Efeu - Die Kulturrundschau

Edelstes Krasstheater

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19.11.2014. Der Standard untersucht die Lage der Selfpublisher und stellt fest: Sie sind die Pariah auf dem Buchmarkt. Ein Zürcher Dokutheater über Prostitution lässt die Theaterkritiker zwischen Lust und Frust hängen. Die taz sieht zeitgenössischen Tanz aus Afrika. In der Spex hofft Wolfgang Joop, dass wir wieder Hunger auf Luxus und Übertreibung bekommen. Die NZZ steht irritiert vor einer Muschel von Max Beckmann. Das Van-Magazin reist mit der Violinistin Patricia Kopatchinskaja auf einem imaginären Luftschiff Ligetis.

Literatur

Saskia Jungnikl (Standard) untersucht die Lage der Selfpublisher auf dem Buchmarkt und stellt fest, dass sie weder staatliche Unterstützung bekommen (wie die Verlage) noch vom Verband deutscher Schriftsteller akzeptiert werden: "Sie sind zwar in der digitalen Welt erfolgreich, verkaufen hunderttausende Bücher, scheinen aber noch immer nicht in den gängigen Bestsellerlisten auf und stehen auf Buchmessen am Rand. Bei der diesjährigen Wiener Buchmesse Buch Wien gibt es keinen eigenen Stand für sogenannte Indie-Autoren, man wird lediglich an den Stand der Frankfurter Verlagsgruppe verwiesen - die würden schon E-Books drucken, allerdings nur, wenn der Autor für die Exemplare bezahlt. Indie-Autoren haben keine Lobby. In Deutschland dürfen sie dem Verband deutscher Schriftsteller nicht beitreten, also wird sich an der Lobby so schnell auch nichts ändern."

Weitere Artikel: Harald Jähner (Berliner Zeitung) war bei einer Lesung von Herta Müller, von der auch Gerrit Bartels im Tagesspiegel berichtet. Außerdem bei Nerdcore aufgeschnappt: Unter dem Label Terraform veröffentlicht das Vice Magazine künftig Science-Fiction-Kurzgeschichten im Netz. Hier das Editorial und hier eine Story von Cory Doctorow.

Besprochen werden Norbert Niemanns "Die Einzigen" (Zeit), Ilse Kienzles "Die Frau des Journalisten" (SZ), Isaak Babels gesammelte Erzählungen "Mein Taubenschlag" (FAZ) und Benjamin Leberts "Mitternachtsweg" (SZ).
Archiv: Literatur

Bühne


"Hotel Lucky Hole" © T+T Fotografie / Tanja Dorendorf

Das Schauspielhaus Zürich gibt mit Kornél Mundruczós und Kata Wébers "Hotel Lucky Hole" ein im Milieu recherchiertes Stück über Prostitution, das sein Publikum nicht schont, wenn man Christoph Fellmann von Nachtkritik.de glauben darf: "Die Gewalt- und Sexdarstellungen sind explizit, mehr noch: edelstes Krasstheater." Den Plot hält er dennoch für albern und "bei allem geschäftigen Brutalismus [hat er] auch etwas harmlos Anekdotisches. ... Anna und Elena stehen in ihrer Schemenhaftigkeit auch vor dem Publikum wie Prostituierte am Straßenrand. Nur, sie geben uns nicht ihren Körper, und auch nicht ihre Geschichte. Sie geben uns ihren abgegriffenen Schundroman."

Deutlich amüsierter, wenn auch mit Einschränkungen, verließ Simone Meier von der SZ das Haus: Sie sah "ein weitgehend lustiges Lustspiel. ... Eine Weile wird man so hin- und hergeschubst zwischen Lust und Frust und deplatzierten Operetten-Einsprengseln. Und dann wähnt man sich in diesem Faserland einer Inszenierung wieder mitten in einem alten, moralisch verstaubten Brecht".


Bild: Afro-dites / Kaddu Jigeen! Germaine Acogny & Patrick Acogny / Company Jant-Bi Jigeen (Senegal)

In der taz berichtet Renate Klett vom Tanzfestival "Africtions", das in Ludwigshafen, Bremen und Bielefeld zeitgenössischen Tanz aus Afrika präsentierte. Bei "Coup Fatal" gefiel der Kritikerin vor allem, wie her der "fantastische kongolesische Countertenor Serge Kakudji und 13 virtuose Musiker aus Kinshasa die europäische Barockmusik afrikanisch unterwandern. ... Nicht Europa vereinnahmt die afrikanische Kunst, sondern Künstler aus Kinshasa eignen sich die europäische an. Das Ergebnis ist umwerfend, und es verbreitet so viel Lebensfreude und Kraft, Traurigkeit und Übermut, wie man sie trotz allen Elends jeden Tag auf den Straßen Kinshasas erlebt, aber nur selten in den reichen Theatern Europas."

