9punkt - Die Debattenrundschau

Er prosumiert nicht nur Netzinhalte

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.10.2014. In der NZZ fordert die tunesische Philosophin Zeineb Ben Saïd-Cherni ein emanzipatorisches Gedächtnis. Spiegel Online läuft mit der Bundesregierung der Digitalisierung hinterher. Die taz hat ein Land gefunden, in dem noch weniger Kinder geboren werden als in Deutschland: Südkorea. Die FAZ will die NRW-Warhols behalten.

Politik

Die tunesische Philosophin Zeineb Ben Saïd-Cherni spricht im Interview mit Franziska Dübgen in der NZZ über politische Repression unter Ben Ali, ihre eigene Folter und Verfolgung sowie die zaghafte Aufarbeitung des Unrechts: "Wir erleben derzeit eine selektive Form des Erinnerns; ein regulatorisches Gedächtnis, könnte man sagen. Was wir dagegen benötigen, ist ein emanzipatorisches Gedächtnis, welches das demokratische Prinzip der Revolution lebendig erhält. Es geht einerseits um die Frage, wer was verbrochen hat: Wer hat wen ausgebeutet? Wer hat wen schikaniert? Wer hat gefoltert? Derzeit werden diese Ungerechtigkeiten vernebelt."

Richard Herzinger gibt in seinem Blog einen Überblick über das düstere Getümmel in Irak und Syrien und verweist auf einen lachenden Dritten: "Baschar al-Assad passt der Vormarsch der Dschihadisten bestens ins Kalkül, kann er sich damit doch als vermeintlicher Stabilitätsgarant anbieten und davon ablenken, dass er keineswegs die Dschihadisten bekämpft oder zu bekämpfen gedenkt (oder sie überhaupt noch effektiv bekämpfen in der Lage wäre), sondern vielmehr den Segen der internationalen Gemeinschaft für seinen fortgesetzten Ausrottungsfeldzug gegen die originäre syrische Opposition erreichen möchte."

Weiteres: Ronen Steinke durfte für die SZ einen Blick in das Hochsicherheitsgefängnis der Vereinten Nationen in Den Haag werfen, wo 33 mutmaßliche Kriegsverbrecher auf das Ende ihres Prozesses warten. Im Feuilleton der SZ berichtet Thomas Steinfeld aus Italien, dass Beppe Grillo jetzt per Volksabstimmung eine Rückkehr zur Lira erzwingen will.
Archiv: Politik

Gesellschaft

Toll, wie sich die Koreaner in fünfzig Jahren hochgeschuftet haben, schreibt Fabian Kretschmer in der taz, leider ging der Leistungsdruck auf Kosten des Lebens: "Vor drei Jahren hat eine südkoreanische Tageszeitung der heutigen Generation ihren Namen gegeben: Sampo, was sich in etwa mit "drei Verluste" übersetzen lässt. Immer mehr junge Koreaner geben jegliche Hoffnung auf, einen Lebenspartner zu finden, jemals zu heiraten, geschweige denn Kinder zu bekommen - nicht aus dem Wunsch nach alternativen Lebensentwürfen oder Rebellion gegen die statusversessene Gesellschaft heraus. Nein, der Kampf um einen festen Arbeitsplatz frisst all ihr Geld - und die gesamte Freizeit." Inzwischen stehe Südkorea bei der Geburtenrate an fünftletzter Stelle: "In Seoul bekommt eine Frau statistisch gesehen nur 0,97 Kinder und ist dabei mehr als 32 Jahre alt."

Uwe Justus Wenzel mokiert sich in der NZZ über Jeremy Rifkins "rosagrüne" Vision des Prosumenten, der ökologisch und friedlich allerlei Gemeingüter herstellt: "Er prosumiert nicht nur "Netzinhalte", sondern bereits auch Ökostrom mit der Solarzelle auf dem Dach und mithilfe der 3D-Drucker das, was er sonst so zum Leben braucht."
Archiv: Gesellschaft

Kulturpolitik

FAZ-Kunstredakteurin Rose-Maria Gropp ist empört über die Idee, die Warhols aus der Aachener Spielbank zu verkaufen: "Die Bilder sind dann jedenfalls weg, für immer. Während das Geld, das sie in die nordrhein-westfälische Landeskasse (nicht in die autonome Kasse von Westspiel!) spülen, versickern wird wie Regenwasser in der Wüste."
Anzeige

