9punkt - Die Debattenrundschau

Wie jene verarmten Aristokraten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.06.2015. Taslima Nasrin geht ins amerikanische Exil, melden die Agenturen. Richard Herzinger zerpflückt auf seinem Blog den Mythos vom russischen Antifaschismus. Die taz versteht nicht, warum sich Bundespräsident Gauck mit dem ägyptischen Präsidenten al-Sisi trifft. Correctiv.org stellt ein Crowdfunding-Projekt vor, das die "Akte NSU" bündeln will. Die New Republic fragt, ob die sexy Pose der Caitlyn Jenner auf dem Cover von Vanity Fair der Sache der Cisgender-Frauen schadet.

Gesellschaft

Viel von sich reden macht das sexy Cover-Foto Annie Leibovitz" von Caitlyn Jenner, die einst als Bruce Jenner durch die Welt ging und deren Coming out als Frau die ganze Weltpresse bewegt. Aber Eric Sasson fragt in der New Republic, ob der Schritt vorwärts für Caitlyn Jenner nicht ein Schritt zurück für die Sache der Frauen sei: "Als Mediensensation hätte Jenner viele Optionen gehabt, sich uns zu zeigen. Dass sie dieses Bild wählte, das einmal mehr die Frau als Objekt inszeniert, ist ein wenig betrüblich. Allzu lange ist über Transgender-Leute allein in Begriffen der Sexualität disktuiert worden. Es wäre eine traurige Ironie, wenn Transgender-Frauen "Gleichheit" nur erreichten, wenn sie sich den reduzierenden Klischees anpassen, denen Cisgender-Frauen immer schon unterworfen waren." (Den Begriff Cisgender lassen Sie sich bitte von den zuständigen ProfessorInnen erklären.) Mehr zum Thema bei Zeit online. Bei slate.fr findet sich eine nützliche Übersicht zur Debatte.

Wäre Caitlyn Jenner "Cisgender" dürfte das Leibovitz-Foto in Kreuzberg demnächst womöglich nicht mehr auf Plakatwänden gezeigt werden. Während der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ein Gesetz diskutiert, das sexistische Werbung im öffentlichen Raum verbietet, hat der US-Sender Fox beim Bericht über Picassos zum Rekordpreis versteigerten "Frauen von Algiers" deren kubistische Brüste zensiert. Im Monopol-Magazin macht sich Antje Stahl Sorgen über die Folgen dieses moralistischen Bilderverbots: "Wie werden unsere Bilder aussehen, wenn ihre Gestalter nicht mehr durch Körper verführen dürfen? Für "sexy" gibt es natürlich Sinnbilder - ­fetischisierte Produkte zum Beispiel. Möglich wären jedoch auch ästhetische Kategorien, die bisher eher aus anderen Bildproduk­tionsbereichen bekannt sind: "Niedliche" Beiträge setzen sich im Internet durch, ebenso wie "krasse". Stirbt der Sex aus, bleiben Kindchen- oder Gewaltschemata. Sind das wirklich so gute Alternativen?"

Noch eine Katastrophe aus der französischen Bildungspolitik. Der mit Zunge, Zähnen und Lippen gebildete Tschilplaut (le tchip oder le tchipage) wird an immer mehr Schulen verboten, berichten Les Inrock. Dieser in Afrika und der Karibik (und auch bei amerikanischen Schwarzen) weit verbreitete Missbilligungslaut ist inzwischen auch bei Jugendlichen anderer Herkunft in Frankreich beliebt. "Eric Bongo, stellvertrender Schulleiter am Lycée des métiers Charles Baudelaire in Evry (Essonne) hat diese Missfallensbekundung an seiner Schule untersagt: "Ich bin in Afrika aufgewachsen, und als ich klein war, wurde mir streng verboten, andere auszutschilpen. Das ist extrem vulgär. Der Tschilplaut ist im Gymnasium verboten, wie jede Beleidigung, denn er ist sehr wohl beleidigend", erklärt er."

