9punkt - Die Debattenrundschau
Kann das auch der Anfang sein?
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.09.2024. Im Guardian glaubt die Historikerin Katja Hoyer, die Ostdeutschen haben nicht die Demokratie satt, sie haben einfach Angst. Die Demokratie funktioniert, meint auch Hubertus Knabe in der Welt, mahnt aber, die Regierungskritik ernst zu nehmen, damit aus Protestwählern nicht Stammwähler werden. In der FAZ macht auch Armin Nassehi die etablierten Parteien für AfD- und BSW-Erfolg mitverantwortlich. In der SZ berichten der Soziologe Natan Sznaider und der Historiker Amir Teicher von den Demonstrationen in Israel: Sznaider hofft auf einen Neubeginn, Teicher macht seiner Wut auf die israelische Regierung Luft.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
04.09.2024
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Europa
"Die Ostdeutschen haben weder die Politik noch die Demokratie satt. Sie haben es satt, nicht ernst genommen zu werden", schreibt im Guardian die Historikerin Katja Hoyer, die vergangenes Jahr hierzulande für ihr Buch "Diesseits der Mauer", das die DDR beschönigte, in die Kritik geriet. "Auch bei den Europawahlen gewann die AfD mit deutlichem Vorsprung die Stimme der Arbeiterklasse, doch dieser Umstand erregte in den Medien kaum Beachtung und scheint auch bei den anderen politischen Parteien kein Aufsehen erregt zu haben. Die Arbeiterklasse bildete einst die Kernbasis der SPD und verschaffte ihr zwischen Ende der 1950er Jahre und 2005 bei jeder Wahl mehr als 30 % der Stimmen. Dass dieser Wert seitdem auf einen historischen Tiefstand gesunken ist, liegt nicht daran, dass die Ostdeutschen die Demokratie nicht verstehen. Fragen Sie die Deutschen, was ihre größten Sorgen sind, steht an erster Stelle Einwanderung, gefolgt von Energiepreisen, Krieg und Wirtschaft. Das Wort, das ich in den letzten Monaten immer wieder hörte, war Angst. Angesichts der Tatsache, dass immer mehr Einwanderer wegen Gewaltverbrechen angeklagt werden und die Zahl der Gewaltverbrechen zunimmt, halten viele dies für eine Frage der Sicherheit. Aber hier geht es nicht nur um Einwanderung: Die Menschen verweisen auf eine tiefere Angst um die wirtschaftliche und politische Zukunft des Landes, die im Osten verstärkt, aber in ganz Deutschland und im Westen verbreitet ist."
Hubertus Knabe gibt in der Welt Entwarnung: Für ihn bedeuten die Wahlergebnisse in Sachsen und Thüringen "keine Gefahr für die Demokratie. Im Gegenteil: Sie zeigen, dass der Parlamentarismus in Deutschland funktioniert." Dass die Ostdeutschen extrem wählen, hätten sich die Ampelparteien ganz allein zuzuschreiben: "Je länger die Regierungsparteien sich über diese Kritik hinwegsetzen, desto größer ist die Gefahr, dass aus Protestwählern Stammwähler werden. Wer nach Wegen sucht, dem entgegenzuwirken, dem sei ein Blick in die Vergangenheit empfohlen. Vor dreißig Jahren gab es nämlich schon einmal eine ähnliche Konstellation. Die in PDS umbenannte SED erlebte damals ähnliche Wahlerfolge wie heute die AfD, obwohl der Verfassungsschutz in ihr 'tatsächliche Anhaltspunkte für linksextremistische Bestrebungen' sah. Ostdeutsche SPD-Politiker strebten dennoch nach Kooperation. Wolfgang Thierse schrieb 1994 erstmals, dass die PDS auf kommunaler Ebene als Partner 'unvermeidbar' sei. 1998 schmiedete die SPD in Mecklenburg-Vorpommern die erste rotrote Koalition. Anders als befürchtet, kehrte dadurch nicht der Sozialismus zurück, sondern Honeckers Erben wurden pragmatischer und Teil des politischen Establishments. Als sie nicht mehr zur Protestpartei taugten, endete auch ihr Höhenflug."
