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31.03.2025. Künstliche Intelligenz denkt nicht, aber sie hilft beim Denken, sagt KI-Forscher Thomas Wolf in der Welt. In Le Point erklärt Kamel Daoud, warum die Islamisten gerade Frankreich so hassen. In taz und Zeit online würdigt Ilko-Sascha Kowalczuk den Bürgerrechtler Gerd Poppe. Und in allen Zeitungen reiben sich die Journalisten den Kopf: Einerseits wollen deutsche Behörden Palantir-Software des Gaga-Trumpisten Peter Thiel einsetzen, andererseits soll das Informationsfreiheitsgesetz abgeschafft werden?
Die Welt ist keine Scheibe und Software nicht intelligent - es geschieht nicht oft, dass ein KI-Forscher zugibt, dass die sogenannte Künstliche Intelligenz keineswegs selbständig denken kann. Genau das tut der Unternehmer und KI-ForscherThomas Wolf im Gespräch mit der Zeit. "'Der wichtigste Aspekt der Wissenschaft ist die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen', sagt Wolf. 'Und auch das, was man gelernt hat, zu hinterfragen.' Kurzum: Für die richtig großen wissenschaftlichen Durchbrüche müssen Forscherinnen und Forscher in der Lage sein, gegen den Konsens zu denken. Und es sind laut Wolf genau diese seltenen Durchbrüche - etwa Einsteins Relativitätstheorie oder die Gen-Schere CRISPR -, die den Großteil des wissenschaftlichen Fortschritts ausmachen." Sprachmodelle hingegen "hätten im Gegensatz zu Menschen nicht wirklich ein Verständnis dafür, was sie wissen und was nicht. 'Deshalb kann eine KI das eigene Wissen auch nicht wirklich beurteilen und hinterfragen.'" Das macht KI nicht nutzlos. Die derzeit besten KI-Modelle können "laut Wolf selbstständig thematisch weit voneinander entfernte Daten und Fakten zusammenbringen und miteinander kombinieren. ... Doch damit, sagt er, fülle KI vor allem Lücken im Wissen - sie ergänze das, was wir schon wissen, logisch miteinander und stelle so neue Verbindungen her."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Kamel Daoud bringt ein Buch mit seinen Kolumnen heraus, "Avant qu'il ne soit trop tard". Im Interview mit Peggy Sastre von Le Point, wo er meistens schreibt, erklärt er unter anderem, warum gerade Frankreich mit seiner dezidierten Trennung von Staat und Religion ein solches Hassziel des Islamismus ist: "Wenn es gelänge, einen integrierten Islam in Frankreich zu schaffen, wäre das die größte denkbare Niederlage für den transnationalen Islamismus, denn es würde zeigen, dass der Islam mit Demokratie und religiöser Indifferenz vereinbar sein kann. Der Laizismus schützt Religion vor politischen Ambitionen. Der Islamismus ist jedoch eine politische Ambition: Man ist nicht nur Islamist, um ins Paradies zu kommen, sondern auch, um zu herrschen."
"Die großen Demokratien in Europa und Asien bilden derzeit das einzige Bollwerk gegen den Autoritarismus. Und die Verantwortung für die Verteidigung der politischen Freiheit wird weitgehend bei den zwei Ländern - Deutschland und Japan - liegen, die einst so viel zu ihrer Zerstörung beigetragen haben", meintIan Buruma in der NZZ, knüpft aber wenig Hoffnungen an diese Erkenntnis.
Weiteres: Michael Hesse unterhält sich für die FR mit dem Philosophen Otfried Höffe über Weisheit. Helmut Zander schreibt in der NZZ zum hundertsten Todestag von Rudolf Steiner.
Vor einigen Tagen haben Tausende Bewohner des Gazastreifens gegen die Hamas protestiert (unsere Resümees) und damit bei den westlichen Medien nur mildes Interesse ausgelöst, von den "propalästinensischen" Kreisen ganz zu schweigen. Nun meldet die Times of Israel: "Hamas-Aktivisten haben einen 22-jährigen Palästinenser entführt, gefoltert und hingerichtet, der an der Protestwelle gegen die Terrorgruppe in der vergangenen Woche teilgenommen hatte, wie seine Familie mitteilte. Der Leichnam von Oday Nasser Al Rabay wurde am Wochenende vor dem Haus seiner Familie zurückgelassen. Am Samstag wurden Dutzende von Menschen gefilmt, die an seinem Trauerzug teilnahmen und 'Hamas raus!' riefen."
🚨 BREAKING: Hamas militias have killed 22-year-old Odai Naser Saadi, one of the leaders of the anti-Hamas protest movement in Gaza.
He was kidnapped, tortured for four hours, and then executed. His body was dumped at the doorstep of his family's home, with a chilling message:… pic.twitter.com/GfeMpmhljX
Außerdem: Der amerikanische PhilosophJason Stanley erzählt im Interview mit Zeit und Spiegel, dass er die USA Richtung Kanada verlasse, weil dort seit der Wahl von Donald Trump der Faschismus regiere (und er lässt den Hinweis fallen, dass er gern an die Humboldt-Universität gekommen wäre, hätte sie ihm ein Angebot gemacht).
