9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die stille Diplomatie der Deutschen

30.10.2024. Nach der Hinrichtung des Deutsch-Iraners Jamshid Sharmahd erheben SZ und Zeit Online schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung: Ist eine Hinrichtung so etwas wie Pfusch am Bau, fragt die SZ den Kanzler. Die Welt muss die iranische Zivilgesellschaft stützen und die Revolutionsgarden als terroristische Organisation einstufen, fordert die iranische Schriftstellerin Atefe Asadi in der FR. Auf Spon verurteilt der UNO-Experte Richard Gowan Israels Vorgehen gegen die UNRWA. Auch die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde gilt in Russland jetzt als "extremistisch", weiß der Historiker Martin Schulze Wessel in der FAZ.

Selbstherrliche Hohepriester

29.10.2024. Der Schriftsteller Michal Hvorecký zieht im taz-Interview die katastrophale Bilanz der von den Rechtsextremen bestimmten Kulturpolitik in der Slowakei. Donald Trump ist für die Evangelikalen wortwörtlich der neue Heilsbringer geworden, stellt die SZ fest. Auf Zeit-Online verteidigt die Kulturhistorikerin Eva Horn die "Letzte Generation". Und: Das Sondierungspapier für eine künftige Koalition mit dem BSW in Brandenburg kommt einem Kniefall der SPD gleich.

Dass die Geschichte manchmal die falschen Lehren erteilt

28.10.2024. In der FAZ erzählt Lennart Laberenz, wie sich die Ukraine auf dem Winter vorbereitet, nachdem Putin die Kraftwerke systematisch beschossen hat und ein Großteil der Heizkapazität fehlt. Die taz fürchtet nach den Wahlen in Georgien, wo sich die putinistische Seite der Transparenz  verweigert, das Schlimmste - und auch die EU ist in der Bredouille. Welt-Autor Thomas Schmid erinnert an den Holocaust-Historiker Joseph Wulf, der sich vor fünfzig Jahren das Leben nahm. In Zeit online wirft der Publizist Robert Levine dem Autor Ta-Nehisi Coates brutale Vereinfachungen vor.

Trotzdem ein Klimaheld

26.10.2024. Die Extremismusforscherin Amy Cooter gibt in der FAZ Entwarnung: Sollte Kamala Harris die amerikanischen Wahlen gewinnen, kommt es nicht zum Bürgerkrieg. Trump ist ein Performer, kein Schauspieler, sagt Richard Sennett im Tagesspiegel. Die taz erinnert an die Teilung Zyperns vor fünfzig Jahren. Die SZ stürzt den ehemaligen "lieben Gott" von Ingolstadt. Die Öffentlich-Rechtlichen sollen nicht mehr so viel texten, berichtet die SZ.

Teils unvereinbare Lehren

25.10.2024. In Georgien findet morgen eine Schicksalswahl statt. Der Autor Iwa Pesuaschwili erklärt in der FAZ, warum er sie als den vielleicht "wichtigsten Augenblick in unserer Geschichte" betrachtet. Ebenfalls in der FAZ wird ein alternativer Vorschlag für eine Bundestagsresolution zum Schutz jüdischen Lebens in Deutschland" vorgestellt, der den Vorteil hätte, das Unis und Institutionen unbehelligt weitermachen könnten. Trump wird nicht gewinnen, da ist sich der britische Autor John Niven in der SZ sicher, aber es könnte Bürgerkrieg geben. Und die SZ baut ab.

Sie haben weggeschaut

24.10.2024. Der Iran wird keine Ruhe geben, bis Israel vollständig vernichtet ist, befürchtet Herta Müller in ihrer Dankesrede zum Arik-Brauer-Preis, die die Jüdische Allgemeine dokumentiert. Frieden kann es nur geben, wenn Putin weg ist, aber der Westen hat zu große Angst vor Putin, sagt Julija Nawalnaja im Zeit-Online-Interview. Das Schweigen zu den Themen Armut und Migration wird Kamala Harris vermutlich den Wahlsieg kosten, befürchtet der Wahlforscher Frank Luntz in der Welt. Der mächtigste Mann der Welt ist ohnehin längst Elon Musk, erfährt die SZ von den New-York-Times-Journalisten Kate Conger und Ryan Mac.

Das tägliche Gift

23.10.2024. Die selbsternannten "white saviours" im Westen schaden der Sache der Palästinenser nur, ärgert sich der palästinensische Aktivist Ahmed Fouad Alkhatib in der FAZ. Währenddessen wird auf einer sogenannten Bonner "Friedensdemonstration" unbehelligt zum täglichen Mord an Juden aufgerufen, notiert die Welt. Auf Zeit Online glaubt der Politologe Wilfried von Bredow weder an die Stärke der "Achse des Widerstands" noch an Frieden im Nahen Osten. In der FAZ warnt der Historiker Christopher Clark die Ukrainer davor, Spuren russischer Kultur aus Odessa zu tilgen.

Die Rache der Dialektik an ihrer Missachtung

22.10.2024. Der türkische Sektenführer Fethullah Gülen ist gestorben: Die Zeitungen zeichnen seinen Aufstieg und seinen Fall nach - und der Kollateralschaden war die säkulare Türkei. In der Welt spottet Leander Scholz über die Postmoderne, die aus der Poesie der Differenz in den Bürokratismus der Identitätspolitik abglitt. Ebenfalls in der Welt lernt der russische Journalist Ivan Ruslyannikov aus Alexej Nawalnys heute erscheinenden Memoiren, was "Gefängnis-Zen" ist.

Land der Philister

21.10.2024. "Seit fast einem Jahrhundert wissen wir, dass der Ruf nach Pazifismus angesichts einer aggressiven Diktatur oft nichts anderes ist als Appeasement und Hinnahme dieser Diktatur", rief Anne Applebaum einer verdutzten Hörerschaft bei der Friedenspreisverleihung entgegen. Das Echo der Zeitungen ist bisher eher verhalten. In der NZZ erinnert Michael Wolffsohn an den Ursprung des Begriffs "Palästina". In der Jungle World spricht Deborah Hartmann von Haus der Wannseekonferenz über ihren Kampf gegen Relativierungen, Gleichsetzungen und Vereinnahmungen von allen Seiten.

Intelligenter als wir

19.10.2024. Die Zeitungen beschäftigen sich mit dem Tod des Hamas-Führers Yahya Sinwar und fragen, was nun kommen wird: der Vorsitzende der israelischen Demokraten Yair Golan fordert im FAS-Interview eine konkrete Zukunftsperspektive für Gaza. Spiegel-Online hofft auf ein Ende des Krieges und einen Geiseldeal. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung glaubt der Historiker Yuval Noah Harari, dass Künstliche Intelligenz in nächster Zeit die Vorherrschaft auf der Erde übernehmen wird. Der Autor Can Dündar erhebt im Tagesspiegel-Interview Vorwürfe gegen die deutsche Regierung, die Menschrechtsverletzungen in der Türkei zu Gunsten "schmutziger Deals" ignoriert.