9punkt - Die Debattenrundschau

Das Tier hatte Tollwut

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.07.2014. Der Nahostkonflikt ist sehr wohl asymmetrisch, meint La Règle du Jeu - die eine Seite führt Krieg gegen einen militärischen Gegner, die andere gegen die Juden. In Paris kommt es so oder so zu Gewalt, egal ob man Demos gegen Israel verbietet oder nicht. Antisemitische Parolen auch in Deutschland. Christian Wulff geißelt im Spiegel die hiesige Jagdgesellschaft. Russland ist gar nicht so groß, findet die LRB. Und kann es sein, dass die Isis die Kaaba zuerstören will?

Politik

Bei propalästinensischen Demonstrationen sind antisemitische Parolen inzwischen Alltag. Die Achse des Guten verlinkt auf ein Video von einer Demo in Berlin mit der Parole: "Jude Jude feiges Schwein, komm heraus und kämpf" allein." Filipp Piatov kommentiert in der Welt: Meinungsfreiheit steht immer über Objektivität. Doch wenn aus Israelkritik antisemitische Hetze wird, ist eine Grenze überschritten. Für Juden kommt die Gefahr lange nicht mehr nur von rechts. Die meisten haben noch nie einen Nazi gesehen. Aber jüdische Schüler bekommen antizionistische Drohbriefe, wenn Israel auf den Raketenbeschuss der Hamas reagiert. Der lauteste Teil der Unterstützer Palästinas hat jegliches Maß verloren und gibt allen die Schuld, die Kippas oder Davidsterne tragen. Das ist Rassismus."

In Paris wurde eine propalästinensische Demo unterdessen verboten, weil es bei der letzten derartigen Gelegenheit zu Angriffen auf Synagogen kam. Am Wochenende wurden trotzdem in Sarcelles bei Paris, wo es eine große jüdische Gemeinde gibt, viele Geschäfte in Brand gesteckt, darunter ein koscherer Lebensmittelladen, berichtet Le Monde. "Krieg in Gaza und hier ein Pulverfass", titelt Libération. Auf Rue89 wird bewundernd über andere Länder berichtet, wo solche Demos nicht zu Ausschreitungen führen, zum Beispiel in Irland (was nicht heißt, dass es dort nicht zu antisemitischen Sprüchen kommt, wie die Transparente auf den Fotos zeigen). In London demonstrierten 15.000.

Bernard Schalcha schreibt auf La Règle du Jeu: "Es handelt sich sehr wohl um einen asymmetrischen Konflikt, denn Israel bekämpft einen politisch-militärischen Gegner, während die Hamas Krieg gegen die Juden führt. Mahmud Abbas, Chef der palästinensischen Autonomiebehörde beschuldigt die Israelis, im Gaza-Streifen einen "Genozid" zu verüben und macht sich somit zum Sprachrohr einer infamen Propaganda, die von allen antisemitischen und negationistischen Kräften auf dem Planeten mit Genuss weiterverbreitet wird."

Kann gut sein, dass die Meldung nur ein Propagandatrick ist, aber Sonja Zekri greift sie trotzdem in der SZ auf: Angeblich hat die Isis damit gedroht, die Kaaba zu zerstören, um den Götzendienst von Mekka zu beenden. Zuzutrauen wäre es den Gotteskriegern, meint Zekri: "In Mosul besetzten sie die chaldäische Kirche, rissen die Kreuze und eine Heiligenstatue herunter und hissten ihre schwarze Flagge. Verglichen mit der Aggression gegen die eigenen islamischen Heiligtümer wirkt dies fast milde. Eine der ersten Anordnungen der Dschihadisten nach der Eroberung Mosuls war die Zerstörung der "heidnischen Tempel", sprich: der schiitischen Heiligtümer."
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Medien

Christian Wulff nimmt im Interview mit dem Spiegel kein Blatt vor den Mund. Einen Punkt macht er, als es um die Rotlichtgerüchte um seine Ex geht. Die Spiegel-Redakteure sagen: "Über die angebliche Rotlichtvergangenheit Ihrer Frau finden Sie im Spiegel kein Wort. Solche Gerüchte beflügelten eher Ihre Parteifreunde in Niedersachsen..." Antwort Wulff: "Schön, das auch mal aus Ihrem Munde zu hören. Bisher haben Journalisten unter Hinweis auf Quellenschutz ja immer geleugnet, dass es Durchstechereien sowohl aus der Staatskanzlei in Hannover als auch aus den Reihen der niedersächsischen Justiz gab."

Und dann noch dieses Zitat von Christian Wulff, das auch das Altpapier aufgegriffen hat: "Nach dem Freispruch hieß es dann: Na ja, rechtlich mag das alles in Ordnung sein - aber moralisch! Das erinnert mich an eine Jagdgesellschaft, die ein nicht zum Abschuss freigegebenes Tier erlegt und anschließend sagt: War trotzdem richtig, das Tier hatte Tollwut."

