Efeu - Die Kulturrundschau

Selbst die Verlierer sind gut

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13.05.2014. Zum Auftakt der Wiener Festwochen beschert Romeo Castellucci dem Publikum mit seiner Inszenierung von Glucks "Orfeo" und einer Euridice im Wachkoma eine existenzielle Erfahrung. Die Welt erkennt im neuen "Godzilla" die Nolanisierung des Actionkinos. Der Grafiker Hans Hillmann, dessen Plakate den europäischen Autorenfilm prägten, ist gestorben. Der seit zwei Wochen in Abu Dhabi festgesetzte Schriftsteller Jörg Albrecht vertreibt sich derweil seine Zeit mit Interviews.

Literatur

Im beliebten Dialog mit der arabischen Welt hat vor allem diese noch ein paar Fortschritte zu machen, scheint es. Vielleicht hilft eine Petition auf change.org, die endlich Bewegung im Fall des festgenommen deutschen Autors Jörg Albrecht verlangt: "Es ist heute, am 12. Mai 2014, bereits zwölf Tage her, dass der deutsche Schriftsteller und Theatermacher Jörg Albrecht in Abu Dhabi von der Straße weg verhaftet wurde. Jörg Albrecht war an diesem Tag als geladener Gast Ihres Landes zur dortigen Buchmesse angereist. Nur wenige Stunden nach seiner Landung machte er auf einem ersten Spaziergang einige Fotos, bei denen er aus Versehen offenbar unmittelbar auch Botschaftsgebäude von außen fotografierte." Ziel der Petition: "Bitte lassen Sie Jörg Albrecht umgehend ausreisen!" Dem schließen wir uns an.

Außerdem haben die Feuilletons sich mit dem Autor unterhalten, so etwa sein Kollege Florian Kessler für Zeit Online, dem Albrecht von seinen Sorgen berichtet: "Jeden Morgen, wenn ich aufwache, denke ich: Ich bin immer noch hier. Und niemand kann mir sagen, warum eigentlich. Ich lebe in einem Kafka-Roman. Von daher erhoffe ich mir, dass die deutsche Politik von außen Antworten bekommen kann, die mir vorenthalten werden." Für die FAZ hat Hubert Spiegel den Berliner Autor kontaktiert, der insbesondere auch deshalb verzweifelt, weil sich bereits die Deutsche Botschaft in den Fall eingeschaltet hat und dennoch nichts vorankommt: "Wenn die äußersten Mittel bereits gewählt wurden, wieso geschieht dann nichts?" In der SZ spricht Christopher Schmidt mit Albrecht, der sich von den Veranstaltern vor Ort ein wenig im Stich gelassen fühlt: "Das Kulturministerium lädt ein. Aber kaum ist man hier, fühlt sich offenbar niemand für einen verantwortlich." Und auch Jan Küveler hat für die Welt mit Albrecht gesprochen.

Die belgische Autorin Misha Defonseca muss ihrem amerikanischen Verleger 22,5 Millionen Dollar zurückzahlen, weil ihre Geschichte nicht stimmte, meldet Le Monde mit Hinweis auf ein aktuelles Gerichtsurteil. Die Autorin hatte in dem Buch "Überleben mit den Wölfen" erzählt, sie habe als eine dem Holocaust Entronnene unter Wölfen gelebt - eine Geschichte, die seit langem (unter anderem von Henryk Broder im Spiegel) angezweifelt wurde. Ausführlich erzählt wird sie von Kirsten Reach in dem Blog Mobylives.

Weitere Artikel: Für die taz unterhält sich Ralph Trommer mit dem finnischen Zeichner Ville Tietävainen über dessen Comic "Unsichtbare Hände", der das Schicksal eines marokkanischen Flüchtlings erzählt. Petra Reski erinnert im Tagesspiegel, Markus Bauer in der NZZ an den vor hundert Jahren geborenen Schriftsteller Gregor von Rezzori. Gunda Bartels vom Tagesspiegel trifft sich mit Thilo Bock auf dem Tempelhofer Flughafengelände, über das der junge Autor einen Roman (hier ein Auszug in der Jungle World) geschrieben hat. Und Gerrit Bartels meldet, ebenfalls im Tagesspiegel: Wolfgang Herrndorfs unvollendet gebliebener Roman "Bilder deiner großen Liebe" wird im Herbst veröffentlicht.

Besprochen werden Ines Geipels "Mauerkinder" (FR), Silke Kettelhakes "Sonja 'negativ-dekadent'. Eine rebellische Jugend in der DDR" (taz), neue Bücher von und über Adolf Muschg (NZZ, FAZ), Chimamanda Ngozi Adichies neuer Roman "Americanah" (NZZ) und eine Neuübersetzung von T.C. Boyles "Wassermusik" (SZ). Mehr in unserer aktuellen Bücherschau heute ab 14 Uhr.
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Bühne

Eine "existenzielle Erfahrung" hat Peter Hagmann bei Christoph Willibald Glucks "Orfeo ed Euridice" zum Auftakt der Wiener Festwochen gemacht, bekennt er in der NZZ. Die Rolle der Euridice wird von der Wachkoma-Patientin Karin Anna Giselbrecht gespielt, die Regisseur Romeo Castellucci über eine "technisch überaus anspruchsvolle" Videoverbindung in eine Wiener Spezialklinik zuschaltet: "Was das ist: das Tor zum Geisterreich der Unterwelt, was das sind: Furien - in der aufwühlenden Grenzerfahrung dieses, soll man noch sagen: Opernabends kam es einem nah... Über Mikrofon singt dieser Orpheus hinüber zu seiner in einem uns Gesunden unbekannten, unerreichbaren Bewusstseinszustand liegenden Eurydike. Und er tut es so herzerweichend schön, dass jedes Wort vergeblich wäre." Weitere Besprechungen im Standard und der Presse.

