9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.06.2025. In der Jüdischen Allgemeinen streiten Hamed Abdel-Samad und Henryk Broder über den Gazakrieg, den Abdel-Samad als "Genozid" bezeichnet. Bürokratieabbau sollte auch ein linkes Bedürfnis sein, meint Ilija Trojanow in der taz. In der FAZ verteidigt Christian Drosten einen harten Realitätsbegriff. Der russische Journalist Andrei Kolesnikow (NZZ) fühlt im Kreml - Marx zitierend - die Toten auf dem Gehirne der Lebenden lasten. "Die Ära PiS endet nicht, sie geht immer weiter", klagen die Ideenhistorikerin Karolina Wigura und der Autor Jarosław Kuisz bei Zeit Online.
03.06.2025. Trist, aber wahr: Der Ausgang der polnischen Präsidentschaftwahlen verdüstert nicht nur die Lage in Polen, fürchten die Zeitungen. Tausende Menschen verschwinden im Krieg im Sudan, berichtet die taz. Die SZ fürchtet, dass afghanische Flüchtlinge nicht mehr in Deutschland aufgenommen werden, auch wenn sie gefährdet sind. Der Historiker Pierre Nora ist gestorben -wir zitieren aus dem Nachruf von Le Monde.
02.06.2025. Es ist knapp, aber es ist eine Katastrophe. Der von Trump und Putin bevorzugte Kandidat für die polnischen Präsidentschaftswahlen hat gewonnen. Der Historiker Paweł Machcewicz gibt bei Zeit online Hintergründe zu den Wahlen. Marion Ackermann übernimmt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz - die Liste der von ihr zu bewältigenden Aufgaben ist deprimierend, so die taz. Zeit online sucht Dissidenten unter Palästinensern und Israelis. Kann man das drohende "Zero-Click-Internet" besteuern, fragt bang die SZ. In Le Point erinnert Pascal Bruckner an Vladimir Jankélevitch.
31.05.2025. In der NZZ skizziert der Schriftsteller Michail Schischkin die radikale Verwüstung der russischen Kultur. Die FAS zitiert aus einem offenen Brief, in dem mehr als tausend israelische Akademiker der Regierung "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" vorwerfen. Auch immer mehr Militärs kritisieren Armeeführung und Politik, sekundiert Zeit Online. Der erste Araber, der zu Verhandlungen mit Israel aufrief, war der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser, entnimmt der Schriftsteller Najem Wali in der FAZ einer Aufzeichnung aus dem Jahr 1970. Kann Papst Leo XIV. im Krieg gegen die Ukraine vermitteln, fragt sich der Historiker Volker Reinhardt im Spiegel.
30.05.2025. Packt die Badehose ein: "Vielleicht ist es der letzte Sommer in Frieden", warnt der Militärhistoriker Sönke Neitzel in der taz, und wenn Putin angreifen würde, könnte er den 9.000 Nato-Soldaten in Estland mal eben eine Truppe von 100.000 Mann entgegenstellen. In der Zeit fragt sich die Harvard-Professorin Sheila Jasanoff, was die Universitäten selbst dazu beitrugen, sich so angreifbar zu machen. Im Perlentaucher denkt Pascal Bruckner über die Pathologie der algerisch-französischen Beziehungen nach. In der Welt beobachtet Michael Wolffsohn, wie sich der Genozidvorwurf gegen Israel durchsetzt, auch wenn er falsch ist.
28.05.2025. In der SZ denkt Timothy Garton Ash über den am wenigsten unrealistischen Weg zur Beendigung des Ukrainekriegs nach. In der FAZ erklärt der Jurist Michael Meyer-Resende, wie aussagelos Begriffe wie links und rechts, liberal oder illiberal geworden sind. Die taz fürchtet um die Sicherheit der Juden hierzulande (natürlich nur von rechts), wenn die deutsche Regierung Israel weiter unterstützt. Natürlich muss Benjamin Netanjahu in Deutschland verhaftet werden, ruft die SZ. In der Zeit erklärt der britische Historiker Richard Evans die Vor- und Nachteile von kontrafaktischer Geschichtsschreibung.
27.05.2025. "Ich halte zu Israel, weil es ein winziges Land ist, unendlich zerbrechlich und von allen Seiten bedroht", sagt Bernard-Henri Lévy in einer Rede, die er in Israel hielt - aber er warnt auch vor den Rechtsextremen in Netanjahus Regierung. Die taz besucht den NSU-Gedenkort in Chemnitz - nur Michael Kretschmer fehlte bei der Eröffnung. Auf geschichtedergegenwart.ch erzählt Claus Leggewie, wie die amerikanische Regierung anfängt, die Geschichte zu bereinigen. Verhandlungen bringen nichts, meint der Osteuropa-Experte Andreas Umland in der NZZ - Russland braucht eine demütigende Niederlage.
26.05.2025. In der SZ kritisiert Etgar Keret sehr scharf die israelische Regierung: "Es gibt wirklich nur sehr wenige Menschen auf diesem Planeten, die denken, dass das, was gerade hier passiert, Sinn ergibt." Die taz stellt die polnische Autorin Klementyna Suchanow vor, die zu der von Putin gesponsorten weltweiten "Pro Life"-Bewegung recherchiert. Die FAZ bringt Dan Diners Börne-Preis-Rede: eine Meditation über die Börne-Zeit und die Gegenwart. Die Jüdische Allgemeine sammelt Stilblüten zu Israel, die taz "kontextualisiert".
24.05.2025. Die New York Times schildert den Hergang des antisemitischen Mords an Sarah Milgrim, 26, und Yaron Lischinsky, 30, in Washington. Deutsche Zeitungen beschäftigen sich mit Trumps Hass-Aktion gegen Harvard. SZ und taz erörtern die Frage, wie Deutschland sich zu Israel stellen soll. In der NZZ schildert Sonja Margolina das heikle russische Selbstbild: Aus sich heraus ist man nur halb. Das Deutsche Historische Museum erinnert an das Erinnern - Raphael Gross, Direktor des DHM, erklärt in der FAS, warum das sinnvoll ist. "Am 7. Oktober wurden wir wieder zu Juden", sagt die israelische Autorin Lee Yaron in der taz.
23.05.2025. "Wir sind in keinem Jahr 1933", sagt der Historiker Michael Wildt in der FR mit Blick auf die AfD: Ein Verbot der Partei befürwortet er unter Bedingungen trotzdem. Finster auch der militante Rechtsextremismus unter Jugendlichen, so Zeit online. In Frankreich zeigt der Regierungsbericht über die Muslimbrüder, wie diese auf lokaler Ebene agieren - Le Point kommentiert. Empörung löst eine Kampagne des Verlegers Holger Friedrich gegen den Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, Philipp Peyman Engel, aus.