Efeu - Die Kulturrundschau

Der formale Habitus der Kanne

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16.09.2014. Die Berliner Zeitung besucht die großartige neue Philharmonie in Stettin und begutachtet schlecht erwerbbare Kunst auf der Berlin Art Week. Odysseus sind wir, meint Rolf Riehm in der FR über seine neue Oper "Sirenen / Bilder des Begehrens und des Vernichtens". Hollywood ist tot, erklärt David Cronenberg in der Welt. Die NZZ bewundert den Designer Wilhelm Wagenfeld.

Kunst


© Stine Marie Jacobsen, DIRECT APPROACH, workshop at District 2014, Photo: Malene Korsgaard

Auf der Berlin Art Week ist ein mächtig Summen und Brummen zu bemerken, meint Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung: Der künstlerische Nachwuchs legt keinen allzu großen Wert mehr aufs klar abgrenzbare, aber damit eben auch gut erwerbbare Werk. "Es scheint so, die Akteure wollen (...) mit allem Nachdruck deutlich machen, dass Kunst heute mehr denn je nichts Aufgesockelt-Feststehendes und Ewigliches sein will, sondern veränderlich, fließend, flüchtig. Und das steht dem althergebrachten Messe-Gebaren natürlich ziemlich konträr gegenüber."

Ein "Wunder der Verlebendigung" erlebt Gottfried Knapp von der SZ beim staunenden Rundgang durch das nach sieben Jahren Sanierung wiederöffnete Landesmuseum in Darmstadt.

Besprochen wird der Katalog von Ernst Barlachs Zeichnungen (SZ).
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Bühne


Rolf Riehm, Sirenen. Oper Frankfurt. Mit Lawrence Zazzo (Odysseus [Sänger]),Michael Mendl (Odysseus [Schauspieler]), Dominic Betz (Telegonos), Solistenensemble (Sirenen) © Wolfgang Runkel

Am Sonntag wurde Rolf Riehms neue Oper "Sirenen / Bilder des Begehrens und des Vernichtens" am Frankfurter Opernhaus uraufgeführt. Stefan Schickhaus hat sich für die FR mit dem Komponisten unterhalten, der ihm erklärt: "Ich wäre glücklich, wenn meine Musik deutlich machen könnte: Kirke, die Sirenen, Odysseus - das sind Namen. In Wahrheit sind wir es selbst, die in den Konflikten von Liebe, Verrat, Abschied, Begehren und Sehnsucht schier unterzugehen drohen". Beim FAZ-Rezensenten Gerhard R. Koch ist diese Botschaft angekommen: "außer um die Dynamik von Sehnsucht und Katastrophe in mythischer Ferne [geht es darin] auch um unser Leben", schreibt Koch. In der Welt klingt Stephan Hoffmann nicht so ganz überzeugt: "Riehm hat genaue Hinweise für die Regie (Tobias Heyder) gegeben. Er schreibt Filmprojektionen vor, deren Sinn sich nicht immer erschließen. Die große Klarheit der Musik war in der Inszenierung nicht immer auffindbar."

Besprochen werden weiter der Saisonauftakt am Staatstheater Wiesbaden (FR), eine in Dresden aufgeführte Sprechtheaterfassung von Aldous Huxleys Roman "Schöne neue Welt" (taz), Uwe Eric Laufenbergs Wiesbadener Inszenierung von Richard Strauss" "Frau ohne Schatten" (FR) und Guy Joostens "Daphne"-Inszenierung am Teatre La Monnaie in Brüssel (SZ).
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Literatur

Im Tagesspiegel stellt Ute Friederich die nur im Abo erhältliche Minicomic-Reihe "Tiny Masters" von Anna Haifisch und James Turek vor. Thomas Hummitzsch würdigt im Tagesspiegel die international bekanntesten deutschen Comic-Stars Ulli Lust und Reinhard Kleist. Die FAZ dokumentiert Herta Müllers Dankesrede zum Erhalt des Oskar-Pastior-Preises: Dessen Namensgeber schätzt sie als "Realisten der großen und der allerkleinsten Dinge".