Donald Trump hat nicht das geringste Problem mit Antisemitismus, solange er ihm nützt, meint in der SZ der amerikanische HistorikerChristopher Browning. Die Regierungskampagne gegen Antisemitismus auf dem Campus ist für Browning, der selbst kein Antisemitismusproblem an amerikanischen Universitäten erkennen kann, daher nur ein "scheinheiliger Vorwand" für einen Generalangriff auf die Universitäten: "Im Jahr 2016 schaltete Präsident Trumps Wahlkampagne zwei berüchtigte Anzeigen. Die eine zeigte Hillary Clinton vor einem Hintergrund aus Hundert-Dollar-Noten und einem Davidstern. Die andere versprach Schutz vor 'globalen Sonderinteressen' und zeigte die Porträts dreier jüdischer Finanziers, Janet Yellen, George Soros und Lloyd Blankfein. Beide Anzeigen waren unverhohlene Zitate der klassischen antisemitischen Verleumdung jüdischer Finanziers als Strippenzieher eines politischen Gegners. Im August 2017 veranstalteten Demonstranten bei der 'Unite the Right'-Kundgebung in Charlottesville, Virginia, einen Fackelzug im Nazistil mit Hakenkreuz- und Südstaatenflaggen. Sie skandierten Nazi-Slogans wie 'Blut und Boden' und 'Juden werden uns nicht ersetzen'. In seiner Reaktion auf diesen Vorfall stellte Trump fest, es gebe 'auf beiden Seiten gute Menschen'. ... Würde die Trump-Regierung Antisemitismus wirklich als Problem betrachten, könnte sie mit seiner Bekämpfung im eigenen Haus anfangen."
Gerd Poppe, eine zentrale Figur der DDR-Bürgerrechtsbewegung, später Grünen-Politiker, ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Ilko-Sascha Kowalczuk veröffentlicht gleich zwei Nachrufe, in Zeit online (hier) und in der taz. Wie stark Poppe den Freiheitsgedanken lebte, schreibt Kowalczuk in der taz, "zeigte sich auch daran, dass er mit seiner damaligen Frau Ulrike und anderen Freunden Anfang der 1980er Jahre den ersten unabhängigen Kinderladen in Ostberlin gründete, um die zwei gemeinsamen Kinder dem staatlichen Zugriff wenigstens im Kindergartenalter zu entziehen. Der Staat schaute nicht lange zu und zerstörte das Projekt. Die Wohnung in der Rykestraße war viele Jahre Anlaufpunkt für Oppositionelle aus der ganzen DDR, aber auch für Menschen aus allen möglichen Ländern. Sehr viele Jahre lang hat die Stasi Poppoff intensiv beobachtet, 'bearbeitet' und zu 'zersetzen' versucht. Die überlieferten Akten gehören zu den umfangreichsten, die die Stasi über Oppositionelle anlegte."
In Zeit online schreibt Kowalczuk über die Konflikte unter den DDR-Dissidenten, noch vor dem Mauerfall: "Die starke linke Oppositionsströmung lehnte jeden Kontakt mit westlichen Regierungsvertretern ab. Poppe hingegen vertrat die Haltung, dass man intensiv und systematisch mit den Westmedien zusammenarbeiten müsse, um Öffentlichkeit herzustellen. Auch das lehnte ein Teil der linken Opposition strikt ab - ohne dies selbst durchhalten zu können." Und hier noch ein Twitter-Nachruf von Anna Kaminsky von der Bundesstiftung Aufarbeitung.
Der von der SPD mehr oder weniger abgesägte Bundestagsabgeordnete Michael Roth, der den Bundestag jetzt verlässt, macht im Gespräch mit Joshua Schultheis in der Jüdischen Allgemeinen seinem Entsetzen über die Reaktion der Linken - auch in der SPD - auf den 7. Oktober Luft: "Wenige Wochen nach dem 7. Oktober 2023 brach bei uns in der Fraktion eine Diskussion darüber los, dass einige, insbesondere jüngere Kolleginnen und Kollegen sich beschwerten, sie könnten nicht mehr offen ihre Meinung zur israelischen Kriegsführung in Gaza sagen. Der damalige Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich bot dann zu diesem Thema eine Fraktionsdiskussion im geschützten Raum an. Das hat mich einigermaßen fassungslos gemacht. Schließlich sind wir nicht der Ortsverein Pusemuckel, sondern die Bundestagsfraktion. Wenn gewählte Bundestagsabgeordnete glauben, nicht mehr das sagen zu können, was sie denken, wirft das ein bezeichnendes Licht auf sie selber. Ich finde, man kann über alles reden. Aber man muss immer mit Kritik rechnen."
