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15.10.2024. Die SZ druckt die Rede von Eva Illouz zur Verleihung des Aby-Warburg-Preises, in der sie die Blindheit vieler Intellektueller in Bezug auf Nahost anprangert. In der taz erklärt die queere und schwarze Aktivistin Michaela Dudley, warum bei vielen Schwarzen die Solidarität mit den "propalästinensischen" Studenten schwindet. Wenn man anti-aufklärerische Tendenzen aufspüren will, sollte man sich zuerst einmal in seinem eigenen Milieu umschauen, meint der Philosoph Wolfram Eilenberger in der Zeit. Im Zeit Online-Interview graut dem Regisseur Leander Haußmann vor dem Führerinnen-Kult des BSW: Nicht mal die KPDSU habe sich in "Stalin-Partei" umbenennen lassen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die SZ bringt die Rede der Soziologin Eva Illouz, die auch ein neues Buch veröffentlicht hat, anlässlich der Verleihung des Aby-Warburg-Preises in Hamburg. In der Rede spricht sie über die vielen Intellektuellen, die ausgerechnet beim Thema Nahost die Komplexität nicht sehen wollen und Israel prinzipiell als Schuldigen ausmachen: "Obwohl Israel durch die Besatzung zunehmend den abstoßenden Charakter eines Siedlerkolonialismus annimmt, ist das dekoloniale Narrativ ungeeignet, um den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu erklären." So sei der Zionismus "eine Form des Nationalismus" gewesen, mit der im antikolonialem Stil Selbstbestimmung erkämpft wurde: "Wenn, wie einige dekoloniale Denker behaupten, die Shoah eine Ausformung des Kolonialismus war, war der jüdische Staat eine plausible antikoloniale Antwort. Der Zionismus war auch kein Projekt wirtschaftlicher Ausbeutung, was sonst als Hauptmotiv des Kolonialismus gilt. Tatsächlich bewirkte der Zionismus das Gegenteil: Er erlegte den frühen Siedlern auf, das Land zu bearbeiten und Bauern zu werden. Die vielen Sozialisten und Kommunisten unter ihnen lehnten die Ausbeutung arabischer Arbeitskräfte ab. Und schließlich war der Zionismus antirassistisch, denn sein Ziel war die Befreiung der Juden von Verfolgung und nie endendem Rassismus. Zwischen 1939 und 1950 nahm Israel fast eine Million Flüchtlinge aus Europa und den arabischen Ländern auf."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nach anti-aufklärerischen Tendenzen sollte man zuerst immer in seinem Milieu schauen, erklärt der Philosoph Wolfram Eilenberger, der vor Kurzem das Buch "Geister der Gegenwart" veröffentlicht hat, im Zeit Online-Interview mit Nils Markwardt. "Die Positionen von Foucault, Adorno, Feyerabend und Sontag waren nicht deshalb so interessant, weil sie jene autoritären Strömungen ablehnten, die es auch schon damals gab, sondern weil sie die eigenen Milieus mit Widersprüchen konfrontierten und sich gegen die Vorstellung verwehrten, man selbst würde automatisch immer auf der richtigen Seite, am besten noch 'der Geschichte' stehen. Man musste Foucault nicht erklären, dass es schrecklich ist, wenn Menschen zu Zwangsarbeit verurteilt werden oder Homosexuelle auf offener Straße zu Tode geprügelt. Wer zur Festigung solchen Empfindens eigens einer liberalen Theorie bedarf, dem ist als Mensch ja sowieso nicht mehr zu helfen. (...) Oder anders gesagt: Bevor man sich fragt, ob man auf der richtigen Seite steht, sollte man sich erst einmal fragen, wo man überhaupt steht. Was die eigene Gegenwart ist und von welcher Position aus man in ihr das Wort ergreift. Verkörpert man wirklich jene Tugenden der Aufklärung, die man anderen abspricht?"