In der Arte-Sendung "Karambolage" werden Techniken und Anlässe des Tschilpens näher beschrieben:



Die von der kanadischen Regierung eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission hat ihren Abschlussbericht über die systematische Misshandlung von Kindern kanadischer Ureinwohner in Zwangsinternaten vorgelegt, berichtet Jörg Michel in der taz: "Laut Kommission mussten zwischen 1883 und 1996 mehr als 150.000 Ureinwohnerkinder die Zwangsinternate besuchen, die vom Staat eingerichtet und finanziert und von den Kirchen betrieben wurden. 6.000 Kinder kehrten nicht zurück. Sie starben an den Folgen der Quälereien, der Erniedrigungen oder der Einsamkeit. Der Kommissionsvorsitzende, Justice Murray Sinclair, sprach bei der Vorstellung des Berichts von einem "kulturellen Völkermord", eine Einschätzung, die sich auch Kanadas oberste Richterin Beverly McLachlin wenige Tage zuvor zu eigen gemacht hatte. Ziel der kanadischen Politik sei es lange gewesen, "den Indianer im Kind" zu töten und das "sogenannte Indianerproblem" ein für alle Mal zu beseitigen, so McLachlin."
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Religion

Der Stuttgarter Literaturwissenschaftler Thomas Rothschild wendet sich bei der kontextwochenzeitung gegen den in Deutschland immer noch bestehenden (wenn auch wenig angewandten) Blasphemieparagrafen: "Bemerkenswert ist, dass das Strafgesetzbuch für die Beleidigung einer Person nach Paragraf 185 eine Höchststrafe von zwei Jahren, für einen Verstoß gegen den Paragrafen 166, also die Beschimpfung eines Bekenntnisses oder einer Institution, aber eine Höchststrafe von drei Jahren Freiheitsentzug vorsieht. Solche kleinen Gewichtungen sind aussagekräftig. Nach diesem Gesetz müssten die Mitarbeiter von Charlie Hebdo bestraft werden, denn dass ihre Karikaturen geeignet waren, den öffentlichen Frieden zu stören, ist leider durch die Sprache der Maschinengewehre bewiesen. Kurz: Man kann nicht zugleich Charlie sein wollen und den "Blasphemieparagrafen" tolerieren."

Die USA haben die in Bangladesch wegen Gotteslästerung verfolgte Schriftstellerin und Ärztin Taslima Nasrin aufgenommen, melden die Agenturen (hier in der Welt). "Wie die Organisation Center for Inquiry mitteilte, traf Nasrin bereits vergangene Woche unter Ausschluss der Öffentlichkeit in New York ein. "Extremistische Gruppen haben nach ihrem Leben getrachtet", sagte CFI-Direktor Michael de Dora. "In den vergangenen Wochen haben die Drohungen massiv zugenommen.""
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Politik

"Wie ein Schachspieler, der nicht mehrere Züge gleichzeitig denken kann", verhält sich Deutschland in der Nahost-Politik, meint Martin Reeh in der taz anlässlich des umstrittenen Besuchs des ägyptischen Staatspräsidenten Abdel Fattah al-Sisi in Berlin: "Falsch ist nicht, dass Merkel al-Sisi empfängt - Gespräche unter Staatschefs sind Routine und damit notwendig. Warum sich auch Gauck mit ihm trifft, ist nicht nachvollziehbar - derselbe Gauck, der 2012 einen Besuch in der Ukraine wegen der Inhaftierung der Oppositionsführerin Julia Timoschenko absagte. Falsch sind auch Sigmar Gabriels Wirtschaftsgespräche im Regierungsrahmen. Sie sind das deutliche Signal, dass Deutschland Ägypten wirtschaftliche Stabilität verschaffen will, ganz gleich wie Sisi mit der Opposition umgeht - und ein erneutes Zeichen an gemäßigte Islamisten, dass es für sie keinen legalen Weg an die Macht gibt."

Ebenfalls in der taz stellt Cigdem Akyol den kurdischen Politiker Selahattin Demirtaş vor, der sich mit seiner Partei HDP für die Rechte von religiösen, ethnischen und sexuellen Minderheiten einsetzt und bei den türkischen Parlamentswahlen am Sonntag Erdoğans AKP herausfordert: "Letzte Woche saß Demirtaş singend mit einer Baglama in einer Livesendung im Fernsehen, umschrieb die Politik der aktuellen Regierung mit Filmzitaten aus türkischen Sozialsatireklassikern - das bringt Sympathien ein und ist geradezu gegenteilig zur Präsentation seines Widersachers Erdoğan, der als brüllend-verbiesterter Wahlkämpfer durch das Land zieht, vor "gottlosen Politikern" warnt und mit dem Koran in der Hand wedelt, als sei der eine Parteibroschüre." (Das Foto entstand am Dienstag bei einer Wahlkampfveranstaltung der HDP im südosttürkischen Batman.)