Twitterfeed der Verlage

Stichwörter: NRW

Europa

Der Pétain-Verteidiger Eric Zemmour wird in Frankreich zum Stimmungskatalysator. "Wenn in Frankreich so viele Juden gerettet wurden, liegt das bestimmt nicht an Pétain, sondern an den Franzosen, erwidert ihm die Politikerin Esther Benbassa in huffpo.fr. Um sich dann zerknirscht zu fragen, warum Zemmour eigentlich bei der Bevölkerung solchen Erfolg hat: "Wir haben sie enttäuscht in dieser Zeit der Krise und Arbeitslosigkeit... Wir haben mit unseren hochnäsigen Eliten unbewusst eine Art "Ancien Régime" wiederhergestellt. Nicht ohne Grund nennen wir den Elysee-Palast "das Schloss"."
Archiv: Europa

Medien

Rhein-Neckar-Blogger Hardy Prothmann beschreibt in der Journalismus-Diskussion auf Carta die Branche zwischen schlecht wirtschaftenden Zeitungen, die im Schrumpfprozess immer noch Geld machen, indem sie Journalismus abbauen, und einer Lokalblogszene, die ihn auch nicht überzeugt: "Ist damit auch Qualität entstanden? In den allermeisten Fällen muss man sehr wohlwollend sein, um das zu bejahen. Und viele dieser Blogs sind schon wieder weg vom Fenster, ohne dass sie jemand vermissen muss. Sicher kann man aber sagen, dass überall dort, wo Haltung und Fähigkeiten stimmen, inhaltlich wertvolle neue Angebote gemacht werden."

Die schwarze Journalistin Rebecca Carroll erklärt in der New Republic, warum sie ihren Redaktionsjob aufgibt und macht ihren Kollegen Rassismusvorwürfe: "Ich erkannte ein Muster, als eine weiße Kollegin, meine Idee abmoderierte, über eine aufsteigende schwarze Künstlerin zu schreiben. "Niemand kennt sie." Doch, eine Menge Leute kennen sie, erwiderte ich. "Fast nur schwarze Leute." Ich wandte ein: "gerade schwarze Leute setzen die Trends und stellen in diesem Land popkulturelle Relevanz her. Meine Kollegin war verstimmt."

Weiteres: turi2 resümiert die allenthalben sinkenden Auflagenzahlen laut IVW.
Archiv: Medien
Stichwörter: Medienwandel, Rassismus

Internet

Heute veranstaltet die Bundesregierung einen IT-Gipfel. Spiegel-Online-Autorin Annett Meiritz ist nicht begeistert: "All die hübschen Auftritte täuschen nicht darüber hinweg, dass Deutschland der Digitalisierung nur hinterher rennt. Das wird sich auch unter der Großen Koalition nicht ändern. Die "Digitale Agenda", eine Art Masterplan für die kommenden Jahre, ist ein Flop... Jeder der drei Internetminister arbeitet für sich, die großen Gründungen finden woanders statt, die Ansprüche an Datenschutz kollidieren mit den Zielen der Netzriesen. Ruckelfreies Internet, Medienkompetenz für alle Altersklassen oder eine kluge Open-Data-Strategie, das alles wird nur zaghaft angegangen."
Archiv: Internet

Geschichte

Anna Steinbauer berichtet in der SZ, dass die Autorin Sabine Kienlechner ausgerechnet für einen Aufsatz in der Zeitschrift Sinn und Form verklagt wurde, in dem sie beschreibt, wie die Gerichte die Aufarbeitung der Securitate-Spitzelei erschweren: "Die Gerichte, so Kienlechners These, würden in ihren Urteilen dem Persönlichkeitsschutz der Täter meist größeres Gewicht einräumen als der Aufarbeitung und Wahrheitsfindung auf Seiten der Opfer. Der scharfsichtige Text war im Sommer durch eine einstweilige Verfügung gerichtlich verboten worden. Der rumäniendeutsche Schriftsteller Claus Stephani, der von Kienlechner in ihrem Essay als "mutmaßlicher Spitzel" bezeichnet wurde, sieht seine Persönlichkeitsrechte verletzt."

Absolut verstörend findet der britische Historiker Richard Evans im Guardian das Buch "Eichmann vor Jerusalem" seiner deutschen Kollegin Bettina Stangneth. Stangneth wertet darin die Interviews aus, die der Holocaust-Organisators nach dem Krieg seinem niederländischen Nazi-Freund Willem Sassen gab: "Der Zynismus, die Unmenschlichkeit, die Mitleidlosigkeit und die moralische Verirrung nehmen einem den Atem." Aber Hannah Arendts "Banalität des Bösen", meint Evans, sei damit noch lange nicht widerlegt.
Archiv: Geschichte