Noch vor dem denkwürdigen Podcast mit dem Komiker Trevor Noah (unser Resümee) gab der amerikanische Intellektuelle Ta-Nehisi Coates dem Sender CBS ein Interview, wo er darüber spekulierte, ob Archäologen, "die in Israel Artefakte aus der biblischen Zeit zutage gefördert haben, diese gefälscht haben", schreibt Hannes Stein in der Welt. Das ließ der zum Judentum übergetretene Interviewer Tony Dokoupil nicht unkommentiert. "Er nannte die Meinungen von Ta-Nehisi Coates extremistisch und fragte ihn, ob Israel seiner Meinung nach überhaupt ein Lebensrecht habe. (...) Das CBS-Interview hatte ein interessantes Nachspiel: Tony Dokoupil musste sich einem hochnotpeinlichen Sensitivitätstraining unterziehen. Bei einer Konferenz, so heißt es, habe er Reuetränen vergießen müssen, um seinen Job zu behalten. CBS entschuldigte sich im Nachhinein für das Interview: Es habe nicht den Standards des Fernsehsenders entsprochen. Worin genau nun eigentlich Dokoupils Vergehen bestand, wurde in dem Statement aber nicht ausgeführt."
In der FAZ antworten die Botschafter und Botschafterinnen Marika Linntam (Estland), Alda Vanaga (Lettland), Giedrius Puodžiūnas (Litauen) und Jan Tombiński, Geschäftsträger Polens, auf einen Gastbeitrag, ebenfalls dort erschienen, in dem sich die drei Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, Mario Voigt und Dietmar Woidke den Positionen des BSW annähern, in dem sie Verhandlungen mit Russland und mehr "erkennbare Diplomatie" von deutscher Seite fordern. Die Autoren haben demgegenüber eine klare Position: "Russlands Bestrebungen untergraben die Grundsätze der internationalen Beziehungen, die weltweit Sicherheit und Stabilität gewährleisten. Unbestrittenes Ziel aller demokratischen Länder muss es sein, die Ukraine gegen den russischen Aggressor zu verteidigen und die russischen imperialen Ambitionen zu stoppen. Die Lehren aus früheren 'Friedensgesprächen' mit Russland dürfen nicht vergessen werden - weder bezüglich der Ukraine noch Moldaus oder Georgiens, deren Souveränität und territoriale Integrität durch Russland ebenfalls verletzt werden. Alle Forderungen nach einer Beendigung des Angriffskriegs sind einzig und allein an Moskau zu richten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Historiker Frank Bösch, der jüngst das Buch "Deals mit Diktaturen" veröffentlichte, scheint dem Ruf nach Verhandlungen nicht so kritisch gegenüberzustehen, wie er im Zeit Online-Interview zu verstehen gibt: "Es gab eine ähnliche Debatte damals bei der Friedensbewegung Anfang der Achtzigerjahre, die neutral eine Verständigung und ein Abrüsten in Ost und West forderte. Dies hat auch Gorbatschow durchaus beeindruckt und Kohl zumindest nachdenklich gemacht. Das Bündnis Sahra Wagenknecht und erst recht die AfD sind zwar keine Pazifisten, erhöhen aber den Druck auf Verhandlungen, wie wir beim FAZ-Artikel der drei ostdeutschen CDU- und SPD-Spitzenpolitiker sehen. Insofern hat das Bündnis Sahra Wagenknecht bereits Effekte gezeigt."
Im Zeit Online-Interview mit Andreas Öhler spricht der Ostberliner Regisseur Leander Haußmann über das Trauma, das ihm das Ende der DDR bereitet hat und auch über seine Einschätzung des BSW: "Ich mag den Namen gar nicht aussprechen. Das macht die große Vorsitzende ja schon selbst oft genug. Nicht mal die KPDSU hat sich umbenannt in Stalin-Partei. Aber die Parteichefin scheint mich zu mögen, was mir möglicherweise bei einer Machtübernahme zugutekommt." Politisch stoße ihn "die Nähe zur AfD und deren Inhalte" ab. "Klar hätte jeder gerne Frieden. Aber wie sie Putin schützt und Selenskyj diffamiert, finde ich falsch und gefährlich. Aber in ihrem Gesicht ist die Aufbruchstimmung zu sehen, und das hat etwas Anziehendes."
