Efeu - Die Kulturrundschau

Kalter Alt

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03.11.2014. Die Welt hält die Präsentation der Sammlung Gurlitt in der Schweiz für die ideale Gelegenheit, sich einmal der eigenen Geschichte in Sachen Kunstraub zu stellen. Der Standard staunt, wie Michael O'Connor Surrealismus und Kognitionswissenschaft in einer Choreografie zusammenbringt. Theater über den Ersten Weltkrieg kommt gut ohne Geschichtsrealität aus, notiert die taz. Die Berliner Zeitung hört Post-R'n'B von Kelela. Huffpo.fr hat schon einen klaren Favoriten für den Prix Goncourt: Kamel Daouds Camus-Fortschreibung "'Meursault, contre-enquête".

Kunst

Ausgesprochen heuchlerisch findet Barbara Möller den Umgang der Schweizer mit dem Gurlitt-Geschenk. Offenbar will man die Kunstsammlung und die Liegenschaften gern annehmen, vorausgesetzt, Deutschland übernimmt die kostspielige Provenienzforschung: "Anlass zur Selbstkritik sieht man in der Schweiz nicht. Obwohl die Übernahme der Gurlitt-Sammlung ein guter Anlass wäre, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, schließlich war die Schweiz seit dem Ende der Dreißigerjahre Umschlagplatz für die "entartete Kunst", die aus deutschen Museen verbannt und von den Nazis konfisziert wurde."

Unterdessen warnt der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder das Kunstmuseum Bern vor einer Prozesslawine, sollte es die Sammlung Gurlitt annehmen, meldet der Standard. Ebenfalls im Standard berichtet Olga Kronsteiner über die Versteigerung von Werken der Sammlung Grünbaum, obwohl sie offenbar keine Raubkunst sind und dem Museum Leopold zustehen.


Boris Spornikov: Springtime, 1976. Wendemuseum

Weitere Artikel: In Justin Jampols Wende-Museum im kalifornischen Culver City staunen die kalifornischen Besucher über die Buntheit und Modernität der DDR, während Peter Richter (SZ) angesichts der schieren Masse von zusammengetragenen Artefakten die Augen übergehen: "Womöglich kommt nicht einmal in Deutschland irgendwo noch dermaßen viel DDR auf einen Haufen zusammen." Jürgen Tietz betrachtet für die NZZ Lübecks wieder aufgebautes Gründungsviertel.

Besprochen wird die Pissaro-Ausstellung im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal (SZ).
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Literatur

Am Mitwoch wird in Frankreich der bekannteste Literaturpreis bekanntgegeben, der Prix Goncourt. Sara Taleb setzt in huffpo.fr alle Karten auf einen Roman des Algeriers Kamel Daoud: "Mit "Meursault, contre-enquête" reagiert Daoud auf eine Kritik an Camus" "Der Fremde": Das Fehlen der Namen und der Identität der arabischen Romanfiguren. In seinem Roman zieht Daoud "den Araber", das Opfer des Roman-Ichs Meursault, aus der Anonymität, indem er ihm einen Namen, Moussa, und eine Familie gibt, zumal einen Bruder, den Erzähler seines Romans."

Sébastien Paré bespricht in Slate.fr Olivier Larizzas Studie "Les écrivains et l"argent" und hält zunächst einmal fest, dass Schreiben eine lange Zeit ausschließlich ein Vergnügen für reiche Leute war. Weil bis nach der Französischen Revolution das Papier so teuer war! "Wegen der Kosten für das Papier auf Textilbasis hieß es, dass man "sich schlägt wie die Lumpensammler". Aus Lumpen gefertigt, zu hohen Preisen weiterverkauft, galt die Schreibunterlage bis zur Erfindung des Papiers aus Holz als Luxuszeitvertreib. Parallel dazu machte billigere Tinte den Aufstieg der Presse möglich."

In der Presse denkt Anne-Catherine Simon darüber nach, ob Urs Mannharts Roman "Bergsteigen im Flachland" nun eine Hommage an die Reportagen des klagenden Reporters Thomas Steinhövel ist oder ein Plagiat. Mannhardt selbst ""war der Meinung, dass ich als Künstler Dinge, die ich in der realen Welt vorfinde, die mich beschäftigen, mich sogar berühren, frei weiterverarbeiten dürfe", sagt er. Naiv? Unglaublich - aber glaubwürdig."