Mit vernichtendem Spott bedenktWelt-Kolumnist Thomas Schmid Gregor Gysis Eröffnungsrede zur neuen Legislatur des Bundestags: "Weil er nicht als Clown, sondern als Politiker sprechen wollte, hat er unverstellt geredet und damit seine ganze geistige und politische Beschränktheit an den Tag gelegt. Es war nicht nur enttäuschend, es war eine Blamage. Der Politiker erwies sich als Hochstapler und auch als Clown. Gänzlich uninspiriert leierte Gysi seine mit flachen Pointen durchsetzte Rede herunter, mal onkelhaft mahnend, mal im Ton eines Conferenciers."
Im Interview mit der SZ macht sich der österreichische DatenschützerMax Schrems große Sorgen über die Abhängigkeit der Europäer von amerikanischen Cloud-Servern: "Mitunter gibt es viele Softwareprodukte nur noch als Cloud-Lösung, was generell ein Problem ist. Auch aus Kartellsicht. Praktisch sagen US-Anbieter wie Microsoft, dass man ihre völlig dominante Software nur nutzen kann, wenn man auch gleich den Server und alles andere von ihnen mitkauft. Den eigenen Server oder einen EU-Anbieter darf man nicht mehr benutzen. Das ist so, als ob VW Autos nur noch mit 'VW-Benzin' oder 'VW-Strom' verkaufen würde. Selbst größte Player wie Großbanken oder Staaten können sich hier nicht gegen Microsoft durchsetzen." Und das hat Folgen, so Schrems: "Wenn die USA ein Embargo verhängen, dann müssten etwa Amazon, Google oder Microsoft morgen alle Dienste in der EU abschalten. Unternehmen und Behörden könnten dann nicht mehr auf ihre Dokumente, E-Mails oder sonstige Systeme zugreifen. Damit kann eine Wirtschaft heutzutage praktisch abgeschaltet werden."
Doch die Politik nutzt immer noch am liebsten amerikanische Software. So wollen einige Bundesländer auf die Überwachungssoftware aus dem Hause Palantir des amerikanischen Software-Milliardärs Peter Thiel setzen, berichtet Gareth Joswig in der taz. Thiels antidemokratische Bestrebungen sind bekannt. Martin Thüne, Professor für Kriminologie und Polizeiwissenschaften, mit dem Joswig gesprochen hat, fragt, ob Palantir dann auf die Daten deutscher Behörden zuzugreifen kann: "Grundsätzlicher Vorteil der Palantir-Software sei, dass sie verschiedene und oft inkompatible behördliche Datensammlungen übergreifend durchsuchbar mache. Ähnlich einer Google-Suche ließen sich Daten analysieren, sodass Profile und Muster erkennbar würden und auch gewisse Prognosen ableitbar seien, erklärt Thüne. Offenbar sei Palantir technisch gut gemacht, sagt der Polizeiwissenschaftler, das liege aber ganz wesentlich daran, dass es aus einem Umfeld komme, in dem Datenschutz kaum eine Rolle spiele."
"'Das Informationsfreiheitsgesetz in der bisherigen Form wollen wir hingegen abschaffen.' Das steht blau und in eckigen Klammern in einem Verhandlungspapier von CDU, CSU und SPD zu den Themen Bürokratierückbau, Staatsmodernisierung und Moderne Justiz", informiert uns Meike Laaf auf Zeit online und fragt: Warum ausgerechnet dieses Gesetz? "Das Informationsfreiheitsgesetz ermöglicht es Bürgerinnen und Journalisten, Einsicht in staatliche Verträge und Behördenabläufe des Bundes zu bekommen. Mit seiner Hilfe können sie darauf drängen, dass Kommunikation und Dokumente veröffentlicht werden müssen, die öffentliche Stellen nicht freiwillig publik machen. ... Ist es wirklich eine so kühne Idee, von staatlichen Behörden zu verlangen, dass sie Bürgerinnen und Bürgern auf Anfrage zeigen, was sie tun? Und das im Idealfall auch noch zu erklären? Braucht es genau das heute nicht dringender denn je?"
"Für die ohnehin schon angeschlagene Demokratie hierzulande wäre das fatal", meint auch Benjamin Stibi in der Welt zu einer möglichen Abschaffung des IFG. "Würde Journalisten die Möglichkeit genommen, Akteneinsicht zu beantragen, würden gute Beziehungen zu Regierungsmitarbeitern wieder wichtiger. Nur wer brisante Dokumente auf irregulärem Wege zugespielt bekäme, hätte eine Chance auf eine Enthüllung. Das ist nicht im Sinne der Öffentlichkeit, die zurecht einen Journalismus verlangt, der die Distanz zu Regierungsstellen wahrt. ... Die Union täte gut daran, sich zu erinnern, dass sie in der letzten Legislaturperiode immer wieder Erkenntnisse, die Journalisten aus IFG-Anfragen gewonnen haben, genutzt hat, um die Ampel vor sich herzutreiben und sich als kritische Oppositionspartei zu profilieren. Und wer als Bürger nicht stillschweigend hinnehmen möchte, dass seine Rechte in paternalistischer Weise beschränkt werden, sollte umgehend Kontakt zu seinen Unions- oder SPD-Abgeordneten aufnehmen."
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