9punkt - Die Debattenrundschau

Und dann kommen wir

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.08.2014. Die Ermordung des Journalisten James Foley hat überall Entsetzen ausgelöst. Wer Screenshots aus dem Video zeigt, sitzt der Propaganda der Gotteswütigen bereits auf, meint Mashable. In der taz erklärt Johannes Thumfart, warum das Ebook ein ganz eigenes und ein sehr schönes Medium ist. Die NZZ staunt über den neuen Blick Boliviens auf sich selbst. Die Krise beim Spiegel hält auch alle anderen Medien in Atem. Die FAZ hat sich mit einem Kämpfer des "Islamischen Staats" getroffen, der keine Zweifel an seinen Absichten zulässt.

Medien

So gut wie alle Medien in den USA verzichteten auf Bilder aus dem islamistischen Snuffvideo, das die Köpfung des Journalisten James Foley mit einem Messer inszeniert. Nur die New York Post zeigte einen Screenshot, berichtet Jason Abbruzzese in Mashable, woraufhin Tweets mit "alternativen Titelvorschlägen" zirkulierten (siehe Bild). Abbruzzese hält fest: "Die Journalisten begriffen schnell, dass die Verbreitung der Bilder genau das ist, was sich der "Islamische Staat" wünscht." Bei Wired berichtet Issie Lapowsky, dass Twitter Konten gesperrt hat, die auf das Video verwiesen haben. Der bereits vor einiger Zeit unternommene Versuch von amerikanischen Spzialeinheiten, die Geiseln der Gotteskrieger zu befreien, scheiterte laut Spiegel Online. Marc Pitzke porträtiert Foley bei Spiegel Online und macht auf einen beängstigenden Umstand aufmerksam: "Seit Ausbruch der Kämpfe wurden in Syrien 69 Reporter getötet und mehr als 80 entführt. Rund 20 sind bis heute verschollen."

Im Medienticker verwiesen wir gestern bereits auf Ulrike Simons Berliner-Zeitung-Artikel über eine neue Krise beim Spiegel. Das Echo ist breit (Presseschau bei turi2). Chefredakteur Wolfgang Büchner und Geschäftführer Ove Saffe stellen ein Ultimatum an die Mitarbeiter-KG, das bis morgen beantwortet sein soll. Georg Altrogge erläutert bei Meedia: "Würde die Mitarbeiter-Vertretung ihre Zustimmung verweigern, wäre das praktisch ein Misstrauensvotum gegen Saffe, der dann kaum noch zu halten wäre - und mit ihm vermutlich auch nicht Chefredakteur Wolfgang Büchner, der sich entschieden hat, sämtliche Ressortleiterstellen neu auszuschreiben und damit den Streit mit seinen Führungskräften auf die Spitze zu treiben." Ausführlich auch die SZ zum Thema.

Stefan Niggemeier berichtet über eine Studie, die eine Korrelation zwischen der Berichterstattung über Suizide und einer Häufung von Suiziden herstellt und fordert eine Selbstbeschränkung von Medien gemäß den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Danach sollte vermieden werden, einen Suizid auf der Titelseite oder als "Top-News" erscheinen zu lassen, ein Foto der betreffenden Person (besonders auf der Titelseite) zu präsentieren und Abschiedsbriefe zu veröffentlichen, den Suizid als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darzustellen."

Außerdem: Ralph Giordano schreibt in der Jüdischen Allgemeinen einen Nachruf auf Wolfgang Leonhard.
Archiv: Medien

Internet

Netzpolitik hat sich dankenswerter Weise schon als Perlentaucher betätigt und eine Presseschau zur nun verkündeten Digitalen Agenda zusammengestellt. Die Begeisterung ist nicht groß. Stellvertretend sei Helmut Martin-Jung in der SZ zitiert: "Die lang erwartete Digitale Agenda ist nichts als eine Ansammlung von Aufgaben - und zwar von solchen, die schon seit Jahren versäumt wurden und die die Regierung nun auch noch in geradezu herzzerreißender Unverbindlichkeit aufgeschrieben hat."

In der taz ermuntert Johannes Thumfart dazu, das E-Book endlich mal als das anzunehmen, was es ist: keine schlechtere Version des gebundenen Buches, sondern etwas ganz eigenes: "Wer wissen will, was E-Books können, der muss vielleicht in Afrika anfangen. Seit Anfang des Jahrtausends wuchs die Internetnutzung auf dem Kontinent um 3.606 Prozent. Parallel dazu entwickelt sich eine rege E-Book-Publishing-Szene, mit rein digitalen Verlagen wie Cassava Republic aus Nigeria und Mampoer Shorts aus Südafrika sowie internationalen Projekten wie Worldreader und Pubslush, die von einer kostengünstigen Literarisierung des Kontinents per E-Book-Reader träumen. Netzzugang vorausgesetzt machen digitale Texte Bildung unbeschränkt zugänglich. Nie war der Akt des Publizierens und Lesens inklusiver als in Zeiten des E-Books. Und das nicht nur in Afrika, sondern auf ähnliche Weise auch in Indien und China, wo der digitale Buchmarkt schon längst ein Vielfaches des gedruckten darstellt."

