Efeu - Die Kulturrundschau

Wunderbar anarchisches Parlando

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21.08.2014. Marlene Streeruwitz ärgert sich in der Welt über die Politik des Deutschen Buchpreises: Mit Populismus kann sie nämlich nichts anfangen. Und ein Mann ist sie auch nicht. Der Tagesspiegel glaubt nicht, dass Bertolt Brecht in die SED wollte. In der Jungle World versteht der Kunsttheoretiker Tom Honert nicht, weshalb sich Kunstschaffende stillschweigend ausbeuten lassen. Und in der FR fordert der Schriftsteller Said Sayrafiezadeh von Amerikas Kulturschaffenden: Setzt euch endlich mit dem Krieg auseinander! Ebenfalls in der FR will Antonio Banderas die spanische Jugend aufwecken.

Literatur

In der Welt macht die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz ihrer Wut über das "quasireligiöse", antidemokratische Marketing des Deutschen Buchpreises Luft: "In den Aussendungen des Börsenvereins gibt es nur Autoren und keine Autorinnen. Auch das gehört zur Strategie der Eindeutigkeit. Es gibt keine Geschlechterdifferenz, sagen solche Formulierungen. Stellt euch unter die männliche Form und lasst differenzierende Kinkerlitzchen wie die geschlechtergerechte Sprache sein. Nur in eindeutigen Formulierungen gelingt ein umfassendes Sprechen, in dem Bücher verkauft werden können. Populismus wird nicht nur in Kauf genommen. Populismus ist erwünscht." Und weiter: "Ich
bin richtig froh, nicht auf dieser Liste zu stehen. - Einen Autor Marlene Streeruwitz kenne ich nämlich nicht."

Volker Weidermann porträtiert für die FAZ den deutschen Autor Sherko Fatah, der in der DDR geboren wurde, mit seiner Familie in den Westen ging und auch lange im Irak bei seiner irakischen Familie lebte. In seinem jüngsten Roman "Der letzte Ort" reflektiert er die Lage in dem Land - ohne eine politische Lösung vorschlagen zu können, so Weidermann: "Sherko Fatah weiß nicht, wie eine Lösung aussehen könnte. Er glaubt an Europa. Er glaubt, dass die europäische Idee neu erzählt werden muss."

Sebastian Moll spricht in der FR mit dem iranisch-amerikanischen Schriftsteller Said Sayrafiezadeh über dessen neuen Erzählband "Kurze Berührung mit dem Feind", in dem sich Sayrafiezadeh mit dem Krieg als "Grundrauschen" in Amerika beschäftigt: ""Wir sind seit 1991 ununterbrochen in irgendeinen Krieg verstrickt", sagt er. "Das ist mein gesamtes erwachsenes Leben. Im Grunde muss man sich fragen, warum sich die Kunst und die Literatur damit nicht noch viel stärker beschäftigen.""

Zwei Lobeshymnen in der Zeit! Alexander Cammann erkundet mit Lutz Seiler die Insel Hiddensee, wo Seilers Debütroman "Kruso" im Jahr 1989 spielt: "Seiler verfremdet die Realität in eine surreale, oft ziemlich lustige Fantasiewelt, ohne dass darüber die Realität verloren ginge: Genau so war es alles damals in diesem Urlaubsparadies und war es doch nicht. Die Übergänge sind fließend und schwer zu fixieren, die späte DDR als komisch-groteske und zugleich spannende Ansammlung von Hirngespinsten, Hiddensee als magische Insel, eine Traumlandschaft voller düsterer Untiefen und Verrücktheiten." Und Ursula März feiert das Erzähldebüt "Wir haben Raketen geangelt" der Schauspielerin Karen Köhler: "Reden wir nicht darum herum: Da ist Meisterschaft am Werk."

Weitere Artikel: Die taz bringt einen Auszug aus der Autobiografie von Berghain-Türsteher Sven Marquardt.

Besprochen werden Achim Landwehrs "Geburt der Gegenwart" (Berliner Zeitung), neue Comics von Ed Piskor (Zeit), ein Briefwechsel zwischen Stefan Berg und Günter de Bruyn (SZ), Kristof Magnussons "Arztroman" (FAZ) und Sofi Oksanens "Als die Tauben verschwanden" (SZ, mehr).
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Bühne

Dass Bertolt Brecht ausgerechnet am 17. Juni 1953 in die SED eintreten wollte, wie eine vor kurzem kursierende Tagebuchnotiz von Erwin Strittmatter aus dem Jahr 1985 nahelegt, hält Brecht-Experte Werner Hecht laut einem Bericht von Peter von Becker im Tagesspiegel für "unsinnig". Im Tagesspiegel wundert sich Sandra Luzina, dass die in Berlin beim Festival "Tanz im August" gezeigte Choreografie "animal/vegetable/mineral" des einst als Punk der Tanzkunst gehandelten Michael Clark doch "recht zahm geraten" ist. In der Zeit resümiert Peter Kümmel den Finanzskandal um das Wiener Burgtheater mit Thomas Bernhard: "Jede Entrümpelung des Burgtheaters / leitet nur eine neue Stauborgie ein."

