Efeu - Die Kulturrundschau

Präkarnevaleskes Gaudium

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06.02.2015. Intellektuell eher simpel fanden die Filmkritiker Isabel Coixets Berlinale-Eröffnungsfilm "Nobody wants the Night". Die FAZ schert es nicht, solange Juliette Binoche dabei ist. Der Guardian sah insgesamt noch nie so zahnlose Filme wie in diesem Jahr. Die taz fragt: Warum schreiben Frauen keine Essays? Die FR lässt sich von Franco Moretti erklären, was Distant Reading ist. Flüchtlinge machen das beste Theater über Flüchtlinge, lernt die NZZ in Amsterdam.

Film


Zärtlichkeit und Wahrheit: Juliette Binoche in "Nobody wants the Night" Bild: Berlinale.

Startschuss am Potsdamer Platz, die Berlinale kommt ins Rollen. Wir präsentieren eine kleine Auslese: Isabel Coixets Eröffnungsfilm "Nobody wants the Night" über eine Frau, die ihrem Mann an den Nordpol folgt, um dort dessen Geliebte zu treffen, hat die Kritik gleich schon mal wenig mitgerissen. "Führt der Weg ins große Budget automatisch in die geistige Armut?", fragt sich Harald Jähner in der Berliner Zeitung bass erstaunt, hatte er von der namhaften Regisseurin nach Filmen wie "Mein Leben ohne mich" doch deutlich mehr erwartet. "Intellektuell furchtbar simpel gestrickt" und "an Verlogenheit nicht mehr zu überbieten", ärgert sich Elmar Krekeler in der Welt. Auch David Hudson (KeyFrame Daily) fragt sich ernsthaft, wie die Auswahlkommission nun ausgerechnet diesen "Reinfall" an den Beginn setzen konnte (außerdem hat er Walter Salles" Dokumentarfilm "Jia Zhangke, A Guy from Fenyang" gesehen). Diedrich Diederichsen (taz) hat sich "eher gelangweilt." Alles schön und gut und stimmt ja auch, meint Dietmar Dath (FAZ), aber man könne ja schon auch mal zur Kenntnis nehmen, was dieser Film alles mit der von Juliette Binoche verkörperten Hauptfigur anstellt: Das Festival hätte auch "bessere Filme auswählen können, die weitaus weniger interessant gewesen wären." Auch Filmlöwin Sophie Charlotte Rieger hält den Film zwar für "kein Meisterwerk (...), doch in der Begegnung der beiden Frauen in der Wildnis, weitab von allen (männlichen) Regeln der Zivilisation, liegt sowohl große Zärtlichkeit als auch Wahrheit".

Weitere Berlinale-Artikel: Lukas Foerster schreibt im Freitag über die Technicolor-Retro und in der taz über die Native!-Reihe. Felix Zwinzscher besucht für die Welt den Serverraum der Berlinale. Matthias Dell besucht und porträtiert für die taz den Filmemacher Jürgen Böttcher, dessen in den Sechzigern entstandenen DEFA-Dokumentarfilm "Jahrgang 45" die Berlinale digital restauriert zeigt. Alle weiteren heutigen taz-Artikel zur Berlinale gibt es hier. Außerdem schickt Cargo wieder über den Tag verteilt SMS vom Festival. Un für den schnellen Überblick finden Sie hier den Kritikerinnen-Spiegel von critic.de, wo auch einige der Perlentaucher-Kritiker Sternchen verteilen.

Die weiteren Berlinale-Schwerpunkte: Filmgazette, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, FAZ, SZ, kino-zeit.de. Und der Perlentaucher ist selbstverständlich auch vor Ort.

Außerdem: Im Guardian blickt David Cox stirnrunzelnd auf die bei der Bafta, dem britischen Oscar, ausgezeichneten Filme und findet, dass Kino noch nie so zahnlos war. Clint Eastwoods in den USA gerade mächtig an den Kassen abräumendes Kriegsveteranen-Drama "American Sniper" ist der erste Film zum Thema Irakkrieg, auf den sich Republikaner und Demokraten gleichermaßen einigen können, schreibt Nicolas Richter in der SZ. Für die FAZ hat sich Nina Rehfeld mit den Wachowski-Geschwistern getroffen, deren Science-Fiction-Film "Jupiter Ascending" gerade angelaufen ist.
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Musik

Anlässlich des neuen Albums der zwar vom Verfassungschutz beobachteten, aber eigentlich sehr knuffigen Punkband Feine Sahne Fischfilet ulkt sich Jens Uthoff (taz) eins und ersinnt eine Besprechung durch den Staatsschutz. Jan Wiele (FAZ) geht Teetrinken mit Father John Misty.

