9punkt - Die Debattenrundschau

Auf ein jüngeres Publikum zugeschnitten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.10.2014. Die SZ staunt über die Logistik von Amazon. Der postkoloniale Faschist Dieudonné gründet in Frankreich eine Partei, denn der Front national ist ihm nicht mehr antisemitisch genug, berichtet Médiapart. Die Hauptquelle der Gewalt in der Welt ist nicht der Krieg, sondern die Familie, schreibt Björn Lomborg in der Welt. Die NZZ beschreibt die pikierten Mienen der grauen Eminenzen des Dschihad angesichts der Erfolge der IS-Miliz. Die NZZ schildert auch die immer schwierigere Arbeit freier Kriegsreporter. Und Spiegel online wird zwanzig und hält Rückschau.

Politik

Die stets gut unterrichtete Mona Sarkis berichtet in der NZZ von schweren Zerwürfnissen innerhalb des dschihadistischen Lagers. Selbst die beiden Al-Qaida-Ideologen Abu Muhammad Asem al-Maqdisi und Abu Qatada al-Filastini erschrecken vor der blutdürstigen Grausamkeit von Isis-Chef Abu Bakr al-Baghdadi, sehen aber auch ihre Felle davonschwimmen: "Der Kampf zwischen dem IS und anderen extremistischen Milizen tobt mittlerweile so heftig, dass Maqdisi eine Versöhnung für ausgeschlossen hält und sich nurmehr darauf konzentriert, die Jugend vom IS abzuhalten. Die Frage ist lediglich: Hört ihm diese überhaupt zu? Zwar haben die Namen Maqdisi und Abu Qatada in islamistischen Kreisen durchaus Gewicht, aber al-Baghdadis Image als schneller "Macher" wie auch die hochprofessionell auf ein jüngeres Publikum zugeschnittene Propaganda des IS dürften bei den jungen Jihad-Anwärtern wesentlich zugkräftiger sein als die Worte jener grauen Eminenzen."

Die Regenschirm-Demonstranten in Hongkong wappnen sich:
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Gesellschaft

Die Hauptquelle der Gewalt in der Welt ist nicht der Krieg, sondern die Familie, schreibt der dänische Politologe Björn Lomborg in der Welt, und die Opfer sind Frauen und Kinder: "Basierend auf Studien, die in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurden, haben 28 Prozent aller Frauen in Afrika südlich der Sahara im vergangenen Jahr Gewalt durch ihre Lebenspartner oder Familienmitglieder erfahren. Hierzu zählen Frauen, die geschlagen, in jungem Alter zwangsverheiratet wurden, sexueller Gewalt ausgesetzt waren, Verbrechen im Namen der "Ehre" und Genitalverstümmelung zum Opfer fielen."

Dazu die Meldung, dass der kongolesische Frauenarzt Denis Mukwege den Sacharowpreis für geistige Freiheit erhält, der Tausenden von Frauen und Mädchen geholfen hat, die - allerdings während der Bürgerkriege - Opfer von Vergewaltigungen wurden.
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Europa

Kein Tag vergeht ohne Neuigkeiten über den französischen Rechtsextremismus. Der postkoloniale Faschist Dieudonné gründet zusammen mit dem rechtsextremen Autor Alain Soral eine neue Partei namens "Nationale Versöhnung", weil ihnen der Front national nicht mehr antisemitisch genug ist. Die Partei geht hervor aus einem mitgliederstarken Verein, den Dieudonné gegründet hatte, nachdem er nicht mehr als Stand-up-Comedian auftreten darf. Daniel Schneiderman resümiert in seinem Blog Recherchen des nicht online stehenden Magazins Médiapart, das sich Dokumente der Partei beschafft hat: "Angesichts der Mitgliederflut hat sich der Verein Egalité et Réconciliation neu strukturiert. Médiapart hat sich auch das Eintrittsformular besorgt, das der künftigen Partei dienen könnte. Man tut alles, um jede "Infiltration" zu vermeiden. Jeder Kreisvorsitzende muss "vorsorgliche Untersuchungen" anstellen um Informationen über den Beruf und das Privatleben des neuen Mitglieds zu finden. Jedes neue Mitglied muss ein Eintrittsgespräch überstehen..."

Cathrin Kahlweit will in der SZ die Vorwürfe ernstgenommen wissen, das ukrainische Militär habe Streubomben eingesetzt: "Mit Dementis nach dem Motto: Bei uns kommt so etwas nicht vor, weil es verboten ist, macht es sich das Verteidigungsministerium zu leicht. Dazu sind die Truppen zu wild zusammengewürfelt und die Befehlsstrukturen zu chaotisch, dazu ist die Generalität zu überfordert. Dass gerade zum dritten Mal seit dem Maidan-Aufstand der Verteidigungsminister ausgetauscht wurde, spricht Bände."

