9punkt - Die Debattenrundschau

Der Zusammenbruch unserer semantischen Kategorien

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.10.2025. Der 7. Oktober hat die Begriffe zerstört, schreibt Eva Illouz in der SZ. "Links, Rechts, Rassismus, Kolonialismus, Antisemitismus - all diese Begriffe haben ihre Bedeutung verloren." Viele Artikel versuchen heute das Datum zu reflektieren - viel Kritik an der israelischen Regierung ist dabei. Herfried Münkler erklärt - ebenfalls in der SZ - , wie der "asymmetrische Krieg" mit "bildgestützten Erzählmustern" funktioniert. Außerdem: Was ist los in Frankreich?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2025 finden Sie hier

Politik

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Der 7. Oktober hat dazu geführt, dass das Bündnis zwischen dem Universalismus  und der jüdischen Bevölkerung in den Demokratien brüchig geworden ist, schreibt die Soziologin Eva Illouz in einem wichtigen Artikel in der SZ. Der Text beinhaltet eine fulminante Kritik fast aller politischen Lager. Netanjahu macht sie schwerste Vorwürfe, er habe sich seiner Verantwortung nicht gestellt, und er paktiere mit Rechtsextremen in der ganzen Welt. Die internationale Öffentlichkeit kommt fast noch schlechter weg: Die extreme Rechte biedere sich an Israel an, weil der eigentliche Furor des Antisemitismus nach links gewandert sei und die Rechte so ein neues Terrain besetzen kann. "Der 7. Oktober hat den Zusammenbruch unserer semantischen Kategorien markiert", schließt sie. "Völkermord, Widerstand, Gewalt, Krieg, Demokratie, Links, Rechts, Rassismus, Kolonialismus, Antisemitismus - all diese Begriffe haben ihre Bedeutung verloren. Was der 7. Oktober markiert hat, ist der Niedergang unserer öffentlichen Sphäre, deren Berufung es nun zu sein scheint, Worte ihrer Bedeutung zu berauben." 

Der argentinische Regisseur Alfredo Leuco hat einen Film über das Schicksal der Bibas-Familie gedreht. Im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen erinnert er an einen besonders düsteren Aspekt des 7. Oktober: "Tatsächlich haben viele, die kamen, um zu morden, zu rauben und zu entführen, zuvor im Kibbuz gearbeitet. Viele der Kibbuz-Bewohner, die ihnen ihre Türen geöffnet hatten, wurden entführt und getötet von jenen, denen sie geholfen hatten. In Nir Oz erfuhr ich dann auch vom Schicksal der Familie Bibas... Die Geschichte der Familie hat mich aus vielen Gründen sehr schockiert. Innerhalb des Massakers, des größten Massenmordes an Juden seit dem Holocaust, hat mich ihr Schicksal besonders berührt, weil sechs Mitglieder der Familie Bibas Silberman aus dem Kibbuz Nir Oz entführt wurden. Von den sechs Personen überlebte nur eine - nach 580 Tagen Gefangenschaft und Leid. Von den fünf auf grausame Weise Ermordeten waren vier Argentinier. Drei Generationen wurden massakriert: Der Großvater José Luis Silberman, der in Argentinien aufgewachsen ist, und seine Frau Margit Shneider, die Peruanerin war, wurden verbrannt." Der Film hat bisher keinen internationalen Verleih.

Sehr lesenswert in der Jüdischen Allgemeinen auch der kleine Essay der Journalistin Nicole Dreyfus über die Auswirkungen des 7. Oktober auf das Leben aller Juden, auch in Deutschland. "Die Trauer und die Freude, die im Judentum ohnehin schon eng miteinander verbunden sind, sind noch ein Stück näher zusammengerückt oder vielleicht gar nicht mehr auseinanderzuhalten. Das fühlt sich für uns an wie Gewichtheben. Also müssen wir lernen, in diesem Kraftakt noch mehr geübt zu sein, besser zu lernen, beides zu ertragen, beides zu leben."