Ebenfalls im Guardian macht auch Hanno Hauenstein die etablierten Parteien in Deutschland mitverantwortlich für den AfD-Erfolg, insbesondere nach dem Anschlag in Solingen: "Nur wenige Stunden nach dem Messerangriff in Solingen überschwemmten erneut Forderungen nach Abschiebungen und strengeren Asylgesetzen die Medien und verwischten praktisch die Grenzen zwischen den etablierten politischen Parteien in Deutschland und der extremen Rechten. (…) Seit Jahren propagiert die AfD das Narrativ der Intoleranz gegenüber Ausländern und Migranten als vermeintliche Bedrohung für die Sicherheit der Deutschen. Dies hat sich in einer breiteren deutschen Öffentlichkeit durchgesetzt, nicht zuletzt, weil es von liberalen, konservativen und einigen linken Politikern und Journalisten immer wieder legitimiert und wiederholt wurde."
"Der BSW-Erfolg hat viele Mütter", kommentiert Kersten Augustin in der taz: "Zuallererst die Politik der Ampel, das Gefühl, in ökonomisch und politisch unsicheren Zeiten von einer Koalition regiert zu werden, die handlungsunfähig ist und sich trotzdem für alternativlos hält. Besonders in der Friedensfrage hat die Ampel das Unbehagen in der Bevölkerung unterschätzt. Viele verstehen nicht, dass die Ampel Milliarden für einen Krieg bereitstellt und zeitgleich bei der Sozialpolitik spart. Auch der Kanzler hat nicht verstanden, wie groß die Kriegsangst ist, als er die Stationierung der US-Raketen ohne größere Debatte oder ein gemeinsames europäisches Abkommen beschloss. Kanzler und Ampel schaffen es nicht, ihre Ukraine-Politik zu erklären. So sind viele Menschen offen für einfache populistische Antworten auf geopolitische Fragen."
Seit den neunziger Jahren gibt es im Osten progressive Projekte, die sich den Rechten zur Wehr setzen, erinnert der Soziologe Daniel Kubiak im taz-Gespräch. Und doch werden sie nicht gehört: "Weil das völkische Denken immer noch alles andere überlagert. Die Täter aus dem eigenen Kreis sind anscheinend weniger problematisch als die, die mir fremd sind. Schuld wird externalisiert auf Migranten zum Beispiel. Was zurzeit passiert, erinnert mich stark an die 90er Jahre: Nach den rechten Gewaltanschlägen in Rostock und Solingen reagierte die Politik mit Asylrechtsverschärfung. Man dachte, man könnte Rechtsextremismus bekämpfen, indem man die Zugewanderten bekämpft. In die Köpfe zu investieren, in politische Bildung, in Demokratieförderung, das ist eben viel anstrengender und langwieriger. Die Demokratisierung einer Gesellschaft schafft man nicht in fünf Jahren - das ist eine Daueraufgabe."
"Die AfD ist ohne die rechten Influencer und Multiplikatoren nicht vorstellbar", sagt der Sozialstrukturforscher Roland Verwiebe im Spon-Gespräch: "Der große Erfolg speziell bei jungen Leuten hat auch sehr stark damit zu tun, dass es einen ganzen Ring von Multiplikatoren gibt, die die Verlautbarungen, die Posts, die Videos et cetera von Kandidaten, Kandidatinnen oder der Partei multiplizieren." Und: "Die Unter-24-Jährigen informieren sich politisch zur Hälfte ausschließlich oder überwiegend auf TikTok. Das ist eine ziemlich fette Hausnummer. Diese Generation unterscheidet sich mit Blick auf die politische Sozialisation, die Formierung von politischen Einstellungen fundamental von anderen Generationen und das muss man, glaube ich, zur Kenntnis nehmen."
Die Zwischenphase zwischen Handlungsimpuls und Handlungsvollzug nennt der Soziologe George Herbert Mead "Handlungshemmung", erinnert Armin Nassehi auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ. Und genau dieser bedarf es in der aktuellen Solingen-Debatte um migrations-, asyl- und strafrechtliche Konsequenzen, fährt Nassehi fort: "Die Bundesregierung wird von der Opposition vor sich hergetrieben, um möglichst scharfe Sätze zu sagen; die Opposition wird von Populisten vor sich hergetrieben, die eine allgemeine Verunsicherung kalkuliert nutzen; und die mediale Öffentlichkeit treibt sich selbst voran, weil distanzierte Kommunikationsformen gerade kaum anschlussfähig sind. Es ist wie bei anderen Transformations- und Konfliktthemen: Man ist zufrieden, wenn das Gegenüber die eigenen drastischen Sätze wiederholt und bestätigt, in Form starker Gesten und entschlossener Handlungsbereitschaft."
