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22.10.2024. Der türkische Sektenführer Fethullah Gülen ist gestorben: Die Zeitungen zeichnen seinen Aufstieg und seinen Fall nach - und der Kollateralschaden war die säkulare Türkei. In der Welt spottet Leander Scholz über die Postmoderne, die aus der Poesie der Differenz in den Bürokratismus der Identitätspolitik abglitt. Ebenfalls in der Welt lernt der russische Journalist Ivan Ruslyannikov aus Alexej Nawalnys heute erscheinenden Memoiren, was "Gefängnis-Zen" ist.
Der türkische Sektenführer Fethullah Gülen ist gestorben. Bevor sie nach dem Putschversuch von 2016 heftig aneinandergerieten und Präsident Erdogan die Institutionen radikal säuberte, hatten Gülen und Erdogan ein Bündnis gegen die säkulare Türkei gebildet, erinnert unter anderem Maximilian Popp im Spiegel: "Als Erdogans islamisch-konservative AKP 2002 die Parlamentswahl gewann, mehrte sich Gülens Einfluss in der Türkei. Beide Lager gingen eine strategische Partnerschaft ein: Gülen sicherte der AKP Wählerstimmen, Erdogan schützte die Geschäfte der Gemeinde. Gemeinsam räumten sie säkulare Gegner aus dem Weg, so beschreibt es unter anderem der ehemalige türkische Investigativjournalist Ahmet Sik. In den sogenannten Ergenekon- und Balyoz-Verfahren, die von Gülen-nahen Richtern gesteuert worden sein sollen, wurden Hunderte säkulare Offiziere, Journalisten und Akademiker als Staatsfeinde verurteilt."
Jürgen Gottschlich skizziert in der taz den Rieseneinfluss Gülens, bevor er von Erdogan erledigt wurde: "Vor allem in der Justiz und der Polizei waren die Gülen-Leute sehr erfolgreich. Aber auch darüber hinaus wuchs der Einfluss der Sekte enorm. Sie besaß mit Zamaneine der größten Zeitungen, kontrollierten TV-Kanäle, wurden zu einem Wirtschaftsgiganten mit eigenen Banken, Versicherungen und Immobilienunternehmen. Vor allem betreibt die Gülen-Sekte private Schulen: Zuerst in der Türkei, nach der Auflösung der Sowjetunion expandierten sie in die zentralasiatischen, turksprachigen Länder und hatten innerhalb kürzester Zeit dort ebenfalls einen großen Einfluss." Und ganz nebenbei: "Der deutsche Ableger der Gülen-Bewegung, die 'Stiftung Dialog und Bildung', betreibt in Deutschland nach wie vor unter anderem Schulen, Nachhilfezentren und Kindergärten. Die Stiftung werde auch in Zukunft fortbestehen, teilte deren Vorsitzender Ercan Karakoyun mit."
Deniz Yücel erzählt in der Welt ausführlich die gekoppelten Karrieren von Gülen und Erdogan und kommt auch auf den Putsch von 2016 zu sprechen: "Anders als Fethullah Gülen bis zuletzt beteuerte, war seine Organisation daran maßgeblich beteiligt. Zugleich sprechen viele Indizien dafür, dass Erdogan über die Vorgänge vorab im Bilde war. Es gab eine Intrige innerhalb der Intrige, Verrat innerhalb des Verrats, mehr lässt sich bis heute nicht mit Gewissheit sagen." Yücel bezweifelt, dass die Gülen-Sekte den Tod ihres Gründers überstehen wird.
Gülen hatte (und hat?) in Deutschland gewichtige Fürsprecher, ergibt eine kleine Nachfrage bei "Perplexity": Zu ihnen gehören Rita Süssmuth, einige Kräfte in der der Evangelischen Kirche und der ehemalige BND-Präsident Bruno Kahl.
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weltweit erscheint heute posthum unter dem Titel "Patriot" die Autobiografie Alexej Nawalnys. Für Welt Online hat der russische, seit 2022 im Exil lebende Journalist Ivan Ruslyannikov bereits einen Blick in das Buch geworfen, das er als "Lehrbuch über das Überleben und den Kampf im heutigen Russland" würdigt: "Nawalnys stärkste Zeilen finden sich im Epilog, der selbst denjenigen eine Gänsehaut bescheren wird, die bisher wenig oder gar kein Interesse an Nachrichten über Russlands wichtigste Oppositionsfigur hatten. In seinem Tagebucheintrag vom 22. März 2022 schildert Nawalny, wie ihn das Gericht zu neun Jahren Lagerhaft verurteilt. Später, in einer anderen Strafsache, verurteilte ihn das Gericht zu weiteren 19 Jahren. Nawalny hat hinter Gittern das gefunden, was er 'Gefängnis-Zen' nennt. Ihm wurde bewusst, dass er entweder bis zu seinem eigenen Tod oder bis zum Tod des Regimes im Gefängnis bleiben wird. Er macht sich keine Hoffnungen, denn die UdSSR bestand mehr als siebzig Jahre. Nawalny spricht von Enkeln, die er nie sehen wird, von Menschen, an deren Beerdigung er nicht teilnehmen wird, von Fotos, auf denen er nicht zu sehen sein wird. Gleichzeitig schreibt er, dass es viel Schlimmeres als seine Situation gebe: den Krieg in der Ukraine, die getöteten Zivilisten in Mariupol, die elternlosen Kinder."