Die Buchmesse beginnt morgen. Andreas Platthaus wirft im Leitartikel der FAZ einen Blick auf die wie stets kriselnde Branche. Die ganz große Hoffnung für den eher kulturindustriellen Teil der Branche sei die "Young Adults"- Literatur, der glatt eine gigantische Hallen-Etage gewidmet ist. Platthaus beschreibt das Genre als "Bücher für die Altersgruppe von fünfzehn bis dreißig, die vor allem romantische Stoffe erzählen, bei denen es aber durchaus hart zur Sache gehen kann - sowohl erotisch als auch psychologisch. Vorbild dafür waren erfolgreiche Fernsehserien à la 'Game of Thrones', aber die Faszination des überwiegend weiblichen Zielpublikums erstreckt sich auch auf eine medienspezifische Besonderheit: die Ausstattung der Bücher. Farbschnitt und andere aufwendige 'Veredelungsverfahren' bei deren Herstellung entsprechen der inhaltlichen Verbrämung ihres meist eher schlichten Ausgangsmaterials, sorgen aber als Sammelobjekte für zusätzliche Kaufanreize."
Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse wurde dieses Jahr viel über das Gastland Italien diskutiert, schreibt Felix Stephan in der SZ. Dort hat die rechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni eine Rede vom Faschismusexperten Antonio Scurati im Fernsehen verhindert, der SchriftstellerRoberto Saviano fand sich zunächst nicht mal auf der Liste der italienischen Delgation: "Das mögen auf den ersten Blick kleinere Vorfälle sein, aber die Geschichte von Ländern, die in den Autoritarismus gerutscht sind, hat oft genug gezeigt, wozu diese Politik der Nadelstiche dient: Beim ersten Mal hat die Öffentlichkeit vielleicht noch die Kraft, eine kraftvolle Gegenreaktion zu organisieren, beim zweiten Mal auch noch. Aber schon beim dritten Mal könnte es aussehen wie jetzt auf der Frankfurter Buchmesse: Man kann den Ärger nicht schon wieder gebrauchen, der Protest fällt aus." (Mehr zur Buchmesse in Efeu)
Nach einem Jahr endet im jüdischen Brauch eigentlich die Periode der Trauer, aber wie sollte das nach dem 7. Oktober möglich sein, fragtBernard-Henri Lévy in La Régle du Jeu. Die Opfer des 7. Oktober sind verhöhnt worden. Und um die Geiseln kann man nicht trauern: "Es handelt sich um Untote. Oder, wenn man es vorzieht, Halb-Lebende, Schatten, von denen man nichts weiß. Die jüdische Seele verabscheut diesen Zwischenzustand. Es gibt keinen Platz für Zombies oder die Vorhölle, von der Charles Baudelaire sagte, dass schon der Gedanke daran für Lebende unerträglich ist. Heißt es nicht in der Tora, dass man bei einem vermissten Ehemann oder einer vermissten Ehefrau, egal was es kostet, und selbst wenn das Leben zu einer endlosen Prüfung wird, so tun soll, als ob er oder sie auf jeden Fall wiederkommt? Das ist auch der Grund, warum dieses Jahr den Trauernden keine Ruhe und Distanz brachte, sondern nur den Knoten der Angst und des Kummers immer noch fester schnürte."
Vehement wehrt sich im ObserverKenan Malik gegen Bernard-Henri Lévys Ansicht, dass Israel (wie etwa auch die Ukraine) den Westen gegen die Barbarei verteidige. Netanjahu sei ausschließlich von Expansionismus getrieben. Das Fatale sei, so Malik, dass Israel sowohl für Gegner als auch für Anhänger einen symbolischen Status habe, der es ihnen nicht erlaube, klar zu sehen: "Für viele Israel-Feinde ist der Staat zum Sinnbild für viele Übel der modernen Welt geworden. Für die Befürworter des jüdischen Staates ist er eine besonders moralische Nation, die die Last trägt, die Zivilisation gegen die Barbarei zu verteidigen. Die eine Sichtweise führt dazu, dass der mörderische Angriff der Hamas am 7. Oktober als 'Widerstand' gefeiert wird, die andere dazu, dass die Zerstörung des Gazastreifens und der Einmarsch in den Libanon als notwendige Verteidigung der westlichen Werte und der 'Zivilisation' angesehen werden."
Politico bringt außerdem ein maliziöses Porträt über BHL, das mehr über die Ressentiments des Reporters als über den glamourösen Philosophen aussagt.
