9punkt - Die Debattenrundschau

Macbeth ist ein Mörder kleinen Formats

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.05.2015. Morgen soll Charlie Hebdo in New York bei einer Gala des PEN Clubs ausgezeichnet werden. Auch wenn die deutschen Zeitungen das Thema beschweigen - in den USA, Großbritannien und Frankreich kocht die Debatte weiter. Schon 204 PEN-Mitglieder boykottieren die Gala, zählt Glenn Greenwald, der die Kampagne antreibt, stolz. Die britische Autorin Joan Smith verteidigt Charlie Hebdo im Independent, Eliot Weinberger sieht die Zeichner in der LRB als Populisten. BHL liest Caroline Fourests neues Buch "Eloge du Blasphème" und lernt etwas über die Mohammed-Karikaturen des Blattes. Und André Glucksmann bekämpft im Perlentaucher mit Voltaire das Infame.

Ideen

Spiegel Online meldet, dass bei einer von Rechtspopulisten veranstalteten Ausstellung von Mohammed-Karikaturen geschossen wurde - die Polizei erschoss zwei Attentäter, die auf die Ausstellung gefeuert hatten.

Morgen soll Charlie Hebdo bei der Gala des PEN Clubs in New York ausgezeichnet werden. Der investigative Journalist Glenn Greenwald treibt den Boykott der Veranstaltung auf seiner Website firstlook.org voran und sammelt weiter Unterschriften meist völlig unbekannter PEN-Mitglieder, die bekennen, die Gala boykottieren zu wollen (waren sie denn alle eingeladen?). 204 Autoren haben den offenen Brief laut Greenwald bisher unterschrieben.

Die britische Autorin Joan Smith kritisiert im Independent die Kritiker der Kritiker der Auszeichnung für Charlie Hebdo: "Seltsamerweise machen die selbsternannten Verteidiger der muslimischen Bevölkerung in Europa denselben Fehler wie jene, die sie zu kritisieren glauben. Wie weiße Rassisten betrachten sie "Muslime" als eine homogene Gruppe. Sie sehen sie als gleichmäßig ohnmächtig und ignorieren die Entstehung einer muslimischen Mittelschicht und den enormen Einfluss der Vertreter extremer Formen des Islam." Leider, so Smith, hat der Labour-Chef Ed Miliband im Wahlkampf schon versprochen, den Begriff der "Islamophobie" gesetzlich unter den Hassverbrechen zu verankern.

Die Frage bei den ermordeten Zeichnern von Charlie Hebdo sei nicht, ob sie Opfer, sondern ob sie Helden der Meinungsfreiheit seien, meint Eliot Weinberger, der zu den Gala-Boykotteuren gehört, in der LRB, anders gefragt: "Sind sie Pim Fortuyn oder Martin Luther King?" Fortuyn natürlich: "Dieser PEN Award ist nur der letzte Beweis für eine nun kursierende freie Äußerung der Islamophobie von Gentlemen."

Mohammed-Karikaturen
? Auch in Frankreich tobt eine Kontroverse, unabhängig von der amerikanischen, nachdem die bekannte Journalistin Caroline Fourest ihr neues Buch "Eloge du blasphème" im Fernsehen gegen einen Moderator verteidigte, der ihr Zitatfälschung vorwarf. Bernard-Henri Lévy liest ihr Buch und lernt aus der Lektüre, dass das Cover mit Luz" Mohammed-Karikatur, das nach dem Massaker veröffentlicht wurde "und das einen Mohammed mit einer Träne im Auge und dem Spruch "Tout est pardonné" zeigt, das sanfteste, das eleganteste, das versöhnlichste Cover ist, das man sich denken kann, und dass jene, die das Gegenteil behaupten, Brandstifter der Seele und Schurken sind."

Vielleicht lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und zu lesen, was André Glucksmann in seinem Buch "Voltaire Contre -attaque" über das voltairianische Europa von heute schreibt. Glucksmann hat dem Perlentaucher einen Auszug zur Übersetzung zur Verfügung gestellt! Glucksmann zieht Lehren aus Voltaires "Mahomet": "Ein "religiöser" Führer ist nicht nur die Inkarnation eines Messias oder eines Propheten, sondern auch eines Bandenchefs. Die Brandstifter in der Stadt und Folterknechte auf dem Lande sind aus demselben Holz geschnitzt, aber wenn es ihnen an monotheistischem Glauben oder manischem Laizismus gebricht, verfehlen sie die letzte Apotheose. Macbeth ist nach Solschenizyn ein Mörder kleinen Formats, der seine Opfer an nur einer Hand abzählen konnte und dem der Multiplikator fehlte, der für jeden Millionär an Morden unerlässlich ist, die Allmacht einer Ideologie."