Stefan Weidner erklärt in der SZ, warum er die Petition gegen Amazon nicht unterschreibt: Er fotografiert auch nicht mehr mit einer Leica. Das E-Book, erklärt er, ist die Zukunft und für die tun deutsche Buchverlage und der Handel viel zu wenig: "Um einen entstehenden Markt zu erobern und einen Strukturwandel zu überleben, der so gründlich ist wie die Digitalisierung, braucht man Aggressivität und einen unsentimentalen Blick nach vorn. Amazon hat das, der deutsche Buchmarkt nicht, nichts anderes belegt der Protest gegen Amazon. Ich verstehe die Gründe für den Protest und die Angst, aber das ändert nichts an der Verknöcherung und Reformunwilligkeit des Buchmarktes."

Außerdem in der SZ: Eigentlich können wir in Europa und auch Deutschland technologisch durchaus mit den Amerikanern mithalten, was die digitale Revolution angeht, meint Yvonne Hofstetter, Geschäftsführerin der Teramark Technologies GmbH: Wenn wir nur etwas risikofreudiger wären und diese Risikofreude auch den Mittelstand belohnen würde.
Archiv: Internet

Gesellschaft

In der NZZ erzählt Perlentaucherin Thekla Dannenberg, wie bolivianische Künstler langsam die indigenen Kulturen als eigene annehmen: "Arnold Guachalla Liuca forscht an der staatlichen Universität Mayor de San Andrés, einer Hochburg des MAS, zu den kulturellen Praktiken der Indigenen. Auch er ist Aymara und sieht die Aufwertung seiner Kultur geradezu als Befreiung: "Früher war indigene Kultur etwas für die Armen. Heute interessieren sich für sie die Bolivianer aller Klassen. Es gibt einen ganz neuen Blick auf die alten Kulturen. Die mündlichen Überlieferungen werden ernst genommen, die sozialen Praktiken, die andere Weltsicht.""

Im Aufmacher des Zeit-Feuilletons denkt Jens Jessen über die neue Prüderie nach, für die er die political correctness mit ihrem Hang zur Heuchelei verantwortlich macht. Ein Beispiel: "Wörter tragen keine feste Bedeutung in sich; sie nehmen stets die Bedeutung der Sache an, für die sie verwendet werden. Nicht anders ergeht es den harmlosen Euphemismen unserer Tage. Die Bezeichnung "I-Kind" - nämlich für eines, das trotz seiner Defizite in den normalen Unterricht "integriert" ist - wird an den Schulen längst gleichbedeutend mit "behindert" gebraucht. Weit davon entfernt, das Kind auch sprachlich zu integrieren, wird es noch einmal ausgegrenzt: durch die im verschleiernden Ausdruck mitschwingende Vermutung, eine brutale Wahrheit dürfe nicht ausgesprochen werden. Das aber erfüllt den Tatbestand der Heuchelei exakt."
Anzeige
Archiv: Gesellschaft

Politik

Michael Wuliger wundert sich in der Jüdischen Allgemeinen, warum ein jüdischer Israelkritiker wie Rolf Verleger in Deutschland durch sämtliche Medien gereicht wird - und dann wundert sich doch wieder nicht: "Warum bieten reputierliche Medien einem Mann ein Forum, der nur für sich selbst und eine irrelevante Minderheit unter Deutschlands Juden spricht? Rolf Verleger selbst mag glauben, dass es seine tiefgründigen Analysen des Nahostkonflikts sind, die ihm die mediale Aufmerksamkeit bescheren. Tatsächlich ist der Grund ein anderer... Auch wenn es Rolf Verleger narzisstisch kränken mag: In der Medienlogik hat er in etwa denselben Stellenwert wie ein Kalb mit zwei Köpfen. Er ist die jüdische Freakshow im "israelkritischen" deutschen Medienzirkus."

Souad Mekhennet, Reporterin der Washington Post, hat sich für die FAZ mit einem in Europa geborenen Kämpfer der Isis getroffen (sie im Tschador, er mit Baseballkappe), der im Gespräch keinen Zweifel lässt, wo die Reise für die Islamisten hingeht: "Dann ergeht er sich in Hasstiraden gegen die "arabischen Machthaber". Vor allem gegen jene, die in ihren Ländern "Ungläubigen" erlaubten, Gebetshäuser zu errichten. Bahrein und Marokko zum Beispiel, wo Christen und Juden Kirchen und Synagogen hätten und sogar in hohen Ämtern säßen. "Diese Machthaber werden früher oder später verschwinden, entweder wie Ben Ali, Gaddafi und Mubarak im Namen des Arabischen Frühlings oder auf anderem Weg. Und dann kommen wir.""
Archiv: Politik