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23.10.2024. Die selbsternannten "white saviours" im Westen schaden der Sache der Palästinenser nur, ärgert sich der palästinensische Aktivist Ahmed Fouad Alkhatib in der FAZ. Währenddessen wird auf einer sogenannten Bonner "Friedensdemonstration" unbehelligt zum täglichen Mord an Juden aufgerufen, notiert die Welt. Auf Zeit Online glaubt der Politologe Wilfried von Bredow weder an die Stärke der "Achse des Widerstands" noch an Frieden im Nahen Osten. In der FAZ warnt der Historiker Christopher Clark die Ukrainer davor, Spuren russischer Kultur aus Odessa zu tilgen.
Für die FAZ spricht Frauke Steffens mit dem im amerikanischen Exil lebenden palästinensischen Nahost-Spezialisten und Aktivisten Ahmed Fouad Alkhatib, der sich auf beiden Seiten Feinde gemacht hat, weil er den israelischen Krieg in Gaza ebenso heftig kritisiert wie die Hamas. Die Hamas habe das Massaker am 7. Oktober auch deswegen begangen, "weil sie längst geschwächt gewesen sei", glaubt er: "Im Sommer 2023 gab es palästinensische Proteste gegen die Terrororganisation, die Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien habe den Druck erhöht. Hinzu kamen Signale aus Qatar, dass der Wüstenstaat die Finanzierung der Hamas möglicherweise zurückdrehen würde." Vor allem kritisiert Alkhatib westliche Linke und "Antizionisten", die der Sache der Palästinenser geschadet haben: "Manche gerierten sich wie 'white saviors', die ihren eigenen ideologischen Referenzrahmen auf eine ihnen fremde Region übertrügen. 'Sie sind wie ein falscher Freund, der dem Betrunkenen nicht die Autoschlüssel wegnimmt', sagt Alkhatib über die extremsten westlichen Aktivisten. Viele Demonstranten in Amerika seien nach dem 7. Oktober zwar aus den richtigen Gründen auf die Straße gegangen - Entsetzen über den Krieg, die Forderung nach einer Waffenruhe. Doch ihre Bewegung werde längst dominiert von destruktiven Narrativen, die die Palästinenser zur Gewalt ermutigten, die Hamas glorifizierten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die sogenannte "Achse des Widerstandes" ist viel schwächer, als sie sich gibt, erklärt der PolitologeWilfried von Bredow, der kürzlich das Buch "Kriege im 21. Jahrhundert" veröffentlichte, im Zeit-Online-Interview mit Hauke Friederichs. Ein Sieg Israels wird die Lage in der Region dennoch nicht stabiliseren, meint er: "Generell muss man sagen, dass es sehr viele Konflikte in der Region gegeben hat und auch noch gibt. Die Unübersichtlichkeit ist groß geworden. Das ist ein Raum, in dem Gewalt endemisch ist. Militärisch gibt es keine Lösung. Syrien, Jemen, Gaza, der Libanon - es gibt so viele Konflikte. Leider habe ich keine Lösung, wie ein Ausbruch aus der Spirale aussehen könnte. Aber der Nahe Osten war vor dem Terrorangriff der Hamas friedlicher als heute. Die Annäherung arabischer Staaten an Israel wurde dadurch ausgesetzt - aber immerhin nicht beendet."
Seit Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts war kein Wahlkampf so wenig ideologisch, wie der zwischen Donald Trump und Kamala Harris, erklärt der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ: "Der historische Extremfall des Gegensatzes zwischen Kommunismus und Faschismus zielte auf die Schaffung grundlegend verschiedener Welten. Aber auch die weniger kategoriale Opposition zwischen Sozialdemokratie und einem nicht vom Staat kontrollierten Kapitalismus funktionierte als Konflikt von divergierenden Plänen zur Gestaltung der Realität." Trump und Harris indes "verkörpern nicht mehr konzeptuelle Anweisungen für die Zukunft, sondern eher Bilder von angenehmer und deshalb zu bejahender individueller Existenz, mit denen sich ihre Anhänger identifizieren. Diese Veränderung mag auf ein Schwinden des Glaubens an die Macht der Politiker zurückgehen, die jeweilige Zukunft einzurichten. Ähnlich ließen sich wohl auch die sogenannten 'neuen rechten Bewegungen' in Europa beschreiben, die genau deshalb nicht mit dem Faschismus als Ideologie der Vergangenheit gleichzusetzen sind..."
