Efeu - Die Kulturrundschau

Diskursiv aufgepeitscht

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24.09.2014. In Britannien gibt es einen Riesenkrach um Hilary Mantel, die in einer Kurzgeschichte Margaret Thatcher ermorden ließ. In der NZZ kritisiert der Musikprofessor Laurenz Lütteken das Regietheater, das es sich mit einem bunten Bilderbogen im Kanon gemütlich macht. Im Tagesspiegel murrt Frank Castorf über die mittelmäßige Konkurrenz, weshalb er an der Volksbühne auch über 2016 hinaus weitermachen würde. Die Filmkritiker streiten sich über Christian Petzolds neuen Film "Phoenix", ein Noir um eine Shoah-Überlebende. Und John Malkovich debütiert als Zwillinge.

Literatur

Hilary Mantel hat in Britannien einen Riesenstreit ausgelöst. Die Bookerpreisträgerin hatte für den Daily Telegraph eine Kurzgeschichte geschrieben mit dem Titel "The Assassination of Margaret Thatcher: August 6th 1983". Als der Chefredakteur sie las, platzte er fast vor Wut, erzählt Zeljka Marosevic im Blog Mobylives, und lehnte die Geschichte ab. Inzwischen hat der Guardian sie gebracht. Aber der Krach fing damit erst richtig an: "Zum Glück war die Daily Mail da, um uns an die realen britischen Werte zu erinnen. Die Zeitung beschreibt, wie Mantels Erzählung einen Furor auslöste, der jede Nahost- oder Schottland-Debatte übertraf... Stets im Ton der Ruhe und Vernunft verteidigte Mantel ihre Story gestern und beschrieb Thatcher als "fantastische Person" für einen Autor, "wahrhaft Stoff für ein Drama". In BBC Radio 4 sagte sie zu Beginn der Woche... "Wir können vor der Geschichte nicht davonlaufen. Wir müssen uns ihr konfrontieren, denn die Fernwirkungen Thatchers Herrschaft schütteln die Nation noch heute.""

Weitere Artikel: Im Freitag bringt Thomas Irmer Hintergründe zu den Protesten in Oslo gegen die Auszeichnung Peter Handkes mit dem Ibsen-Preis. Die FAZ dokumentiert Handkes beim zweiten Anlauf ohne Störungen von außen gehaltene Dankesrede. Die Idee mit den literarischen Snacks von bis zu 100 Seiten, die der Hanser Verlag künftig unter dem Label "Hanser Box" wöchentlich auf den Ebook-Markt bringen will, findet Gerrit Bartels im Tagesspiegel "gar nicht mal so neu und sensationell". Für ZeitOnline unterhält sich Johan Dehoust mit Gereon Klug über dessen nun auch in Buchform gesammelt vorliegenden Plattenladen-Newsletter. In Lübeck befasste sich eine Tagung mit Thomas Manns Tetralogie "Joseph und seine Brüder", berichtet Dieter Bartetzko in der FAZ.

Besprochen werden die Ausstellung im Museum Behnhaus Drägerhaus in Lübeck über Thomas Manns Verhältnis zur bildenden Kunst (Berliner Zeitung), eine Essaysammlung von Maria Janion (Zeit), eine Ausstellung von Anton Tschechows Reisefotografien im Literaturarchiv Marbach (Tagesspiegel), Jens Hagens "Nie ankommen - Köln Poem" (Tagesspiegel), Per Pettersons "Nicht mir mir" (FR), Lisa Kreißlers "Blitzbirke" (SZ) und Sherko Fatahs "Der letzte Ort" (FAZ).
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Bühne

In der NZZ kritisiert der Zürcher Musikprofessor Laurenz Lütteken die Beliebigkeit heutiger Theater- und Operninszenierungen, die noch jedes Werk im bunten Assoziatonsrausch seines Regisseurs versuppen lasse. Auch die Behauptung, man könne ein Stück nicht mehr mit Respekt vor dem historischen Text aufführen, hält er für Nonsense: "In den Opernhäusern regiert nämlich ein unangefochtener Kanon, der weitaus fester zementiert ist als noch vor fünfzig Jahren. So spricht gewiss nichts dagegen, den Anteil neuer Werke zu erhöhen, aber es ist mehr als fragwürdig, die alten Werke mit immer neuen Bildern vermeintlich "modern" zu machen und sich damit behaglich im Kanon einzurichten."

Unangenehm gemütlich findet Frank Castorf inzwischen Berlin. Und einen Nachfolger für die Volksbühne, an der er 22 Jahre Intendant war (er würde auch noch weitermachen, so viel Gemütlichkeit muss sein) sieht er auch nicht, erklärt er im Interview mit dem Tagesspiegel: "Es gibt natürlich immer viele Agenten der Mittelmäßigkeit. Vieles von dem, was wir gemacht haben, ist verwässert und zum Allgemeingut geworden. Jeder setzt sich aus vorhandenen Stil-Bausteinen etwas zusammen und ist der Meinung, er sei selber Künstler. Ein Bewusstsein von Qualität, wenn man so was in der Kunst überhaupt noch reklamieren darf, geht völlig verloren."