Der sächsische AfD-Spitzenkandidat Jörg Urban wurde in einem ARD-Interview mit der Kritik jüdischer Landesverbände in Sachsen konfrontiert und sprach von "Gefälligkeitsaussagen" einer "Führungsebene", gebildet durch Unternehmen, die alle vom Staat abhängig seien, wie Alan Posener in der Welt berichtet. Hier zeigt sich, so Posener, der sonst sorgfälitg verschleierte Antisemitismus der Partei: "Von einer 'Führungsebene' in Sachsen zu reden, wo es nicht einmal 2300 Juden gibt, oder gar in Thüringen, wo es ganze 800 sind, ist schon irreführend. Tatsächlich arbeiten die Vorstände der Landesverbände in beiden Bundesländern ehrenamtlich. Die Unterstellung, die 'Führungsebene' würde 'von staatlichen Geldern leben', ist also erstens falsch und verleumderisch. Zweitens aber bedient die Unterstellung, jene Vorstände würden, weil sie 'von staatlichen Geldern leben', 'Gefälligkeitsaussagen' für die Regierungsparteien abliefern und sich an einer 'Hetze' gegen die AfD beteiligen, alte antisemitische Vorurteile, denen zufolge 'der Jude' für Geld alles tun würde."
Ebenfalls in der FAZ berichtet der australische Schriftsteller Howard Hunt, wie er sich in Deutschland auf die Suche nach einem Rettungswagen für die Ukraine begibt. Zunächst fragte er vergeblich beim Deutschen Roten Kreuz, "denn das DRK hatte 2022 seine alten Rettungsfahrzeuge allesamt der Ukraine übergeben. Witzigerweise hatte ich viele dieser Fahrzeuge auf dem Autofriedhof des Sanitätsbataillons gesehen, Mercedes-Benz Sprinter, bullige Kastenwagen, die viel zu schwer für die zerbombten ukrainischen Straßen sind. Meine abenteuerlichen Aktionen zwecks Beschaffung von Rettungsfahrzeugen führten zu zahllosen Textnachrichten ukrainischer Mechaniker, die den guten Deutschen erklärten: 'Schickt uns bitte keine Mercedes-Benz-Sprinter-Kastenwagen mehr! Wir haben keine Lust, sie ständig reparieren zu müssen. Bitte schickt uns VW T4 oder T5, am besten Modelle mit Allradantrieb und Hochdach. Die lieben wir. Wir würden gern alle T4/T5, die ihr entbehren könnt, nehmen und reparieren.'"
Hubertus Knabe gibt in der Welt Entwarnung: Für ihn bedeuten die Wahlergebnisse in Sachsen und Thüringen "keine Gefahr für die Demokratie. Im Gegenteil: Sie zeigen, dass der Parlamentarismus in Deutschland funktioniert." Dass die Ostdeutschen extrem wählen, hätten sich die Ampelparteien ganz allein zuzuschreiben: "Je länger die Regierungsparteien sich über diese Kritik hinwegsetzen, desto größer ist die Gefahr, dass aus Protestwählern Stammwähler werden. Wer nach Wegen sucht, dem entgegenzuwirken, dem sei ein Blick in die Vergangenheit empfohlen. Vor dreißig Jahren gab es nämlich schon einmal eine ähnliche Konstellation. Die in PDS umbenannte SED erlebte damals ähnliche Wahlerfolge wie heute die AfD, obwohl der Verfassungsschutz in ihr 'tatsächliche Anhaltspunkte für linksextremistische Bestrebungen' sah. Ostdeutsche SPD-Politiker strebten dennoch nach Kooperation. Wolfgang Thierse schrieb 1994 erstmals, dass die PDS auf kommunaler Ebene als Partner 'unvermeidbar' sei. 1998 schmiedete die SPD in Mecklenburg-Vorpommern die erste rotrote Koalition. Anders als befürchtet, kehrte dadurch nicht der Sozialismus zurück, sondern Honeckers Erben wurden pragmatischer und Teil des politischen Establishments. Als sie nicht mehr zur Protestpartei taugten, endete auch ihr Höhenflug."
