9punkt - Die Debattenrundschau

Aufgeräumt und sauber

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.05.2014. Die Welt rekonstruiert die Ereignisse von Odessa in der Nacht zum 2. Mai. In der NZZ beschwört Serhij Zhadan die Ukrainer auf beiden Seiten, es nicht zum Bürgerkrieg kommen zu lassen. Spiegel Online präsentiert einen fest an den Rechtsstaat DDR glaubenden Gregor Gysi in Hördokumenten. Dirk Lewandowski sucht bei irights.info nach Alternativen zu Google. In der FAZ klärt EU-Wettbewerskommissar Joaquín Almunia Mathias Döpfner darüber auf, dass er nicht dazu da ist, den Medien lästige Konkurrenz vom Leib zu halten. Und Neues von Glenn Greenwald und Edward Snowden.

Europa

Sehr lesenswert fasst Julia Smirnova in der Welt die Ereignisse von Odesssa in der Nacht vom 2. Mai zusammen. Keine der beiden Seiten sieht da besonders gut aus, weder die proukrainische, noch die prorussische - es gab Gewalt von beiden Seiten, doch nun scheint sich immerhin der Rechtsstaat durchzusetzen: "'Die Teufel sollen in der Hölle brennen', schreibt die nationalistische Abgeordnete Irina Farion am Abend der Katastrophe bei Facebook. Aber schon am nächsten Tag setzen sich andere Stimmen und Bilder durch. Vitali Klitschko spendet Blut in Odessa; Präsidentschaftskandidat Petro Poroschenko sagt Ermittlungen zu, die tatsächlich eingeleitet werden..."

Es ist noch nicht zu spät, einen Bürgerkrieg zu verhindern, beschwört in der NZZ der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan seine Landsleute: "Man weiß nicht, wie lange es dauert, bis die Ukrainer verstehen, dass sie die blutigen Auseinandersetzungen beenden müssen, und zwar gemeinsam. Ein Bürgerkrieg lässt sich von außen provozieren, aber eine Versöhnung kann nur aus der Gesellschaft selbst kommen. Das kann eine Chance sein, aber sie ist auch schnell vertan. Wir müssen aufhören, uns gegenseitig niederzuschreien, und anfangen, dem Gegenüber zuzuhören." Wie schwierig das ist, merkt er selbst, als er sich in der Ostukraine mit einer Heavy-Metal-Gruppe trifft, die mit den Separatisten sympathisiert.

Hannes Stein fasst zugleich im Forum der Welt divergierende Positionen der amerikanischen Rechten zu Putin und Obama zusammen.
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Gesellschaft

(Via Boingboing) Endlich mal ein Badeanzug, der die Frauen nicht auf Äußerlichkeiten reduziert.

Michael Stallknecht berichtet in der SZ von einer Tagung in Tutzing über die angebliche Verschwendungssucht der Kirche und machte eine gewisse Doppelmoral in der Debatte aus: "Denn es sind oft gerade die erbauliche Kirchenmusik und die großartigen, in ihrer Erhaltung jedoch äußerst geldintensiven Bauten, die viele Menschen nach wie vor in die Institutionen locken."
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Medien

Stefan Niggemeier, der ja noch fest ans Öffentlich-Rechtliche glaubt, hat im ZDF ein Duell McDonald's gegen Burger King gesehen, das an Harmlosigkeit nicht zu überbieten war (während RTL über die Arbeitsbedingungen bei Burger King recherchiert hat!), und er fällt aus allen Wolken: "McDonald's ist so nett, Nelson Müller mit dem Kamerateam in die Küche gucken zu lassen, und das ist, nach der Musik zu urteilen, natürlich eine heiße, detektivische Sache: Es erklingt 'Der rosarote Panther'. Das ist ein lustiger Kontrast zur tatsächlichen Situation, in der Müller da steht und sagt: 'Ich würde gerne wissen, wie wird bei Ihnen ein Burger gemacht.' Und der McDonald's-Mann sagt: 'Ich würde sagen, dann machen wir direkt einen.' Die Off-Sprecherin staunt: 'Alles sieht besonders aufgeräumt und sauber aus.'"