Besprochen werden das erste Konzert von Eberhard Weber nach dessen Schlaganfall vor sieben Jahren (Zeit), das Berliner Queen-Konzert (Berliner Zeitung) und ein Paganini-Konzert von Nemanja Radulović in München (SZ).
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Stichwörter: Father John Misty

Kunst

Besprochen werden die Ausstellung "Das Wunder in der Schuheinlegesohle" mit Werken aus der Prinzhorn-Sammlung in der Berliner Nationalgalerie (NZZ), die Ausstellung über "Die Roten Khmer und die Folgen" in der Berliner Akademie der Künste (Welt) und Ulrich Pfisterers Studie "Kunst-Geburten" über die Kunst der Renaissance (Zeit).
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Archiv: Kunst
Stichwörter: Akademie der Künste

Literatur

Sehr ärgerlich findet es Tania Martini in der taz, dass in der Shortlist des Leipziger Buchpreises in der Kategorie Essay/Sachbuch keine Frau auftaucht. Das Problem rührt von weiter her, wie sie beim Durchblättern der Verlagsangebote feststellt: Essayistik ist dort klar ein "männliches Genre". Die Frauen zu mehr Textproduktion zu ermuntern, hält sie nur für halb angebracht: Dieser "metatherapeutische Appell taugt höchstens, um Strukturen zu leugnen, und vielleicht ist es gar so, wie Schopenhauer sagte, und der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will."

Lesen, ohne zu lesen - das ist das Konzept des maschinenbasierten "Distant Reading", mit dem der Literaturwissenschaftler Franco Moretti weite Textkorpora nach Worthäufigkeiten auswerten lässt. Im FR-Gespräch erklärt er Arno Widmann das genauer: "Wenn ich im Modus des Distant Reading schreibe, dann vermisse ich meine kritische Seite. Aber ich weiß auch, dass ich dann mehr entdecke. Meine Augen sind klarer. Ich habe keine Vorstellung davon, worauf der Text hinausläuft. ... Distant Reading liefert Material für die Analyse. Distant Reading ist eine Technik, die es mir erlaubt, auf neue Fragen zu stoßen. Es ist keine Interpretationstechnik."

Weiteres: Mit Apps wie "80 Days" entdeckt die Literatur die mobilen Endgeräten, berichtet Jan Bojaryn in der SZ. Besprochen werden Jan Wagners Gedichtband "Regentonnenvariationen" (FAZ), Tom Drurys "Das stille Land" (SZ), Eliot Schrefers "Dunkelrote Erde" (SZ) und Lydia Davis" "Kanns nicht und wills nicht" (FAZ). Mehr in unserer aktuellen Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne



Für einen kurzen Moment bekam NZZ-Kritiker Peter Michalzik eine Ahnung, wie man als Asylbewerber in Europa behandelt wird - als er die Uraufführung von "Labyrinth", einem Stück der von Asylsuchenden gegründeten Theatergruppe "We are here" in Amsterdam besuchte: "Den Anfang machen eine Leibesvisitation und die Erfahrung, dass alle Plätze bereits reserviert sind. Die andern Rollen, Behörden, Anwälte, Übersetzer, Botschafter und Labyrinthpersonal, spielen die Flüchtlinge. Obwohl die Aufführung einfach und schlicht ist, obwohl man sich gut vorstellen kann, wie sie eindrücklicher und erschütternder werden könnte, ist sie von kaum zu widerlegender Triftigkeit und Stimmigkeit. Das Theater, bisher gegenüber dem Thema Flüchtlinge eher etwas hilflos, verdankt der Gruppe "We are here" sozusagen eine Aufführung, die das Thema Flüchtlinge ohne Missbrauch der Betroffenen und ohne falsche Einfühlung auf die Bühne bringt."

Sehr interessant findet Thomas Irmer im Freitag die Zusammenstellung der zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen: Diese belege "eine politische Wachheit des Theaters wie lange nicht. ... Das ist kein Jahrgang für Champagnertheater und Stars."

Besprochen werden die Uraufführung von Marianna Salzmanns Stück "Wir Zöpfe" am Maxim Gorki (ziemlich fad, bedauert Dirk Pilz in der FR) und Nolte Decars "Der Volkshai" am Theater Bonn (ein "präkarnevaleskes Gaudium", meint Martin Krumbholz in der SZ).
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