Ebenfalls im Guardian macht auch Hanno Hauenstein die etablierten Parteien in Deutschland mitverantwortlich für den AfD-Erfolg, insbesondere nach dem Anschlag in Solingen: "Nur wenige Stunden nach dem Messerangriff in Solingen überschwemmten erneut Forderungen nach Abschiebungen und strengeren Asylgesetzen die Medien und verwischten praktisch die Grenzen zwischen den etablierten politischen Parteien in Deutschland und der extremen Rechten. (…) Seit Jahren propagiert die AfD das Narrativ der Intoleranz gegenüber Ausländern und Migranten als vermeintliche Bedrohung für die Sicherheit der Deutschen. Dies hat sich in einer breiteren deutschen Öffentlichkeit durchgesetzt, nicht zuletzt, weil es von liberalen, konservativen und einigen linken Politikern und Journalisten immer wieder legitimiert und wiederholt wurde."
"Der BSW-Erfolg hat viele Mütter", kommentiert Kersten Augustin in der taz: "Zuallererst die Politik der Ampel, das Gefühl, in ökonomisch und politisch unsicheren Zeiten von einer Koalition regiert zu werden, die handlungsunfähig ist und sich trotzdem für alternativlos hält. Besonders in der Friedensfrage hat die Ampel das Unbehagen in der Bevölkerung unterschätzt. Viele verstehen nicht, dass die Ampel Milliarden für einen Krieg bereitstellt und zeitgleich bei der Sozialpolitik spart. Auch der Kanzler hat nicht verstanden, wie groß die Kriegsangst ist, als er die Stationierung der US-Raketen ohne größere Debatte oder ein gemeinsames europäisches Abkommen beschloss. Kanzler und Ampel schaffen es nicht, ihre Ukraine-Politik zu erklären. So sind viele Menschen offen für einfache populistische Antworten auf geopolitische Fragen."
Seit den neunziger Jahren gibt es im Osten progressive Projekte, die sich den Rechten zur Wehr setzen, erinnert der Soziologe Daniel Kubiak im taz-Gespräch. Und doch werden sie nicht gehört: "Weil das völkische Denken immer noch alles andere überlagert. Die Täter aus dem eigenen Kreis sind anscheinend weniger problematisch als die, die mir fremd sind. Schuld wird externalisiert auf Migranten zum Beispiel. Was zurzeit passiert, erinnert mich stark an die 90er Jahre: Nach den rechten Gewaltanschlägen in Rostock und Solingen reagierte die Politik mit Asylrechtsverschärfung. Man dachte, man könnte Rechtsextremismus bekämpfen, indem man die Zugewanderten bekämpft. In die Köpfe zu investieren, in politische Bildung, in Demokratieförderung, das ist eben viel anstrengender und langwieriger. Die Demokratisierung einer Gesellschaft schafft man nicht in fünf Jahren - das ist eine Daueraufgabe."
"Die AfD ist ohne die rechten Influencer und Multiplikatoren nicht vorstellbar", sagt der Sozialstrukturforscher Roland Verwiebe im Spon-Gespräch: "Der große Erfolg speziell bei jungen Leuten hat auch sehr stark damit zu tun, dass es einen ganzen Ring von Multiplikatoren gibt, die die Verlautbarungen, die Posts, die Videos et cetera von Kandidaten, Kandidatinnen oder der Partei multiplizieren." Und: "Die Unter-24-Jährigen informieren sich politisch zur Hälfte ausschließlich oder überwiegend auf TikTok. Das ist eine ziemlich fette Hausnummer. Diese Generation unterscheidet sich mit Blick auf die politische Sozialisation, die Formierung von politischen Einstellungen fundamental von anderen Generationen und das muss man, glaube ich, zur Kenntnis nehmen."
Die Zwischenphase zwischen Handlungsimpuls und Handlungsvollzug nennt der Soziologe George Herbert Mead "Handlungshemmung", erinnert Armin Nassehi auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ. Und genau dieser bedarf es in der aktuellen Solingen-Debatte um migrations-, asyl- und strafrechtliche Konsequenzen, fährt Nassehi fort: "Die Bundesregierung wird von der Opposition vor sich hergetrieben, um möglichst scharfe Sätze zu sagen; die Opposition wird von Populisten vor sich hergetrieben, die eine allgemeine Verunsicherung kalkuliert nutzen; und die mediale Öffentlichkeit treibt sich selbst voran, weil distanzierte Kommunikationsformen gerade kaum anschlussfähig sind. Es ist wie bei anderen Transformations- und Konfliktthemen: Man ist zufrieden, wenn das Gegenüber die eigenen drastischen Sätze wiederholt und bestätigt, in Form starker Gesten und entschlossener Handlungsbereitschaft."
