9punkt - Die Debattenrundschau

Und alles ohne Bewusstsein

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.06.2026. Dank Zeit, Spiegel und SZ stochern Millionen Deutsche in den Naziakten von Urgroßeltern - unterdessen ist der Nationalsozialismus an den Unis nicht mehr so en vogue, sagt der Historiker Ulrich Herbert in der SZ. Wie kann es kommen, dass eine Organisation wie "Islamic Relief", die der Muslimbruderschaft und auch der Hamas nahesteht, über Jahre 15 Millionen Euro Subventionen des Auswärtigen Amts und Blurbs von Frank-Walter Steinmeier bekommt, fragt hpd.de. In der NZZ beleuchtet Richard C. Schneider die israelische Debatte über die Ultraorthodoxen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2026 finden Sie hier

Europa

Es ist ja sehr viel von der "Zivilgesellschaft" die Rede, die im Rahmen der Demokratieförderung und anderer Programme gewässert werden muss. Dass es bei solchen Förderungen nicht sehr transparent zugeht, zeigt die Affäre um den Verband "Islamic Relief", der vom Auswärtigen Amt über Jahre 15 Millionen Euro erhielt, obwohl eine Nähe zur Muslimbruderschaft bestand. Es ist der Islamkritikerin Seyran Ates zu verdanken, dass ein kritischer Bericht des Bundesrechnungshofs überhaupt freigegeben wurde. Die Medien berichteten eher zurückhaltend. Zur Affäre fand jetzt in Berlin eine Diskussion statt, über die Sebastian Schnelle in hpd.de berichtet. "Bereits 2009 lagen dem Verfassungsschutz Informationen zu Bezügen von 'Islamic Relief' zur Muslimbruderschaft vor, was jedoch nicht dazu führte, 'Islamic Relief' von der Förderung auszuschließen", resümiert er Erkenntnisse der Expertin Sigrid Herrmann. "Stattdessen wurde ab 2013 finanziell unterstützt und der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier gab sogar ein Testimonial ab, das bis heute abrufbar ist. Ebenfalls 2013 benannte Israel 'Islamic Relief' als Terrorfinanzier mit Verbindungen zur Hamas. Trotzdem wurde die Förderung weitergeführt, 2017 wurde sie sogar weiterbewilligt, ursprünglich bis 2020. Ab 2019 kam es schließlich zur Prüfung durch den Bundesrechnungshof, die jedoch zur Verschlusssache erklärt wurde. Heute, wo der Bericht endlich freigeklagt ist, nennt Herrmann diesen ein 'erschütterndes Dokument' von Behördenversagen."
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Geschichte

Nach Zeit und Spiegel hat nun auch die SZ einen Zugang zu den Naziakten unserer Vorväter gelegt. Thema der Woche in der SZ, selbst die Bayern googlen wie verrückt nach ihren Uropas, die sie möglicherweise nicht mal persönlich gekannt haben. Es geraten trotzdem Selbstbilder und Familienschnurren in die Krise - die Sozialpsychologin Angela Moré hilft im Gespräch mit Carolin Fries bei der Bewältigung. Der Historiker Ulrich Herbert macht aber im Gespräch mit Jochaim Käppner auf eine gegenläufige Tendenz aufmerksam - an den Unis ist der Nationalsozialismus überhaupt nicht mehr en vogue: "An den Universitäten ist die Zahl der Lehrveranstaltungen zum Nationalsozialismus deutlich zurückgegangen. Und es gibt nur noch wenige Geschichtsprofessoren in Deutschland mit einem Schwerpunkt in der NS-Zeit - das war vor 25 Jahren ganz anders. Bei den Studierenden ist das Interesse etwa an der Geschichte des Kolonialismus, der Globalisierung oder der Geschlechtergeschichte mittlerweile viel größer."

Vor fünfzig Jahren entführten deutsche Terroristen der "Revolutionären Zellen" ein Flugzeug und selektierten in Entebbe, Uganda, die israelischen und für jüdisch gehaltenen Geiseln - die anderen ließ man gehen. Die verbliebenen Geiseln wurden dann von einem israelischen Kommando befreit. Andreas Fanizadeh und Christoph Villinger unterhalten sich für die taz mit Thomas Kram, damals Mitglied der "Revolutionären Zellen", wenn auch nicht an Entebbe beteiligt. Er gehörte zu den wenigen, die  sich später vom rasenden "Antizionismus" des Linksextremismus abwandten: "Der Antizionismus, so kritisierten wir, sei im Zuge seiner zunehmenden Radikalisierung - oder 'Entgrenzung', wie es heute heißt - antisemitisch geworden. Nur so konnten wir uns nachträglich erklären, dass Böse und Kuhlmann mit ihren deutschen Biografien sich führend an einer Aktion beteiligten, deren Logik von vornherein die Geiselnahme von jüdischen Menschen und Israelis und deren Absonderung von den übrigen Passagieren beinhaltete. Dass es von dort bis zur Rampe in Auschwitz nicht nur in der medialen Aufbereitung, sondern vor allem in der Wahrnehmung der Opfer ein kleiner Schritt war, hätten wir wissen müssen. Pragmatismus gemischt mit historischem Halbwissen, politischer Naivität, moralischem Druck und Machtfantasien, die auf der Überzeugung basierten, Teil eines weltweiten Aufstands zu sein, trug dazu bei, dass wir im Kontakt mit Gruppen des palästinensischen Widerstands unsere politischen und ethischen Maßstäbe aus den Augen verloren hatten."