Besprochen werden Rüdiger Schapers Buch "Spektakel - Eine Geschichte des Theaters von Schlingensief bis Aischylos" (Freitag, mehr) und Katie Mitchells in Salzburg aufgeführte Oper "The Forbidden Zone" (Freitag).
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Musik

Sieglinde Geisel klagt in der NZZ nach einem - gescheiterten - Besuch im Berliner Technoclub Berghain: "Mit ihrer Willkür versetzt die Türpolitik die Besucher kollektiv in die Rolle des Josef K., denn wer sich in die Schlange einreiht, gibt jeden Einfluss auf sein Schicksal preis." Für die taz plaudert Andreas Hartmann mit der Band Der Singende Tresen, die auf ihrer aktuellen Veröffentlichung Texte von Erich Mühsam vertont hat.

Besprochen werden ein Auftritt von Blixa Bargeld (FR), ein Tributalbum zu Ehren des vor zwei Jahren gestorbenen Songwriters Nils Koppruch (ZeitOnline), das neue Album von Niels Frevert ("Eine Feier der Melancholie", schwärmt Jan Oberländer im Tagesspiegel) und zwei Konzerte von Kompositionen aus Marc-André Dalbavies Feder bei den Salzburger Festspielen (FAZ).
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Kunst

In der Jungle World spricht Pascal Jurt mit dem Künstler und Kunsttheoretiker Tom Holert über zeitgenössische Kunst, Kunstkritik, Politik und die soziale Kluft in der Kunstproduktion: "Ich bin auch immer wieder überrascht darüber, wie weit die Systemtoleranz oder Duldungsstarre von Kulturproduzentinnen und -produzenten gehen kann. In der bildenden Kunst gibt es in der Tat kaum Widerstand gegen die oft ausbeuterischen, für den weitaus größten Teil der Betroffenen aber mindestens prekären Arbeitsbedingungen."

Weitere Artikel: Für die taz hat Brigitte Werneburg das Artist-in-Residence-Programm "sommer.frische.kunst" in Bad Gastein besucht, das sich als Kunstort etablieren will. In der FAZ bringt Patrick Bahners Hintergründe zur gerichtlich angeordneten Zerschlagung der Corcoran Gallery in Washington (mehr dazu in der LA Times).


(Bild: Cindy Sherman, Courtesy of the artist and Metro Pictures)

Besprochen wird die große Cindy-Sherman-Schau im Kunsthaus Zürich (SZ, siehe Bild) und die Ausstellung "Stil und Vollendung. Hendrick Goltzius und die manieristische Druckgrafik in Holland" im Städel-Museum in Frankfurt am Main (NZZ).
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Film

In der FR erklärt der spanische Schauspieler Antonio Banderas im Interview mit Daniel Kothenschulte, dass die Krise in Spanien durchaus hausgemacht ist: "Wir haben uns auf den Staat verlassen und brauchen eine neue Unternehmerkultur. Wir müssen aufwachen. Nicht, dass ich meine sozialistischen Ideale deshalb aufgeben würde. Natürlich muss der Staat für Bildung sorgen und ein funktionierendes Gesundheitssystem, Arbeitslosenhilfe. Aber gleichzeitig muss man die junge Generation auch aufwecken, sich um sich selbst zu kümmern. Niemand hat das gemacht."

Für die Welt hat sich Gerhard Midding "Madame Mallory und der Duft von Curry", den neuen Film von Chocolat-Regisseur Lasse Hallström angesehen, der sich seiner Meinung nach leider zu wenig mit Integration in Frankreich auseinandersetzt: "Der Kulturkampf bleibt, bis auf eine Brandstiftung, zu der sich Rachsucht und Xenophobie verschwören, ein kulinarischer: Die Fusion-Küche soll es richten."

Weitere Artikel: Für die DVD-Kolumne der taz hat sich Ekkehard Knörer Artur Brauners frühe Produktion "Morituri - Die Todgeweihten" aus dem Jahr 1948 angesehen: "Ein erstaunliches Werk. Es stößt die Deutschen ohne Umschweife auf das, was sie taten" - kein Wunder, dass der Film seinerzeit in Deutschland ausgebuht wurde. Im Freitag berichtet Lukas Foerster vom Filmfestival in Locarno, das sich zusehends zu einem der attraktivsten Festivals überhaupt mausert. In der SZ begeistert sich Fritz Göttler über die Filme des italienischen Filmstudios Titanus, dem die Retrospektive in Locarno gewidmet war: Dieses habe "ein junges italienisches Kinos geschaffen, das der Nouvelle Vague - zeitgleich - sehr nahe gekommen ist." In der taz empfiehlt Thomas Groh die Filme "Under the Skin" (hier unsere Kritik vom Filmfest München) und "The Strange Colours of your Body"s Tears", die beim Fantasy Filmfest zu sehen sind.

Besprochen werden Nana Ekvtimishvilis und Simon Groß" "Die langen hellen Tage" (Berliner Zeitung, ZeitOnline, taz, FAZ), der dänische Horrorfilm "When Animals Dream" (taz) und Xavier Dolans "Sag nicht, wer Du bist", den man laut Gerhard Midding vom Freitag unbedingt im Original sehen muss: "Der Québecer Dialekt ist ein wunderbar anarchisches Parlando" (weitere Besprechungen in taz, Berliner Zeitung, Tagesspiegel und SZ).
Archiv: Film