9punkt - Die Debattenrundschau

Das Riesenglas Nutella aus dem Westpaket

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.09.2014. Die Schriftsteller Irvine Welsh und John Burnside äußern sich in Spiegel online und der NZZ recht unterschiedlich zum schottischen Referendum. The Criterion berichtet über einen Kulturkampf um Ayaan Hirsi Ali in Yale. Der FAZ graut's vor dem Revisionismus des japanischen Premiers Shinzo Abe. Die SZ setzt sich mit Brendan Simms' Europa-Ideen auseinander. Die FAZ will laut Handelsblatt angeblich 150 bis 200 von 900 Stellen streichen.

Medien

Neues vom Spiegel berichtet Ulrike Simon in der Berliner Zeitung. Turi2 resümiert kurz und griffig: "Spiegel-Chefredakteur Wolfgang Büchner will Widersacher loswerden: Wirtschaftsressortleiter Armin Mahler und Kultur-Chef Lothar Gorris haben von Büchner hoch dotierte Aufhebungsangebote erhalten - sowie die Empfehlung, erstmal zwei Wochen Urlaub zu nehmen."

Während in der FAZ Jürg Altwegg über die Schwierigkeiten der NZZ berichtet, meldet Turi2 (unter Bezug auf einen Artikel Kai-Hinrich Renners im Handelsblatt): "Weniger kluge Köpfe: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung steht vor harten personellen Einschnitten und wird 150 bis 200 von 900 Stellen in Verlag und Redaktion streichen." Ein Fünftel der Stellen soll in der Redaktion wegfallen. Betriebsbedingte Kündigungen soll es aber nur im Verlag geben. Neueste Informationen bei kress.de.

Weiteres: Patrick Beuth informiert in der Zeit online über die Auslistungen von Zeitungen, die Leistungsschutzrechte wollen, bei Diensten wie der Telekom (wir verlinkten).
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Politik

Eine unstillbare "Westalgie" vermutet Michael Pilz in der Welt hinter den Wahlerfolgen der AfD im Osten: "Auch politisch, ökonomisch und sozial verschwand die alte BRD des Wirtschaftswunders und des Wohlstands für alle. Auch im Osten blieb eine sentimentale Generation Golf zurück, die sich gern an die ersten Golfs erinnerte, die in den Achtzigerjahren aus dem Westen importiert wurden und an das Riesenglas Nutella aus dem Westpaket."
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Stichwörter: AfD, BRD, SPD

Internet

Wenn Twitter bald auch mit Algorithmen arbeitet, zerstört es sich selbst, glaubt Kritsanarat Khunkham in der Welt. Schade, denn: "Ich erfahre auf Twitter Dinge über Menschen, nicht über Algorithmen: Eine Geschichte findet ihren Weg in meinen Feed, weil echte Menschen mit Gehirn und Gefühl sie interessant fanden. Auf Facebook bin ich auch verbunden mit echten Gehirnen und Gefühlen, kriege davon aber weniger mit. Der Facebook-Stream wird manipuliert und gefiltert mit der Hoffnung auf Klicks und Interaktion. Während ich auf Twitter politische Kommentare sehe, sehe ich auf Facebook vor allem, wie sich Leute Wasser über den Kopf schütten."

Joe Mullin trifft für Arstechnica Julian Assange, der sich in seinem neuen Buch "When Google Met Wikileaks" fast nur mit Eric Schmdt von Google auseinandersetzt und das im Gespräch so begründet: "Schmidt und sein Network repräsentieren das kommende Zentrum der amerikanischen Macht", sagt er. "Das sind nicht unbedingt böse Leute. Aber sie haben eine aggressive neue Ideologie, die ihnen eine Menge Macht einbringen kann, gerade weil es sich um Individuen handelt, die sich gern in den Mantel des Reformismus hüllen."

In der FAZ zeichnet Lea Beiermann Internetdebatten über die Frage nach, ob man die religiösen Snuff Videos des "Islamischen Staats" zeiugen soll (was vielleicht auch eine Debatte wäre, der sich die alten Miden zu stellen hätten, oder?)
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Europa

Der Lyriker und Romancier John Burnside glaubt nicht an die Vorgaben des schottischen Referendums. Ihm schwebt ein alternatives Modell vor, wie er in der NZZ darlegt: "Was Schottland - wie jede andere Nation - braucht, ist regionale und nicht nationale Selbstbestimmung. Es müsste in Einheiten aufgeteilt werden, die in gewissen Dingen zusammenarbeiten, aber fähig zur Selbstverwaltung sind. Es braucht die lokale und - mit der Zeit, wenn wir reif dafür sind - die direkte Demokratie, damit die Menschen wirklich entscheiden können."

