Efeu - Die Kulturrundschau

Zarte Ausdrucksnuancen

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04.05.2015. Die Feuilletons trauern um einen schwarzen Schwan: die letzte große Primaballerina des 20. Jahrhunderts: Maja Plissezkaja. Und auch der britische Krimithron ist seit dem Tod Ruth Rendells verwaist. Die Welt sieht in Paris die beste Markus-Lüpertz-Ausstellung seit langem. The Quietus zieht durch die "Ghost Cities of China". Die Berliner Zeitung weiß nach Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" beim Theatertreffen nicht mehr, wo Debatte aufhört und Theater anfängt.

Bühne


"Die Schutzbefohlenen" von Elfriede Jelinek. Regie Nicolas Stemann. Thalia Theater. Foto: Krafft Angerer

In Berlin hat das Theatertreffen begonnen. Die Eröffnungsvorführung - Nicolas Stemanns in Hamburg entstandene Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" - hat Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) schon mal gehörig den Moralhaushalt durchgeschüttelt: "Selten kommt man so gewissensverwirrt aus dem Theater − man steht da mit einem Knoten aus Abwehr- und Empathie-Reflexen und muss versuchen aufzudröseln, was wohin gehört: Asyl-, Rassismus-, Wohlstands-, Kolonialismus-, Theaterdebatte nebst Sprachkritik und Wahrnehmungsskeptizismus." Tazlerin Sonja Vogel kann die, unter Beteiligung illegaler Flüchtlinge bewerkstelligte, Vorführung nur begrüßen: Ihr zeigt sich "wie wichtig die Flüchtlingsproteste waren, um eine Debatte über Repräsentation und Ausschluss zu beginnen. Sie wurde von den Geflüchteten erzwungen. Nicht vom Theater. Nicht von der Gesellschaft. Tatsächlich gibt es immer mehr partizipative Theaterprojekte, Kulturinstitutionen öffnen sich einen Spalt."

Außerdem: Das Logbuch Suhrkamp bringt Frank Krolls Notizen zum Heidelberger Stückemarkt. Katrin Ullmann besucht für die taz die Proben zu Royston Maldooms "Tanz zwischen den Welten" in Hamburg. In der NZZ berichtet Katja Baigger vom Theaterfestival Auawirleben in Bern.

Am Wochenende starb in München die letzte große Primaballerina des 20. Jahrhunderts: Maja Plissezkaja. "Sie tanzte mit dem Bolschoi-Ballett die großen Rollen, war freilich stets mehr schwarzer als weißer Schwan", schreibt Melanie Suchy in einem Nachruf in der Welt. "Wer die Vorstellung hegt, die Frauen im klassischen Ballett seien grazile, aber etwas schwächliche Wesen, die ständig von Herren gestützt werden müssen, um dann in ätherischer Schönheit, ewig lächelnd, zu erblühen, der liegt bei Maja Plissezkaja ganz falsch. Sie hat eine Kraft in ihre Rollen gelegt, die jenseits bloßen Nachtanzens vorgefertigter Schritte lag. Die Schärfe, mit der sie ihr Spielbein ein wenig anwinkelt, das Knie zeigt und ihren Kopf wendet, als sie sich als Carmen an José ranmacht, das zeigt eine selbstbestimmte Frau. Ihre Sexiness ist keine weibchenhafte Verlockung, sondern etwas viel größeres." (Einen kurzen Nachruf gibt es auch in der FR von Sylvia Staude).

