9punkt - Die Debattenrundschau

Billiger Barrikadenjubel

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.01.2014. In der Welt erzählt Alfred Grosser, warum die Nazis nichts mit Karl dem Großen anfangen konnten - unter anderem, weil er eine gute katholische Tradition auf die Sachsen applizierte. Bei 3sat stellt Frank Schirrmacher ein Ultimatum an die gebildeten Stände: Wenn sie nicht für Zeitungen zahlen, müssen sie die Konsequenzen tragen. Politico erzählt, was Pierre Omidyar mit seinem Mediennetzwerk First Look Media vorhat. Im Guardian erzählt Masha Gessen, was die Musikerinnen von Pussy Riot im Lager erlitten. In der SZ glaubt der kenianische Autor Binyavanga Wainaina an die Reformfähigkeit afrikanischer Länder beim Thema Homosexualität.

Geschichte

Heute vor 1200 Jahren starb Karl der Große. Alfred Grosser erinnert in der Welt daran, dass die Sachsen vom heutigen Frankreich aus zu Christen gemacht wurden. Karl war dabei nicht zimperlich: "Nach einer Niederlage wurden über viertausend die Taufe ablehnende Männer geköpft und Frauen und Kinder vertrieben. Wegen der an den germanischen Sachsen ausgeübten Grausamkeit ist zur Zeit des Naziregimes der Ruhm Karls des Großen gar nicht so groß geschrieben worden." Auch durch diesen Akt, so Grosser, wurde Karl zum Gründervater: "Durch Massenmord bekehren: Karl stand da nicht allein, sondern in der Tradition der katholischen Kirche."

In der FAZ werden heute zwei Bücher zu Karl dem Großen rezensiert: Horst Bredekamps Studie "Der schwimmende Souverän - Karl der Große und die Bildpolitik des Körpers" und natürlich Johannes Frieds große Karl-Biografie (die neulich schon von Bredekamp besprochen worden war). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Geschichte

Medien

Stark erwartet wird das von Pierre Omidyar betriebene neue Mediennetzwerk First Look Media, das ins Gespräch kam, nachdem der Ebay-Mitbegründer Glenn Greenwald ins Boot geholt hatte. Es soll aber keineswegs nur um investigativen Journalismus gehen, ließ Omidyar in einem Video wissen, das Dylan Byers auf Politico erläutert: "First Look wendet sich als Nachrichtenorganisation ans breite Publikum und wird sich ebenso sehr mit Sport oder Unterhaltung wie mit Politik befassen. Auch digitale Magazine zu bestimmten Themen sollen erscheinen. 'Die Flagship Site wird sich aus mehreren Quellen speisen, von Aggregation über Breaking News bis hin zu investigativem Journalismus', sagt Eric Bates zu Politico, der vom Rolling Stone zu First Media gegangen ist. 'Es gab ein Missverständnis durch die Umstände, wie die Information bekannt wurde.'"

Im Gespräch mit Peter Voß gestern auf 3sat verbreitete Frank Schirrmacher (ab Minute 34) mal wieder den Eindruck, dass die deutschen Zeitungen einen großen Teil ihres Inhalts aus irgendeinem rätselhaften Zwang heraus kostenfrei hergeben und appellierte an die traditionellen Leser der Zeitungen: "Diese Gruppe muss sich fragen, ob sie das bezahlen will. Wenn sie das nicht mehr will, was ich nicht glaube, dann wird sie auch die Konsequenzen (tragen müssen). Entweder wird sie etwas Neues aus sich herausmendeln, aber ich glaube eher, dass wir dann einen reinen Marktjournalismus bekommen." Peter Voß sekundiert zur von Schirrmacher gefeierten Wirkung der Zeitungen: "Die Wirkung ist erheblich. Auch wenn ein Thema aus dem Netz kommt, wirklich ernst genommen wird es erst, wenn es in der richtigen Zeitung steht." Ach ja? Anschließend wird der Burgfriede zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Zeitungen beschworen.
Archiv: Medien

Europa

Revolutionsromantik wird bei Götz Aly in der Berliner Zeitung wohl nicht mehr aufkommen, auch oder schon gar nicht angesichts der Geschehnisse in der Ukraine, Syrien und Thailand: "Gebraucht werden Parteien, die unterschiedliche Interessen vertreten, sich nicht als Todfeinde bekämpfen und die Interessen von Minderheiten achten. Es geht um den Ausgleich großer sozialer und regionaler Spannungen. Nicht dass der Druck von unten falsch wäre, er hat in jedem der genannten Länder Gründe. Doch müssen sich zu den Agitatoren der Straße geduldige Reformer gesellen, Vermittler und Überläufer aus den jetzt herrschenden Eliten. Wer solche Prozesse von außen fördern will, sollte auf den billigen Barrikadenjubel des Zuschauers und den besserwisserisch erhobenen Zeigefinger verzichten."
Anzeige
Archiv: Europa
Stichwörter: Götz Aly, Syrien, Thailand, Ukraine