Sollte die HDP die Zehn-Prozent-Hürde überspringen, könnte sie die von Erdoğan angestrebte Verfassungsänderung vereiteln, die Susanne Güsten im Tagesspiegel beschreibt: "Seit (...) 2007 wird der Präsident direkt vom Volk gewählt - was den islamisch-konservativen Wählern angesichts ihrer strukturellen Mehrheit eine dominante Position verschafft. Nun will Erdoğan das eher zeremonielle Präsidentenamt zum Zentrum der Macht ausbauen. Dann dürften die Geschicke des Landes auch nach Erdoğans Abgang von einem islamisch-konservativen Politiker bestimmt werden. Das ist eine Verschiebung, die weit über einen Wechsel von einem demokratischen Regierungssystem zum anderen hinausgeht."
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Medien

David Schraven erklärt im Blog des Recherdienstes Correctiv.org, "warum die geplante Aufklärung über den Naziterror ein hervorragendes Crowdfunding-Projekt ist". Die Idee zur "Akte NSU" hatten einige Journalisten der Heilbronner Stimme und der Ruhrbarone, die alles an Informationen über den Fall zusammenführen und mit den Mitteln des Netzes darstellen wollen. Klassische Medien, so Schraven, könnten das nicht leisten: "Tatsächlich kann die Aufgabe nur mit einem neuen, kooperativen Ansatz bewältigt werden. Engagierte Reporter aus Lokalzeitungen, aus regionalen Blogs tun sich zusammen mit bundesweit operierenden Organisationen. Datenexperten arbeiten zusammen mit Aktenbeschaffern. Infos aus blutleeren Dokumenten werden vor Ort kombiniert mit den Geschichten, die die Menschen zu erzählen haben."

Pierre Briançon schildert in Politico.eu die schwierige Lage im einst so stolzen Flaggschiff der französischen Presse, Le Monde, das seit fünf Jahren einigen Oligarchen um den Saint-Laurent-Boss Pierre Bergé gehört. Und der redet rein. "In den letzten fünf Jahren blieb der Redaktion nur, "sich so wie jene verarmten Aristokraten zu verhalten, die das Familienschloss verkaufen, aber immer noch denken, sie seien der Herr im Haus", sagt einer der Ressortleiter."

Weiteres: Nach monatelangen schwierigen Verhandlungen konnten sich Zeit und Zeit online auf einen gemeinsamen Ehrenkodex einigen, berichtet Stefan Niggemeier in seinem Blog. Die Print-Zeit behalte sich aber weiterhin vor, sich für die Berichterstattung im Reiseteil von Veranstaltern unterstützen zu lassen.
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Geschichte

In seinem Blog nimmt Welt-Redakteur Richard Herzinger die russische Propagandalüge vom "Antifaschismus" auseinander, der die edle Leitlinie in der Auseinandersetzung mit der Ukraine sei. Nebenbei erinnert er daran, dass Russland weit intensiver mit den Nazis kollaborierte als die Ukraine - im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts. Hier wurde das sowjetische Regime auch, "wie Richard Overy formuliert, "zum Komplizen des deutschen Antisemitismus". Vielen der Tausenden polnischen Juden, die im sowjetischen Besatzungsgebiet vor der NS-Verfolgung Zuflucht suchten, wurde die Einreise verweigert, woraufhin sie die deutschen Grenzposten unter Feuer nahmen. Andere ins sowjetische Gebiet geflohene Juden wurden verhaftet und in Arbeitslager deportiert. Darüber hinaus betrieben die Sowjets in Ostpolen von sich aus die Zerstörung der jüdischen Schtetl-Kultur..."
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Internet

Ein Jahr nach Frank Schirrmachers Tod fragt Wolfgang Michal im Freitag, welche Folgen die letzte von Schirrmacher angestoßene Debatte hatte - immerhin hatten über den aus der Richtung von Google angeblich heraufziehenden "technologischen Totalitarismus" neben diversen Medienmachern und Theoretikern auch zahlreiche Politiker - darunter Martin Schulz, Sigmar Gabriel, Guy Verhofstadt und Christian Lindner -, FAZ-Artikel beigesteuert: "Vielleicht hätte [Schirrmacher] sich gewundert, wie groß die Töne sind, die Berufspolitiker in solchen Debattenbeiträgen spucken ("Big Data beherrschen!", "Ich diszipliniere Google", "Warum wir jetzt kämpfen müssen", "Die Politik eines neuen Betriebssystems"), und wie klein die Brötchen ausfallen, die sie in ihrer parlamentarischen Praxis backen." Nein, denn mit großen Tönen kannte sich Schirrmacher bestens aus!
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