9punkt - Die Debattenrundschau

Von göttlichen Quellen inspiriert

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.08.2014. Der Streit um Amazon geht weiter, unter anderem im Perlentaucher. In der taz, die heute ein ganzes Dossier zum Thema bringt, erklärt Sonja Vogel, warum Ebooks teuer sein müssen. In der Berliner Zeitung bekennt sich Juli Zeh zum Anti-Amazon-Aufruf. SZ und FAZ beklagen, dass die Digitale Agenda der Bundesregierung mit keinem Wort auf die fatale Rolle der Geheimdienste eingeht. In der NZZ wendet sich Roland Reuß gegen die smarten Technikgeräte.

Gesellschaft

Der Streit um Amazon geht weiter. Rüdiger Wischenbart appelliert im Perlentaucher, Literatur und Kultur im Licht der Digitalisierung neu zu denken: "Wir dürfen uns nichts vormachen: Es gibt - ähnlich wie im Sozialen - in zunehmendem Maße Bereiche im Schaffen und Vermitteln kultureller Inhalte, die sich längst nicht mehr über den Markt finanzieren lassen. Einnahmen aus Buchverkäufen erlauben nur wenigen Autoren, und noch weniger Übersetzern, ihren Unterhalt daraus zu bestreiten. Kulturelle Bildung und kulturelle Zugänge auf breiter Ebene zu organisieren ist ebenfalls eine gemeinschaftliche Aufgabe, und nicht primär eine Nische auf einem wie auch immer gearteten "Markt"."

In der taz antwortet Sonja Vogel auf Johannes Thumfart, der gestern in der taz ein Loblied auf das E-Book und die innovative Kraft Amazons sang. Vogel ärgert sich besonders über den Vorwurf, die deutschen Verlage würde die E-Book-Preise künstlich hoch halten: "Dahinter steht ein Missverständnis: E-Books sind in ihrer Produktion nämlich nicht sonderlich billig. [...] Und es sind nicht die Verlage, die Bücher - gedruckte wie digitale - teuer machen. Sondern es ist der Händler und Verleger Amazon, der das E-Book künstlich billig macht. Es scheint die Politik Amazons, die Preise nach unten zu treiben und so die Konkurrenz - Händler wie Verlage - vom Markt zu wischen. Und ist die lästige Konkurrenz erst einmal vom Markt, könnte und würde Amazon selbstverständlich die Preise erhöhen."

Die taz hat heute einen kleinen Amazon-Schwerpunkt: Christian Rath erklärt den Streit zwischen Amazon und den Verlagen, sieht aber derzeit keine Chance für ein kartellrechtliches Verfahren gegen den Online-Buchhändler. Dirk Knipphals fürchtet mit den protestierenden Autoren, dass Amazon à la longue die Buchpreisbindung aushebeln will.

In der Berliner Zeitung erklärt Juli Zeh im Interview, warum sie den Protestbrief der Autoren gegen Amazon unterschrieben hat: "Es gab schon vor Jahren den Versuch von Diogenes, sich gegen Rabatt-Erpressung zu wehren. Der Verlag hat es aber nicht geschafft, andere Häuser hinter sich zu versammeln. Diogenes wäre sicher erfolgreicher gewesen, wenn andere Verlage erklärt hätten, ihre Verträge mit Amazon nicht zu verlängern. Es ist nicht so, dass die andere Seite keine Macht hat, sie ist nur gespalten."

David Hesse führt in einem sehr interessanten SZ-Artikel über die Indianer in den USA in die Absurditäten des Kommunitarismus ein: "In den USA wird zunehmend heftig darum gestritten, wer Indianer sein darf - und wer nicht. Viele der 566 national anerkannten Stämme haben ihre Mitgliederauflagen verschärft." Nur wer genealogisch einwandfrei ist, wird an den Einnahmen der Spielcasinos beteiligt.
Archiv: Gesellschaft

Politik

In der Berliner Zeitung erhebt der haitianische Schriftsteller Lyonel Troulliot eine bittere Anklage gegen die westlichen Gesellschaften, die Haiti seit seiner Existenz unterdrückt und geknechtet haben. Und am schlimmsten: Sie haben mit ihrem Hass und ihrer Ausbeutungslogik die haitianische Gesellschaft infiziert. "Die politische Geschichte Haitis ist voll von Lügen schwarzer Präsidenten, die nach dem Ähnlichkeitsprinzip an die Macht gekommen sind und alle Hoffnungen der schwarzen Bevölkerungsmehrheit, die sich in ihnen wiedererkannte, enttäuscht haben."

In der taz ist Cigdem Akyol empört, dass erst die grausame Ermordung des amerikanischen Journalisten James Foley viele von der Gewalttätigkeit der Isis überzeugte: "Dass seit Monaten, weniger spektakulär, Tausende Menschen von den Dschihadisten ermordet werden, war da bereits zu einer Randnotiz in der Berichterstattung verkommen. Der Tross von Flüchtlingen sucht noch immer Schutz im Bürgerkriegsland Syrien, während die internationale Gemeinschaft sich nicht einigen mag, wie sie genau mit der IS umgehen soll. Ob mit Gebetskreisen, Diskussionsrunden oder Teezirkeln? Bis zur jetzigen Veröffentlichung des Propagandavideos."
Archiv: Politik