Weitere Artikel: Thomas Hettche wird für seinen Roman "Die Pfaueninsel" mit dem Raabepreis ausgezeichnet, meldet die Presse. In der NZZ stellt Aldo Keel den 1940 verstorbenen isländischen Dichter und Financier Einar Benediktsson vor. Nach der Auszeichnung mit dem Nobelpreis ist Patrick Modiano zum Bestseller geworden, berichtet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Die FAZ bringt Ruth Klügers Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Brüder-Grimm-Preis, dessen Namensgeber sie als "Alchemisten der Germanistik" würdigt, und einen Vorabdruck eines bislang unbekannten Briefs von Hans Henny Jahnn, in dem er seine Eindrücke von einer Reise durchs Nachkriegsdeutschland des Jahres 1946 schildert. In der FR erinnert Arno Widmann an den vor 100 Jahren gestorbenen Georg Trakl. Außerdem hat die SZ nun auch Lutz Seilers Hommage an Trakl online gestellt.

Besprochen werden André Kubiczeks "Das fabelhafte Jahr der Anarchie" (Tagesspiegel), Christoph Biermanns "Wenn wir vom Fußball träumen" (Jungle World) und Jean-Jacques Sempés "Sturmböen und Windstille" (SZ).
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Film


Elisabeth Moss, Jason Schwartzman in "Listen up Philip"

Im Standard erzählt Regisseur Alex Ross Perry, warum sein neuer Film "Listen Up Philip" über einen ehrgeizigen jungen Autor in New York mittendrin die Perspektive wechselt: "Dieser New-York-Film fand erst seinen Kern, als ich "The Recognitions" (dt. Die Fälschung der Welt) von William Gaddis las. Der zentrale Protagonist ist ein Maler, der ungefähr auf Seite 250 verschwindet und erst auf Seite 900 wieder auftaucht. Der Rest des Buches erzählt von den Konsequenzen, die das auf seine Community in New York hat. Als ich das Buch 2011 las, fühlte es sich trotz seines Alters so gegenwärtig an. Was für eine brillante Idee, die Perspektive derart zu verschieben! Es ist allerdings völlig ungewöhnlich für einen Film, weil es diese Versuchung gibt, etwas dazwischenzuschneiden, und wenn es nur eine einzige Szene ist."

Weitere Artikel: Christopher Nolans neuer Film "Interstellar" ist zwar eine virtuose Hommage an Stanley Kubricks "2001", doch leider nicht das "Opus Magnum", das der Regisseur beabsichtigt habe, meint Sebastian Handke im Tagesspiegel. Im Interview mit der Presse plaudert Diane Keaton über ihren neuen Film "Das grenzt an Liebe" und über ihre Schauspielkollegen. Julia Dettke besuchte für den Tagesspiegel das Dokumentarfilmfestival in Leipzig, wo auch Hans-Jörg Rother von der FAZ war und "eine breite Spur der sozialen Verelendung" beobachtete. In der SZ porträtiert Anke Sterneborg die beiden neuseeländischen Comedians Taika Waititi und Jermaine Clement, deren Vampirkomödie "5 Zimmer Küche Sarg" gerade im Kino zu sehen ist.
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Archiv: Film

Musik

Für den entzückten Jens Balzer (Berliner Zeitung) steht spätestens nach dem Konzert im Berghain fest: Der Post-R"n"B der Sängerin Kelela gehört zum Aufregendsten, was sich dieses Jahr entdecken lässt. "Gegen eisig klirrendes, metallenes Klackern kündet sie von Sehnsucht, Lust, Schmerz und Verführung. Aus dominant lockendem Gurren in kaltem Alt steigt sie umstandslos in heiß-hohes Hauchen hinauf. ... Es ist das Drama eines Ichs, das sich in stetem Kampf gegen das eigene Fremdsein befindet - und dabei zugleich zu begreifen beginnt, dass es am fremdesten immer noch sich selber ist." Hier ein Ausschnitt aus ihrem Auftritt beim Pitchfork Music Festival.