Besprochen werden Lutz Seilers als Favorit für den Deutschen Buchpreis gehandelter Roman "Kruso" (taz, mehr, unsere Leseprobe), Eduardo Halfons "Der polnische Boxer" (taz), Angelika Reitzers "Wir Erben" (Tagesspiegel), Durs Grünbeins Gedichteband "Cyrano oder die Rückkehr vom Mond" (FR), Toni Mahonis "Alles wird gut und zwar morgen" (FAZ) und die Wiederveröffentlichung von Renata Adlers 1976 erstmals erschienenem Roman "Rennboot" (SZ).
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Musik

In der taz berichtet Tim Caspar Boehme vom Klangkunstfestival 90db in Rom. Unter anderem legte dort auch Alvin Curran, ein Urgestein der experimentellen Musik des 20. Jahrhunderts, einen furiosen Auftritt hin: "In einer sprudelnden Collage rührte er Sprach-Samples von Show-Zitaten bis zu dem rasend schnellen Singsang US-amerikanischer Auktionatoren mit Klavier- und anderen Akkorden zu einer brachialen Melange zusammen, hier und da abgesetzt durch schmerzhaft laute elektronische Donnerschläge."


Die neue Philharmonie in Stettin des spanischen Architekturbüros Barozzi Veiga. Mehr Bilder bei Dezeen

"Umwerfend" ist die neue Philharmonie im polnischen Stettin, schwärmt Jan Brachmann in der Berliner Zeitung. Gerade auch angesichts der zunehmenden kulturellen Verödung Mecklenburg-Vorpommerns sollte man die Strahlkraft dieses Projekts, dem noch weitere in der Stadt folgen sollen, nicht unterschätzen, meint er: "Der deutsche Nordosten muss aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren. Und die Berlin-Stettiner Eisenbahn braucht dringend ein zweites Gleis."

Auf ZeitOnline geht Jan Freitag vor dem neuen Album "Text und Musik" von Mutter ehrfürchtig auf die Knie: "Erst soziokulturelle Relevanz adelt profane Bands zu wirklich erhabenen. ... [Zwar fehlt] das strikte Bemühen um Besonderheit, das den deutschsprachigen Pop kennzeichnete, als ihn Mutter dem Underground zuführte. Die Maßgeblichkeit kommt einfach instinktiver daher, aus sich selbst heraus. Ohne Ziel. Ohne Gestus. Das macht Text und Musik zur ungeheuer selbstgewissen Platte."

Weitere Artikel: Stefan Strauß plaudert in der Berliner Zeitung mit Sven Regener von Element of Crime, die ein neues Album anstehen haben. In seinem Poptagebuch für den Rolling Stone wirft Eric Pfeil einen Blick in die verruchte Welt der Backstageräume.

Besprochen werden eine Bach-Aufnahme von Igor Levit (Tagesspiegel), die Jubiläumsausstellung zum 30-jährigen Bestehens des Tonraums an der Technischen Universität Berlin (taz), ein Auftritt von Patricia Kopatchinskaja (Tagesspiegel), neue Alben von den Jewish Monkeys (SZ), U2 (FR) und Rustie (SZ), sowie Babette Kaiserkerns Biografie des Komponisten Luigi Boccherini (SZ).
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Film


Mia Wasikowska in David Cronenbergs "Maps to the Stars"

Hollywood ist tot, erklärt der kanadische Filmregisseur David Cronenberg im Interview mit der Welt über seinen neuen Film "Maps to the Stars" (unsere Kritik): "Als wir diesen Hollywoodfilm gedreht haben, waren wir nur für fünf Tage dort. Sie glauben gar nicht, wie glücklich man in der Stadt war, uns wenigstens die paar Tage da zu haben. Dort entstehen keine Kinofilme mehr; wenn überhaupt gedreht wird, dann Fernsehen. Und was Hollywood als Idee angeht, mit der ist auch nicht mehr viel los. Es dreht noch Blockbuster-Superhelden-Filme. Die übrige Entwicklung hat es verpasst." Auch der Guardian hat ein sehr interessantes Gespräch mit dem Regisseur geführt, in dem er unter anderem auch Fragen von Viggo Mortensen und Howard Shore beantwortet.