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Mit den USA ist es gar nicht so weit her, lernen die Leser der FR pünktlich zur 250-Jahr-Feier im Interview mit dem Historiker Bernd Greiner. "Die Verfassung wirkte wie eine Illusionsmaschine. Ihre permanente Überhöhung, ihre zivilreligiöse Inszenierung in Erziehung, Bildung und Medien mit dem ewigen Refrain auf die Weisheit ihrer Väter, all das hat viel dazu beigetragen, dass sich diejenigen, die alles andere als souverän waren, dennoch als Souverän imaginieren konnten. Noch der ärmste Prolet glaubte an seine Souveränität oder zumindest daran, dass er sie ausüben könnte, wenn er nur wollte. Das erzeugte ein veritables Machtgefühl auch bei denen, die über keinerlei Macht verfügten."
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Ideen

Rüdiger Safranski erklärt die KI in der Welt frei nach Freud zur "vierten Kränkung", nach der kopernikanischen, der darwinschen und der freudschen: "Das Bewusstsein, das sich souverän dünkt, wird nicht nur bedrängt vom triebhaft Unbewussten, wie bei Freud, sondern von der Künstlichen Intelligenz, die menschliche Intelligenzleistungen nachahmt und überbietet - und alles ohne Bewusstsein. Das geschieht besonders bei den KI-Sprachmodellen. Wenn sie perfekt menschenähnlich schreiben und sprechen, beschleicht einen das Gefühl - jedenfalls solange man sich noch nicht daran gewöhnt hat -, hier würde tatsächlich das Tote das Lebendige nachäffen."
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Gesellschaft

Viele Hoffnungen der bereits leicht lädierten deutschen Fußballmannschaft liegen auf Deniz Undav, der die Nationalmannschaft schon im zweiten Spiel durch zwei Tore herausriss. Deniz Undav ist Kurde. Und nicht nur Kurde, sondern auch Jeside, schreibt Ronya Othmann in ihrer FAS-Kolumne. Und "Deniz Undav ist auch Deutscher. Er ist Deutscher, wie die Kurden in Bielefeld Deutsche sind, die mit Trikots und Deutschlandflaggen Govend tanzen. Auch wenn das AfD-Anhängern nicht passt. Derzeit wird er oft mit Mesut Özil verglichen, doch zwischen Undav und Özil, der sich mit Erdogan ablichten ließ, ihn sogar als Trauzeugen zur Hochzeit einlud, und dann noch mit einem Drei-Halbmonde-und-Wolf-Tattoo, einem Zeichen der Grauen Wölfe, posierte, liegen Welten. Durch seinen Vater hat er zwar auch die türkische Staatsbürgerschaft, doch er spricht kein Türkisch. Warum sollte er auch? Seine Muttersprache ist Kurdisch. Als Undav 2023 gefragt wurde, für welches Team er gern einlaufen würde, antwortete er: 'für Einigkeit, Recht und Freiheit'."

Um alt zu werden und attraktiv zu bleiben, braucht man einige Privilegien, notiert Claudius Seidl in einem kleinen SZ-Essay zur Rentenreform. "Das Problem ist, dass die Menschen nicht synchron altern. Und dass das Jungbleiben eine Frage der Klasse ist, des Einkommens, des guten Lebens, der Ernährung und Bewegung. Vor allem scheint es aber eine Frage des Berufs zu sein. Herausforderungen, Verantwortung und Verwirklichung helfen sehr."
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Stichwörter: Undav, Deniz, Kurden, Jesiden

Kulturmarkt

Der Verlag C.H. Beck übernimmt große Anteile an dtv, gut 40 Prozent. Sie waren im Besitz der Ganske Gruppe, zu der etwa Hoffmann & Campe gehört. Der Konzentrationsprozess in der Branche geht also weiter, kommentiert Tania Martini in der FAZ. "Vor allem kleine und mittelgroße Verlage kämpfen immer stärker um eine Platzierung in den großen Sortimentsketten, die den Verlagen gegenüber eine starke Machtstellung haben. Im Onlinehandel und auf Plattformen entscheidet verstärkt der Algorithmus über Sichtbarkeit; gestiegene Produktions- und Transportkosten tun ihr Übriges. Auch ein wirtschaftlich starker Verlag wie C.H. Beck steht durch Konzerne wie Bonnier, Penguin Random House und Holtzbrinck unter Druck."