Reichlich düster geht es auf der Bühne bei Christof Loys "Don Giovanni"-Inszenierung in Frankfurt zu, wenn man Gerhard R. Koch von der FAZ Glauben schenken darf: "Johannes Leiackers Bühne simuliert ein leeres, graues Barocktheater, und der herabfallende rote Vorhang suggeriert eine opulente Untergangsatmosphäre. Schon hier tritt der Komtur seinem Mörder als Doppelgänger entgegen: Der Tod ergreift von ihm Besitz. Und die Musiker der Ballszene tragen Totenköpfe." In der FR bespricht Hans-Klaus Jungheinrich die Aufführung.

Besprochen werden die Karlsruher Aufführung von Georg Kaisers "Gas" (FR), Michael Thalheimers Ibsen-Inszenierung "Nora" in Frankfurt (SZ - siehe auch unsere gestrige Kulturrundschau), Barrie Koskys Inszenierung von "Castor et Pollux" an der Komischen Oper (taz, Tagesspiegel, Berliner Zeitung) und Ariane Mnouchkines "Macbeth" in Paris (Welt).
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Film

Wie erst jetzt bekannt wurde, ist bereits am 4. Mai der Grafiker Hans Hillmann gestorben, dessen Plakate insbesondere zu Zeiten des klassischen Autorenfilms die ästhetische Außenwirkung der Filmkunst hierzulande prägten. Aus diesem traurigen Anlass hat die Filmzeitschrift Revolver ein sehr lesenswertes Gespräch zwischen dem Künstler und dem Regisseur Christoph Hochhäusler aus dem Jahr 2008 online gestellt und mit vielen tollen Beispielen aus Hillmanns Schaffen versehen. Unter anderem erklärt er, wie er sich in den Fünfzigern zu seinen Arbeiten inspirieren ließ: "Das ging so, dass ich einen Anruf bekam und dann wurde vereinbart, wo ich den Film sehen konnte. Das war in der Regel am Nachmittag, wenn das Kino leer war. ... Ich habe mir den Film angesehen und neben mir eine Kamera auf dem Stativ aufgestellt, eine Rollei. Und während der Film lief, habe ich dann Fotos gemacht. Wenn ich Glück hatte, kannte ich bereits die Geschichte, wusste, worum es in dem Film ging. Aber das war nicht immer der Fall, manchmal habe ich auch Filme gesehen, von denen ich keine Ahnung hatte. Dann habe ich einfach alles aufgenommen, was mir an Bildern wichtig erschien." (Bild: Hans Hillmanns Plakat für den Film "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" von Tony Richardson, 1966.)

Die Süddeutsche gratuliert Harvey Keitel mit einer Bilderstrecke zum 75. Geburtstag. Außerdem jetzt online bei der FAZ: Verena Luekens Bericht von ihrer Begegnung mit Christoph Waltz aus der gestrigen Printausgabe. Und Marco Koch vom Filmforum Bremen schaut wieder, was in den letzten Tagen in der deutschen Filmblogosphäre geschrieben wurde.

Besprochen werden die Filme "Die Wirklichkeit kommt" über Verschwörungstheoretiker (Zeit), "Good Vibrations" über den Belfaster Ur-Punk Terri Hooley (Tagesspiegel) und der neue "Godzilla" von Gareth Edwards (in dem Harald Peters in der Welt ein "weiteres Beispiel für die Nolanisierung des Actionkinos" erkennt, "die Ironie meidet und Bedeutsamkeit pflegt"; weitere Besprechungen im Standard und dem Tages-Anzeiger).
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Kunst

In Berlin sind neue Zweifel aufgetaucht, ob Architekt Frank Stella wirklich die Wettbewerbsbedingungen für das Berliner Stadtschloss erfüllt hat, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten von Piero Manzoni (1933-1963) im Palazzo Reale in Madrid (SZ) und "Die fremde Stadt", die neueste Installation von Ilya und Emilia Kabakov im Grand Palais in Paris (FAZ-Kritiker Werner Spies notiert, unter einem gläsernen Riesenteleskop stehend: "Der Großinquisitor der bankrotten Realität scheint sich völlig in den Zustand metaphysischer Erwartung begeben zu haben."
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Musik

Cliff Richard ist zurück - und möchte am liebsten gleich wieder verschwinden, angesichts der Veränderungen im Musikgeschäft, gesteht er im Interview mit Alan Posener in der Welt: "Heute ist es so: Du gewinnst bei 'The Voice' oder einer ähnlichen Show und hast einen Hit. Und wenn der zweite Song kein Hit ist, war's das. Es kommt ja Talent nach. Und das ist nicht fair. Da gibt es so viele gute Sänger. Selbst die Verlierer sind gut. Andererseits: Vielleicht genügt diesen Leuten ihre fünf Minuten Berühmtheit. Obwohl sie alle besser singen als ich damals."

In der Berliner Zeitung labt sich Jens Balzer förmlich an der Misanthropie der Band Sleaford Mods, die am kommenden Wochenende in Berlin spielt: "Die tollste Band, die man in diesem Frühjahr entdecken kann." Hörproben hier und ein Video auf Youtube:



Besprochen werden das neue Album der Swans, das Pitchfork in den Rang der "Best New Music" erhebt, Klaus Johann Grobes neues Album "Im Sinne der Zeit" ("Schlechte Laune war nie erfrischender", meint Jan Freitag in der Zeit), eine neue CD vom Fauré Quintett mit Simone Kermes (Tagesspiegel), eine neue Biografie über Charlie Parker (FAZ) und Elina Garancas Berliner Konzert (Tagesspiegel).
Archiv: Musik