9punkt - Die Debattenrundschau

Niemals ein Symbol der Freiheit

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.10.2022. Elon Musk hat Twitter übernommen. Als erstes feuert er die bisherigen Chefs. Für die SZ besucht Karl Markus Gauß einen Friedhof in der Slowakei und liest auf den Gräbern, wie aus der Familie Klein die Familie Kiss und dann Kiska wurde. Ebenfalls in der SZ warnt Gilda Sahebi vor Mullah-Verstehern in deutschen Medien. Warum kursieren Videos von Europäerinnen, die sich eine Haarsträhne abschneiden, aber nicht Videos von Europäerinnen, die ihr Kopftuch ablegen, um ihre Solidarität zu zeigen, fragt Raphaël Enthoven in Franc Tireur. Und Wolfgang Kraushaar erzählt in einem Vorabdruck im Perlentaucher vom rechtsextremen Terror vor dreißig Jahren.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.10.2022 finden Sie hier

Europa

Wolfgang Kraushaar erforscht in seinem jüngsten Buch, das in den nächsten Tagen erscheint, die rechtsextremen Mordattentate vor dreißig Jahren. Der Perlentaucher druckt ein Kapitel vorab. Das Unheimliche war die Duldsamkeit des Staates. Es war zwar keine direkte Kooperation, so Kraushaar. Eher will er wie Hajo Funke von einem System "kommunizierender Röhren" sprechen: "Kein direktes Bündnis zwischen Staatsorganen und rechten Mordbrennern war demnach für die Eskalation im Stadtteil Lichtenhagen ausschlaggebend, sondern der paradoxe Sachverhalt einer Förderung von Gewalttaten durch die Indolenz von Behörden. Indem es Funke gelingt, die Rahmenbedingungen eines Gewaltszenarios nachzuzeichnen und die Interaktionsmuster der an dem Szenario Beteiligten, vom Innenminister, von der Einsatzleitung der Polizei, den Brandstiftern und den Claqueuren aus der Bevölkerung, sichtbar zu machen, kann er die Logik der in dieser Eskalation freigesetzten Dynamik präziser erfassen. Ohne die Konstellation im Sinne einer operativen Verzahnung einzelner Handlungselemente überzuinterpretieren, legt er deren kollaborativen Kern in der intentionalen Übereinstimmung frei, Ausländer ohne Rücksicht auf deren Leib und Leben zu vertreiben."

Der Schriftsteller Antonio Scurati warnt im Gespräch mit Michael Braun (taz) davor, Giorgia Meloni und ihren Fratelli d'Italie einfach das Etikett "Faschisten" aufzukleben. Viel wichtiger sei es, historische Bezugslinien aufzudecken: "Der historische Faschismus ist durch den systematischen Einsatz der Gewalt gekennzeichnet. Gewalt ist für ihn originär und essenziell, vom Anfang vor hundert Jahren bis zu seinem Ende. Gewalt: Das hieß auch Mord, einzelne Mordtaten, aber auch Massenmord. Und die Parteimitglieder wurden darüber zu Mitgliedern einer paramilitärischen Miliz. Doch zugleich dürfen wir nicht vergessen, dass der Faschismus Italien nicht einfach vergewaltigt, sondern es auch verführt. Über diese Seite nachzudenken, heißt auch über das Erbe nachzudenken, das er heute noch hinterlässt. Doch die Gewaltfrage macht den Unterschied zwischen heute und gestern aus. Die heutigen rechtspopulistischen Bewegungen bewegen sich völlig innerhalb der demokratischen Spielregeln."