Thomas Schmid ist in der Welt fassungslos: Bei einer sogenannten "Friedensdemonstration" in Bonn hält eine Person ein Plakat in die Höhe mit der Aufschrift "May every day be Oktober 7th" ("Möge jeder Tag ein 7. Oktober sein"): "Es gibt da nichts zu deuteln: Das ist ein Aufruf zum täglichen Mord an Juden. Keine der anwesenden Personen scheint sich an dem Satz zu reiben oder zu stören, von Protest zu schweigen. Es ist, als nähmen sie ihn gar nicht wahr. Oder akzeptierten ihn als eine Aussage, die eben so mitläuft: vielleicht überspitzte, aber jedenfalls legitime Meinungsäußerung. Erschreckend daran ist, dass Frauen und Männer, die erkennbar alle Freiheiten der liberalen Gesellschaft genießen können und genießen wollen, wie beiläufig mitteilen, dass sie den 7. Oktober 2023 gerne zum antiisraelischen und antijüdischen Normalfall machen würden."
"Möge jeder Tag der 7 Oktober sein" Aufschrift bei der "Friedensdemonstration" in Bonn. @PolizeiNRW@BfV_Bund was läuft hier eigentlich? Jeden Tag sollen also Juden massenhaft geschlachtet werden? Das ist die neue alte erlaubte Rhetorik jetzt?? Wie kann sowas wahr sein?????? pic.twitter.com/LU7uDtuoQn
Die Politik hat noch nicht begriffen, was für eine Art von Politikerin Sahra Wagenknecht ist, hält Jörg Lau auf Zeit Online fest. An den Verhandlungen mit der CDU in Thüringen lässt sich das gut beobachten - Wagenknecht versucht, die Partei gegen ihren eigenen Vorsitzenden Friedrich Merz auszuspielen. Wagenknecht behauptete, Merz hätte "faktisch einen Kriegseinsatz Deutschlands gegen Russland gefordert", zitiert Lau, eine Falschbehauptung. Die CDU verhandelt trotzdem weiter: "Es kommt für Sahra Wagenknecht darauf an, die mächtige, stolze Union mit ihrem westlichen Wertepathos dazu zu zwingen, den Gesslerhut der 'Friedenspolitik' zu grüßen. Der Begriff 'Frieden' wird so für eine Politik gekapert, die der Ukraine die Unterstützung verweigert. Aber wer könnte schon gegen 'Friede' sein?" Sahra Wagenknechts Politik ziele "darauf ab, den Diskurs zu verschieben, Symbole zu setzen, Identitäten umzuschreiben. Und damit ist sie derzeit singulär erfolgreich. Gut möglich, dass sie mit ihrer Methode auch die Union austrickst - und diese das erst bemerkt, wenn es zu spät ist."
Dass die Ukraine Spuren russischer Kultur, darunter Denkmäler von Isaak Babel, Iwan Bunin oder Jewgeni Petrow aus Odessa entfernt, kann der britische HistorikerChristopher Clark in der FAZ zwar nachvollziehen. Und doch ist es falsch, warnt er: "Das Gleiche gilt für die Entfernung russischsprachiger Bücher aus den Bibliotheken und das Verbot des Russischsprechens unter Schulkindern, auch außerhalb des Unterrichts. In Odessa war es noch nie dasselbe, Russisch zu sprechen und russisch zu sein." Zudem "ist Odessa seit dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine einer der wichtigsten Schauplätze des Konflikts. (…) Das Selbstverständnis von Odessa anzugreifen ist nicht nur unsensibel, sondern könnte ein schwerer strategischer Fehler sein. Und wir können sicher sein, dass die Russen keine Gelegenheit auslassen werden, die daraus resultierende Entfremdung auszunutzen. Wer auf das Überleben und den Erfolg der Ukraine hofft, der sollte auch hoffen, dass Kiew sich für das reiche und vielfältige kulturelle Erbe des Landes entscheidet."
In der NZZ zollt die ukrainische Dichterin Halyna Petrosanyak den ukrainischen Frauen Respekt, die das Land mitverteidigen. Sei es in lokalen Initiativen, als medizinische Helferinnen oder an der Front: "Laut einer Aussage der stellvertretenden Verteidigungsministerin der Ukraine, Natalia Kalmikowa, belief sich die Gesamtzahl der Frauen bei den ukrainischen Streitkräften Anfang 2024 auf 66 900. Rund 47 200 leisten ihren Dienst als Soldatinnen. Gleichzeitig haben 6500 Frauen Führungspositionen inne, und etwa 4000 operieren direkt an der Front."