Der Ha'aretz-Journalist Amir Tibon hat ein Buch zum 7. Oktober geschrieben. Im Gespräch mit Konstantin Nowotny zählt er einige Fehler der israelischen Regierung auf, die zur Katastrophe beigetragen haben. "Erstens: Die israelischen Streitkräfte hatten einfach nicht genug Soldaten für alle Missionen, die sie sich vorgenommen hatten. Das bleibt bis heute ein Problem, weil wir in diesem Krieg Tausende Soldaten verloren haben. Zweitens: Ein großer Teil der militärischen Kräften war im Westjordanland stationiert. Im Buch zitiere ich einen hochrangigen Hamas-Funktionär, der in einem Fernsehinterview vom August 2023 sagt, dass Israel 30 Bataillone in der West Bank stationiert hat. Sie wussten, dass wir zu wenig Soldaten nahe Gaza hatten. Drittens: Der 7. Oktober 2023 war in Israel ein Feiertag (Simchat Torah), und die Geheimdienste versagten, weil sie nicht erkannten, dass an diesem Tag etwas passieren könnte. Alle drei Punkte zusammen erzeugten dieses Desaster."

Auch der israelische Historiker Tom Segev spricht im Interview mit der FR über den Schock, den der 7. Oktober für Israel bedeutet, als die Armee die Bevölkerung nicht schützen konnte. "Für viele, insbesondere eine ganze Generation, war das unvorstellbar. Gleichzeitig dominiert die Sorge um die Geiseln das öffentliche Leben: Ihr Schicksal ist zu einer nationalen Obsession geworden, die fast mit Holocaust-Gefühlen vergleichbar ist. Es ist eine tiefe, kollektive Erschütterung, die die israelische Gesellschaft vereint. Dazu hat auch die sehr professionelle, kostspielige Öffentlichkeitsarbeit der Geiseln-Familien beigetragen. Aber am Ende hat es nichts genutzt: Die Geiseln sind noch immer in der Hand der Hamas. Fotos und Namen sind überall, Medien bringen tägliche Interviews von Angehörigen."

Benjamin Netanjahu instrumentalisiert den Gaza-Krieg für seine Innenpolitik - trotzdem kommt auch den Palästinensern eine Schuld zu, konzediert Thomas Avenarius in der SZ. "Die Palästinenser müssen sich endlich fragen, ob ihre Sache nicht weiter wäre, wenn sie auf Argumente statt auf Gewalt gesetzt hätten."

Der Philosoph Asa Kasher, Mitautor des Ehrenkodex der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), beklagt im Interview mit der FR, dass es nach dem 7. Oktober zu so vielen "Kollateralschäden" im Gaza-Streifen gekommen sei. "Es bricht einem das Herz, daran zu denken - und noch mehr, es auf Bildern zu sehen. Aber es ist unvermeidbar. Und dafür muss man die Hamas beschuldigen. Sie sollten nicht von stark bewohnten Gebieten aus angreifen, von Krankenhausarealen aus. Trotzdem sollten wir den Schaden minimieren. Es gab einen israelischen General, der sagte: In Gaza gibt es keine unschuldigen Leute. Das ist entweder niederträchtig oder dumm. Das Baby, das gestern geboren wurde, ist auch schuldig oder gefährlich?" Ähnliche Erwägungen von Hamas-Führern haben wir in der heutigen Presse nicht gefunden.

Saba-Nur Cheema und Meron Mendel üben in ihrer identitätspolitischen FAZ-Kolumne "Multidirektionale Erinnerung": "Vielleicht müssten wir uns, jenseits dieser tribalistischen Logik, darauf verständigen, dass der 7. Oktober für Juden und Palästinenser eine Zäsur darstellt: für die einen, weil er den tiefsten Schock und die traumatischste Erfahrung seit dem Holocaust markiert. Für die anderen, weil er zu einer humanitären Katastrophe, zu Vertreibung und Zerstörung führte, die die Traumata der Nakba wieder aufrief."

Die propalästinensischen Aktivisten sollten besser aufpassen, dass sie nicht den "Fake News" der Hamas aufsitzen, wenn sie heute auf die Straße gehen, meint die Schriftstellerin Jessica Durlacher in der Welt. "Ganze Menschenmengen, Jung und Alt, gehen hierfür auf die Straße in dem Glauben, für Gerechtigkeit einzustehen, blind für den Widerspruch: dass sie sich mit Menschen verbünden, die unsere Freiheiten, unsere Moral und Werte völlig ablehnen und von nur einer Sache verzehrt werden: ihrem Hass auf Juden. Wie können sie so blind sein? Dass auch von israelischer Seite Propaganda zu uns gelangt, nein, das leugne ich nicht. Es ist Krieg. Aber ich sehe dort auch Selbstreflexion, Kritik, Diskussion, Demonstrationen - alles undenkbar in Gaza, bei Hamas. Hamas opfert ihr eigenes Volk gnadenlos, für sie gilt: je mehr Tote, desto besser."