Weitere Artikel: Die taz bringt ein Interview mit ihrer Ex-Chefredakteurin Bascha Mika, die nun in gleicher Funktion bei der FR tätig ist und verspricht, die FR wieder sichtbar zu machen und Print und Online zusammenzudenken (was online bisher nicht zu merken ist). In der NZZ zitiert die Medienwissenschaftlerin (und künftige Chefredakteurin der Wirtschaftswoche) Miriam Meckel aus einer Studie, die nachweist, dass Zeitungen nach wie vor Werbung brauchen - nun müssen sie sich nur darum kümmern, dass sie auch Werbung kriegen. Auf der Medienseite der FAZ berichtet Hans-Christian Rössler über einen Streit um das Verbot von Gratiszeitungen in Israel.
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Geschichte

Peter Wensierski präsentiert auf Spiegel online Audio-Auszüge aus den Plädoyers Gregor Gysis im Prozess gegen Rudolf Bahro, dessen Verteidiger Gysi war, im Jahr 1977. Die Frage, ob Gysi Stasi-IM war, wirkt nach dem Hören zweitrangig, jedenfalls liebte er das System: "Endlos lang hört man Gysi im Schauprozess gegen Bahro das DDR-Justizsystem loben. In der kapitalistischen BRD wurde 'seit ihrer Gründung das Recht auf Verteidigung stets weiter eingeschränkt', prangert er umgekehrt den Westen an. 'In der sozialistischen DDR dagegen wurde das Recht auf Verteidigung stets ausgebaut' und von 'allen Beteiligten mit wachsender Sorgfalt und Aufmerksamkeit beachtet'."
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Stichwörter: BRD, Stasi

Internet

Dirk Lewandowski, Informatik-Professor in Hamburg denkt bei Irights.info über Alternativen zu Google nach und fordert "die staatliche Finanzierung eines Web-Index, auf den alle interessierten Parteien zugreifen können... Der Aufbau und Betrieb eines solchen Index ist als Infrastrukturaufgabe zu sehen - genauso wie der Bau von Straßen, die von allen genutzt werden können oder die Finanzierung von Bibliotheken, die der ganzen Bevölkerung zugute kommen."

In der FAZ widerspricht Joaquín Almunia, Kommissar für Wettbewerb der Europäischen Kommission, den Vorwürfen der FAZ und Mathias Döpfners, die EU würde Google keine Grenzen aufstecken. Er erinnert an das noch nicht abgeschlossene Kartellverfahren, und er schreibt den jammernden Zeitungen dies hinter die Ohren: "Es ist unsere Aufgabe, Marktmachtmissbrauch im besten Interesse der Verbraucher zu bekämpfen und nicht im Interesse der Wettbewerber."

Außerdem: Bei Golem resümiert Friedhelm Greis einen Artikel des Wall Street Journals, wonach die amerikanische Regulierungsbehörde FCC ihre umstrittenen Pläne zur Netzneutralität zwar nicht aufgeben, aber entschärfen will: So "wolle die FCC in Zukunft sicherstellen, dass die Netzbetreiber die Inhalte nichtzahlender Unternehmen nicht benachteiligen. Zudem wolle die Behörde dem neuen Entwurf zufolge Stellungnahmen einholen, ob eine solche "bezahlte Priorisierung" nicht komplett verboten werden sollte." In der FAZ stellt Mark Siemons den chinesischen Internetkonzern Alibaba vor, der kurz vor seinem Börsengang steht (mehr dazu in der SZ).
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Überwachung

(Via Techcrunch) Der Guardian publiziert ein Kapitel aus Glenn Greenwalds kommendem Buch über die Snowden-Affäre "No Place to Hide", in dem er nachweist, dass die NSA in den USA hergestellte Router und Server mit Spionage-Software ausstattet: "Seit Jahren warnt die US-Regierung lauthals vor Routern und anderen Internetgeräten aus China, die eine Bedrohung darstellten, weil sie mit einer Hintertür versehen seien, die den Chinesen erlaubt jeden Nutzer der Geräte auszuspionieren. Und die NSA-Dokumente zeigen, dass die Vereinigten Staaten genau das tun, was sie den Chinesen vorwerfen."

Cory Doctorow erzählt auf Boingboing von einer Recherche des Bloggers Benjamin Mako Hill, der um seines Datenschutzes willen ein zahlbares Mailkonto nutzt - und herausgefunden hat, dass er dennoch bei Google Mail landet: "Ein klein bisschen Analyse einer gespeicherten Mails zeigt, dass er ein Gmail-Nutzer ist, einfach weil so viele seiner Korrespondenten Gmail-Nutzer sind und Kopien seiner Mails bei Google speichern. Und dank eines archaischen US-Gesetzes, kann jede Mail, die älter ist als sechs Monate von der Polizei ohne Begründung eingefordert werden, weil sie als 'herrenlose Sache' gilt."

Weitere Artikel: In der FAZ liest Stefan Schulz erschüttert Glenn Greenwalds Buch über den Fall Snowden und meint am Schluss: "Das macht die große Schicksalsfrage zu einer ganz einfachen: Was passiert mit Edward Snowden?" Im Tagesspiegel bespricht Gerrit Bartels Jaron Laniers Buch "Wem gehört die Zukunft?"
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