9punkt - Die Debattenrundschau

Zahlreiche Verlautbarungen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.05.2014. Die Ukraine existiert schon deshalb, weil sie Schauplatz der zentralen Verbrechen des 20. Jahrhunderts war, schreibt Timothy Snyder in der New Republic. In der Welt antwortet Hamed-Abdel Samad auf Joseph Croitorus in der SZ geäußerten Vorwurf der Geschichtsklitterung. Die FAZ freut sich, dass sich die Lehrer endlich gegen Pisa wehren. Wir binden Michelle Obamas Rede für die Mädchen in Nigeria ein. Aktualisiert: Sehr deutlich zu diesem Thema auch Wole Soyinka in der FAS.

Europa

Allen, die wie etwa Götz Aly (hier) oder Jörg Baberowski (hier) andeuten, dass die Ukraine eigentlich gar nicht existiert, antwortet Timothy Snyder in einem Essay in der New Republic, dass die Ukraine - jenseits ihrer älteren Geschichte , auf die sie sich berufen kann - schon deshalb existiert, weil sie Schauplatz der zentralen Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts war, des Soziozids an den Bauern und des Holocaust: "Die Ukraine stand im Zentrum der Politik, die Stalin 'innere Kolonisierung' nannte, die Ausbeutung von Bauern innerhalb der Sowjetunion statt entfernter Kolonialvölker, und sie stand auch im Zentrum von Hitlers Plänen für eine externe Kolonisierung. Der Nazi-'Lebensraum' war in erster Linie die Ukraine." Und Snyder stellt fest: "Wenn die Ukraine keine Vergangenheit hat, dann hat Hitler nie versucht, ein Reich zu bauen und Stalin hat nie Terror duch Hunger verbreitet."

Christoph von Marschall berichtet im Tagesspiegel von den deutsch-polnischen Medientagen in Potsdam. Thema war die Ukraine - und unter den Journalisten herrschte Einigkeit über eigene Versäumnisse: "In beiden Ländern seien 'die Medien auf die Entwicklung nicht vorbereitet' gewesen. Sie hätten die Ukraine und auch Russland jahrelang vernachlässigt, analysiert Maria Przelomiec vom Polnischen Sender TVP. Washington, Brüssel und generell Westeuropa galten als wichtiger - 'doch auf einmal sieht es so aus, als werde die Zukunft Europas im Osten entschieden'."
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Geschichte

Nicht nur in Italien, auch in Frankreich gibt es eine Konfliktlinie zwischen Nord und Süd, die im Ersten Weltkrieg aufbrach, als man den Soldaten aus der Provence erste Niederlagen der französischen Armee anlastete, schreibt Wolf Lepenies in der Welt: "Bereits die französische Niederlage gegen Preußen im Jahre 1870 wird den Soldaten aus dem Midi angelastet; der Philosoph Ernest Renan geht so weit zu behaupten, das Unglück Frankreichs liege im Süden und das Land hätte keine Probleme mehr, wenn es sich endlich vom Languedoc und der Provence trennen würde."
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Religion

Sehr scharf antwortet Hamed Abdel-Samad in der Welt auf Joseph Croitorus Kritik seines Buchs "Der islamische Faschismus" in der SZ (unser Resümee) - die Redaktion der SZ ließ ihn offenbar nicht auf Croitorus Vorwurf der Geschichtsklitterung entgegnen. Es geht wieder einmal um die Nähe der Muslimbrüder zum Faschismus, die Croitoru mit dem Argument bestreitet, dass Hassan al-Banna dem Faschismus gegenüber erst skeptisch gewesen sei und sich dann ganz distanziert hätte: "Belege für diese anfängliche Skepsis und spätere scharfe Kritik bringt Croitoru nicht. Dagegen gibt es zwischen 1935 und 1946 zahlreiche Verlautbarungen und Artikel al- Bannas und seiner Gefährten, die ihre Nähe zum europäischen Faschismus deutlich bestätigen. Während des Zweiten Weltkriegs behauptete der Gründer der Muslimbruderschaft, Deutschland, Italien und Japan stünden dem Islam nah." Croitorus Artikel steht in der SZ auch online.
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Politik

Michelle Obama hat an Stelle ihres Manns die wöchentliche kleine Rede ans amerikanische Volk gehalten - um über die in Nigeria entführten Mädchen zu sprechen: "In diesen Mädchen sehen Barack und ich unsere eigenen Töchter." Sie spricht auch über den Mut der Mädchen: "Ihre Schule war vor kurzem wegen terroristischer Drohungen geschlossen worden, aber diese Mädchen bestanden darauf zurückzukehren, um ihre Prüfungen abzulegen."