Außerdem: Für die Nachtkritik liest Wolfgang Behrens aktuelle Theatermagazine. Melanie Suchy unterhält sich in der Welt mit Ballettdirektor Martin Schläpfer.

Besprochen werden Bizets "Pêcheurs de perles" im Theater an der Wien (Presse, Standard), Hans Neuenfels" Inszenierung von Puccinis "Manon Lescaut" in München (Standard), Thorleifur Örn Arnarssons "Peer Gynt"-Inszenierung am Staatstheater Wiesbaden (FR), Mussorgskys "Chowanschtschina" an der Wiener Staatsoper ("eine konzertante Aufführung mit netten Bildern und einigen kuriosen Zugaben", die lange nicht an die "Chowanschtschina" in Antwerpen heranreicht, meint Peter Hagmann in der NZZ, im Standard ist auch Stefan Ender mit der Regie nicht zufrieden) und eine am English Theater Frankfurt aufgeführte Musical-Fassung von "Ghost - Nachricht von Sam" ("unterhaltsam und flink, traurig und lustig, ein bisschen märchenhaft", meint Sylvia Staude in der FR).
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Film

Für das CulturMag berichtet Wolfram Schütte vom Internationalen Filmfestival in Mannheim und Heidelberg. In der SZ schreibt Fritz Göttler den Nachruf auf den japanischen Schauspieler Ken Takakura.

Besprochen werden Jon Stewarts Regiedebüt "Rosewater" (Presse), der dritte Teil der "Tribute von Panem"-Reihe (Berliner Zeitung, kritiken.de, Presse, Standard) und Ruben Östlunds Ehekrisen-Drama "Höhere Gewalt" (taz, FAZ).
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Archiv: Film

Design

In der Berliner Zeitung gratuliert Tanja Branes Wolfgang Joop zum 70. Geburtstag. In der Spex unterhält sich sich Jacqueline Krause-Blouin in aller Ausführlichkeit mit dem Modedesigner, der früheren Exzessen in der Mode nachtrauert: "Der Minimalismus funktioniert nur in einer Zeit der sozialen Zufriedenheit. In Zeiten der Krise, nach dem Ersten Weltkrieg etwa, explodierte die Fashion. ... Aber immer wieder gibt es auch einen Zeitpunkt, an dem eine bestimmte Gruppe von Menschen diesen Hunger auf Luxus hat. In den Neunzigern war es in Deutschland wieder so weit, das war die Zeit der Postmoderne und man war nicht mehr so protestantisch. Die Übertreibung machte uns allen endlich mal wieder Spaß! Leider träumen wir nur noch von den eighties!"
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Architektur

Ganz und gar hervorragend findet Niklas Maak (FAZ) die von Vera Simone Bader im Architekturmuseum München kuratierte Ausstellung zum Schaffen von Lina Bo Bardi, die er vor allem auch für ihre wechselseitige Durchdringung von Innen- und Außenräumen feiert. Bader gelingt es mit ihrer Schau, "die leichte, improvisierte, spielerisch-rohe Atmosphäre von Bo Bardis Bauen und Denken in einer überraschenden Ausstellungsarchitektur zu vergegenwärtigen. Die Informationen sind handschriftlich auf rohe Ytonwände geschrieben, was auch eine Hommage an Bo Bardis Eigenart ist, nicht vom Büro aus Befehle an die Bauarbeiter durchzugeben, sondern auf dem Bau mit ihnen zu diskutieren, spontan Pläne über den Haufen zu werfen und so jenseits aller klassischen Planungsprozesse zu neuen Bauformen zu kommen." Zuvor hatte bereits Laura Weißmüller von der SZ die Ausstellung besprochen. (Bild: Casa de Vidro São Paulo | Mit Lina Bo Bardi 1949-1951 © Arquivo ILBPMB, Foto: Francisco Albuquerque, 1951)

Weiteres: Marc Zitzmann (NZZ) ist traurig: Der Pariser Stadtrat hat Herzog & de Meurons geplanten Tour Triangle begraben. Wojciech Czaja (Standard) besucht in Warschau das neue Museum zur Geschichte der polnischen Juden.
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Musik