Außerdem: Andrej Ivanji berichtet in der taz, in welch prekärer Lage sich Serbiens Medien befinden, politisch und ökonomisch.
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Internet

John Biggs guckt sich für Techcrunch die Bestseller des Kindle Unlimited-Programms an, in dem man für 9.99 Dollar im Monat unter 600.000 Titeln wählen darf, und findet wie zu erwarten keine Titel der großen fünf Verlage: "Tatsächlich haben die meisten großen Verlage ja gerade daran gearbeitet, in andere Partner zu investieren. Oyster Books profitiert zum Beispiel von diesem Anti-Amazon-Gefühl, während Häuser wie Zola Books von Insidern aus der Verlagsszene gegründet wurden. Ob diese Dienste reüssieren werden, ist ein andere Frage."

Seine ganz eigene romantische Berechnung der Zeit führt Roman Bucheli in der NZZ aus. All die Apps auf seinem Handy verhindern, dass er auf Ab- und Umwege gerät: "Es zeigt mir mich als Stecknadelkopf, wo ich früher umständlich Landkarten und Stadtpläne vor mir ausbreitete und auf der Suche nach mir selber ins Sinnieren geriet über unaussprechliche Straßennamen, verwunschene Winkel oder kuriose städtische Topografien. Ich fand stets mehr als nur mich selber - und erkannte darin die Prämie für den - zugegeben: gelegentlich und zumal bei Wind und Regen aussichtslosen - Kampf mit unübersichtlich gefalteten Stadtplänen groß wie Tischtücher."
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Stichwörter: Amazon, Apps, Kindle Unlimited

Politik

In Blog der LRB stellt James Meek klar, dass die Welt gut ohne Russland auskommen kann. Russland ist nicht "der Osten" und auch lange nicht so groß und bedeutend, wie es glaubt: "Ich sprach vor kurzem mit einem Abgeordneten, der öfters von einem Geschäftsmann mit Verbindungen in die Ukraine und nach Russland bearbeitet worden war. Der Abgeordnete schüttelte den Kopf und sprach vom Risiko, Russland zu provozieren, einem Land mit 300 Millionen Einwohnern. Ich erklärte ihm, dass er wohl die Bevölkerung der alten UdSSR meine. Als die Sowjetunion auseinanderfiel, wurde die Hälfte seiner Einwohner, vor allem Ukrainer, Kasachen, Usbeken und so weiter Bürger der neuen Länder. Die tatsächliche Einwohnerzahl beträgt 143 Millionen, also ungefähr die Größe von Deutschland und Britannien zusammen, und ist damit jetzt schon kleiner als Pakistan, Bangladesch oder Nigeria. Die Zahl entspricht außerdem den früheren kommunistischen Ländern Osteuropas plus Ukraine."

Im Guardian erklärt Mascha Alechina von Pussy Riot, wie russische Medien sich die Realität zum Abschuss der Passagiermaschine zurechtbiegen: "In their reporting on the tragedy, the Russian media defined the accident scene as "east of Ukraine", forgetting the terms such as "New Russia", "DPR", "LPR" - the Lugansk People"s Republic, another separatist territory in Ukraine - for the evening. In the new Russia, such errors could not have happened, so they simply won"t have happened. "

Mit Ach und Krach und internationaler Unterstützung konnte das Filmfestival von Odessa in diesem Jahr eröffnen, wurde jedoch vom Abschuss der malayischen Maschine kalt erwischt, berichtet Sebastian Saam im Tagesspiegel: "Festivalchefin Julia Sinkyevich sagt alle weiteren Partyteilnahmen ihres Teams ab und lässt den roten Teppich zwei Tage vor Ende des Festivals einrollen. Vor der Muzkomedija werden 298 Kerzen für die Opfer der Katastrophe angezündet. Man sei "tief getroffen", erklärt sie. Auch im kommenden Jahr soll es wieder ein Festival in Odessa geben. Noch weiß niemand, ob der Konflikt sich nicht vielleicht auch bis hierher ausweiten wird. Auf den Festivalpartys äußert so mancher Besucher die Vermutung, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis auch hier Barrikaden aufgebaut werden."
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Kulturpolitik

Sehr mutig findet Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung die Entscheidung, das geplante fluffige Einheitsdenkmal in Leipzig nicht zu bauen. "Recht so! Ein Projekt, das sich nicht als sinnreich erwiesen hat, muss gestoppt werden können. Es ist absurd, dass sich Rechnungshöfe oder Politiker immer wieder über angeblich umsonst ausgegebene Planungsgelder erregen. Auch eine abgebrochene Planung ist zu etwas gut: Man weiß, dass es so nicht geht, andere Lösungen preiswerter, effizienter, sinnreicher sein können." (Das Foto hat Michimaya auf Flickr gepostet)