9punkt - Die Debattenrundschau

Ja, etwas Pathos

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.06.2026. Philippe Sands wird in diesem Jahr den Friedenspreis  des Deutschen Buchhandels erhalten - die Feuilletons sind begeistert, ein Streiter für das Völkerrecht und brillanter Erzähler. Wenn eine Frau Kopftuch trägt, gibt ihr das im Islam eine zwiespältige Macht, wenn sie es ablegt, setzt es 74 Peitschenhiebe, erfahren wir aus SZ und FAZ. Die FAZ berichtet auch über rassistische Ausschreitungen in Südafrika.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2026 finden Sie hier

Ideen

Der brillante britisch-französische Autor und Anwalt Philippe Sands (seine Bücher im Perlentaucher) wird in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen. Nina Apin zeichnet in der taz ein kleines Porträt: "Philippe Sands, geboren 1960 in London, studierte Jura in Cambridge und entwickelte sich zu einem renommierten Experten des Völkerrechts. Er führte Verfahren wegen Kriegsverbrechen wie Folter, Verschwindenlassen und Völkermord, trat unter anderem für die Rechte der Rohingya und der Palästinenser ein und war mit prägend für den Tatbestands des Ökozids in Zusammenhang mit Katastrophen durch die globale Erderwärmung." Oliver Weber ergänzt in der FAZ: "Die meisten von Sands' Büchern, für die der Genrebegriff 'erzählendes Sachbuch' wie geschaffen scheint, bewegen sich gekonnt im Grenzgebiet von Rechtsgeschichte, Roman und Fürsprache."

In der FR würdigt Michael Hesse Sands' unermüdlichen Einsatz für eine Idee des Völkerrechts: "Dass die Welt zunehmend in einen Zustand der Rechtlosigkeit abgleitet, in einen finsteren Naturzustand, wie ihn der Philosoph Thomas Hobbes als vor-zivilisatorischen Zustand definierte, wird allgemein befürchtet. Genau diese Tendenz erkennt auch Sands. Man solle aber nicht zu früh den Kopf in den Sand stecken. Neben dem Recht gibt es vor allem die Kraft der Erzählung, durch welche die Welt wieder besser werden kann." In der Welt schreibt Marc Reichwein.

Sands, der jüdischer Herkunft ist, vertritt auch Palästina vor dem Internationalen Gerichtshof - Palästina erfülle alle Kriterien der Staatlichkeit versicherte er letztes Jahr im Interview mit der Zeit. Das Triggerwort "Genozid" im Blick auf die israelische Kriegsführung benutzte er im Interview mit der Kölnischen Rundschau im Januar nicht, aber er nennt das Vorgehen Israels in Gaza "ganz klar nicht mehr verhältnismäßig, es geschieht Unrecht, und es werden unbestreitbar Verbrechen begangen". Und er rät von Waffenlieferungen an Israel ab: "Niemand kann sich an Verbrechen, die in Gaza stattfinden, mitschuldig machen wollen." Ein riesiges Gespräch zum Begriff "Genozid" hat in der New York Times Ezra Klein mit Sands geführt.

Elisabeth von Thadden kommentiert bei Zeit online: "Ja, etwas Pathos ist in diesem Fall gut: Eine vorzüglichere Wahl ließe sich in diesem Jahr gar nicht denken. Sands gibt den überhitzten Debatten um die Kriegsverbrechen im Nahen Osten und den nationalen Egoismen einen Boden des Universellen zurück, auf dem sich vorsichtig gehen lässt."

Außerdem: In der FAZ greift der Zeithistoriker Dominik Rigoll in die von Jan-Philipp Reemtsma angestoßene Debatte um den "Faschismus"-Begriff und die Frage, ob er heute zutrifft, ein - viel teffender sei der Begriff der "Nationalisierung".
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Politik

Heute sind im Gazastreifen Proteste gegen die Hamas angesagt. Anlass für die taz, auch mal über die Gewalt der Hamas an der eigenen Bevölkerung zu  berichten. "Die Hamas hat bereits mit einer Einschüchterungskampagne begonnen", schreiben Hisham Al-Masri und Lisa Schneider. "In der Gruppe nahestehenden Telegramkanälen werden etwa Bilder eines Galgens verbreitet, mit dem Wort 'Bald'. Am Freitag wolle sie angeblich mit Israel zusammenarbeitende Spione hinrichten. Die Hamas mobilisiere außerdem bereits ihre Truppen, in Erwartung von Protesten, berichten Quellen der taz aus Gaza."

