9punkt - Die Debattenrundschau

Nur Dreieinhalb-Minuten-Songs

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.09.2014. Die deutschen Feuilletons beschäftigen sich heute nochmal mit dem schottischen Referendum. Alle sind für "Nein". Martha Nussbaum wischt alle Argumente für das Burka-Verbot vom Tisch, meint die NZZ, bis auf eins. Die NZZ macht sich auch Sorgen um Japans mangelnde Aufarbeitung der Vergangenheit. Und weiter Streit beim Spiegel, Streichungen bei FAZ und Libeŕation.

Europa



Robert Louis Stevenson
wäre wohl für "Yes" gewesen, meint Massimo Sorci in Linkiesta.it und zitiert folgende Passage aus "Memories and Portraits": "England and Scotland differ, indeed, in law, in history, in religion, in education, and in the very look of nature and men"s faces, not always widely, but always trenchantly... A Scotchman may tramp the better part of Europe and the United States, and never again receive so vivid an impression of foreign travel and strange lands and manners as on his first excursion into England."

Hannes Stein fürchtet sich in der Welt vor dem schottischen Referendum, denn der schottischen Nation, Lehrmeisterin Europas, so Stein, konnte nichts besseres als das Vereinigte Königreich passieren: "Sollte Schottland am 18. September seine Unabhängigkeit von Großbritannien erklären, wäre dies ein großes Unglück - für den Westen, für Europa, nicht zuletzt aber auch für Schottland selbst. Es wäre eine Rückkehr ins Enge und Provinzielle, in den Schmollwinkel. Es wäre ein Verrat an den Werten der schottischen Aufklärung, die Mythen nie mit der Wahrheit verwechselt hat."

Der irische Historiker Brendan Simms rät in seinem Buch "Kampf um Vorherrschaft" zu einer Expansion Europas, schreibt Patrick Bahners in der FAZ und kann angesichts nicht mehr nur hypothetischer Gefahren durch ein islamisches Kalifat oder Putins Russland nur zustimmen. Die Zukunft Europas hängt auch vom schottischen Referendum ab, glaubt Bahners: "Wenn die Schotten auf dem Beitritt zur EU bestehen und die Engländer endlich die Frage beantworten müssen, ob sie lieber austreten möchten, wird das vielleicht auch ohne Krieg gegen Putin die Krise heraufführen, aus der Vereinigte Staaten von Europa entstehen."

Ebenfalls in der FAZ warnt Luc Rosenzweig mit Blick auf Separationsbestrebungen in Schottland, Flandern oder Katalonien: "Der Konflikt zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Völker und der territorialen Unantastbarkeit der Staaten, welche den Vereinten Nationen angehören, wird im Voraus entschieden: einseitig zugunsten von Brüssel.
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Gesellschaft

Benedict Maria Mülder findet den Ice Bucket Challenge, der seit Wochen durch die Medien (den Perlentaucher ausgenommen) tollt, ziemlich nervend. Er hat selbst ALS, hat seinen Text für den Tagesspiegel durch Signalisierung von Augenbewegungen geschrieben, und beschreibt seinen Zustand so: "Die Kopfklingel ist ein Instrument, das Segen und Fluch bereithält. Vor allem nachts und wenn der Sprachcomputer nicht vor meinen Augen steht, ist sie existenziell für mich. Ich kann den Kopf nur millimeterweise hin- und herbewegen, wenn sie dann falsch angelegt ist, zu nah, geht eine von vielen als Höllenlärm empfundene Melodie los, eine nervenstrapazierende Angelegenheit nicht nur für die Nachbarn. Ist sie zu weit vom Kopf entfernt und unerreichbar für mich, erlebe ich Höllenqualen."
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Stichwörter: ALS

