9punkt - Die Debattenrundschau

Und der lästige Pollenflug

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.09.2014. Nach dem schottischen Referendum fängt das Durcheinander in Großbritannien erst an, meint Jonathan Freedland im Blog der NYRB. Le Monde erzählt, warum die Jury des Prix Fémina nicht mehr im vornehmen Pariser Hôtel Meurice tagt. Le Monde wirft auch einen Blick auf die französischen Gefallenendenkmale des Ersten Weltkriegs. Der Tagesspiegel fordert mehr deutsche Solidarität mit der Türkei angesichts des vom "Islamischen Staat" ausgelösten Flüchtlingselends.

Politik

Mark Siemons kann es in der FAZ nicht fassen, dass der uigurische Wirtschaftswissenschaftler Ilham Tohti, der sich um eine Annäherung zwischen uigurischen Chinesen und Han-Chinesen bemühte, verurteilt wurde: "Das Gericht in Urumtschi verurteilte einen Mann wegen "Separatismus" zu lebenslanger Haft, der wie kein anderer die Gründe für die Entzweiung analysiert hat und sie zugleich zu heilen versuchte." Ähnlich schreibt Bernhard Zand in Spiegel online: "Wer je einen Separatisten traf, der wusste nach einer Begegnung mit Ilham Tohti eines mit Sicherheit: Ein Separatist ist dieser Mann gewiss nicht."

Nach zögernder Distanzierung vom IS-Terror fordert die deutsch-marokkanische Autorin Sineb El Masra die deutschen Muslime in der Welt auf, sich endlich mit ihrem Minderwertigkeitskomplex auseinanderzusetzen. Genervt ist sie von der Haltung, "dass am Übel der Muslime Politik, Medien und der lästige Pollenflug schuld seien. Die Zeit, die in die Abwehrhaltung investiert wurde, hätte locker für drei Demos gereicht. Mir ist unbegreiflich, was so verwerflich sein soll, Stellung zu beziehen. Das erwarten wir schließlich auch von anderer Seite." Ganz anders sieht es Volker Bouffier in der FAZ: "Die Muslime haben mit ihrem Aktionstag in bester deutscher Verfassungstradition von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch gemacht. Sie sind aufgestanden gegen Hass und Unrecht, so wie es von Demokraten und engagierten Bürgern zu erhoffen war. Respekt!"

Malte Lehming ruft im Tagesspiegel angesichts des Terrors von "Islamischem Staat" und Flüchtlingselend in der Türkei zu deutscher Solidarität auf: "Wegen des ungebremsten Wütens der terroristischen IS-Miliz rechnen die UN mit weiteren Hunderttausenden, die in der Türkei Zuflucht suchen. Die Türkei hat in etwa so viele Einwohner wie Deutschland. Was wäre wohl, wenn hier plötzlich zwei Millionen traumatisierte, mittellose Menschen aufgenommen werden sollten?"

Weitere Artikel: Im Gespräch mit Stefan Schulz in der FAZ spricht Ex-Pirat Christopher Lauer über seinen Rücktritt, Berliner Kulturpolitik und Wowereits Aura.
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Geschichte

Es gibt kein Dorf in Frankreich ohne Denkmal für seine Gefallenen des Ersten Weltkriegs (meist wurde später eine kleinere Plakette für die Toten des Zweiten Weltkriegs zugefügt). Quentin Jagorel beschreibt in Le Monde, was diese Denkmale leisten: "Zum ersten Mal "benennt" man die Opfer. Man gibt ihnen eine Identität als Soldat und Mensch, man betont das Persönliche jedes Opfers und die Solidarität mit den Bürgern, die sich als Soldaten opferten. Die langen Listen mit den in Stein gemeißelten Namen haben eine doppelte Funktion fürs Gedenken: die penible Identifikation jedes einzelnen Gefallenen, und, parallell, ein kollektives Gedenken, durch das Symbol der Liste und der Aufzählung." (Beatriz Sirvents Foto des Monument aux morts von Fouesnant ist unter CC-Lizenz bei Flickr veröffentlicht.)

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Gesellschaft

Im SZ-Gespräch mit Christine Brinck spricht Gerhard Casper von der Stanford University über Unterschiede zwischen amerikanischen und deutschen Universitäten, fehlende Finanzierung, Online-Learning und einen Kulturwandel im digitalen Zeitalter: "Ich bin häufig schockiert, wie wenig die neuen Studenten von Geschichte, Philosophie oder Literatur wissen. Wir können keinen Nachhilfeunterricht geben. Das Pflicht-Curriculum sorgt immer noch ein bisschen dafür, aber das ist mehr ein Schimmer von diesem und jenem. Es ist immer weniger von dem, was man in Deutschland früher unter Allgemeinbildung verstanden hat. Vermutlich geht deren Gewicht auch in Deutschland zurück. Man kann nicht mehr auf Kenntnisse zählen, die allen gemeinsam sind."
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Europa

Nach dem schottischen Referendum fängt das Durcheinander in Großbritannien erst an, schreibt Jonathan Freedland im NYRBlog. Einerseits hat Premier David Cameron den Schotten nach einem "Nein" mehr Rechte versprochen, andererseits droht er ihnen (und damit Labour) Einfluss auf das gesamte britische Geschick zu nehmen. Die Fragen, die sich stellen, formuliert Freedland so: "Wieso sollte man Schottland unter den vier Nationen des UK eine Autonomie zugestehen, die die anderen drei nicht haben? Warum sollten Schotten zuhause eine Autonomie haben. die den Parlamenten von Wales und Nordirland verwehrt ist, die zusammen mit dem von Schottland im Jahr 1999 gegründet wurden? Und dann vor allem die englische Frage. Wenn Schottland autonom über seine Steuern und Budgets entscheidet, warum sollte über die Budgets und Steuern der Engländer UK-weit abgestimmt werden?"
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Religion

Einer der bekanntesten französischen Literaturpreise neben dem Goncourt ist der Prix Fémina, dessen Jury ausschließlich aus Frauen besteht. Diese Jury tagte bisher in den konfortablen Räumen des Pariser Hotels Meurice. Nun hat die Jury beschlossen, einen anderen Ort zu wählen, da das Meurice dem Sultan von Brunei gehört, der in seinem Land die Scharia wieder einführt, berichtet Alain Beuve-Méry in Le Monde: "Die Dorchester Collection, die dem Sultanat von Brunei gehört, umfasst zehn Luxushotels, darunter das Plaza Athénée und das Meurice in Paris, das Dorchester in London und das Beverly Hills Hotel in Los Angeles. In Kalifornien haben bereits mehrere Frauenrechtsorganisationen und Künstler dazu aufgerufen, die Häiuser nicht mehr zu frequentieren, solange die Behörden des Landes die Anwendung des islamischen Rechts nicht revidieren, die unter anderem Auspeitschung für Frauen vorsieht, die abgetrieben haben."
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Stichwörter: Brunei, Scharia

Internet

Der schlimmste Feind des traditionellen Buchbranche ist nicht Amazon, sondern die eigene Bequemlichkeit, meint Andreas Platthaus in der FAZ: "Dauerhaft wird der stationäre Buchhandel in Deutschland nur überleben, wenn er sich den neuen Bedingungen stellt, die durch Amazons Markteintritt entstanden sind. Er muss das bislang ungeliebte E-Book-Geschäft betreiben, und er muss vor allem die rasche Lieferung von Bestellungen an die Kunden gewährleisten - bis an die Haustür."
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Stichwörter: Amazon, Buchhandel, Ebooks