Der sächsische AfD-Spitzenkandidat Jörg Urban wurde in einem ARD-Interview mit der Kritik jüdischer Landesverbände in Sachsen konfrontiert und sprach von "Gefälligkeitsaussagen" einer "Führungsebene", gebildet durch Unternehmen, die alle vom Staat abhängig seien, wie Alan Posener in der Welt berichtet. Hier zeigt sich, so Posener, der sonst sorgfälitg verschleierte Antisemitismus der Partei: "Von einer 'Führungsebene' in Sachsen zu reden, wo es nicht einmal 2300 Juden gibt, oder gar in Thüringen, wo es ganze 800 sind, ist schon irreführend. Tatsächlich arbeiten die Vorstände der Landesverbände in beiden Bundesländern ehrenamtlich. Die Unterstellung, die 'Führungsebene' würde 'von staatlichen Geldern leben', ist also erstens falsch und verleumderisch. Zweitens aber bedient die Unterstellung, jene Vorstände würden, weil sie 'von staatlichen Geldern leben', 'Gefälligkeitsaussagen' für die Regierungsparteien abliefern und sich an einer 'Hetze' gegen die AfD beteiligen, alte antisemitische Vorurteile, denen zufolge 'der Jude' für Geld alles tun würde."
Ebenfalls in der FAZ berichtet der australische Schriftsteller Howard Hunt, wie er sich in Deutschland auf die Suche nach einem Rettungswagen für die Ukraine begibt. Zunächst fragte er vergeblich beim Deutschen Roten Kreuz, "denn das DRK hatte 2022 seine alten Rettungsfahrzeuge allesamt der Ukraine übergeben. Witzigerweise hatte ich viele dieser Fahrzeuge auf dem Autofriedhof des Sanitätsbataillons gesehen, Mercedes-Benz Sprinter, bullige Kastenwagen, die viel zu schwer für die zerbombten ukrainischen Straßen sind. Meine abenteuerlichen Aktionen zwecks Beschaffung von Rettungsfahrzeugen führten zu zahllosen Textnachrichten ukrainischer Mechaniker, die den guten Deutschen erklärten: 'Schickt uns bitte keine Mercedes-Benz-Sprinter-Kastenwagen mehr! Wir haben keine Lust, sie ständig reparieren zu müssen. Bitte schickt uns VW T4 oder T5, am besten Modelle mit Allradantrieb und Hochdach. Die lieben wir. Wir würden gern alle T4/T5, die ihr entbehren könnt, nehmen und reparieren.'"
Politik
Im New Yorker berichtet die in Tel Aviv lebende Journalistin Ruth Margalit von den Protesten in Israel, nachdem sechs von der Hamas ermordete Geiseln gefunden wurden. Margalit ist wütend: "Fast während der gesamten Dauer des Krieges haben Vermittler unter der Führung der Vereinigten Staaten versucht, ein Abkommen über die Freilassung von Geiseln und einen Waffenstillstand auszuhandeln. Die letzte Gesprächsrunde endete Ende August, und ein Vorschlag wurde Netanyahus Schreibtisch zur Genehmigung vorgelegt und von der Hamas geprüft. Aber in einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates am vergangenen Donnerstag hat Netanyahu das Ganze effektiv zunichte gemacht, indem er die Minister seines Kabinetts dazu veranlasste, für die Aufrechterhaltung einer militärischen Präsenz im Philadelphi-Korridor, dem Grenzstreifen zwischen Ägypten und Gaza, zu stimmen. Netanjahu hat in letzter Zeit damit begonnen, auf diesem Punkt zu beharren, obwohl die Chefs der israelischen Sicherheitsdienste argumentiert haben, dass der Geiselbefreiung und dem Waffenstillstand Vorrang eingeräumt werden sollte. Viele seiner Kritiker argumentieren, dass sein wahres Motiv bei der Aufrechterhaltung des Konflikts darin bestehe, den Verlust seines Amtes als Premierminister zu vermeiden - was Netanjahu, der mit mehreren Strafanzeigen konfrontiert ist, anfälliger für eine Strafverfolgung machen würde. Auf die Frage von Reportern am Montag, ob Präsident Biden seiner Meinung nach genug tue, um eine Einigung zu erzielen, antwortete Präsident Biden knapp: 'Nein.'"