Außerdem befragt Jens Balzer Blixa Bargeld über das neue Neubauten-Konzeptalbum "Lament", das sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. In der Jungle World stellt Holger Pauler das Kölner Jazzprojekt Klaeng-Kollektiv vor. Für die Berliner Zeitung hat Maurice Summen Konzerte des Jazzfests Berlin besucht. Die von Sony veröffentlichte, satte 67 CDs umfassende Sammlung von Pierre Boulezs für Columbia entstandene Aufnahmen bringt manche Rarität und unerwartete Überraschung ans Tageslicht, freut sich Olaf Wilhelmer in der FAZ.

Besprochen werden eine Aufführung von Georg Friedrich Haas" "in vain" beim Collegium Novum Zürich (NZZ), ein Boulez- und Schubert-Konzert mit den Wiener Philharmonikern und Daniel Barenboim (Standard), das neue Album von Weyes Blood (ZeitOnline) und ein Konzert von Udo Jürgens (FAZ, FR).
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Bühne


"Moving Around X": Karin Pauer und Choreograf Michael O"Connor. Foto: Georg Scheu


Helmut Ploebst sah in Wien für den Standard neue Choreografien von Alessandro Sciarroni und Michael O"Connor. Letzterer untersucht, "mit welchem philosophischem Rüstzeug die Navigation durch komplexe kulturelle Umwelten möglich wird. ... In "Moving Around X" verknüpft O"Connor Bezüge zum Surrealismus, zum Situationismus (worauf bereits der Begriff "Psychogeografie" im Untertitel verweist) mit Ideen aus der Kognitionswissenschaft, etwa von Mark Johnson. Im Zeichenreichtum des Performanceraums - einer kulturell definierten Zeit und ihrer sozialen Körper - steuern ein Mann und eine Frau eine Komposition aus symbolischen Handlungen."

Simone Kaempf hat für die taz diverse Adaptionen von Erich Remarques "Im Westen nichts Neues", darunter Luk Percevals "Front" am Thalia in Hamburg, besucht und dabei beobachtet, welches Verhältnis das deutsche Theater zum Ersten Weltkrieg sucht. Ihr Fazit: "Die Theaterbilder [lösen sich] von der Geschichtsrealität. Zeitlose Figuren stehen dort, die desillusioniert und bar aller patriotischen Gefühle kämpfen, um zu überleben. Das ist der Blick in einen Nahbereich, der allgemein gültigere Bezüge möglich macht und Krieg nicht historisch erzählt. Und auch eine abstrakte Körperlichmachung von Krieg im Dauergewitter der Klangcollage oder im rutschenden Farbmatsch."

Außerdem: Friederike Felbeck (Nachtkritik) berichtet vom Festival Favoriten in Dortmund. Im Tagesspiegel porträtiert Patrick Wildermann den Schauspieler Moritz Gottwald aus dem Ensemble der Schaubühne Berlin.

Besprochen werden die von Navid Kermanis Reiseberichten inspirierte Performance "Ausnahmezustand oder sechs Versuche in der Kunst der Gastfreundschaft" in der Vierten Welt in Berlin (taz), ein Buch über den Schauspieler Gert Voss (FR), Doris Ulrichs Tanzperformance "Universal Dancer" im Frankfurter Mousonturm (FR), Johanna Wehners Inszenierung von Tim Carlsons "Allwissen" am Theater Konstanz (Nachtkritik), Dvoraks "Rusalka" im Stadttheater Biel (NZZ), Bert Mottls Inszenierung von Leonard Bernsteins "Candide" am Staatstheater Wiesbaden (FR), ein Basler "Arturo Ui", inszeniert von Robert Gerloff (NZZ), Wagners "Siegfried" am Landestheater Linz (Presse), ein Liederabend mit Matthias Goerne, Schumanns "Dicherliebe" und "Kerner-Liedern" im Wiener Konzerthaus (Pressse), Manfred Trojahns Musiktheater "Orest", gespielt von der Neuen Oper Wien im Museumsquartier (Standard), Leander Haußmanns Inszenierung von Büchners "Woyzeck" am Berliner Ensemble (Standard) und ein von Vera Nemirova inszenierter "Rosenkavalier" am Nationaltheater in Weimar (SZ).
Archiv: Bühne