Auf VAN assoziiert sich die Violinistin Patricia Kopatchinskaja mit Ligetis "Konzert für Violine und Orchester" in ein "imaginäres Luftschiff. ... Das Luftschiff ist surrealistisch, bevölkert mit den skurrilsten Bestandteilen der Musikgeschichte und der Weltmusik." Hier spielt sie das Stück:


Weitere Artikel: In Berlin präsentierte sich die Liedermeisterklasse von Dietrich Henschel, berichtet eine mit den dargebotenen Leistungen sehr zufriedene Christiane Tewinkel im Tagesspiegel. Juliane Streich freut sich in der taz auf das heutige Berliner Konzert von Peter Walker. In der Berliner Zeitung spricht Maurice Summen mit James Last. Außerdem erfahren wir von Clemens Schnur in der Berliner Zeitung, dass Disco-Großmeister Giorgio Moroder ein neues Album ankündigt. Das Video zum ersten Track kann man sich hier ansehen.

Besprochen werden das neue Album von Ariel Pink (Pitchfork), ein Film zur großen, weltweit tourenden David-Bowie-Ausstellung (Tagesspiegel, Welt), ein von Paarvo Järvi dirigiertes Konzert der Staatskapelle Berlin (Tagesspiegel) und der Münchner Auftritt des Pianisten Igor Levit (SZ).
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Kunst

Eine große Muschel aus der Karibik ist auf vier Stilleben Max Beckmanns zu sehen, die derzeit in der Hamburger Kunsthalle gezeigt werden, notiert Petra Kipphoff in der NZZ: "Die Öffnung der Muschel, auf den Bildern ein breiter, rosafarbener oder knallroter Spalt, ist eine unmissverständliche erotische Anspielung. In dem "Stillleben mit Fisch und Muschel" scheint der kleine, blausilbrige Fisch die Gefahr, in der er sich befindet, nicht zu ahnen, er sieht nicht den großen, gierigen Muschelmund, der sich hinter ihm auftut. Spätestens hier wird drastisch deutlich, was auch die gelegentlich ruppige, fast brutale Präsenz der Gegenstände signalisiert: dass Max Beckmanns Stillleben Bilder der Irritation und Kollision sind und nicht der Meditation oder Melancholie." (Bild: Max Beckmann (1884-1950), Stillleben mit Fisch und Muschel, 1942)

Die Ausstellung von Gottfried Lindauers Maori-Gemälden in der Alten Nationalgalerie (mehr) wurde durch eine Gesandtschaft der Maori weihevoll zum Sonnenaufgang eröffnet, berichtet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Auch die gezeigten Bilder machen tiefen Eindruck auf sie, macht doch "Lindauers kunstvolle Lichtregie die Maori nicht zu Statisten, sondern zu Akteuren einer globalen Geschichte, die eben nicht bloß von Europäern geschrieben wurde. Und so sind die goldgerahmten Bildnisse das Gegenteil von kolonialistisch oder exotisch. Sie verlangen für das Andersartige, Spiritistische eine neue Lesart: nämlich die der Kunst."

Weiteres: In der NZZ mokiert sich Joachim Güntner über die Modequalifikation des Kuratierens. Wolfgang Büscher macht für die Welt einen Rundgang in New York durch Ausstellungen der "Meister Matisse, El Greco und Neo Rauch". Anne Katrin Fessler annonciert im Standard die Vienna Art Week. ZeitOnline bringt eine Strecke mit Fotos der Ausstellung "Mein Kamerad - Die Diva" im Schwulen Museum Berlin. In der FAZ trauert Freddy Langer um den Fotografen Lucien Clergue.

Besprochen werden die Gerhard-Richter-Ausstellung des Neuen Museums in Nürnberg (eine "seltene Gelegenheit, das Œuvre des wohl wichtigsten lebenden Künstlers komplett nachzuvollziehen", freut sich Catrin Lorch in der SZ), die zwischen bildender Kunst und Musik vermittelnde Ausstellung "With Small Words" in der Kunsthalle Exnergasse in Wien (Standard), und die Ausstellung "West:Berlin" im Stadtmuseum Berlin, die mittels abgesonderter Themenräume den falschen Eindruck verhindert, dass es ein einig West-Berlin gab, so Jens Bisky in der SZ: "Auch West-Berlin war polyzentrisch, jeder Kiez ein eigenes Reich, jedes Milieu auf die Kultivierung kleiner Unterschiede erpicht".
Archiv: Kunst