"Die radikale Zukunft birgt Überraschungen, die radikale Vergangenheit nicht. Sie birgt auch keine Hoffnung", schreibt der Soziologe Natan Sznaider, der an den Demonstrationen in Israel teilnahm, in der SZ. Er schildert, wie sich in all die Verzweiflung ein Funken Hoffnung auf den Neubeginn mischte. Die Jugendlichen "waren fröhlich auf dieser Demonstration, normalerweise werden die Demonstrationen von älteren Menschen wie mir selbst getragen. Und plötzlich machte sich auch unter uns älteren Menschen Hoffnung breit: Kann es sein, dass diese Wirklichkeit des Leids, der Gewalt doch irgendwie besiegt werden kann? Wird dieses auf der Demonstration gefühlte Sentiment der Schlüssel für eine Politik der Hoffnung, eine wahre Weltoffenheit, die über die Vergangenheit hinausgeht und zu etwas Neuem hinführt, das nicht von der Vergangenheit bestimmt und auch von der Gegenwart nicht vorgesehen wird?"
Der Historiker Amir Teicher wohnt dem Begräbnis der getöteten Carmel Gat bei, die schon im November hätte frei kommen sollen, wäre der Deal mit der Hamas nicht einen Tag früher geplatzt. Teicher glaubt nicht daran, dass die Proteste irgendetwas ändern werden, bei der Regierung stoßen sie "auf taube Ohren", wie er ebenfalls in der SZ schreibt: "Bei der Masse der Trauergäste mischt sich Sehnsucht mit Wut und Frustration, der Wunsch zu schluchzen mit dem Drang zu schreien: Carmel war vor drei Tagen noch am Leben und könnte es noch immer sein. Natürlich hatten wir wenig Erwartungen an die Hamas-Terroristen. Wir haben ja bereits gesehen, wozu sie fähig sind - sie haben Carmels Mutter an jenem schrecklichen Samstag, dem 7. Oktober, kaltblütig ermordet und ihre Schwägerin Yarden zusammen mit ihrem Mann und ihrem vierjährigen Mädchen entführt, ganz zu schweigen von all den weiteren Schrecken dieses Tages. Unsere Wut richtet sich weniger gegen sie, sondern gegen unsere eigene Regierung, die wir dafür verantwortlich machen, dass sie uns damals nicht beschützt hat und sie Carmel und alle anderen, die sich seitdem in Gefangenschaft befinden, nicht zurückbringen konnte."
Michael Hesse resümiert in der FR ein von Deborah Feldman moderiertes Gespräch mit dem Pulitzer-Preisträger Nathan Thrall, dessen neuen Buches "Ein Tag im Leben von Abed Salama" gerade auf Deutsch erschienen ist. Für Thrall ist relativ klar, "welchen Weg der Nahostkonflikt nehmen werde. Israel habe die heftigsten Angriffe auf die Westbank seit der zweiten Intifada gestartet. Es sei klar, dass Israel das Westjordanland vollständig besetzen wolle."
"Die radikale Zukunft birgt Überraschungen, die radikale Vergangenheit nicht. Sie birgt auch keine Hoffnung", schreibt der Soziologe Natan Sznaider, der an den Demonstrationen in Israel teilnahm, in der SZ. Er schildert, wie sich in all die Verzweiflung ein Funken Hoffnung auf den Neubeginn mischte. Die Jugendlichen "waren fröhlich auf dieser Demonstration, normalerweise werden die Demonstrationen von älteren Menschen wie mir selbst getragen. Und plötzlich machte sich auch unter uns älteren Menschen Hoffnung breit: Kann es sein, dass diese Wirklichkeit des Leids, der Gewalt doch irgendwie besiegt werden kann? Wird dieses auf der Demonstration gefühlte Sentiment der Schlüssel für eine Politik der Hoffnung, eine wahre Weltoffenheit, die über die Vergangenheit hinausgeht und zu etwas Neuem hinführt, das nicht von der Vergangenheit bestimmt und auch von der Gegenwart nicht vorgesehen wird?"