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Der Historiker Herfried Münkler sieht in der SZ die Zeit der asymmetrischen Kriege aufziehen, deren Prototyp wir gerade im Konflikt Israel gegen die Hamas beobachten können: Sie "zeichnen sich dadurch aus, dass sie zur Waffe machen, was eigentlich keine Waffe ist. Dazu gehören als Erstes Bilder und Erzählmuster, die dazu dienen, die eine Seite ausschließlich als 'Täter' und die andere Seite ausschließlich als 'Opfer' zu präsentieren. In einer symmetrischen Konfrontation sind beide Seiten hingegen stets beides zugleich: Agierende und Erleidende. Das eine schließt das andere ein. Asymmetrierung löst diese Gleichzeitigkeit auf: Wir sehen auf der einen Seite nur Opfer und auf der anderen nur Täter. Die Instrumentalisierung von Zivilisten als Deckung und das zynische Kalkül, dass jeder Angriff auf diese Deckung ein Verstoß gegen das Kriegsvölkerrecht ist, werden dagegen dem Blick entzogen."

Der israelische Schriftsteller Etgar Keret betrachtet Donald Trumps 21-Punkte Plan für einen Frieden im Gazastreifen in der SZ mit bangen Gefühlen. "Jeder dieser 'Punkte' wirft nur weitere Fragen und Verhandlungspunkte auf und verstärkt damit die Sorge, dass die tödliche Routine des Krieges noch lange nicht vorbei ist. Während wir gespannt die Schlagzeilen verfolgen und auf das lang ersehnte Happy End warten, dürfen wir nicht vergessen, dass die israelischen Geiseln in unterirdischen Tunneln und die Zivilisten in den Trümmern von Gaza einen weiteren Tag erleben werden, an dem das Leiden andauert und Menschen sterben. Das Ende des Ganzen ist eine Schlagzeile, die noch nicht geschrieben ist."

Springer-Chef Mathias Döpfner listet in der Welt all die Institutionen auf, die aus seiner Sicht keine Solidarität mehr mit Israel zeigen, unter anderem: Linke, Woke, die UN, die EU, Friedrich Merz. "Als es wirklich darauf ankam, haben Europa und weite Teile der freien Welt versagt. Das alte antisemitische Propagandagift wirkt noch immer: Wieder einmal sind die Juden an allem schuld. Sogar an ihrer eigenen Ermordung."

Erinnern wir daran, dass sich die deutschen Medien am 7. Oktober 2023 nicht durchweg mit Ruhm bekleckerten: "Die Hamas hat mit ihrem überraschenden Angriff Israel kalt erwischt. Doch die Netanjahu-Regierung wird auch das für sich auszunutzen wissen", teaserte die SZ (wurde nach Kritik geändert). Die "Tagesschau" entkam am 8. ihrem Schema nicht: Die Wahlergebnisse in Hessen und Bayern waren ihr viel wichtiger als der Terroranschlag in Israel. Beim ZDF stellte der vielgefragte Experte Michael Lüders die "Schlappe des israelischen Militär-Establishments" in den Vordergrund. Und auf Twitter stritten FAZ-Redakteure, ob es in nicht in Wirklichkeit Laizisten sind, die das "Spiel der Rechten spielen". Hier unsere Presseschau vom 9. Oktober 2023.
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Stichwörter: 7. Oktober, Hamas, Illouz, Eva, Woke

Europa

Der neue französische Premierminister Sébastien Lecornu ist zurückgetreten, ohne dass er überhaupt eine Regierung gebildet hätte. Das Chaos der französischen Politik ist auch für Macron kaum noch beherrschbar. Laurent Joffrins Kommentar in lejournal.info klingt verzweifelt: "Der Nahe Osten schlägt ein neues Kapitel seiner tragischen Geschichte auf. Putin bombardiert die Ukraine und fordert die Demokratien heraus. Trump bringt den Welthandel durcheinander. Frankreich ächzt unter Schulden und versinkt in wirtschaftlicher Stagnation, die Gesellschaft spaltet sich jeden Tag mehr. Inmitten all dieser Krisen stellt sich die französische Politik grundlegende Fragen: Werden sich Retailleau und Wauquiez darauf einigen, sich Lecornu anzuschließen? Wird die PS eine Steuer für Reiche in Höhe von 5 oder 10 Milliarden durchsetzen? Wird die Linke in einem Jahr Vorwahlen organisieren? Das ist die Hierarchie der Dringlichkeiten, die von den Parteiführern festgelegt wurde - bis zum endgültigen Zusammenbruch."