Besprochen werden Karin Beiers Dokumentartheater-Produktion "Pfeffersäcke im Zuckerland & Strahlende Verfolger" im Deutschen Schauspielhaus Hamburg (NZZ), Barbara Freys "Drei Schwestern"-Inszenierung (Egbert Tholl von der SZ bleibt zum eigenen Bedauern unberührt) und Rolf Riehms in Frankfurt uraufgeführte Oper "Sirenen - Bilder des Begehrens und des Vernichtens" (SZ).
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Film


Nina Hoss in Christian Petzolds "Phoenix"

Christian Petzolds
neuer Film "Phoenix" beschäftigt die ganze Filmkritik. In der Berliner Zeitung zeigt sich Anke Westphal von Petzolds Geschichte um eine entstellte Shoah-Überlebende, die im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland von ihrem eigenen Ehemann nicht mehr erkannt, aber zur Komplizin dabei gemacht wird, an ihr Erbe ranzukommen, tief beeindruckt. Sie sieht in dem Film "eine unglaubliche Regiearbeit: eine Variation auf den Film noir und die Aufarbeitung einer Liebesgeschichte ... Hinter der komplexen Geschichte einer mehrfachen Zurichtung Nellys wird die einer totalen historischen Verdrängung und ihrer Folgen offenbar. Eine Frau, die scheinbar einfach nur Opfer eines miesen Typen wurde, hält Deutschland den Spiegel vor."

Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel steigt unterdessen schon bei der für seine Begriffe arg an den Haaren herbeikonstruierten Geschichte aus: "Alles Theater! Keine Frage, der so kluge Christian Petzold hat sich in die fixe Idee eines rundum absurden Liebeswiederherstellungsversuchs verrannt, und bald schlägt die Pappkulissenhaftigkeit des Konzepts auch auf andere filmische Elemente und Details durch."

In diesem Film geht es um den "Spiritismus des Noir", meint Tobias Kniebe in der SZ. Etwas bedauerlich findet er es allerdings, dass Petzold sich in diesem Film über Täter und Opfer den "Fragen, die sich aufdrängen und nicht wieder verstummen" nicht engagierter zuwendet. Energischer geht Verena Lueken von der FAZ diesen Fragen nach: "Geht das? Ist eine dem Lager Entkommene eine Filmfigur wie jede andere? Ihre Geschichte eine, die mit den Mitteln von Genre und Suspense erzählt werden kann? Zu welchem Ziel?" Till Kadritzke von critic.de sieht in dem Film unterdessen eine "spürbare politische Wut auf das nationale Versöhnungskino" vorliegen.

Besprochen werden außerdem Milagros Mumenthalers "Offene Türen, offene Fenster" (Zeit) und Nikolai Vialkowitschs Dokumentarfilm "Im Krieg - Der 1. Weltkrieg in 3D" (Berliner Zeitung).
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Musik

In der NZZ stellt Jakub Ekier den 1977 im englischen Exil verstorbenen polnischen Komponisten Andrzej Panufnik vor. Saskia Hödl trifft sich für die taz mit dem Post-DubStep-Produzenten SBTRKT, dessen neues Album "Wonder Where We Land" gerade erschienen ist. Besprochen wird das neue Album von Element of Crime (taz).

Und: Spex präsentiert das neue Video von Von Spar, die sich hier so schmuse-poppig wie nie zuvor geben.

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Stichwörter: Andrzej Panufnik

Kunst

Zum Verwechseln ähnlich. Der renommierte Fotograf Sandro Miller stellt Ikonen der Fotografie nach - mit John Malkovich in der Hauptrolle. Bei Boredpanda.com darf man sie alle sehen. (Hier das Zwllingspaar von Diane Airbus ("Identical Twins, Roselle, New Jersey",1967.)



Kunstkritiker Tom Holert reagiert in der FAZ auf Julia Voss" und Niklas Maaks" Kritik an der Gigantomanie der zeitgenössischen Kunst (mehr dazu hier). Dass die Dimensionen aus dem Fassbaren geraten, ist nur eine Seite der Medaille, meint er. Auch liegt eine Intensivierung der Kunst vor, die immer mehr angegliederte Felder an sich bindet und die eigenen gesellschaftlichen Grenzen beständig zu überschreiten versucht: "Ökonomisch heißlaufend, sozial hochtourig (...), visuell und diskursiv aufgepeitscht, zunehmend digital und internetbasiert, aber auch in einer überbordenden Vielfalt von gedruckten Kunstmagazinen und Live-Events verstoffwechselt diese heterogene Assemblage jeglichen ästhetischen Input. Auf junge Intellektuelle, begüterte Investoren, urbane Hipster und die versprengten Reste des Bildungsbürgertums übt das dynamische, weltweit vernetzte Ereignis- und Energiefeld der Gegenwartskunst eine enorme Anziehungskraft aus."

Weitere Artikel: Laura Weissmüller sorgt sich in der SZ, dass das Frankfurter Museum für Moderne Kunst mit dem Einzug der Dependance MMK2 in eine für zehn Jahre kostenfrei zur Verfügung gestellte Hochhaus-Etage im Bankenviertel nicht nur zur spekulativen Immobilien-Aufwertung genutzt wird, sondern auch seine institutionelle Langlebigkeit aufs Spiel setzt: Denn "was danach mit dem Stockwerk passiert, ist unklar. ... Ein Museum darf nicht einfach vor die Tür gesetzt werden. Beim MMK 2 wird das anders sein." Frank Maier-Solgk begutachtet für die Welt Volker Staabs eleganten neuen Museumsneubau in Münster.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Ann-Christine Woehrl Fotografien von Frauen, auf die Säureanschläge verübt wurden, im Museum Fünf Kontinente in München (taz) und Mariana Castillo Deballs Ausstellung "Parergon" im Hamburger Bahnhof in Berlin (taz)
Archiv: Kunst