Der Historiker Amir Teicher wohnt dem Begräbnis der getöteten Carmel Gat bei, die schon im November hätte frei kommen sollen, wäre der Deal mit der Hamas nicht einen Tag früher geplatzt. Teicher glaubt nicht daran, dass die Proteste irgendetwas ändern werden, bei der Regierung stoßen sie "auf taube Ohren", wie er ebenfalls in der SZ schreibt: "Bei der Masse der Trauergäste mischt sich Sehnsucht mit Wut und Frustration, der Wunsch zu schluchzen mit dem Drang zu schreien: Carmel war vor drei Tagen noch am Leben und könnte es noch immer sein. Natürlich hatten wir wenig Erwartungen an die Hamas-Terroristen. Wir haben ja bereits gesehen, wozu sie fähig sind - sie haben Carmels Mutter an jenem schrecklichen Samstag, dem 7. Oktober, kaltblütig ermordet und ihre Schwägerin Yarden zusammen mit ihrem Mann und ihrem vierjährigen Mädchen entführt, ganz zu schweigen von all den weiteren Schrecken dieses Tages. Unsere Wut richtet sich weniger gegen sie, sondern gegen unsere eigene Regierung, die wir dafür verantwortlich machen, dass sie uns damals nicht beschützt hat und sie Carmel und alle anderen, die sich seitdem in Gefangenschaft befinden, nicht zurückbringen konnte."
Michael Hesse resümiert in der FR ein von Deborah Feldman moderiertes Gespräch mit dem Pulitzer-Preisträger Nathan Thrall, dessen neuen Buches "Ein Tag im Leben von Abed Salama" gerade auf Deutsch erschienen ist. Für Thrall ist relativ klar, "welchen Weg der Nahostkonflikt nehmen werde. Israel habe die heftigsten Angriffe auf die Westbank seit der zweiten Intifada gestartet. Es sei klar, dass Israel das Westjordanland vollständig besetzen wolle."
Ideen
Auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ fasst sich Johannes Becke, Inhaber des Ben-Gurion-Lehrstuhls für Israel- und Nahoststudien an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, an den Kopf: Deutschland hat es schlicht verschlafen, die Universitätslandschaft auf die Debatten zu Israel und Palästina vorzubereiten, es gibt "keine einzige (!) reguläre Professur für Israel-Studien an einer staatlichen Universität in Deutschland". Das liegt auch an der "Tendenz zur Entprofessionalisierung", so Becke: "Im tendenziell Israel-kritischen Flügel der deutschen Antisemitismus-Studien kann niemand ausreichend Arabisch, um die hasserfüllten Graffiti der Humboldt-Besatzer zu entziffern. ... Wer nur ausreichend globalgeschichtliche Schablonen zur Hand hat, der braucht offenbar keine Hebräischkenntnisse mehr - ganz zu schweigen von einem tieferen Verständnis der jüdischen und israelischen Geschichte."
Mehr als 6.000 WissenschaftlerInnen sollen Russland seit Kriegsbeginn verlassen haben, nun schließt auch die Europäische Universität in Sankt Petersburg ihre Politologie-Fakultät, meldet Inna Hartwich in der taz: "Immer mehr sind die russischen Universitäten dem Druck ausgesetzt, mehr den Krieg in der Ukraine zu normalisieren, ja ihn zu legitimieren, als wirklich zu lehren. 'Universitäten werden längst zur Unterstützung der Kriegskampagne genötigt. Sie heroisieren die Kämpfer der ,Spezialoperation'. Loyalität zur Führung ist demnach wichtiger als die Qualität der Lehre. Man betreibt nun eine sogenannte, national orientierte Wissenschaft und nennt sie 'echt'', sagt der Historiker Dmitri Dubrowski, den die russische Justiz seit April 2022 als 'ausländischen Agenten' brandmarkt. Mittlerweile lehrt der 54-Jährige an der Karls-Universität in Prag. Dubrowski nennt diese Transformation der russischen Hochschullandschaft 'Weaponization': In Jura sollen die Student*innen erklären, dass Russland bei seiner Zerstörung der Ukraine im Rahmen internationaler Verträge handele, in Politologie stelle sich die Unis an die Spitze des Antikolonialismus, in Linguistik kümmern sie sich um die Verkehrung der Sprache, die das Regime seit dem Angriff im Februar 2022 betreibe. 'Die meisten Professoren fügen sich da ein', so der Wissenschaftler."