In der SZ-Serie "Die letzten Mauern" beschreibt Peter Münch, was die Sperranlage um die palästinensischen Gebieten für Leben und Besitz der Menschen bedeutet.
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Internet

Die Kritiker in britischen und amerikanischen Medien arbeiten sich zur Zeit am neuen Buch Walter Isaacsons ab, der nach Steve Jobs die Helden der frühen Digitalisierung besingt ("The Innovators") und dabei dem Charme des Offenen ganz und gar erliegt (mehr dazu auch in insrer Magazinschau). Im Guardian scheibt Peter Conrad: "Isaacson hat ein solches Vertrauen in unsere neu vernetzte Welt, dass er Kapitel seines Buchs vor Veröffentlichung bei Diensten wie Medium einstellte und zu Korrekturen einlud, wo dann "ein Auszug in der ersten Woche 18.200 mal online gelesen" wurde. War das eine bescheidene Bitte um Hilfe oder der raffinierte Start einer Werbekampagne? Ich glaube weniger innig als Isaacson an die "Weisheit der Menge", aber um das Resultat kann es keinen Streit geben: Dies ist ein Standardwerk zur Geschichte unseerer Ära."

Einen Blick in die Gesellschaft der Zukunft erhascht Johannes Boie für die SZ im brandenburgischen Brieselang, wo er das neueste Warenlager von Amazon besucht, gleich neben Zalando und der Autobahn liegt es: "Als Müller 2008 bei Amazon anfing, besaß die Firma ein einziges Warenlager in Bad Hersfeld. Müller kam von der Bundeswehr, er war Kompaniechef in Beelitz gewesen. Logistikkompanie, was sonst... Drei Lager hat Müller für den amerikanischen Konzern mit aufgebaut, eins in Koblenz, eins in Leipzig, und seit vergangenem Jahr gibt es dieses hier in Brandenburg. Hilfreich war, dass Amazon zuvor - bis 2006 - Geld vom Staat bekommen hat: 14,1 Millionen Euro."
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Kulturpolitik

Vorbildlich findet Bernhard Schulz im Tagesspiegel die Ausstellung "Raubkunst?", für die das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe erforscht hat, wie rechtmäßig seine Sammlung ist ("Gehört uns wirklich alles, was eine Inventarnummer trägt?"). Christiane Meixer berichtet ebenfalls im Tagesspiegel, dass noch immer keine Lösung für die Sammlung Pietzsch gefunden, die das Unternehmerpaar dem Land Berlin nur unter der Bedingung schenkt, dass sie ständig in der Neuen Nationalgalerie gezeigt werde. Aktuell wird ein Teil der Sammlung gezeigt. (Bild: Max Ernst, Gemälde für junge Leute, 1943, Sammlung Pietzsch © VG Bild-Kunst, Bonn 2014 / Jochen Littkemann, Berlin)

Mit starken Worten verurteilt Christiane Hoffmans in der Welt den Plan Nordrhein-Westfalens, mit dem Verkauf von zwei Warhols die Kassen aufzubessern: "Das Image einer Landesmutter hat Hannelore Kraft jetzt endgültig verspielt." In der FAZ setzt Andreas Rossmann seine kritische Berichterstattung zu dem Vorhaben fort.

Ganz anders und höchst erfrischend sieht es Bernd Freytag in einem Kontrast-Artikel auf den Wirtschaftsseiten der FAZ: "Ist eine Nation, die ihren kulturellen Reichtum zum Verkauf stellt, nicht dem Untergang geweiht? Ist sie nicht. Denn darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass auch Kunst wieder verkauft werden kann. Um neue Kunst zu kaufen. Um junge Künstler zu unterstützen. Um defizitäre Theater zu betreiben. Oder um Haushalte zu sanieren. Wenn mit dem Geld der Steuerzahler einst Kunst gekauft wurde, wieso sollen die Steuerzahler nicht vom Wertanstieg profitieren?"

Medien

Spiegel Online schaut zurück auf 20 Jahre Spiegel online, natürlich interaktiv und multimedial - Herzlichen Glückwunsch!



Cigdem Akyol (NZZ) verabschiedet den Mythos des Kriegsreporters, der abends in der Hotelbar das Grauen des Tages verarbeitet: "Heute sind in Kriegsgebieten vor allem viele freie Journalisten als Einzelkämpfer unterwegs; sie müssen jeden Cent sparen. In Nachrufen schrieben Kollegen, dass Camille Lepage in Zentralafrika in einem Hotel ohne fließend Wasser gewohnt habe. Sie harrte an Orten aus, wo andere Journalisten nur schnell ein- und ausreisen. Von Berichterstattern wie ihr hängt es ganz wesentlich ab, wie viel wir aus solchen Regionen erfahren. Allerdings sind die Redaktionen weniger bereit, aufwendige und riskante Recherchen in Krisengebieten ordentlich zu bezahlen. Leidtragende sind die Freien."

Weiteres: Lawblogger Udo Vetter kommentiert das Drehverbot für die satirische Heute Show im Bundestag: "Der Eindruck, dass hier unliebsame Berichterstattung mit Paragrafen erschlagen werden soll, ist nicht von der Hand zu weisen." Mehr auch hier und hier. In der taz streiten Malte Kreutzfeldt und Jürn Kruse über den Sinn von Hintergrundgesprächen, nachdem der Spiegel aus einem vertraulichen Gespräch nichtautorisierte Aussagen zitiert hat.
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