Efeu - Die Kulturrundschau

Feuchte Materie

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28.01.2014. Die phantasievolle Auszierung der Dacapo-Teile in Händels "Alcina" bringt die NZZ zum Vibrieren. Immer gewinnt der falsche Film, seufzt die FAZ am Ende des Ophüls-Filmfestivals. taz und FAZ sind sich einig: Mit dem Pop geht es zu Ende. Sollte das Weimarer Goethe-Museum nicht langsam auch einmal an seine Verflechtungen mit den Nazis erinnern, fragt die NZZ. Die NYT trauert um Pete Seeger.

Kunst

In Berlin hat die Jury entschieden: Das höchste Wohnhaus Deutschlands am Alexanderplatz wird Frank Gehry bauen, berichtet im Tagesspiegel Ralf Schönball: "Der Landsmann von Bauherr und US-Investor Gerald Hines hat den Wettbewerb für den ersten von neun Türmen, die nach einem Masterplan von Hans Kollhoff entstehen sollen, gewonnen. Weitere Türme könnten bald folgen. Darauf jedenfalls lassen Äußerungen von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher schließen. Gehry hat sich in einem internationalen Wettbewerb gegen acht andere Büros durchgesetzt." Er "entwickelt seinen Turm nach geradezu klassischen Gestaltungsprinzipien aus drei Elementen (Sockel-Mittelteil-Krone), verdreht diese dann aber schwungvoll gegeneinander und behauptet sich damit erneut als Meister der dekonstruktivistischen Schule."

Auf nach Kassel, zur gerade um einen Monat verlängerten Schau "Speculations on Anonymous Materials", ruft Kito Nedo in der taz. Zu sehen gibt es dort "die Werke einer jungen Künstlergeneration, die sich nicht mehr an den Traditionen der Moderne abarbeitet. Lieber beschäftigen sich die knapp zwei Dutzend eingeladenen, zumeist nach 1980 geborenen und hauptsächlich in Berlin und New York lebenden Künstler mit der Undurchschaubarkeit, Giftigkeit und Technoidität zeitgenössischer Industriematerialien oder der Internet-Basiertheit der Gegenwartskultur. Die Kunst ist pragmatisch-banal, futuristisch und postutopisch zugleich. Dabei wird zum Beispiel nicht kulturkritisch oder gar kulturpessimistisch auf die Vernetztheit und die damit einhergehenden Widersprüche des Alltags geschaut, sondern mit affektivem Sentiment operiert."

Weitere Artikel: In der Welt hofft Hans-Joachim Müller nach dem Beltracchi-Fälschungsskandal auf zuverlässigere Materialproben im Kunstmarkt. Für eine Reportage in der Berliner Zeitung hat Paul Linke die alternative Kunstszene der Kulturhauptstadt Riga besucht, die arg unter der Wirtschaftskrise im Baltikum zu leiden hat. Die Ausstellung im finnischen Lenin-Museum soll bis zum Jahr 2016 "objektiver" werden, meldet Aldo Keel in der NZZ.
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Bühne

Selig kommt NZZ-Rezensent Peter Hagmann aus Händels Zauberoper "Alcina" im Opernhaus Zürich. Christoph Loys Inszenierung und Giovanni Antonini am Pult fand er hervorragend, Cecilia Bartoli in der Titelrolle war blendend in Form: "Indessen sind in dieser Produktion der Primadonna zwei Sängerinnen auf den Fersen, die noch ganz andere Dimensionen erkennen lassen. Als der von Alcina verzauberte Ruggiero lässt die Schwedin Malena Ernman, zumal in ihrer ersten Arie, 'Di te mi rido', Koloraturen von hinreißender, geradezu instrumentaler Trennschärfe hören; dazu kommen ein enormer Stimmumfang und eine darstellerische Agilität sondergleichen. Nicht weniger überraschend die junge Französin Julie Fuchs in der Partie der Morgana, der Schwester der Königin. Ein gertenschlankes, obertonreiches Timbre verbindet sich mit makelloser Beweglichkeit, einem sorgsamen Umgang mit dem Vibrato und viel Sinn für die phantasievolle Auszierung der Dacapo-Teile - hier ist die historische Aufführungspraxis auch im Vokalen verwirklicht."