Die Washington Post meldet unterdessen, dass Neil Gaiman, Art Spiegelman, Alison Bechdel, George Packer, Azar Nafisi und Alain Mabanckou für die ursprünglich protestierenden sechs Autoren als Tischgastgeber bei der PEN Gala einspringen.
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Politik

Ergreifend erzählt eine syrische Widerstandskämpferin und Medienaktivistin im Interview mit Juliane Metzker (taz) vom Beginn des Bürgerkriegs: "Am Abend vor der Demonstration gingen wir durch die Altstadt von Damaskus, als ob wir uns vom alten Syrien verabschieden wollten. Wir waren voller Hoffnung. Doch als wir uns am nächsten Morgen versammelten, begannen syrische Soldaten eine Hetzjagd auf die Demonstranten. Sie drückten Menschen zu Boden und schlugen auf sie ein. Ich rannte so schnell ich konnte davon. Später traf ich andere, die auch davongekommen waren. Wir starrten einander an und erst da kroch eine unbeschreibliche Angst langsam in uns hoch. Mit so viel Brutalität von Seiten des Regimes hatten wir nicht gerechnet. Wir fühlten uns, als hätten wir das Tor zur Hölle geöffnet."
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Europa

Ben Judah berichtet für politico.eu von der ungeheuren Energie der Scottish National Party im aktuellen britischen Wahlkampf - man wird wohl der Labour-Party eine Menge Mandate abnehmen und denkt schon wieder an ein Referendum über Unabhängigkeit. Judah begleitet den SNP-Politiker Ben Macpherson aus Edinburgh: "Macpherson erzählt mir, das sein Urgroßvater einer der Pioniere des Vegetarismus in Britannien war und schon 1928 zum überzeugten schottischen Nationalisten wurde. Seine Sache galt vierzig Jahre als Marotte. Evelyn Waugh machte sich darüber in seinen Romanen lustig. "Das Establishment macht sich nicht klar, wie tief das Referendum gewirkt hat. Es versteht Schottland einfach nicht."

In Weißrussland wird die Entwicklung in der benachbarten Ukraine aufmerksam verfolgt, berichtet Barbara Lehmann in der NZZ. Zur Nachahmung fühlt sich durch die Maidan-Revolution jedoch kaum jemand angeregt: "Die abstrakte "Freiheit", die da am anderen Ufer winkt, wird von der konkret begründeten Furcht in Schach gehalten, dass das in jahrelanger Aufbauarbeit mühsam Erreichte im Nu wieder zunichtegemacht werden könnte. Die Furcht vor Veränderungen ist historisch begründet. Weißrussland, schreibt der Philosoph Valeri Akudowitsch, sei das Land der permanenten Apokalypse... Neben der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges ist es vor allem der Fallout von Tschernobyl gewesen, der das Land im Kern erschütterte."
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Überwachung

Die französische Reaktion auf die Enthüllung, dass der BND im Auftrag der NSA französische Politiker ausgespäht haben soll, war verblüffend zurückhaltend. Das liegt daran, dass die französische Regierung am morgigen Dienstag ein Gesetz ins Parlament bringt, das die Rechte der Geheimdienste stark ausweitet, erklärt der französische Netzaktivist Jérémie Zimmermann im Gespräch mit Martin Kaul (taz): "Die Idee ist, dass Algorithmen genutzt werden, um Datenströme zu durchleuchten und verdächtiges Verhalten zu ermitteln. Sie gehen also in die Herzkammern der Kommunikationsnetzwerke und durchleuchten alles, was vorbeikommt, nicht nur Verbindungsdaten, sondern auch Kommunikationsinhalte. Begründet wird das mit den Worten: Wir tun es doch sowieso, dann müssen wir es jetzt auch endlich mal legalisieren."
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Geschichte

Zum nahenden Jahrestag des Kriegsendes widmet die SZ den sowjetischen Ehrenmalen in Berlin eine Doppelseite. Neben Artikeln über die Denkmale im Treptower Park, im Tiergarten und auf den Seelower Höhen schreibt Stephan Speicher über den Soldatenfriedhof in der Schönholzer Heide in Pankow: "Denkt man aber an die Soldatenfriedhöfe des Ersten Weltkriegs in Flandern, wirkt Schönholz doch eher wie ein Ehrenmal als ein Friedhof. Denn es sind nicht einzelne Grabsteine, die das Bild prägen. Das allerdings folgt nicht einer politisch-ästhetischen Absicht. Vielmehr ließ sich trotz großer Anstrengungen nur ein Fünftel der 13 200 Leichname identifizieren. Erkennungsmarken hatte die Rote Armee nicht ausgegeben. So musste sie den größten Teil ihrer Toten anonym bestatten."
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