Nawalnys Team hat allen interessierten Russen versprochen, ihnen ein Exemplar zuzuschicken und so die Repressionen des russischen Buchmarkts zu umgehen, weiß Hannah Wagner die das Buch für den Tagesspiegel vorstellt.
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Italien ist ein Land, in dem keine formvollendete Demokratie existiert", sagt ein ziemlich desillusionierter Roberto Saviano, der im Frühjahr seinen Roman über den Anti-Mafia-Richter Giovanni Falcone veröffentlicht hat, im FR-Gespräch, in dem er schildert, wie nicht nur das italienische Fernsehen bis ins kleinste Detail manipuliert wird, sondern auch drastische Verschärfungen des Demonstrationsrechts kritisiert. "Viele berühmte Leute haben Angst, sich gegen Meloni zu stellen, weil das bedeutet, dass man kein Geld,keine Finanzierung für Projekte bekommt. Die Banken unterstützen Oppositionelle nicht. Also sind alle angepasst. Meine Projekte werden blockiert, verhindert, nicht finanziert. Meine Sendung 'Insider', in der es um die Mafia geht, wurde über ein Jahr lang nicht ausgestrahlt, obwohl sie schon aufgenommen war. … So etwas wäre selbst in der Regierung Berlusconi nicht möglich gewesen, denn damals hätte man damit die gesamte italienische Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Heute ist es möglich, weil die öffentliche Meinung gespalten ist. Die großen Medien werden dirigiert, die kleineren haben kein Geld, haben Angst und schweigen. So ist eine 'Demokratur' entstanden, eine Mischform aus Demokratie und Diktatur: eine Demokratie im Rahmen, aber innen drin wird mit autoritären Maßnahmen regiert."
Außerdem: Im Tagesspiegel ist Felix Hackenbruch mindestens erstaunt über das "dröhnende Schweigen" der SPD nachdem Anti-Israel-Post von Bundestags-Vizepräsidentin Aydan Özoguz (unsere Resümees), zumal es nicht das erste Mal ist, "dass Özogus mit einseitigen Positionierungen zum Nahost-Konflikt auffällt.
Als ob sie zum Beweis von Anne Applebaums aktuellem Buch "Die Achse der Autokraten" antreten wollten: Im südrussischen Katarsan versammeln sich derzeit Delegationen aus mehr als dreißig Staaten, "um eine wuchtige Botschaft in die Welt zu setzen: Hier regieren wir - nach unseren Regeln und unseren Werten", notiert Stefan Kornelius in der SZ: "Der Klub der Autokraten und ihrer Freunde zeigt sich geschlossen in seinem Ansinnen, die herrschende Weltordnung zu brechen und sich als Opfer von Kolonialismus und wirtschaftlicher Ausbeutung zu stilisieren. Bei den Brics-Staaten handelt es sich nicht mehr um aufstrebende Volkswirtschaften an der Wegscheide zu mehr Demokratie und Liberalismus, so wie es vor zwanzig Jahren den Anschein hatte. Hier versammeln sich Handels- und Rohstoffmächte mit wachsendem Hang zu autoritärer Regierungsform, mangelnder Transparenz, regelwidriger Manipulationskraft und hoher Toleranz für Kriegsverbrecher aller Couleur." Kornelius fordert Gegendruck aus dem Westen: "Geldflüsse und Investitionen im Westen können stärker unterbunden werden, die Propaganda muss durch eine Informationsoffensive gekontert werden, die Nachrichtendienste benötigen größere Befugnisse, um die Subversion offenzulegen und zu stoppen."
