Efeu - Die Kulturrundschau

Präsenz des Ungefähren

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22.10.2014. Die taz lernt von südostasiatischer Kunst in Istanbul, wie sinnlich politische Aufklärung sein kann. Die NZZ bewundert die stumme Aufgeladenheit in den Bildern Edouard Vuillards. Zeitonline fragt, wie stereotyp männliche Popstars sind. Die Nachtkritik erklärt, was Wolfgang Wagner und Fidel Castro gemeinsam haben. Beim Theaterdebüt des Filmemachers Wenzel Storch weisen Gefäße Gottes der Welt neue Wege zur Sexualität.

Bühne


Wenzel Storch, Komm in meinen Wigwam. Mitglieder des Dortmunder Sprechchors, Theater Dortmund. Foto: © Birgit Hupfeld

In der Welt ist Stefan Keim mehr als nur angerührt von Wenzel Storchs Dortmunder Theaterdebüt "Komm in meinen Wigwam", das Klassiker der katholischen Aufklärungsliteratur in Szene setzt: "In seinem Hildesheimer Atelier beherbergt Wenzel Storch eine unfassbare Sammlung schräger Devotionalien. Besonders die katholische Sexualerziehung nach dem Zweiten Weltkrieg hat es ihm angetan. Der vor einem Jahr im biblischen Alter verstorbene Würzburger Prälat Berthold Lutz war damals ein Bestsellerautor. "Peter legt die Latte höher" heißt eins dieser Bücher, das Jungs beim "Größerwerden" unterstützen soll. Nach Stellen unfreiwilligen Humors braucht man nicht lange zu suchen." Zuvor besprach Thomas Groh das Stück in der taz.

Das ist doch einmal eine schöne Idee: Die Nachtkritik hat Informationen über den Theaterbetrieb, die nie jemand zu einem Artikel verarbeiten will, in Diagrammen aufbereitet. Da gibt es etwa Wahrheiten über Provokationen auf der Bühne, die Theaterkritik, den Kapitalismus und - über Intendanten-Dienstperioden:



Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel schaut sich Patrick Wildermann beim Festival "Freischwimmer" in den Berliner Sophiensäle Stücke aus der freien Szene an, die um das Thema Intimität kreisen. In New York gibt es Proteste gegen die Aufführung der Oper "The Death of Klinghoffer", weil sie antisemitisch sein soll, meldet nach der FR nun auch Patrick Bahners in der FAZ.

Besprochen wird Rebekka Kricheldorfs in Göttingen uraufgeführtes Stück "Homo empathicus" ("in der Oase des gegenseitigen Verstehens [gibt es] nur Schönheit und nette Worte", schreibt Anna Steinbauer in der SZ).
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Kunst


"The Roving Eye". Exhibition view: Mella Jaarsma, "Until Time is Old", 2014. Photo: Aras Selim Bankoğlu

Mit regem Interesse besucht Ingo Arend (taz) die "erstklassig kuratierte" Ausstellung "The Roving Eye", die inmitten der belebtesten Istanbuler Einkaufsstraße das urban-zerstreute Laufpublikum mit Kunst aus Südostasien vertraut macht. Und zumal, da Kuratorin Iola Lensi auf Fernostklischees verzichtet, hat diese Kunst einiges zu erzählen: "Für Augen, die von der westlichen Konzeptkunst ermüdet sind, ist es faszinierend zu sehen, wie sinnlich und spielerisch sich bei dieser Kunst Politik und Ästhetik verbinden. Von Weitem betrachtet nehmen die mannshohen Porzellanvasen im chinesischen Blau-Weiß-Stil des vietnamesischen Künstlers Bui Cong Khanh die klassische Form der Hochkultur auf. Wer genau hinschaut, erkennt hinter den Pagoden und Wäldern auf den kostbaren Skulpturen plötzlich Gewehre, Kanonen oder eine Festung auf einem Berg. Tausend Jahre war das Land mit der ältesten zusammenhängenden Geschichte der Welt unter chinesischer Herrschaft, bis es im 19. Jahrhundert unter französische Kolonialherrschaft kam."

Edouard Vuillard (1868-1940) war ein Maler der Interieurs, lernt Maria Becker (NZZ) bei ihrem Gang durch die Vuillard-Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur. Selbst die Personen in seinen Bildern scheinen mit den Mustern und Dekors zu verschmelzen. Etwas daran erinnert Becker an Edvard Munch: "Es ist die stumme Aufgeladenheit der Szenerie, die sie vergleichbar macht. Vuillards Figuren besitzen gerade durch die Unklarheit ihrer Konturen und ihre schemenhaft aufleuchtenden Physiognomien eine sonderbare Präsenz. Man beginnt sie zu suchen, um ihre Gesten und ihren Ausdruck zu identifizieren. Es ist eine Präsenz des Ungefähren, die unwillkürlich Aufmerksamkeit erregt." (Bild: Edouard Vuillard: Interieur a la Table à Ouvrage, 1893)

Weitere Artikel: Hans-Joachim Müller besucht für die Welt Frank Gehrys neues Kunstmuseum für Louis Vuitton in Paris. Für den Freitag unterhält sich Gesa Steeger mit der Fotografin Samra Habib, die homosexuelle Muslime porträtiert. In der taz schreibt Ralf Hanselle, in der FAZ Swantje Karich den Nachruf auf den Fotograf René Burri, von dessen Fotografien für Magnum das ZeitMagazin eine Auswahl zeigt. Außerdem: Berlin-Mitte, 1990 und heute im Vergleich - eine tolle Strecke auf dem deutschen Buzzfeed von Nina Scholz unter Rückgriff auf Fotografien von Ben de Biel.