Leon Holly besucht für die taz die "propalästinensische" und antiisraelische Szene in New York und trifft unter anderem Arielle Angel, Chefredakteurin der israelkritischen jüdischen Zeitschrift Jewish Currents (die auch mal eine denkwürdes Dossier über die aus linker Sicht angeblich so problematische deutsche Vergangenheitsbewältigung gebracht hat). "Angel sagt, sie identifiziere sich mittlerweile als Antizionistin, obwohl sie dafür lange gebraucht habe. 'Ich glaube, was mich wirklich dazu bewogen hat, war die Einsicht, dass selbst wenn es zwei Staaten Seite an Seite geben würde, Israel ein Staat wäre, der auf Vorherrschaft gegründet wäre', sagt sie in einem Podcast von Jewish Currents. Angel will keine Staatsidee unterstützten, die auf der demografischen Mehrheit einer Volksgruppe gründet. Nun ist Israel damit unter den Nationalstaaten keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Doch was viele linke Jüdinnen und Juden in ihrer Opposition antreibt, ist die Vorstellung, dass Israel als selbsterklärter 'Nationalstaat des jüdischen Volkes' auch in ihrem Namen handelt."
Die queere und schwarze Aktivistin Michaela Dudley beobachtet ebenfalls in der taz, dass bei vielen Schwarzen die Solidarität mit den "propalästinensischen" Studenten schwindet - "Black Lives Matter" hatte den 7. Oktober noch euphorisch gefeiert. Aber viele Schwarze empfinden die Araber auf dem Campus inzwischen als rassistisch. "Die Hinrichtung zweier Tansanier durch die Hamas am 7. Oktober 2023 wirkt auch nach. Einer der beiden, Joshua Mollel, ein Agrar-Praktikant aus dem Kibbuz Nahal Oz, wurde sogar vor laufender Kamera rassistisch schikaniert, ehe seine Entführer ihn erschossen. So hatte der KKK den Schwarzen Aktivisten James Earl Chaney 1964 in Mississippi gelyncht, und seine weißen jüdischen Kollegen Andrew Goodman und Michael Schwerner waren mit ermordet worden. Solche historischen Bezugspunkte veranlassen viele Afroamerikaner:innen über jene Zeiten nachzudenken, in denen jüdische Menschen ihr Leben riskierten, um Schwarzen in den Südstaaten bei der Wahrnehmung des Wahlrechtes zu helfen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im NZZ-Interview mit Andreas Ernst erklärt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, warum viele Ostdeutsche der DDR hinterhertrauern. Das habe vor allem mit der langen Geschichte des Obrigkeitsstaats zu tun. "Darin ist die Demokratie der Weimarer Republik ein Betriebsunfall. Das Kaiserreich (1871-1918), das manche jetzt als Emanzipationsprojekt verklären, war der Obrigkeitsstaat par excellence. Er verband die Fürsorge für die Untertanen dank fortschrittlicher Sozialgesetzgebung mit der Repression gegen Kritiker durch das Sozialistengesetz. (...) Die DDR knüpft an die deutsche Tradition an und revitalisiert sie. Die Kräfte in der Gesellschaft sollen sich nicht frei entfalten, sondern vom Staat gesteuert werden. Im Kern geht es um die Verstaatlichung der Gesellschaft."
In der FRwarnt Björn Hayer vor den anstehenden Kürzungen in der Kulturbranche. Kunst in jeder Form habe eine wichtige Funktion in der Gesellschaft und beuge unter anderem größeren Problemen vor. Die Einsparungen zeugen "von der Kurzsichtigkeit der Politik. Denn was man in den ohnehin knapp bemessenen zwei Prozent des Gesamtsteueraufkommens für Kunst, Literatur und Theater nun ad hoc einspart, zahlt sich in der Zukunft nicht aus. Irgendwann ideologisch abdriftende Menschen kosten den Staat in Form von Sicherheitsarchitektur und Gefahrenabwehr weitaus mehr als ein kulturelles Gefüge, das eine vorbeugende Psychosozialhygiene betreibt. Massiv betroffen könnten davon übrigens die Jugendlichen sein. Für den durchaus erfolgreichen Kulturpass sind nämlich für 2025 keine neuen Mittel vorgesehen. Allen voran für Heranwachsende aus weniger begüterten Familien dürfte sich damit die kulturelle Teilhabe verschlechtern."
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