Irvine Welsh, Autor von "Trainspotting" darf zwar ebenso wie die gestern zitierte AL Kennedy nicht in Schottland abstimmen, weil er in den USA lebt, aber er ist ein ebenso glühender Verfechter des "Ja" wie sie. Glaubt man seinen Ausführungen bei Spiegel Online, gibt es einfach keine Gemeinsamkeit mehr mit England: "Großbritannien war einmal ein imperialistisches Konstrukt, das sich aus zwei Dingen zusammensetzte: Industrie und Empire. Das ist Vergangenheit. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, als auch das nationale Gesundheitssystem eingeführt worden ist, war es für eine kurze Zeit ein sozialdemokratischer Staat. Auch das ist Vergangenheit, komplett zerstört in der ursprünglichen Form. Es gibt einfach nichts, was Schottland am Rest des United Kingdom festhalten lässt."

Vielleicht ist dies das Argument, dass die Schotten letztlich in der Union verbleiben: Anders als die Iren sind sie von den Briten nie blutig unterdrückt worden, sagt der Historiker Ewen Cameron in Hansjörg Müllers Schottland-Reportage für die Basler Zeitung: ""Die Union von 1707 unterdrückte Schottlands Eigenheiten keineswegs, ganz im Gegenteil: Sie erlaubte es der Presbyterianischen Kirche, als Staatskirche weiter zu bestehen, außerdem ließ sie Schottland sein eigenes Rechtssystem und Erziehungswesen." Innerhalb des Vereinigten Königreichs habe das Land immer seinen eigenen, geschützten Raum gehabt."

Für die FAZ berichtet Gina Thomas über das Refendum.

In der SZ liest Gustav Seibt in "Kampf um Vorherrschaft", dem neuen Buch des Historikers Brendan Simms, provozierende Thesen über die neuere Geschichte Europas, die sich einerseits vor allem durch die Außenpolitik konstituiere, andererseits als Kampf in Deutschland, um Deutschland und gegen Deutschland abspiele: "In seiner riskantesten Volte überlegt der Brite, ob England das "Preußen des europäischen Projekts" werden solle, für die militärische Schlagkraft - im Bündnis mit einem Deutschland, das nicht engstirnig auf seinen wirtschaftlichen Vorteilen beharrt, sondern seine Stärke Europa insgesamt zugute kommen lässt. Brendan Simms will ein starkes, demokratisch legitimiertes Europa, auch mit Blick auf Putins Russland und Osteuropa. Wenn die Europäer sich heute zurückzögen, so schließt der Autor mit einer letzten Provokation, dann "wird die Geschichte die Europäische Union als kostspieligen Jugendstreich einstufen, den der Kontinent auf seine alten Tage spielte und der eher das Ende als den Anfang eines Großmachtprojekts markierte"". (Mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau)

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Religion

Ayaan Hirsi Ali sollte gestern Abend in Yale reden - falls sie es geschafft hat, sich über den Widerstand der Yale"s Muslim Students Association (MSA) hinwegzusetzen, über den Christine Emba in The Criterion berichtet: "The group has asked for Hirsi Ali"s invitation to be rescinded, for her to be prohibited from speaking about Islam, or for the addition of a second speaker with more credentials to provide a "more balanced" talk. Last week, representatives from thirty-five campus groups and organizations signed a letter drafted by the MSA expressing concern over the event. In the days since, several organizations have withdrawn their signatures, claiming that they never gave full support."
Archiv: Religion
Stichwörter: Ayaan Hirsi Ali

Geschichte

Der Guardian berichtet begeistert über die Ausstellung "Black Chronicles II" in London, die die ersten bekannten Fotos schwarzer Briten aus dem 19. Jahrhundert zeigt. Das abgebildete Foto zeigt die Sängerin Eleanor Xiniwe aus einem südafrikanischen Chor, der in den 1890er Jahren in London gastierte.

Eine düstere Geschichte erzählt Carsten Germis im politischen Teil der FAZ über Japan. Japans Ministerpräsident Shinzo Abe will Japan von dem Vorwurf reinwaschen, das Land habe im Krieg Koreanerinnen als Sexsklavinnen missbraucht. Anlass gibt ihm das Bekenntnis der liberalen Zeitung Asahi Shimbun in der Aufarbeitung dieser Ereignisse auch eine falsche Zeugenaussage benutzt zu haben. Anlass für Abe, nicht nur "einen wirksamen Schlag gegen ein liberales Oppositionsblatt zu führen -, sondern auch um den Missbrauch der jungen Frauen in den mit Wissen des Staates aufgebauten Frontbordellen im Zweiten Weltkrieg komplett zu leugnen. Man stelle sich vor, deutsche Minister würden wegen einer als Lüge bekanntgewordenen Zeugenaussage leugnen, dass es den Holocaust gegeben habe."

Ebenfalls in der FAZ erzählt die Archäologin Lisa Yehuda, was es heißt, unter den Bedingungen des Nahostkonflikts als Archäologin zu arbeiten.
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Japan, Nahostkonflikt