9punkt - Die Debattenrundschau

Bar hier in Bern

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.02.2015. Die SZ fragt: Warum hat Cornelius Gurlitt die Sammlung seines Vaters ausgerechnet dem Kunstmuseum Bern vermacht? The Verge feiert einen glanzvollen Sieg für die Netzneutralität. Die Welt ärgert sich über eine Ausstellung zu den Roten Khmer in der Akademie der Künste, weil sie eine historische Chance verspiele. Der Tagesspiegel staunt über das Frauenbild der Frauen der IS-Miliz. Venturebeat.com wundert sich, dass Google für Tweets bezahlt.

Gesellschaft

Grégor Brandy erzählt in Slate.fr die Geschichte der indischen Journalitin Shireen Dalvi, die eine Zeitung in Urdu geleitet hat und nun zusammen mit 15 anderen Redakteuren gefeuert wurde, weil sie eine Mohammed-Karikatur aus Charlie Hebdo veröffentlicht hat: "Seitdem lebt Dalvi, die bis dahin die einzige Chefredakteurin einer Zeitung in Urdu war, mit Todesdrohungen. Sie sieht ihre beiden Kinder nicht mehr und hat angefangen, Burqa zu tragen, wie sie auf News Laundry erzählt: "Ich habe nie Burqa getragen, aber jetzt habe ich das Gefähl es tun zu müssen. Einige Personen sagen, dass diese ganze Geschichte Gottes Strafe war, um mich zu zwingen, mein Gesicht zu verstecken."

Für den Abdruck einer Darstellung des Propheten Mohammed des Zeichners Mohammed Sabaneh hat sich die palästinensische Tageszeitung Al-Hajat al-Dschadida entschuldigt und die verantwortlichen Redakteure suspendiert, berichtet Inge Günther in der FR. "Viele Leser stellten sich allerdings auch auf die Seite des nun angefeindeten Karikaturisten aus einem Dorf bei Dschenin, der doch nur die Friedensbotschaft des Propheten verdeutlicht habe. Zumal er sonst mit scharfer Feder meist Israels Vorgehen in den besetzten Gebieten auf Korn nimmt. Sabaneh selbst betonte, es tue ihm leid, wenn er jemand verletzt habe. Ihm sei es schließlich darum gegangen, "den Islam gegenüber jenen, die ihn verzerrt darstellen, zu verteidigen und zwar mit den gleichen Mitteln: der Karikatur"."

"Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden in den kommenden 15 Jahren bis zu 86 Millionen Mädchen an ihren Genitalien verstümmelt", berichtet die FAZ unter Bezug auf einen Bericht der Stiftung Weltbevölkerung: "Nach Angaben des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen sind allein in Somalia 98 Prozent aller Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren beschnitten, in Guinea sind es 96 Prozent vor Ägypten (91), Mali (89), Sudan (88), Äthiopien (74), Liberia (66), Kenia und Nigeria (jeweils 27 Prozent). Viele der Frauen leiden ihr Leben lang unter dem Eingriff, der meist ohne Narkose und mit einfachen Hilfsmitteln wie Glasscherben oder Rasierklingen vorgenommen wird."
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Geschichte

"Wie ist die Akademie der Künste in Berlin auf den Hund gekommen!", ruft Alan Posener in der Welt. Anlass ist eine Ausstellung über die Roten Khmer, die es offenbar schafft, ganz und gar unpolitisch zu bleiben: "Das Schweigen und die Schuld zu thematisieren, auch die unsrige, die sich nicht beschränkt auf ein paar Maoisten, sondern die alle umfasst, die nicht sehen wollten, was der Kommunismus mit Kambodscha zu tun hatte; das wäre eine Herausforderung gewesen. Eine Herausforderung, der sich die Akademie der Künste entzogen hat."
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Kulturpolitik

Warum hat Cornelius Gurlitt die Sammlung seines Vaters ausgerechnet dem Kunstmuseum Bern vermacht? Nicht aus Liebe zur Stadt, meint Catrin Lorch in der SZ, sondern wegen prächtiger Geschäftsbeziehungen zum Berner Kunsthändler Eberhard W. Kornfeld, der die Verkäufe aus der Sammlung abwickelte. Lorch zitiert aus einem Brief Kornfelds aus dem Jahr 1970: ""Eine unkomplizierte, stille und direkte Abwicklung ist natürlich möglich (...). Die Auszahlung des Erlöses kann ohne Schwierigkeiten bar hier in Bern erfolgen." Im darauf folgenden Februar zeigt sich der Auktionator noch hilfsbereiter: "Aller Voraussicht nach halte ich mich am Montag, den 29. März, in München auf und möchte Sie bitten zu prüfen, ob ich eventuell dann zu Ihnen kommen kann. Eventuell für die Auktion bestimmte Blätter könnte ich bei dieser Gelegenheit persönlich mit nach Bern nehmen." Die Resultate dieses ersten Besuchs? Eine Liste mit sieben Einlieferungen zur Auktion 142 Moderne Kunst, die im Juni 1971 abgehalten wurde: Max Beckmanns "Holzfäller", ein Aquarell, das auf 50 000 Franken taxiert wird, dazu Werke von Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel."
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Urheberrecht