Hier kann man sie als Carmen sehen, in einer Choreografie von Alberto Alonso, die das russische Ballettestablishment 1967 schockierte:



Und hier tanzt sie mit 50 Jahren Ravels Bolero:



Besprochen werden Stephan Kimmigs Inszenierung von Schillers "Don Carlos" am Deutschen Theater Berlin ("Knapp vier Stunden! Da rumorte es im Publikum: Och, so lange … Doch dann: Das Erstaunen war grenzenlos. Man mochte keine Sekunde missen", versichert Reinhard Wengierek in der Welt, Nachtkritik, FAZ), Nurkan Erpulats "Onkel Wanja"-Inszenierung am Berliner Maxim Gorki Theater (Nachtkritik, Doris Meierheinrich resigniert in der Berliner Zeitung: "Mittelmaß des gehobenen Boulevards"), Friederike Hellers Dresdner Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" (Nachtkritik), Robert Carsens Wiesbadener Inszenierung von Benjamin Brittens "Turn of the Screw" (FR), Horst Johannings Frankfurter Inszenierung von "Möwe und Mozart" ("Sex im Alter wird offensiv thematisiert", bezeugt Judith von Sternburg in der FR), Frank Abts "Immer noch Sturm" am Deutschen Theater Berlin (taz), zwei Inszenierungen von Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten", die beide in Hamburg (im Thalia und auf Kampnagel) aufgeführt wurden (Nachtkritik, nochmal Nachtkritik, SZ), die Ausstellung "Die Kunst dem Volke" über die Gründung des Freie Volksbühne Berlin e.V. (taz) und ein von Axel Köhler inszenierter, von Christian Thielemann dirigierter "Freischütz" in Dresden (ziemlich saftlos, findet Manuel Brug in der Welt, FAZ).
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Architektur

Auf The Quietus zieht Stephen Lee Naish mit Wade Shepards gleichnamigem Buch durch die "Ghost Cities of China": "No civilisation in history has built so much in such a short space of time. Yet the majority of these new constructions remain virtually empty. Towers of apartment buildings with no tenants. Shopping malls, and offices without shoppers or workers, sports stadiums with no home teams. China is building pristine virgin cities that no one has yet to touch."

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Musik

Nur wenige, konzentrierte Sätze waren es, die Christine Lemke-Matwey (nachträglich online gestellt in der Zeit) mit dem großen Betriebs-Totalverweigerer, dem Pianisten Grigorij Sokolow, nach dessen Hamburger Konzert in der Garderobe austauschen konnte, und dennoch hat sie die Begegnung ganz und gar gefangen genommen. Schon bei der Begrüßung fasziniert sie "jene rechte Hand, die sich mit der Linken im Finale der Partita, der Gigue, einen regelrechten Tom-und-Jerry-Wettstreit liefert im Bockspringen und gegenseitigen Sich-Übertrumpfen, Überkreuzen und Überschlagen - bis man kaum mehr zu sagen vermag, was links ist und was rechts, so sehr löst Sokolov in diesem viel gespielten, viel vernützten Satz jede Schwerkraft auf. Und stellt sie im selben Atemzug doch wieder hin vors Publikum, glänzend, taufrisch, als habe der alte Bach persönlich noch einmal Hand angelegt (buchstäblich), dort an ein paar harmonischen Stellschräubchen gedreht, hier etwas Staub von der Klangoberfläche gepustet."

Außerdem: Sehr enttäuscht berichtet Nadine Lange im Tagesspiegel von ihrem Hörerlebnis des neuen Albums von Mumford & Sons. Es fehle "fast alles, was den Folk-Pop-Sound der Band einst ausmachte." Alle lieben den Newcomer Benjamin Clementine: So auch Erik Brandt-Höge, der sich für die SZ mit dem "Popstar der Stunde" unterhalten hat. Ulrich Amling führt im Tagesspiegel durch die Geschichte der Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker. Das NPR bringt ein ausführliches Gespräch mit Regisseur Brett Morgen über dessen Kurt-Cobain-Dokumentarfilm "Montage of Heck". Der Bayerische Rundfunk verneigt sich in einem Feature vor Andreas Dorau. Edo Reents (FAZ) schreibt zum Tod von Ben E. King.