Besprochen werden die Ausstellung "Die große Illusion - Veristische Skulpturen und ihre Techniken" im Liebieghaus in Frankfurt (Freitag), die Ausstellung "Boom She Boom - Werke aus der Sammlung des MMK", mit der das neue MMK2 im Frankfurter Taunusturm sich der Öffentlichkeit präsentiert (FAZ), und die Ausstellung "Ming - 50 years that changed China" im British Museum in London (FAZ).

Ob ein deutsches Museum je einen Clip machen würde wie das Musée d"Orsay für die Ausstellung über den Marquis de Sade?


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Film

Für den Freitag hat Cara Wuchold das Filmfestival in Myanmar besucht. Auf critic.de erinnert Pascale Anja Dannenberg mit einem Essay über die autobiografischen Aspekte in François Truffauts Filmen an den 30. Todestag des Regisseurs der Nouvelle Vague. Für die FR plauscht Daniel Kothenschulte mit Udo Kier. Außerdem jetzt online aus der FAS: Mariam Schaghaghis Interview mit Al Pacino.

Besprochen werden ein Buch über den finnischen Regisseur Aki Kaurismäki (Freitag), Stefan Haupts Film "Der Kreis" über einen gleichnamigen schwulen Geheimclub der 50er Jahre (ZeitOnline), John Michael McDonaghs "Am Sonntag bist du tot" (FAZ) und Marco Kreuzpaintners Film "Coming In" (SZ).
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Musik

Auf ZeitOnline reagiert Nicklas Baschek auf Marie Schmidts Kritik an den neuen weiblichen Mega-Popstars. Deren ästhetische und politische Strategien hält er vor allem im Hinblick auf die männlichen Mega-Popstars, die weiterhin unbekümmert im Grunde genommen sehr verstaubte Narrative von Identität anbieten, für unbedingt verteidigenswert: "Am Beispiel weiblicher Popmusik werden die Umbrüche im Geschlechterverhältnis permanent diskutiert. ... Das Denken in Verbindungen, die queeren Zerstreuungsstrategien, das Schmelzen eindeutiger Identitäten ist für die weiblichen Megastars längst zum Standard geworden. An den Männern dieser Größenordnung gehen derartige Reflexionsübungen seit Jahren schlicht vorüber. Das Problem liegt im Festhalten an Eindeutigkeiten."

Auf Pitchfork stellen Grayson Haver Currin und Marc Masters bislang zu wenig berücksichtigte, aber hörenswerte Veröffentlichungen dieses Jahres aus dem Bereich der experimentellen Musik vor. Jens Balzer plaudert in der Berliner Zeitung mit der Musikerin Jessie Ware. Barbara Eckle berichtet im Tagesspiegel, Wolfgang Schreiber in der SZ von den Donaueschinger Musiktagen für Neue Musik.
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Literatur

Österreichische Bildungspolitiker mögen keine Literatur, stellt Georg Renöckl in der NZZ fest. Statt Literaturgeschichte lassen sie im Fach Deutsch jetzt Themen wie "Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft" prüfen. Da möchte Renöckl die Literatur als Unterrichtsfach lieber gleich ganz abgeschafft sehen: "Ihre Herabstufung zum bloßen Impulsgeber für Diskussionen über scheinbar Wichtigeres hat zwei Gründe: Zentralisierung und "Kompetenzorientierung". Vermeintlich altmodisches Wissen wird durch vermeintlich topaktuelle Fertigkeiten alias Kompetenzen aka Skills ersetzt. Diese sollen Jugendliche anhand möglichst leicht vergleichbarer schriftlicher Arbeiten beweisen. Dazu braucht es wiederum einen Textsorten-Kanon, dessen Beherrschung zum alleinigen Ziel des Deutschunterrichts in der Oberstufe geworden ist. Der Weg führt direkt in die pädagogische Steinzeit: "Skill" reimt sich auf Drill."

Weitere Artikel: In der taz stellt Carola Ebeling die österreichische Autorin Nadine Kegele vor, deren Debütroman "Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause" gerade erschienen ist. Kegeler, Tochter einer heillos überforderten alleinerziehenden Mutter mit sechs Kindern, ist der beste Beweis dafür, welche Früchte ein inspirierender Deutschunterricht tragen kann.

Besprochen werden Ulrich Raulffs "Wiedersehen mit den Siebzigern" (Freitag), Simone Lapperts Roman "Wurfschatten" (NZZ), Dorota Danielewiczs "Auf der Suche nach der Seele Berlins" (Tagesspiegel), eine Ausstellung über Sherlock Holmes im Museum of London (FR), Johanna Holmströms "Asphaltengel" (SZ) und Simon Winders "Kaisers Rumpelkammer" (FAZ).
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Design

Nachrufe auf den Modedesigner Oscar de la Renta schreiben Carmen Böker in der Berliner Zeitung und Enrico Ippolito in der taz. Das ZeitMagazin bringt einen Nachruf von Mareike Nieberding und viele Fotos mit von del Renta gestalteter Mode, viele Bilder gibt es auch im Nachruf von Roman Hollenstein in der NZZ.


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