Die Hisbollah ist bekanntlich nicht nur eine Terrormiliz, sondern ein Staat im Staate mit Krankenhäusern und Sozialsystem. Der Experte Joseph Daherschätzt sie im Gespräch mit Julia Neumann von der taz auf 100.000 Mitglieder. Allerdings schwindet ihre Popularität im Libanon, vor allem bei nicht schiitischen Bevökerungsgruppen rapide: "Zwar verteidigen die Menschen im Allgemeinen das Recht auf Widerstand oder sehen die Bombardierung und Invasion Israels negativ, doch das führt nicht zu einer breiteren politischen Unterstützung der Hisbollah. Die Spannungen innerhalb des Landes nehmen zu, und einige weigern sich, Geflüchtete oder Vertriebene aus den mehrheitlich schiitischen Gebieten aufzunehmen, aus Angst, Sektierertum und Rassismus. Die Hisbollah hat den breiten Rückhalt bei anderen religiösen Gruppen verloren. Sie ist in der schiitischen Gemeinschaft nach wie vor hegemoniale Kraft, aber jetzt gibt es mehr Kritik. Und die Frage stellt sich auch, ob die Hisbollah den Wiederaufbau nach dem Krieg leisten kann."
Richard Herzinger wendet sich in seinem Blog gegen die Idee, Israel verfahre mit seinem Einmarsch in den Libanon genauso wie Russland mit seinem Einmarsch in der Ukraine, die neulich etwa von Dominic Johnson in der tazvertreten wurde: "Diese Gleichsetzung ist ebenso ignorant wie infam. Zwar hat die israelische Armee bei ihrer Bodenoffensive tatsächlich die libanesische Staatsgrenze überschritten. Das Gebiet, in das sie in Ausübung ihres Rechts auf Selbstverteidigung eingedrungen ist, steht jedoch nicht unter Kontrolle des libanesischen Staats, sondern wird von der Terrormiliz Hisbollah beherrscht. Und dies, obwohl die UN-Resolution 1701 vom August 2006 diese dazu verpflichtet hatte, es zu räumen und sich hinter den Litani-Fluss zurückzuziehen."
Quo vadis, Nahost, fragt sich Josef Joffe auf Zeit Online, jetzt, nachdem Yahya Sinwar und Hassan Nasrallah ausgeschaltet sind. Zu einem heißen Krieg zwischen Iran und Israel werde es nicht kommen, weil Amerika Israel verboten habe, die iranischen Atomanlagen anzugreifen. "Ein Regime Change in Teheran, von dem Netanjahu träumt, wird so schnell ebenfalls nicht kommen. Gibt es keinen Trost? Der lässt sich einzig aus der Perspektive schöpfen, dass die iranischen Heloten irgendwann einmal erschöpft sein mögen, flankiert von israelischer Abschreckungsmacht. Eine bessere Strategie gibt es im Nahen Osten nicht."
Der Kulturwissenschaftler Ladislaus Ludescher hat in einer Langzeitstudie untersucht, wie wenig die Medien über Krisen im "Globalen Süden" berichten. Allein in der "Tagesschau" wurde dem Sport im ersten Halbjahr 2022 mehr Sendezeit eingeräumt als allen Ländern des "Globalen Südens" zusammen: "Als 'tödlichster Krieg des 21. Jahrhunderts' gilt der Bürgerkrieg in der nordäthiopischen Region Tigray, der zwischen 2020 und 2022 schätzungsweise bis zu 600.000 Menschenleben forderte. In den Nachrichten wurde hierüber kaum berichtet. Zu den vergessenen militärischen Konflikten gehören auch die Kämpfe in Myanmar zwischen Rebellen und der antidemokratischen Militärjunta sowie der Krieg im Sudan, wo Schätzungen zufolge über sechs Millionen Menschen auf der Flucht sind und eine Hungersnot droht. Die Liste der medial vernachlässigten Krisen, Kriege und Katastrophen ließe sich leicht verlängern. ... Im Durchschnitt beschäftigen sich Nachrichtenmedien in lediglich etwa zehn Prozent ihrer Sendezeit oder Beitragsseiten mit den Ländern des Globalen Südens, obwohl dort etwa 85 Prozent der Weltbevölkerung leben."
In der Welt skizziert der Philosoph Leander Scholz den Siegeszug und schließlich das Scheitern der postmodernen Linken an ihrer Bürokratisierung: "Stand am Beginn der Postmoderne die Suche nach einer Alternative zur modernen Philosophie der Identität, ist die postmoderne Linke heute bei einer Identitätspolitik angekommen, die aus jedem Sprechakt ein Bekenntnis zur Gruppenidentität macht. Mit dem Umschlagen von Differenz in Identität endet die Postmoderne dort, wo die Identitären schon seit geraumer Zeit ihr politisches Lager aufgeschlagen haben. Das ist die Rache der Dialektik an ihrer Missachtung."
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