Im Guardianwarnen der niederländische Politikwissenschafter Cas Mudde und die Politikwissenschaftlerin Gabriela Greilinger konservative Parteien mit Blick auf Österreich davor, rechtsextreme Parteien salonfähig zu machen: "Es begann als Möglichkeit, die eigene Macht zu stärken, aber die Unterstützung der FPÖ durch die ÖVP und deren wiederholte Einbeziehung in die nationale Regierung trugen dazu bei, rechtsextreme politische Positionen in den Mainstream zu bringen, was wiederum dazu führte, dass die extreme Rechte in der breiten Öffentlichkeit akzeptabler wurde - vielleicht trug dies letztendlich dazu bei, dass sie die Wahlen im September gewann. Denn wenn der Mainstream bereits die extreme Rechte nachplappert, warum dann nicht stattdessen einfach für das 'Echte' stimmen? Die Menschen bevorzugen das Original gegenüber der Kopie, wie der rechtsextreme französische Politiker Jean-Marie Le Pen einmal sagte und wie Untersuchungen bestätigen."
Raphael Geiger berichtet in der SZ von der türkischen Serie "Rote Knospen", die Rekord-Einschaltquoten erzielt und das Land spaltet. Direkt nach der ersten Folge verordnete die Rundfunkbehörde zwei Wochen Pause und eine Geldstrafe von 275 000 Euro, erzählt Geiger, doch der Erfolg war einfach zu groß, als das man sie ganz hätte verbieten können. In der Serie treffen konservative und säkuläre Menschen aufeinander - im türkischen Alltag kommt das überhaupt nicht mehr vor, so Geiger. Und so geht die Türkei jeden Abend um 20 Uhr "in Therapie": "Dass in der Türkei zwei Gesellschaften entstanden sind, die sich U-Bahnen und Cafés und Finanzämter teilen, aber immer im Wissen, dass die Anderen die Anderen sind. Türkisch sprechende Fremde. Man hat sich daran gewöhnt, ist ja Alltag. Und dann wieder ist es normal, dass junge Frauen zusammen durch Istanbul gehen, die eine verhüllt, die andere nicht, trotzdem sind sie befreundet. Trotz der Polarisierung. Trotz der Politik. Als hätten doch manche in der Türkei keine Lust mehr auf die Sprachlosigkeit. Auf die Schwere, die deswegen über dem Land liegt. Darauf, dass die Anderen immer nur die Anderen bleiben. Verändert sich etwas?"
In der tazplädiert Ilija Trojanow für mehr positive Utopien in der medialen Berichterstattung: "Wir leben in der reichsten Gesellschaft, die es je zwischen Borkum und Mainau gegeben hat, wir beuten die halbe Menschheit und die gesamte Natur aus - und doch wälzen wir uns im Sumpf unserer Ängste und massieren uns mit dem warmen Öl des Selbstmitleids. Das ist erbärmlich. Ein Journalismus, der reale Geschichten des Gelingens, des Erkämpfens und Verteidigens erzählt, wäre eine wichtige Impfung gegen diese Pandemie der Katastrophenbilder. Denn das tägliche Gift, das uns in die Ohren und Augen geträufelt wird, zersetzt die Vernunft und das Vertrauen auf Fakten."
Die FAZ publiziert auf den Geisteswissenschaften-Seiten den Vortrag, den die Philosophin und während der "Fördergeldaffäre" (unsere Resümees) geschasste FDP-Staatssekretärin für Bildung und Forschung Sabine Döring an der Universität Erlangen im Rahmen der Veranstaltung "Grenzen der Vermittlung - Vermittlung von Grenzen" anlässlich des sechzigsten Geburtstags des Theologen und Ethikers Peter Dabrock gehalten hat. Döring denkt hier über die Abhängigkeit der Politik von der Wissenschaft und über Aktivismus und "Wissenschaftsfreiheit" nach: Es gehe ihr "ausdrücklich nicht um eine grundsätzliche Ablehnung von Aktivismus auf dem Campus und auch nicht darum, die mögliche epistemische Relevanz von Aktivismus infrage zu stellen, der mit seinem Nachdruck auch Erkenntnisprozesse in Gang setzen kann. Aber Aktivisten machen auch von disruptiven Protestformen Gebrauch und unterbinden so, teils durchaus robust, den Lehr- und Forschungsbetrieb und greifen selbstbewusst in die Rechte anderer ein. ... Polizeieinsätze zum Schutz vor Aktivisten grundsätzlich abzulehnen lässt die Möglichkeit unter den Tisch fallen, dass Wissenschaftsfreiheit durch Aktivisten eingeschränkt werden kann."
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