(Via Thomas Knüwer) Musiker beschweren sich seit einiger Zeit über Streamingdienste wie Spotify, die ihnen zu geringe Tantiemen auszahlen, nun zitiert Mike Masnick in Techdirt Berichte, wonach es die Labels sind, die Zahlungen der Dienste nicht an die Künstler weiterreichen (siehe die Techdirt-Grafik). "Statt ihre eigenen Labels (oder ihre eigenen Verträge) zu kritisieren, geißelten die Künstler Spotify und andere Streamingdienste... Und einer der Gründe, warum die Lables so wenig transparent waren, ist, dass sie den Großteil des Geldes behalten."


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Medien

Via Facebook und Twitter werden derzeit fiktive Todesanzeigen für kritische Journalisten veröffentlicht, gezeichnet mit "Nationaler Widerstand", meldet Christian Bommarius in der FR: "Betroffen sind Journalisten, die seit langem kontinuierlich über die Neonazi-Szene in Nordrhein-Westfalen berichten, mit besonderem Augenmerk auf Dortmund, wo vor drei Jahren die Kameradschaft "Nationaler Widerstand" verboten worden war. Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger erkennt darin Nazi-Methoden, mit denen Journalisten "gezielt eingeschüchtert werden" sollten."
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Internet

Seit über zehn Jahren wird in den USA darum gestritten, ob Internetdienste als "common carriers" (Netzbetreiber) oder "information service providers" (Informationsdienste) zu klassifizieren sind - ein kleiner Unterschied mit gravierenden Folgen, denn Netzbetreiber unterliegen strengen Regeln durch die Aufsichtsbehörde FCC, während Informationsdienste sehr viel mehr Spielraum haben. Der FCC-Vorsitzende Tom Wheeler gab nun bekannt, Internetdienste von Informationsdiensten zu Netzbetreibern umklassifizieren zu wollen, berichtet T.C. Sottek in The Verge: "Es ist ein glanzvoller Sieg für die Verfechter der Netzneutralität, die seit Jahren dafür kämpfen, das Internet unter den Schutz der für Netzbetreiber geltenden Regeln zu stellen - und es ist das erste Mal, dass die FCC das Rückgrat beweist, eine rote Linie zu ziehen gegenüber Konzernen wie Comcast, AT&T und Verizon, die sicherlich mit aller Macht gerichtlich dagegen vorgehen werden."

(Via Mediagazer) Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen Twitter und Medien, fragt Chris O"Brien in Venturebeat.com. Denn Google bezahlt nach einem neuen Deal Twitter, um Tweets in seine Suche aufnehmen zu können, während sich der Konzern bei Medien bekanntlich gegen Zahlungen wehrt. "Es gibt die Vermutung, dass Twitter mehr Affinität mit einem Tech-Giganten wie Google hat als etwas die New York Times. Dies könnte ein erster Schritt sein, der zum Kauf Twitters duch Google führt, falls die Einbettung gelingt. Aber bis jetzt hatte Twitter eine gewisse Macht gegenüber Google, weil es den Zugang zu den Tweets über seine API-Schnittstelle erschwerte. Die API-Schnittstelle und die Unmörlichkeit für Google, alle Tweets zu durchsuchen, schuf so etwas wie eine Paywall, die Google nun durch Zalhungen umgeht."
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Politik

"Das Frauenbild der Ungläubigen in Europa ist gescheitert", heißt es in einem Manifest der Al-Khansaa-Brigade, der Frauensektion des Islamischen Staats, das in englischer Übersetzung im Internet kursiert (hier das pdf; das arabische Original wurde mittlerweile entfernt). Im Tagesspiegel fasst Mohamed Amjahid das Dokument zusammen: "Nach theologischen Auslegungen von Koran-Suren und islamischen Texten, wird das Dokument sehr konkret. "Mädchen sind ab dem neunten Lebensjahr heiratsfähig", steht im Kapitel Heirat... Im Sittenkapitel schreiben die Dschihadistinnen, wie sie sich die ideale Gesellschaft vorstellen: "Frauen sollten sich verschleiern, nicht in der Öffentlichkeit auftreten." Sie geben auch Tipps für die Verschleierung und schreiben, dass "alle Frauen im Islamischen Staat sich gerne an diese Tipps halten"."
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