Im Daily Telegraph berichtet Colin Freeman aus Abuja in Nigeria, dass die Mädchen tagelang nur etwa dreißig Kilometer von ihrer Schule entfernt festgehalten wurden, die Behörden aber nicht eingriffen. Dafür verurteilten immer mehr prominente Muslime das Kidnapping: "General Ibrahim Babangida, a former Nigerian military ruler, urged the country's Muslims to stop extremists sullying the name of Islam. ... In Qatar, the International Union for Muslim Scholars also condemned 'the terrible crimes offensive to Islam' and said the actions of Boko Haram were 'very far from Islamic teachings.' It called on Boko Haram to immediately release the girls, saying that threats to sell them into slavery were against Islamic Sharia law. The Nigerian extremists also were condemned in online conversations at jihadi forums."

In der FAS plädiert der nigerianische Nobelpreisträger Wole Soyinka an seine Landsleute, den Extremisten nicht nachzugeben: "Wir können nicht empfehlen, alle sollten sich den uniformierten Streitkräften anschließen, die ihre Rettungseinsätze in Höhlen und Sümpfen im Urwald durchführen, nicht nur um den Feind zu vernichten, sondern, im Augenblick, um unsere Kinder zu retten, die man mit Gewalt aus ihren Bildungseinrichtungen geraubt hat, um sie - wir wollen nicht darum herum reden, sondern dem ganzen Schrecken ins Auge sehen, damit wir das Unheil erkennen, das uns als Volk bedroht - zu Sexsklaven irgendeines ungewaschenen Hundes zu machen. Diese Kinder werden massive Hilfe benötigen, wenn sie wieder zu Hause sind. Wer sich jetzt verweigert, verrät unsere eigenen Nachkommen und stärkt die fortgesetzten Verbrechen gegen unsere Menschlichkeit. Es gibt keine Alternative: Wir müssen den Kampf zum Feind tragen." (Der Text ist die gekürzte Version einer Rede, die Soyinka auf einer Buchmesse in Port Harcourt in Nigeria hielt.)
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Kulturpolitik

Jürgen Kaube freut sich in der FAZ, dass Pädagogen sich in einem Offenen Brief endlich gegen die Pisa-Tests wehren, die inzwischen vor allem der Politik nützten: "Je mehr Reform, desto aktiver kommt sich die Politik vor, desto beschäftigter sind Verwaltungen und desto mehr Absatzfreude entsteht bei den Ausrüstern in den Verlagen und an den pädagogischen Lehrstühlen, die sich für so etwas hergeben. Also kann es für sie alle gar nicht genug Reform, gar nicht genug Krisendiagnosen, gar nicht genug Bewegung in der Pisa-Tabelle geben." (Andreas Schleicher von der OECD, an den der Brief gerichtet war, hat inzwischen kurz drauf geantwortet.)

Stefan Koldehoff fürchtet in der FAZ, dass der sich abzeichnende Streit um die Sammlung Gurlitt (ein 93-jähriger Cousin und sein 65-jähriger Sohn haben bereits erklärt, das Testament anfechten zu wollen), die Klärung der Raubkunstvorwürfe unerträglich verzögern könnte.

Weiteres

Die SZ druckt Hans-Ulrich Wehlers Dankesrede für den Lessing-Preis für Kritik, in der er Kritik an der zunehmenden sozialen Ungleichheit in Deutschland übte. In der FR sieht Norbert Mappes-Niediek eine neue Balkankrise heraufziehen, wenn die EU nicht schleunigst Serbien und Bosnien integriert. Die Krautreporter wollen ein Magazin für investigativen Journalismus werden und dafür per Crowdfunding 900.000 Euro auftreiben, meldet der Spiegel. Mit dabei sind Stefan Niggemeier, Richard Gutjahr, Jens Weinreich und Thomas Wiegold, Chefredakteur wird Alexander Streit (eine Damentoilette wird in den Redaktionsräumen also vorerst nicht benötigt).
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