Gesellschaft

Der kenianische Schriftsteller Binyavanga Wainaina hat sich als schwul geoutet (mehr hier). Das könnte ihn in mehreren afrikanischen Ländern mindestens ins Gefängnis bringen. Doch im Interview mit der SZ ist sich Wainaina sicher: Diese ganzen Anti-Schwulen-Gesetze in Nigeria, Uganda oder Äthiopien werden nicht von Dauer sein, die jungen Leute machen da nicht mehr mit: "Sie leben in einer digitalen Welt, in der sie sich nicht mehr durch die bürokratischen Strukturen kämpfen müssen, um ihr Ding zu machen. Deshalb weiß der Staat auch nicht mehr, wie er die Kontrolle über die Vorstellungskraft der jungen Leute behalten soll. Niemand sieht mehr staatliches Fernsehen. Wenn du Präsident bist und willst Anweisungen herausgeben, wer hört dir noch zu? Nur Leute über 50."

Für Frauen sind die "besten Jahre" die schlimmsten, meint die ehemalige Chefredakteurin der taz, Bascha Mika, in ihrem neuen Buch "Mutprobe. Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden", und taz-Rezensentin Heide Oestreich stimmt Mika zu: "Warum redet niemand darüber, wie die Gesellschaft das Altern 'herstellt'? Warum ist es in England und den USA normal, Altersdiskriminierung juristisch zu verfolgen - in Deutschland aber kaum? Bascha Mika hat eine gute Nase gehabt: In der Zeit alternder Babyboomer und Emanzen fehlte bisher die Debatte über die Diskriminierung alternder Frauen."

Dass sie jetzt wieder ihre E-Mails verschlüsseln und sich in private Schutzräume zurückziehen soll, bringt Isolde Charim in der taz ganz durcheinander: "Jahrelang wurde - im Mainstream, nicht als Nischenprogramm - eine Kultur aufgebaut, die sagt: Sei der, der du bist! Bekenne dich zu dir!"
Archiv: Gesellschaft

Politik

Masha Gessen beschreibt in einer beeindruckenden Reportage für den Guardian, was die beiden Musikerinnen von Pussy-Riot, Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa, während ihrer Haft aushalten mussten und wie sie dabei zu Anwältinnen und Dissidentinnen einer Justizreform wurden. Aber auch Putins Regime habe sich geändert: "In diesem Moment seiner Geschichte ist Russland zugleich viel düsterer und kontrastreicher: Putin und die Kirche haben nicht nur der Opposition den Krieg erklärt, sondern der Moderne selbst. Der Prozess gegen Pussy Riot war die erste große Schlacht dieses Kriegs. Während ich mit Nadja und Maria im Gefängnis korrespondierte und beobachtete, wie sie bei den Gerichtsanhörungen kämpften, die den großen Prozessen folgten, fragte ich mich, ob sie gewappnet wären für die Realität, die sie nach ihrer Freilassung erwarten würde. Selten hat sich ein Land - schon gar nicht Russland - in zwei Jahren so grundlegend ändert."
Archiv: Politik

Überwachung

Deutsche Medien und Anhänger superlinker Verschwörungstheorien verkennen, dass Edward Snowden als Patriot agiert, der an die Idee der Demokratie glaubt, schreibt Wolfgang Michal und verweist in Carta auf ein hier wenig wahrgenommenes Snowden-Interview in der Washington Post: "Snowden übernahm damit die Rolle des guten Cops, der seine über die Stränge schlagenden Kollegen auffliegen lassen muss, weil nur so die beschmutzte Weste seines Police Departments wieder weiß gewaschen werden kann. Damit folgte er dem Muster amerikanischer Selbstreinigung, die - nicht nur in populären Hollywood-Streifen - stets die Aufgabe einsamer Helden ist."

Sonja Vogel berichtet in der taz vom Berliner Kongress "Einbruch der Dunkelheit", der Überwachung und Teilhabe im Internet diskutierte: "Wie also sehen emanzipatorische Gegenstrategien aus? Und bedeuten neue private Schutzräume nicht immer auch einen Verlust an Transparenz? Der Soziologe Urs Stäheli denkt seit Jahren über Strategien der Ent-Netzung nach. Stäheli ist auf der Suche nach einer Sprache, die uns von der Pflicht zur Vernetzung löst."

Neues aus Edward Snowdens Datenschatz berichten Spiegel Online und viele andere Medien: "Spiele, Karten-Apps und soziale Netzwerke: Die Geheimdienste NSA und GCHQ spähen über Smartphone-Apps die Daten der Nutzer aus. Über Anwendungen wie "Angry Birds" sammeln sie Alter und Aufenthaltsort der Spieler - und sexuelle Präferenzen."
Archiv: Überwachung