Mehr als 6.000 WissenschaftlerInnen sollen Russland seit Kriegsbeginn verlassen haben, nun schließt auch die Europäische Universität in Sankt Petersburg ihre Politologie-Fakultät, meldet Inna Hartwich in der taz: "Immer mehr sind die russischen Universitäten dem Druck ausgesetzt, mehr den Krieg in der Ukraine zu normalisieren, ja ihn zu legitimieren, als wirklich zu lehren. 'Universitäten werden längst zur Unterstützung der Kriegskampagne genötigt. Sie heroisieren die Kämpfer der ,Spezialoperation'. Loyalität zur Führung ist demnach wichtiger als die Qualität der Lehre. Man betreibt nun eine sogenannte, national orientierte Wissenschaft und nennt sie 'echt'', sagt der Historiker Dmitri Dubrowski, den die russische Justiz seit April 2022 als 'ausländischen Agenten' brandmarkt. Mittlerweile lehrt der 54-Jährige an der Karls-Universität in Prag. Dubrowski nennt diese Transformation der russischen Hochschullandschaft 'Weaponization': In Jura sollen die Student*innen erklären, dass Russland bei seiner Zerstörung der Ukraine im Rahmen internationaler Verträge handele, in Politologie stelle sich die Unis an die Spitze des Antikolonialismus, in Linguistik kümmern sie sich um die Verkehrung der Sprache, die das Regime seit dem Angriff im Februar 2022 betreibe. 'Die meisten Professoren fügen sich da ein', so der Wissenschaftler."
Geschichte
Viktoria Grossmann besucht für die SZ Leokadia Wieczorek, die als Kind mit ihren Eltern von den Deutschen aus Polen entführt und in Deutschland zur Arbeit gezwungen wurde. Wieczorek kämpft seit dreißig Jahren dafür, dass ehemalige Zwangsarbeiter Entschädigungen erhalten, berichtet Grossmann. In Weimar, wo das Museum "Zwangsarbeit im Nationalsozialismus" kürzlich eröffnet wurde, könnte es hinsichtlich der Finanzierung bald eng werden, so Grossmann: "Wohl gerade noch so und gerade noch rechtzeitig konnte das Museum eröffnet werden, das zur Gedenkstätte Buchenwald gehört, die wiederum vom Bund und vom Freistaat Thüringen finanziert wird. Auch das Gebäude gehört dem Freistaat. Vertreter der AfD Thüringen fordern, Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner abzusetzen. Dieser bekommt Morddrohungen. In einem Interview mit der SZ sagte er, die AfD 'könnte versuchen, uns Mittel zu streichen', wenn sie genügend Macht im Landtag erhält. 'Dass die AfD keine Scheu hat, Kürzungen bei Gedenkstätten zu fordern oder deren Finanzierung ganz infrage zu stellen, hat sie bereits mehrmals gezeigt.'
Gesellschaft
Über den Osten wird nicht geredet? Das ist Quatsch, findet Johannes Schneider in einem etwas mäandernden Essay auf Zeit Online. Im Gegenteil: Der Osten hat in Deutschland die absolute "Diskurshoheit". Und "ist das fair? Überraschende Antwort: ja, absolut. Westdeutsche Kultur ist in Deutschland qua Masse, besseren Startbedingungen und besserer Vernetzung immer noch weit hegemonial, gleiches gilt für öffentliche Personen überhaupt. Hinzu kommt: Die ostdeutschen Strukturprobleme sind in der Fläche nach wie vor viel größer als die im letzten Loch der Bonner Republik, auch wenn manche Städte in Ost und West, wie die Bild-Zeitung neulich vorrechnete, langsam vergleichbar werden. Es gibt dort, im Westen, mehr Arbeit und mehr zu erben, es hat keine Treuhand gewütet, es ziehen auch nicht so viele Leute weg. Hier aber setzt schon wieder mein Störgefühl ein: Ich weiß so viel über die Unzufriedenheit der Ostdeutschen und so wenig über die Zufriedenheit der Westdeutschen, und zwar gerade jenen, die nicht in baden-württembergischen Musterstädtchen oder Berlin-Kreuzberg leben."
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