Besprechungen der "Alcina" gibt's außerdem in FAZ und SZ. Außerdem werden besprochen Andrea Breths Inszenierung von Leoš Janáčeks "Katja Kabanowa" in Berlin (Welt), Kai Wessels Inszenierung von Sibylle Bergs "Die Damen warten" in Hamburg (Nachtkritik) und Calixto Bieitos Inszenierung von Lorcas "Bluthochzeit" am Theater Basel (NZZ)
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Film

Es waren nicht die besten Filme, die beim Ophüls-Festival ausgezeichnet wurden, seufzt in der FAZ Tilman Spreckelsen, der gerne einen Preis an "Fräulein Else" von Anna Martinetz vergeben hätte, "deren Heldin sich ihrem bankrotten Vater zuliebe opfert, ohne sich dem reichen Lüstling preiszugeben, ist der Zusammenprall auf allen Ebenen das großartig umgesetzte Prinzip des Films, der vom Kollaps der Wirtschaft ebenso spricht wie vom Zusammenbruch der einzelnen Figuren. Der reiche Westen trifft auf das Schwellenland Indien, in das die Regisseurin Arthur Schnitzlers eigentlich in Italien spielende Novelle verlegt hat."

taz-Rezensent Andreas Resch ist ganz zufrieden mit dem Ophüls-Gewinner "Love Steaks" von Jakob Lass (Bild), einem Film über "die sich anbahnenden Liebesbeziehung zwischen Clemens (Franz Rogowski) und Lara (Lana Cooper), die in einem großen Wellnesshotel als Masseur und Kochazubine arbeiten".

In der SZ kommt Philipp Stadelmaier allerdings mit denkbar schlechter Laune aus den Vorführungen, die ihn an einen Nutten-Wettbewerb erinnern: "Auf dem Nachwuchsfestival führen Jungfilmer ihre Werke wie Reizwäsche vor, um sich im Anschluss in den Gängen des grauen Multiplex-Kinos, in dem sich der Großteil des Festivals abspielt, gegenseitig für neue Projekte zu verkuppeln."

Auf critic.de bringt Nino Klingler den zweiten Teil seiner Notizen vom Filmfestival in Rotterdam, wo er mitunter "die Wonne totaler Ungegenständlichkeit" empfindet. Ausführlicher bespricht er die Strugatzki-Verfilmung "Hard to be a God", das Vermächtnis des russischen Regisseurs Aleksei German, der jahrelang an dem Film arbeitete (mehr dazu etwa hier): Nach dem Tod des Regisseurs im vergangenen Jahr "bleibt ein Vermächtnis, das in seiner existenziellen Wüstheit und puren physischen Wucht vollkommen ohne Vergleich ist. ... In der anarcho-materialistischen Welt von 'Hard to Be a God' vollbringt die Entropie ihr Werk an allem Fleischlichen eher durch Rückverwandlung in feuchte Materie." Wir sind gespannt!

Weiteres: Quentin Tarantino hat das Medienunternehmen Gawker wegen Copyrightverletzung verklagt, weil das Blog auf seinen jüngsten Drehbuchentwurf "The Hateful Eight" verlinkt hatte (wir berichteten). Auf Gawker findet John Cook das reichlich verlogen. Er zitiert eine erste Tarantino-Reaktion nach Bekanntwerden des Leaks: "I do like the fact that everyone eventually posts it, gets it and reviews it on the net. Frankly, I wouldn't want it any other way. I like the fact that people like my shit, and that they go out of their way to find it and read it." Der Freitag bringt eine deutsche Übersetzung von Simon Hattenstones Guardian-Porträt von "Girls"-Ikone Lena Dunham. Besprochen werden Justin Chadwicks Biopic über Nelson Mandela (Tsp) und Ashgar Farhadis neuer Film "Le Passé" (Welt)

Außerdem zum Stöbern: Die New Yorker Drehorte von Coppolas "Der Pate" - damals und heute. Und auf Diastor finden wir die ersten Clips aus der neuen Restauration des Stummfilmklassikers "Das Cabinet des Dr. Caligari", die auf der kommenden Berlinale uraufgeführt wird.