Uwe Schmitt, der seine Kinder mit Spielfilmen von Netflix aufzog, singt in der Welt ein Liebeslied auf das amerikanische Online-Videoportal, das heute auch in Deutschland startet: "Diese frühen Filmabende, meist an Wochenenden, echtes Pantoffelkino, waren der Beginn einer wunderbaren Kinderfreundschaft mit einer Kunstform." In der Berliner Zeitung wundert sich Thomas Klein unterdessen, mit welch "eigentümlicher Bescheidenheit" der US-Marktführer seinen Deutschlandstart begeht: "Im Musik-Bereich haben sich Apple und Amazon mit gewaltigen Katalogen und Einmalzahlungen für Songs oder Alben durchsetzen können, doch im Film- und TV-Bereich ist so ein System aktuell ebenso wenig in Sicht wie die globale Vormachtstellung eines Anbieters wie Netflix."


Szene aus Soon-Mi Yoos Essayfilm "Songs from the North" (Filmfest Toronto)

In der FAZ berichtet Bert Rebhandl vom Filmfestival in Toronto, dessen Programm traditionell um die Grenze zwischen Filmkunst und Kommerz gruppiert ist. Darin sieht er auch ein Sinnbild für den Zustand des heutigen Weltkinos: "Auf der einen Seite steht eine global immer einheitlicher werdende Erzählökonomie, die in "anspruchsvollen" amerikanischen Produktionen (...) ihr Maß finden. ... Auf der anderen Seite stehen seltenere, aber lohnendere Versuche, die Geschichte und die Gegenwart durch das Kino neu zu sehen und zu denken. Davon gab es in Toronto ausreichend, um weiterhin von einem Filmfestival und nicht von einer Branchenmesse zu sprechen." Im Tagesspiegel zieht auch Martin Schwickert Festivalbilanz: Jason Reitmans wahrscheinlich anspruchsvolle amerikanische Produktion "Men, Women, Children" hat ihm ziemlich gut gefallen.

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel unterhält sich Jenni Zylka mit der Regisseurin Sylke Enders über deren neuen Film "Schönefeld Boulevard". Marco Koch vom Filmforum Bremen führt wieder durch die aktuellen Wortmeldungen aus der deutschen Filmblogosphäre. Außerdem hat die FAZ das große Michael-Ballhaus-Interview vom vergangenen Samstag nun auch online nachgereicht.

Besprochen werden Frank Millers und Robert Rodriguez" "Sin City 2: A Dame to Kill For" (Tagesspiegel), Maria Speths "Töchter" (critic.de), Sönke Wortmanns gleichnamige Verfilmung von Charlotte Roches Roman "Schoßgebete" (Zeit) und John Erick Dowdles Horrorfilm "Katakomben" (SZ).
Archiv: Film

Design


Hotelsilber: Kaffeekanne, Rahmservice für WMF, Wilhelm Wagenfeld, 1960, © Wilhelm Wagenfeld Stiftung

Bettina Maria Brosowsky besucht für die NZZ eine Ausstellung zum Werk des deutschen Produktgestalter Wilhelm Wagenfeld (1900-1990) in der Wilhelm-Wagenfeld-Stiftung in Bremen und bewundert dort unter anderem ein Hotel-Silberservice, das ganz aus Metall war: "Das thermische Problem des sich erhitzenden Kannengriffes löste Wagenfeld nun, indem er ihn an einen erhöht ausgeformten Bodenring anfügte, aber auf den oberen Anschluss an den Kannenkörper verzichtete. Diese aus dem haptischen Gebrauch abgeleitete physische Trennung von Volumen und linearem Henkel erneuerte auch gleich den formalen Habitus der Kanne. Sie kam als dezent ausmodellierte konische Elementarform daher, der Deckel beschloss mit lockerem Schwung das einheitliche Ganze."

Weiteres: Jean-Paul Gaultier zieht sich aus dem Prêt-à-porter zurück und wird künftig nur noch Haute Couture entwerfen, meldet Libération unter Berufung auf Women"s Wear Daily.
Archiv: Design