Besprochen werden das Debütalbum des Kunst-Pop-Projekts Erfolg von Johannes von Weizsäcker (taz) und ein Auftritt des Pianisten Lang Lang in München (SZ, hier ein Mitschnitt).
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Literatur

Seit geraumer Zeit befasst sich die Literatur mit den Schicksalen von Flüchtlingen, schreibt Reinhart Wustlich in der FR. Der Tagesspiegel bringt einen Auszug aus Kolja Mensings "Die Legenden der Väter". Sylvia Staude (FR) freut sich über die Wiederentdeckung von William McIlvanney. Und: Die Zeit hat ihr großes Gespräch zwischen Günter Grass und Regisseur Luc Perceval über dessen Hamburger "Blechtrommel"-Inszenierung online nachgereicht.

Der Thron Agatha Christies ist verwaist! Nach P.D. James starb jetzt auch - im Alter von 85 Jahren - die letzte große britische Krimiautorin, Ruth Rendell. Nachrufe schreiben Sylvia Staude in der FR, Elmar Krekeler in der Welt, Marion Löhndorf in der NZZ. Hier eine Szene aus Chabrols Film "La Ceremonie" ("Biester"), der auf einem Roman Ruth Rendells basiert: Zwei Hausangestellte, die eine Analphabetin, die ihrem frei schwebenden Hass auf die Bourgeoisie freien Lauf lassen.



Besprochen werden Ian Burumas ""45. Die Welt am Wendepunkt" (FR), die Comicserie "Waisen" (Tagesspiegel), Daniil Granins "Mein Leutnant" (Berliner Zeitung), Ann M. Martins "Die wahre Geschichte von Regen und Sturm" (FAZ), Mark Thompsons Biografie von Danilo Kiš (SZ, mehr) und eine Ausstellung über Friedrich Dürrenmatts Beziehung zu Neuenburg im Centre Dürrenmatt Neuchâtel (NZZ).

In der online nachgereichten "Frankfurter Anthologie" der FAZ stellt Lorenz Jäger Günter Grass" Gedicht "Der Vater" vor:

"Wenn es in der Heizung pocht,
schauen ihn die Kinder an,
weil es in der Heizung pocht.
..."
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Kunst

Die beste Markus-Lüpertz-Ausstellung seit langem, meint Hans-Joachim Müller in der Welt zur großen Schau im Pariser Musée d"Art Moderne. In Deutschland versucht man sein Pathos ja immer zu entschärfen, meint er. Die Franzosen hingegen lieben das. "Kein Markus-Lüpertz-Bild, das nicht sehr schwer beladen wäre, das nicht wirklich schwer an sich selbst trüge. Schwer wie etwa die zyklopenhaften Bronzen. "Hölderlin" zum Beispiel ist ein Koloss, der beim Transport nach Paris eine Schleifspur hinterlassen haben muss, als habe ein Asteroid die Erde geschrammt. Aber wenn man ihm dann auf den kurzen Beinen sieht, dann ist der Schritt so leicht, als käme die monströse Figur vom Tanz und könne das Tanzen noch nicht ganz lassen. ... Es sind solche zarten Ausdrucksnuancen, die sich vielleicht erst jetzt im Rückblick auf das ausufernde Werk, zumal in der bedachten Auswahl der Pariser Schau, besser entdecken lassen." (Bild: Markus Lüpertz, Hölderlin. Foto: Galerie Til Breckner)

Die Zeit hat inzwischen auch ihr Gespräch mit Markus Lüpertz vom 16. April online nachgereicht.

Weitere Artikel: Die beiden antiken Riace-Bronzestatuen konnten als Darstellungen des athenischen Königs Erechtheus sowie Eumolpos identifiziert werden, schreibt Michael Siebler in einem online nachgereichten Artikel der FAZ. ZeitOnline bringt eine Strecke mit Fotografien von Art Kane. Und: Blade Runner Reality - ein tolles Instagram-Fotoblog, das sich auf der Suche nach ästhetischen Spuren von Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker in den urbanen Raum begibt. (via)

Besprochen werden eine Ausstellung zu Ehren des Sammlers und Mäzen Paul Durand-Ruel in London (Zeit), Pep Bonets in Köln ausgestellte Fotografien (taz) und die Eröffnungsausstellung "America Is Hard to See" im neuen Gebäude des New Yorker Whitney Museums (FAZ).
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