Internet

Wir haben längst unsere Aufmerksamkeit, den Überblick über den technologischen Fortschritt und die Diktatur der Digitalisierung verloren, liest Bernd Graff in der SZ in "Present Shock", dem neuen Buch des Medientheoretikers und Technologiekritikers Douglas Rushkoff: "Davon nimmt er nicht einmal die Wahrnehmung seines eigenen Buches aus. "Die meisten potenziellen Leser werden in der Lektüre nicht besonders weit kommen, soviel ist sicher. Sie werden einen Auszug auf boingboing.net lesen, ein Interview auf shareable.net, die Rezension in der Times. Sie werden die Hauptaussage des Textes zur Kenntnis nehmen und weiterziehen. Wieso nur schreibt man eine Oper, wenn die Leute nur Dreieinhalb-Minuten-Songs hören wollen?""
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Medien

Der Machtkampf beim Spiegel geht weiter. Die Ressortchefs Armin Mahler und Lothar Gorris wollen trotz der höflichen Aufforderung des Chefredakteurs Wolfgang Büchner nicht scheiden: "Nach turi2-Infos haben Mahler und Gorris weder die Abfindung, die angeblich siebenstellig ist, noch das Angebot, zwei Wochen Urlaub zu machen, angenommen. Stattdessen wollen sie den Kampf gegen Büchner und Geschäftsführer Ove Saffe aufnehmen."

Gestern kam die Meldung, das die FAZ 200 von 900 Stellen abbaut (unsere Links). Heute gibt es auch eine offizielle Mitteilung des FAZ-Verlags: "Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) schafft durch eine umfassende Restrukturierung die Voraussetzungen für langfristige Wirtschaftlichkeit." Dazu passt eine dpa-Meldung in der taz: Die Pariser Zeitung Libération will 93 von 250 Stellen abbauen.

Der Reporter Michael Obert, der für seine Reportage im SZ-Magazin über die Foltercamps der Beduinen im Sinai (mehr hier) ausgezeichnet wurde, schildert im Gespräch mit Marlene Halser von der taz seine Arbeit und ihren immer schwierigeren Kontext: "Die Situation ist doch die: Die Budgets der Redaktionen für die Auslandsberichterstattung werden immer kleiner, deshalb sind immer weniger Kollegen wirklich an der Basis unterwegs. Der Zugang zu authentischen Geschichten wird immer schwieriger. Das führt zu einer Menge Agenturmeldungen und Wiedergekäutem, zu einem verengten Blick auf die Welt."
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Religion

Uwe Justus Wenzel liest für die NZZ Martha Nussbaums Verteidigung des Rechts, Burka zu tragen. Sie weist alle Argumente gegen diesen Ausdruck von Freiheit mühelos vom Tisch, meint er, bis auf eins: "Es besagt, die Sichtbarkeit des Gesichts sei grundlegend für den sozialen Austausch und damit auch für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Dieses Bedenken kann Nussbaum nicht ganz so überzeugend entkräften. Sie weist unter anderem auf Träger von Sonnenbrillen (zumal verspiegelten) im Straßenbild hin - und vergisst dabei die Mimik, die zwischenmenschliche Kommunikation zu einem erheblichen Teil ausmacht."
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Politik

In Ostasien hat eine Aufarbeitung der Vergangeneheit kaum angefangen, meint Urs Schoettli in der NZZ in einem Stimmungsstück aus jkapan, wo die nationalistischen Anwandlungen des Premiers Shinzo Abe gut ankommen: "Mit Russland hat Japan noch nicht einmal einen Friedensvertrag abgeschlossen, und weder mit China noch mit den beiden Korea hat es eine nachhaltige und tiefgreifende Aussöhnung geschafft, wie diese zwischen Deutschland und Frankreich über Politikergenerationen hinweg erfolgreich realisiert worden ist."

Seit bald fünf Monaten sind über 200 Schulmädchen Geiseln der terroristischen Miliz Boko Haram, schreibt Charlotte Alfred in der französischen Huffpo: "Nicht eine Geisel ist befreit worden. 57 Mädchen konnten fliehen. Keine ihre Gefährtinnen konnte es ihnen seitdem gleichtun. Und das obwohl man seit Monaten weiß, wo die die Mädchen sind."
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