: Wieso hören wir keine Kritik aus der arabischen Welt? Und ich antworte: Wissen Sie wieso? Weil Sie kein Arabisch sprechen. Dabei haben die arabischen Medien wochenlang ihre Solidarität mit Charlie Hebdo öffentlich bekundet, zum Teil auch mit sehr expressiven Cartoons."

Es ist keine "Ehre", auf Moskaus schwarzer Liste gelandet zu sein, ärgert sich Bernard-Henri Lévy in La Règle du jeu über die etwas leichtfertigen Antworten mancher europäischer Politiker, es ist eine Tragödie: "Sie ist kein Problem für Daniel Cohn-Bendit, Karl-Georg Wellmann, mich selbst, die wir gewöhnlich nicht unseren Urlaub in Moskau oder Sotschi verbringen. Aber sie ist es für unsere Freunde in Russland, die wir so weit es geht zu unterstützen versuchen, für unsere Ziele und und die gerechte Sache."
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Medien

Heiko Werning versucht in der taz noch immer den Schock über Günther Jauchs Ende zu verkraften: "Wie viele Arbeitsplätze von seiner Sendung abhängig waren! Nach der Krise der Printmedien droht nun der Onlinejournalismus auch noch zusammenbrechen. Ganze Nachrichtenportale lebten doch bislang gut davon, allmontäglich minutiös die Jauch-Sendung des Vorabends zu verschriftlichen."
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Gesellschaft

Brasilia-Erbauer Oscar Niemeyer würde sich wahrscheinlich im Grabe umdrehen, seufzt Adrian Lobe in der NZZ beim Blick auf die Investorenpläne für Capital Cairo, mit dem Präsident el-Sisi eine neue Hauptstadt nur für Reiche plant: "Warum will sich ein Land, das auf eine jahrtausendealte Geschichte und Kultur zurückblickt und eine der ersten Hochkulturen geschaffen hat, mit einer Retortenstadt samt nachgebildetem Eiffelturm schmücken? Unweit der historischen Kulisse der Pyramiden würde Capital Cairo zu einer Kulissenstadt in der Art von Las Vegas oder Disneyworld. In seiner Geschichte hat Kairo schon einige Metamorphosen vollzogen. Der Stadtteil Heliopolis wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nach europäischem Vorbild gebaut, New Cairo wurde nach amerikanischem Muster realisiert. Aber mit Capital Cairo hielte eine Disneyfizierung Einzug im ägyptischen Städtebau, wie man sie bis jetzt nur aus Dubai kennt und für die Glitzerarchitektur wichtiger ist als Kultur."
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Kulturmarkt

Apple gründet einen Streamingdienst für Musik, um Spotify Konkurrenz zu machen. Michael Pilz fürchtet in der Welt vor allem eins: "Jeder, der bei Itunes registriert ist, wird zu spüren kriegen, dass einem von Apple keine Angebote unterbreitet werden: Man wird missioniert."
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Internet

Der ehemalige Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, schreibt in der Columbia Journalism Review über Journalismus nach Snowden und besteht auf einer Kleinigkeit, die in der hiesigen Kulturkritik an der Digitalisierung systematisch totgeschwiegen wird: "Das Internet ist das Ding, das ihnen Angst macht. Das Ding, das sie in den Griff kriegen wollen. Der Raum, in dem wir alle Helles und Dunkles finden. Aber die Gründe, um deretwillen der Staat das Internet beherrschen will, sind auch die Gründe, die es zu einem Instrument der Freiheit machen. Was in Britannien nicht publiziert werden durfte, wurde woanders publiziert. Ärgerlich für den britischen Staat, gewiss. Aber wundervoll, da würden wohl alle zustimmen, wenn es um Länder wie China, die Türkei, Russland oder Syrien ginge."

Auf Youtube ist eine ganz eigene Jugendkultur entstanden, die nicht nur die Eltern, sondern auch das traditionelle Fernsehen vollends abgehängt hat, sagt der Vermarkter Christoph Krachten im FAS-Interview mit Bettina Weiguny: "Youtube ermöglicht jungen Menschen, ihr Publikum ohne TV-Sender zu erreichen. Manche von ihnen wären nie durch ein Casting gekommen, weil sie unglaublich schüchtern sind, erst vor der Kamera aufblühen. Nur wenige wollen ins Fernsehen, weil sie dort fremdbestimmt sind von Redakteuren."
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Kulturpolitik

Was im Humboldt-Forum als einem zentralen Ort der Repräsentation des heutigen Deutschland geschehen wird, ist weltweit ziemlich einzigartig und nicht unproblematisch, findet Mark Siemons in einem Essay in der FAZ am Sonntag: Deutschland "wird zu dem Staat, der alle Kulturen in sich aufnimmt und daraus seine Räson ableitet. So weit in etwa der große Gedanke, der den jetzt vollendeten Rohbau demnächst beleben soll." Diese Setzung entspreche aber keineswegs nur edlen Motiven: "Je mehr nämlich klar wurde, dass eine historistische Rekonstruktion des Hohenzollern-Schlosses nicht mehr aufzuhalten war, stellte sich die Frage, wie die in dieser wiederaufgebauten Vergangenheit möglicherweise enthaltenen Kontaminierungen zugleich neutralisiert werden könnten."