9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Baby, das geboren ist

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.02.2015. In der Welt beschreibt Serhij Zhadan, wie die Logik des Krieges ein ganzes Land ergreift. Das Schlimmste an der IS-Miliz ist, dass sie tatsächlich so etwas wie staatliche Strukturen entfaltet, meint Terrorexpertin Loretta Napoleoni in Telepolis. Im Guardian fragt Richard J. Evans, warum uns die Nazizeit bis heute in solcher Intensität beschäftigt. Im NYRBlog erzählt die Autorin Liu Yu, wie das Internet chinesischen Demokraten erlaubte, sich zu artikulieren, bis die Regierung es verbot.

Europa

Der ukrainische Autor Serhij Zhadan besucht für die Welt seine Heimatstadt Charkow und die unübersichtliche Front im Ukraine-Krieg und kehrt dann zurück nach Kiew: "Je weiter weg von der Front, desto hysterischer werden die Stimmen, desto intoleranter werden die Positionen, desto unverständlicher wird der Krieg, der irgendwo dort stattfindet, dort im Osten, in einer anderen Wirklichkeit, in einem anderen Raum, nicht mit uns, nicht hier. Aber dann siehst du in der Unterführung Menschen in Tarnuniform, die Geld für die Bedürfnisse der Soldaten sammeln, oder du erfährst von Freunden, dass ein gemeinsamer Bekannter bereits dort ist, an der Front, und dann begreifst du: Es gibt nur einen Raum, es gibt nur eine Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit ist von Krieg erfüllt..."

Weiteres: In der FAZ macht der Historiker Dmytro Tytarenko auf Probleme von Rentnern in den Kriegsgebieten aufmerksam, die keine Rentenzahlungen aus Kiew mehr bekommen.
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Politik

Das schlimste ist, dass die IS-Miliz es tatsächlich geschafft hat, so etwas wie staatliche Strukturen aufzubauen, meint die Terrorexpertin Loretta Napoleoni im Gespräch mit Matthias Becker von Telepolis: "Insgesamt scheint mir, als würde die Bevölkerung sich nicht gegen den IS auflehnen. Im Jahr 2007 rebellierten die Sunniten in der "Awakening-Bewegung" gegen die Dschihadisten und siegten, wenn auch mit Hilfe der US-Armee. Heute wollen die irakischen Stammesführer scheinbar nicht, dass von außen eingegriffen wird; sie sind gegen eine Intervention. Das liegt natürlich auch daran, dass die Regierung schiitisch ist. Wenn sie zwischen zwei Übeln wählen müssen, wählen sie das kleinere, und genau das scheint der Islamische Staat für diese Leute zu sein." Napoleoni rät in der Folge zu so etwas wie realpolitisch-diplomatischer Auseinandersetzung mit den Mordbuben.
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Ideen

Johan Schloemann porträtiert in der SZ den indisch-Londoner Autor Pankaj Mishra, der einen klaren Schuldigen für alles Elend dieser Welt gefunden hat: "Aber ist nicht "der Westen" eigentlich ein Gebilde von großer Diversität? Und war der liberale Universalismus nicht immer auch von vielen guten Motiven getragen? Das mag nicht nur so sein, Pankaj Mishra weiß es auch ziemlich genau. "Aber die kolonialen Untertanen", antwortet er, "sahen nun mal einen riesigen Stiefel, der auf sie herabging - sollte man wirklich von ihnen verlangen, die feinen Unterschiede zwischen den verschiedenen Teilen dieses Stiefels herauszuarbeiten?""
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Geschichte

Warum beschäftigt uns die Nazizeit bis heute in solcher Intensität, fragt der Historiker Richard J. Evans in einem langen Text im Guardian, der offenbar ein Vorabdruck aus einem neuen Buch ist. Eines seiner Argumente: "Der Nazismus und die Gesellschaft, die er schuf, die Welt des Dritten Reichs und die Leute, die daran lebten - all dies erscheint uns heute als ein moralisches Drama, in dem die Themen in einer Klarheit vor uns liegen, die wir in unserer moralisch komplexen, verwirrenden und kompromittierten Welt nicht mehr vorfinden."
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Gesellschaft

Spöttisch wendet sich Ozan Keskinkılıç im Tagesspiegel gegen antimuslimische Ressentiments: "Meine Feinde bezwinge ich mit dem mir angeborenen Sinn für Hass und Terrorismus. Hauptberuflich unterdrücke ich Frauen, nebenher führe ich das Scheinleben eines orientalischen Gemüse- und Blumenhändlers, der durch die von Al-Shabab Milizen gepflückten Rosen aus Kenia Brüder und Schwestern radikalisiert. Ich lache. Und zwar aufgrund solcher Fantasiefluten, die auch die Pegida-kritisierende Medienladenschaft so sehr überschwemmt. Und ich lache, weil ich offenbar all das sein kann, ohne etwas dafür tun zu müssen - einfach "anders"."

Marc Keller untersucht in der NZZ das Thema Sterbehilfe in der Literatur: "Es finden sich in den einzelnen Nationalliteraturen immer wieder Eigenheiten, die den jeweiligen gesellschaftlichen und historischen Bedingtheiten geschuldet sind: Die deutsche Gegenwartsliteratur kennt keine positiv besetzte Arztfigur, die dem Leidenden helfend die tötende Hand reicht - zu stark sind die nationalsozialistischen Euthanasie-Morde im kollektiven Gedächtnis präsent. In Frankreich hingegen, wo der Ruf nach der Legalisierung ärztlich begleiteter Sterbehilfe besonders laut ist, tritt in der Literatur wiederholt ein zur Erlöserfigur stilisierter Mediziner auf."
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Religion

Mohamed Abdel Azim belegt in der französischen Huffpo, dass Mohammed-Abbildungen über Jahrhunderte in der arabischen und muslimischen Welt üblich waren: "Die Brüder Kouachi hätten vor ihrem barbarischen Akt nur einen Ausflug in den Louvre machen müssen. Dort hätten sie drei herrliche Seiten eines Manuskripts aus dem 9. Jahrhundert gefunden, die Mohammed zeigen, wie er durch Gabriel die Offenbarung erhält, deren erstes Wort lautet: "Lies"."
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Internet

Das Internet hat es chinesischen Demokraten erlaubt sich zu artikulieren - bis die chinesische Regierung lernte, das Internet zu zensieren, erzählt die Bloggerin Liu Yu im Interview mit Ian Johnson im NYRBlog: "Wegen dieser immer mächtigeren und omnipräsenten Maschinerie finden sie heute nur mehr begrenzten Raum, um sich zu entfalten. Aber ich glaube nicht, das der "Internet-Frühling" gescheitert ist. Es gibt einen Unterschied zwischen überhaupt nicht existenten liberalen Stimmen und liberalen Stimmen, die wenig Raum haben, sich zu äußern. Diese Stimmen sind im Moment nur verstummt. Aber man kann ein Baby, das geboren ist, nicht zurück in den Mutterbauch schieben."

Endlich hat die FAZ mit Jürgen Kaube einen Herausgeber, der intelligent genug ist zu benennen, wie "Dummheit blüht" - so der Titel seines Leitartikels auf Seite 1 dieser Zeitung. Schuld ist im wesentlichen das Internet: "Was vor kurzem noch im Rauch über den Stammtischen sich mitauflöste, steht jetzt im Netz. Jeder Blödsinn wird inzwischen verschriftlicht und findet auf diesem Weg eine Fachgemeinschaft von Mitdummköpfen."
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Stichwörter: Internet, China