Urheberrecht



Die Affen-Selfies, die durch Intervention des Fotografen David Slater zustande kamen und von Wikimedia ohne Copyright-Vermerk weiterveröffentlicht wurden, können nicht unter Copyright gestellt werden, meldet Jason Abbruzzese in Mashable. Zwischen Salter und Wikimedia war es zum Streit über die Bilder gekommen. Das U.S. Copyright Office, das der Library of Congress untersteht, hat im Sinne von Wikimedia entschieden. Abbruzzese zitiert aus der Begründung: ""Das Amt wird keine Werke registrieren, die von der Natur, Tieren oder Pflanzen geschaffen wurden... Ebensowenig kann das Amt Werke registrieren, die angeblich aus göttlichen oder übernatürlichen Quellen stammen, Werke, die von göttlichen Quellen inspiriert sind, lassen sich bei ansprechender Angabe registrieren."
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Archiv: Urheberrecht

Internet

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat auf der Pressekonferenz zur "Digitalen Agenda" offenbar sträflichen Unsinn erzählt - unter anderem wusste er nicht recht über den Begriff der "Störerhaftung" in WLAN-Netzwerken Bescheid. Ein anonym bleibender Ministerialbeamter reibt es ihm bei Netzpolitik unter die Nase: "Gabriel tut hier so, als wenn die Abschaffung der Störerhaftung dazu führen würde, dass "niemand mehr haftbar gemacht werden kann", wenn er "Kriminalität vorbereiten" will. Wie wir eben gesehen haben, ist das aber Unfug: Denn die Störerhaftung betrifft ohnehin nur die Frage der zivilrechtlichen Haftung auf Unterlassung. Mit "Kriminalität" hat sie hingegen nichts zu tun. Strafrechtlich haften WLAN-Betreiber schon heute nicht für die Dinge, die andere Menschen im WLAN anstellen..."



Kai Biermann stellt bei Zeit online den Blogger Nicholas Felton vor, der unter dem Motto "Quantify Yourself" sein eigenes Leben überwacht und jährlich Rechenschaft ablegt: "Gerade hat Felton zum neunten Mal seinen Bericht veröffentlicht. In diesem Jahr hat er darin vor allem sein Kommunikationsverhalten analysiert. Wie viele E-Mails, wie viele SMS; über welche Themen redete er mit wie vielen Menschen - all das, was Geheimdienste interessiert, wenn sie jemanden ausspähen, hat Felton über sich selbst gesammelt und in aufwendigen Grafiken visualisiert."

In der NZZ warnt Roland Reuß vor der Verführungskraft der sozialen Netzwerke, die den einzelnen korrumpiert, entkernt und schließlich in die Depression treibt: "Die "smarten" Technikgeräte, die überall zum Einsatz kommen, sind jedoch nicht nur magische Mittel, das Subjekt manisch auszudehnen. Sie werden zugleich - und nicht selten im selben Verwendungszusammenhang - gebraucht, die Außenwelt so weit ins Subjekt eindringen zu lassen, dass dieses von ihr ohne Rest aufgelöst wird. Das ist, in genauer Umkehrung zur schrankenlosen Ausdehnung des Privaten, eine Spielart der Depression, wo der Druck von außen das Selbst so weit zusammenpresst, dass es schließlich nicht mehr aufzufinden, gleichsam vollständig in die Technik diffundiert ist."
Archiv: Internet

Geschichte

Während in Warschau der Aufstand niedergeschlagen wurde, wurde Frankreich befreit: Zur Zeit gedenkt man der Landung in der Provence und der Rolle der Armée d"Afrique bei der Befreiung de Landes, informiert Wolf Lepenies in der Welt. In der NZZ erinnert Joachim Güntner an den Warschauer Aufstand 1944. In der SZ erinnert Gustav Seibt an den Wiener Kongress vor 200 Jahren, der noch zu einem akzeptablen Freidensschluss fähig gewesen sei - und damit die Friedensschlüsse in den nachfolgenden Kriegen überstrahle. Joseph Hanimann besucht eine "bahnbrechende" Ausstellung über die Rolle der Architektur im Zweiten Weltkrieg in der Cité de l"Architecture et du Patrimoine in Paris.
Archiv: Geschichte

Überwachung

Sowohl die "Digitale Agenda" und die neuen IT-Sicherheitsreichtlinien als auch Minister Thomas de Maizière in seinem FAZ-Text selbst schweigen über die üble Rolle der Geheimdienste, schreibt Constanze Kurz in ihrer Maschinenraum-Kolumne in der FAZ: "Mit keinem Wort erwähnt er, dass Attacken auf kritische Infrastrukturen und ein immenser Vertrauensverlust auch daher rühren, dass ein Heer bezahlter Geheimdienst-Hacker befreundeter Länder durch die Netze vagabundiert, Sicherheitsmaßnahmen sowohl konkret als auch strukturell unterminiert, wo es nur eben geht, und offenkundige Wirtschaftsspionage betreibt."

Ähnlich sieht es auch der IT-Experte Sandro Gaycken in der SZ: "Das Netz ist auch längst nicht mehr der sichere und freie Ort für Dissidenten und Oppositionelle, für Unangepasste oder Whistleblower. Nicht nur in autoritären Staaten sind die Nachrichtendienste beängstigend gut in der Beobachtung von politischen Netzwerken und in der Identifikation politischer Querulanten geworden."
Archiv: Überwachung

Medien

Peter Turi resümiert nicht online stehende Artikel der SZ und des Handelsblatts über die Krise beim Spiegel, die wohl doch noch nicht heute beendet wird. Die Mitarbeiter KG braucht noch Zeit, um über das Ultimatum der Leitung nachzudenken, die Online- und Printressortleitungen vereinen will: "In der Redaktion kursiert derweil eine Resolution, wonach ein Zusammenrücken von Print und Online "in vertrauensvoller Zusammenarbeit" geschehen müsse und nicht im Hauruck-Verfahren." In der FAZ berichtet Michael Hanfeld.
Archiv: Medien
Stichwörter: Der Spiegel