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Musik

Der Folksänger Pete Seger ist gestorben. 94 Jahre wurde er alt. In der New York Times widmet ihm John Pareles einen Nachruf, der von liebevoll erinnerten Konzerterlebnissen zeugt: "In his hearty tenor, Mr. Seeger, a beanpole of a man who most often played 12-string guitar or five-string banjo, sang topical songs and children's songs, humorous tunes and earnest anthems, always encouraging listeners to join in." Und jetzt alle: If I had a hammer!



Schön und gut, dass die Popstars bei der Grammy-Verleihung offen für die Homo-Ehe eintraten, aber kommt das nicht reichlich spät, fragt naserümpfend Fatma Aydemir in der taz: "Es ist traurig, aber wahr, dass die Popindustrie den Anschluss zur Avantgarde längst verloren hat und nur noch mit schicken Settings und reichlich übermüdet dem Zeitgeist hinterherhinkt."

Genauso sieht das in der FAZ auch Dieter Bartetzko! Er wünscht sich im Aufmacher endlich wieder Stars, die was können, so wie Caterina Valente, von der gerade zwei Konzertmitschnitte aus den 60ern veröffentlicht wurden: "Wohin sind wir mittlerweile geraten mit den bombastischen Inszenierungen, die Charakterschablonen und Roboter an die Stelle von Stars und Individuen gesetzt haben? Dieser aus dem Geist des World Wide Web, der Dressuranstalt für Mainstream-Denken und -Fühlen, geborene Konformismus ist tödlich für alles Eigenständige, für Individualität und Urteilskraft."

Außerdem: Sebastian Leber porträtiert im Tagesspiegel die Indiepop-Band Ja, Panik, deren neues, "liebevoll dahingeschmachtetes" Album "Libertatia" mehr denn je "Militanz in Zuckerwatte" hülle. Und: Warme Musik für das tief eingeschneite Berlin - Ronny Kraak vom Kraftfuttermischwerk hat einen großartigen Soul-Mix von DJ Cotton Here aufgetan:

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Literatur

In der NZZ legen Paul Kahl und Hendrik Kalvelage minutiös die Verflechtungen des Weimarer Goethemuseums mit dem Nationalsozialismus dar. Doch im "Museumsführer kann man lesen, das Goethehaus bilde den 'menschlichen Widerpart' zu Buchenwald, es stehe 'ungebrochen für das, was an der deutschen Kultur als wertvoll und schätzenswert gilt'. Viele Besucher werden das glauben, doch inzwischen hat man das Problem in Weimar erkannt. ... Wenn das Goethe-Nationalmuseum als Lernort in der Erinnerungskultur des 21. Jahrhunderts bestehen will, muss es komplexe geschichtliche Strukturen erörtern - und seine eigene verborgene Geschichte sichtbar machen."

Außerdem: Die FAZ druckt Edmund de Waals Vorwort zu einem bisher unveröffentlichten Roman seiner Großmutter Elisabeth Ephrussi, der unter dem Titel "Donnerstags bei Kanakis" Anfang Februar auf Deutsch bei Zsolnay erscheinen wird. Elisabeth spielte schon in de Waals sehr empfehlenswertem Buch "Der Hase mit den Bernsteinaugen", die Familiengeschichte der jüdisch-russischen Bankiers-Familie Ephrussi, eine wichtige Rolle.

Besprochen werden unter anderem zwei neuübersetzte Romane von Jamaica Kincaid (taz) und Martin Saars Band "Die Immanenz der Macht" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Stichwörter: Erinnerungskultur, Weimar