"In Frankreich vollzieht sich - chaotisch wie Zeitenwenden sind - die allmähliche Rückkehr von der präsidialen zur parlamentarischen Demokratie", erklärt der Schweizer Publizist Roger de Weck (Zeit Online) anlässlich des Lecornu-Rücktritts nach 27 Tagen im Amt. "Der Staatschef hat versagt, die Regierungschefs werden verheizt, die Nationalversammlung ist derzeit die große Neinsagerin, wo sie jahrzehntelang die Kammer der Jasager und Zuträger des Président de la République gewesen war. Diese Wende zum Parlamentarismus ist kurzfristig strapaziös - und langfristig verheißungsvoll." Was aus Macron wird? "Praktisch alle wollen ihn weg haben, auch die Unternehmer, die ein Frankreich des Stillstands befürchten, solange sich Macron an die Macht - nein, an die Ohnmacht! - klammert."

Macron wurde 2017 noch als "Jupiter" bezeichnet, heute steht er mit dem Rücken zur Wand und will es um jeden Preis vermeiden, zurückzutreten, konstatiert Oliver Meiler in der SZ. "Das Elysée ist kein Palais mehr, es ist zur belagerten Festung geworden. Vom Jupiter ist nichts geblieben, Macron verwaltet nur noch sein Vermächtnis - kleinlich, trotzig, fast kindisch. Seit der Niederlage bei den vorgezogenen Parlamentswahlen vor etwas mehr als einem Jahr weigert er sich, der Linken den Auftrag zu einer Regierungsbildung zu erteilen, obschon die von allen Lagern im gespaltenen Parlament am meisten Sitze gewonnen hatte." Na bravo, unter Premierminister Mélenchon wär's sicherlich vorangegangen! "Frankreich ist reif für eine Revolution", meint Rudolf Balmer in der taz.
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Gesellschaft

Der "Sturz der Mauer" am 9. November 1989 ist noch nicht zur die Nation einenden Erinnerung geworden, die dieses Ereignis sein sollte, konstatiert Aleida Assmann in der FR. Dabei könnte die Erinnerung an die friedliche Revolution heute im politischen Konflikt nützlich sein: "Wir brauchen die Erinnerung an 1989 als ein patriotisches Ereignis für ein gemeinsames deutsch-deutsches Gedächtnis. Dieses könnte dazu beitragen, eine gefährliche und immer tiefer spaltende Ost-West-Spannung zu überwinden. Dabei geht es nicht um Einheitspathos und die Nivellierung von Unterschieden. Eine junge selbstbewusste Ost-Generation ist herangewachsen, die für sich in Anspruch nimmt: Wir dürfen unterschiedlich sein, auf Augenhöhe! Es geht vielmehr um die Beendigung westlicher Arroganz und die Beseitigung des West-Ost-Gefälles, das durch eine zur Routine gewordene Diskriminierung des Ostens durch westliche Medien zur Normalität geworden ist."
Archiv: Gesellschaft

Medien

Der französische Fotograf Antoni Lallican ist bei einem Drohnenangriff im Gebiet Donezk in unmittelbarer Frontnähe getötet worden, berichtet Bernhard Clasen in der taz. "Auch sein Begleiter, der ukrainische Journalist Hryhori Ivantschenko vom Kyiv Independent, wurde getroffen. Doch dieser überlebte verletzt. Die ersten Ermittlungen, so das Portal nachrichten.fr, deuten auf einen gezielten Angriff durch eine FPV-Drohne hin - eine jener ferngesteuerten Waffen, die mit präziser Steuerung ihr Ziel zentimetergenau treffen können. Es sei also ein ziviler Reporter getroffen worden, der klar als Journalist gekennzeichnet war und der keinen militärischen Status hatte." Hier einige seiner Fotos, die er auf Instagram publiziert hat. 


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