Zur Debatte um Vorschüsse für Bücher und eine angebliche Kommerzialisierung des Literaturbetriebs wendet der Amerikanist Günter Leypoldt ebenfalls in der FAZ ein, dass es eigentlich noch nie anders war: "Anspruchsvolle Literatur, die nicht zufällig durch Preise oder andere Aufmerksamkeitsmechanismen sichtbar wird, lässt sich fast nie allein durch Buchverkäufe finanzieren. Sie ist auf mehr oder weniger anstrengende Mischkalkulationen angewiesen."

In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ fragt Mikhail Ilchenko, ob in Russland überhaupt noch kritische Bücher möglich sind - meist nur über Umwege, etwa indem man Bücher im Ausland, aber auf russisch erscheinen lässt, erzählt er. "Obwohl es kein formelles Verbot gibt, ist das Thema 'politische Repressionen' für russische Verlage zu einem Risiko geworden. Die zahlreichen Kontrollen und Einschränkungen, die den Buchmarkt in Russland jüngst erschütterten, haben gezeigt, dass es derzeit keine klaren Spielregeln in diesem Bereich gibt. Die Unklarheit darüber, was zulässig ist und was nicht, hält die gesamte Buchbranche in Atem und zwingt die Verlage zur Selbstzensur."
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Medien

Der Comedian Dieter Nuhr hat einen sehr umstrittenen Witz über Femizide gemacht und wird seitdem vielfach kritisiert und angegriffen. Zurecht, findet Simon Strauß in der FAZ: "Nuhr, der inzwischen gefühlt genauso oft zur Gefährdung der Meinungsfreiheit interviewt wird, wie er seine Meinung zur besten Sendezeit frei heraus äußert, erfüllt im Grunde den Typus jenes ehemals links-alternativen Rechts-Renegaten, der über seinen Frust an der moralversauerten Empfindlichkeit der Kultur- und Medienwelt die Souveränität verloren hat, unabhängig und überraschend zu sein. Denn der Komiker ist - auch wenn er sich Comedian nennt - eigentlich keiner, von dem man eine Meinung hören will. Er soll in jenem inzwischen arg gefährdeten Zwielicht der Undeutlichkeit changieren und persiflieren und sich dabei zum Anwalt keiner Sache machen."

Nuhr rechtfertigt sich in einem Facebook-Beitrag. Es sei bei seinem Witz nicht um Femizide gegangen, sondern um das Wörtchen "strukturell", "das allen Männern Schuld zuweist, weil sie 'strukturell' Täter sind. Es ging um mehrere Artikel in großen deutschen Zeitungen, in denen Frauen infrage stellten, noch mit Männern leben zu können, weil diese 'statistisch töten'. Diese völlig überzogene pauschale Verunglimpfung war Thema meines Beitrages. Ich habe betont, dass jeder Frauenmord selbstverständlich (!) einer zuviel ist, aber dass die Chance, bei der Partnerwahl auf einen Frauenmörder zu stoßen, verschwindend gering ist."

Die inkriminierte Passage beginnt etwa ab Minute 3:

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Stichwörter: Nuhr, Dieter, Femizide

Politik

Auch im Judentum gibt es wie im Islam und im Christentum reaktionäre religiöse Gegenbewegungen zur Moderne, die diese - die Moderne - heute radikal bedrohen, die Ultraorthodoxen oder Haredim, deren Rolle Richard C. Schneider in der NZZ beleuchtet. Sie gerierten sich "als Hüter des authentischen Judentums. Doch historisch betrachtet ist dieses Selbstbild schlicht falsch. Die Ultraorthodoxie ist keineswegs das Judentum, wie es immer war", so Schneider: "Die Debatte darüber wird in Israel heute sehr offen geführt. Lange galt Kritik an den Ultraorthodoxen als Tabu. Zu groß war der Respekt vor einer Gemeinschaft, die im Holocaust einen erheblichen Teil ihrer geistigen Elite verloren hatte. Doch die demografischen Entwicklungen lassen solch eine Rücksicht nicht mehr zu. Die Haredim stellen heute bereits einen erheblichen Teil der jüdischen Bevölkerung Israels. Ihre Geburtenrate liegt deutlich über dem Landesdurchschnitt. In wenigen Jahrzehnten könnte jeder dritte Israeli ultraorthodox sein. Damit wird eine Frage unausweichlich: Kann ein moderner Staat dauerhaft funktionieren, wenn ein wachsender Teil seiner Bürger weder Militärdienst leistet noch in gleichem Maße wie andere am Arbeitsmarkt teilnimmt, gleichzeitig aber von staatlichen Subventionen lebt und damit, um es deutlich zu sagen, von den Steuern aller anderen Israeli profitiert?"
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