Der amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran war alles andere als ein Erfolg, analysiert Christoph Ehrhardt im Leitartikel der FAZ. Das Regime in Teheran ist zwar geschwächt, aber, falls das möglich ist, noch finsterer als zuvor. Und es hat sein militärisches Erpressungspotenzial (Straße von Hormus) erkannt: "Doch das Triumphgeheul aus Teheran klingt hohl angesichts der schweren Schläge, die Irans Militär und die oberste Führung einstecken mussten. Das Regime kann das Patt in der Konfrontation bloß als Sieg verkaufen, weil aus seiner Sicht das bloße Überleben schon ein großer Erfolg ist. Und der politische Preis, den die iranische Führung für ihr Überleben gezahlt hat, ist hoch."

In Südafrika tobt rechtsextreme und rassistische Gewalt, ausgelöst von der Gruppe "March and March" unter dem Anführer Ngizwe Mchunu, der gern gegen Migranten aus Nachbarländern und Homosexuelle hetzt, berichtet Claudia Bröll in der FAZ. "Vor gut einem Jahr tauchte die Gruppe erstmals auf. Mit Protestmärschen im ganzen Land zog sie Aufmerksamkeit auf sich und gewann immer mehr Anhänger. Parallel dazu wurden ausländische Staatsbürger zunehmend auf den Straßen bedrängt und angegriffen. Bei gewalttätigen Übergriffen sind mehrere Menschen ums Leben gekommen. Aus Sorge um ihre Staatsbürger organisierten Nigeria, Ghana, Malawi und andere Staaten Repatriierungsflüge und Busse."
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Religion

Das Kopftuch gibt der Frau im Islam eine Art Macht, aber eine sehr zwiespältige, schreibt Güner Balci in einem kleinen Essay für die SZ: "Die Macht der ehrbaren, gottesfürchtigen Frau erwächst aus ihrer vermeintlichen Reinheit und der damit verbundenen moralischen Autorität. Die Drohung dahinter im Umkehrschluss: Infamie und Verdammnis. Ihre Regeltreue entscheidet über ihre Unversehrtheit. Genau deshalb ist die Verschleierung der Frau als Ausdruck verinnerlichter Geschlechtermoral weit mehr als eine modische Entscheidung. Das Verhüllen kann als Ausdruck von Frömmigkeit gelten; das Ablegen des Schleiers hingegen wird schnell als Verrat an der reinen Lehre gelesen und findet in der Gemeinschaft der Gläubigen oft einen starken Resonanzraum." Und Balci warnt: Der Druck auf die Mädchen wird eher größer.

Und der Iran macht immer noch vor, wie's geht, erzählt die iranische Autorin "Nona" in ihrer FAZ-Kolumne: "Mitten in diesem Durcheinander aus Abkommen und Kriegsende wurde vor kurzem das Urteil gegen die Sängerin Parastoo Ahmadi und ihre Band verkündet: zwei Jahre Berufsverbot, zwei Jahre Ausreiseverbot und 74 Peitschenhiebe. Weil eine Frau gesungen hatte. Und weil diese Frau, wie es in der Urteilsbegründung hieß, 'halb nackt' gewesen sei. Sie trug ein schwarzes Kleid, dessen Ausschnitt bis oberhalb ihrer Brüste reichte. Nichts weiter als ein ganz normales Frauenkleid."

Hier singt sie:

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Medien

Michael Martens kommt auf der Medienseite der FAZ auf eine mögliche Legende über die Kriege im ehemaligen Jugoslawien zurück: Zwei Bücher und ein Film hatten behauptet, es hätte in Sarajewo einen regelrechten "Menschenjagdtourismus" gegeben, die Serben hätten reichen Ausländern Lizenzen zum Abschuss von Zivilisten erteilt (unsere Resümees). "Nur: Keines dieser drei Werke hält in Bezug auf seine Quellentauglichkeit auch nur annähernd einer kritischen Prüfung stand. Wer den Film sieht und die Bücher liest, weiß danach ziemlich genau: nichts. Der Skandal der reichen Menschenjäger wird in diesen Werken zwar herbeigeraunt, aber nicht belegt oder plausibel erläutert." Die Bürgermeisterin von Sarajewo hatte aufgrund der Behauptungen die Staatsanwaltschaft eingeschaltet: Aber "es gibt keine gerichtsfesten Belege. Die wichtigste Quelle des angeblichen Dokumentarfilms über die angebliche Menschenjagd ist ein Anonymus. Man sieht ihn nicht, kennt seinen Namen nicht." Und auch Anklage wurde bis heute nicht erhoben.
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Stichwörter: Sarajewo