In der FR erinnert Arno Widmann an Benito Mussolinis "Marsch auf Rom" heute vor hundert Jahren, in der NZZ schreibt dazu der Historiker Hans-Ulrich Thamer.
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Gesellschaft

Der Philosoph Raphaël Enthoven stellt im Franc Tireur eine überraschende Frage: Viele Frauen zeigten, wie sie sich in Solidarität mit den Iranerinnen eine Haarsträhne abschnitten. Was man aber nicht sah, war, dass Frauen im Westen aus Solidarität mit Iranerinnen ihr Kopftuch ablegten, obwohl sie doch angeblich für die Freiheit der Frauen kämpfen, es zu tragen oder nicht: "Heißt das, dass verschleierte Frauen auf der ganzen Welt alle gleichgültig gegenüber dem Martyrium der Iranerinnen wären? Das kann man bezweifeln. Warum ist es für alle so einfach, sich eine Haarsträhne abzuschneiden, und für einige so schwierig, ihr Haar zu zeigen? Hypothese: Liegt es daran, dass es selbst in Ländern, in denen es gesetzlich erlaubt ist, zum Beispiel in Frankreich, sehr gefährlich ist, vor einer Kamera das Kopftuch abzunehmen und stolz zu sagen, dass man dies tut? (...) Wenn das Tragen des Kopftuchs eine Freiheit wie jede andere ist, ist es wohl leicht zu konstatieren, dass es selbst... niemals ein Symbol der Freiheit sein wird."
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Internet

Elon Musk hat Twitter jetzt übernommen, berichtet Spiegel online mit Reuters. Die Sache scheint recht staatsstreichartig abgelaufen zu sein: "In einem ersten Schritt setzte Musk unter anderem laut Washington Post die bisherige Führungsriege vor die Tür. Demnach verloren Chief Executive Parag Agrawal, Chief Financial Officer Ned Segal und Rechtsabteilungsleiter Vijaya Gadde ihre Jobs. Agrawal und Segal waren laut den Meldungen anwesend und wurden nach ihrer Entlassung aus dem Gebäude geführt." Mehr im Guardian.

Musk wendet sich mit einer Erklärung auf Twttter seltsamerweise nicht ans Publikum, sondern an die Werbetreibenden: "Ich habe Twitter erworben, weil es für die Zukunft der Zivilisation wichtig ist, einen gemeinsamen digitalen Marktplatz zu haben, auf dem ein breites Meinungsspektrum in einer gesunden Art und Weise diskutiert werden kann, ohne gewalttätig zu werden. Es besteht zur Zeit die große Gefahr, dass soziale Medien in rechts- und linksextreme Echokammern aufgespalten werden, die mehr Hass erzeugen und unsere Gesellschaft spalten."
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Politik

"Vorsicht vor Mullah-Verstehern", warnt die Ärztin Gilda Sahebi in der SZ. Ihr Modus Operandi sei "immer gleich: Ja, es ist schrecklich, was in Iran passiert. Aber: So groß und bedeutsam sind die Proteste nicht. Wir müssen die Dinge realpolitisch betrachten, ein Regimesturz würde die Region destabilisieren. Weiter: Das Regime kann sich reformieren. Schließlich: Das Regime ist der einzige Verhandlungspartner, den wir haben. ... Mullah-Versteher schüren Ängste, ähnlich wie Putin-Versteher. Wenn der Westen hart gegen das Regime vorgehe, werde das nur uns selbst schaden, heißt es. Instabilität in der Region, Krieg, Ströme von Geflüchteten, höhere Kosten. Angst, so weiß man, wirkt. Also wird die eigene Angst über den Freiheitskampf von Millionen Menschen gestellt - so machen es Putin-Versteher mit Ukrainern, so machen es Mullah-Versteher mit Iranerinnen. Richtig, man weiß nicht, was nach einem Sturz des Regimes kommen würde. Aber diese Frage können nur die Menschen in Iran beantworten. Und dass sie einen großen Drang nach Demokratie und Freiheit haben, das beweisen sie gerade jeden Tag."
Und noch ein Tweet, der Aufschluss gibt über die künftigen chinesisch-britischen Beziehungen - Ausschnitt aus einer Pressekonferenz des neuen chinesischen Botschafters in London:
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Ideen

Allerheiligen und dann Allerseelen stehen vor der Tür, erinnert uns Karl-Markus Gauß in der SZ und empfiehlt einen Besuch auf einem Friedhof in Osteuropa, in Zips zum Beispiel, einer Region im Osten der Slowakei. Allein die Grabsteine erzählen Geschichten einzelner und gleichzeitig die Geschichte aller, erklärt er: "Da sind etwa die Grabsteine der deutschen Bergarbeiterfamilie Klein. Nach ihrem langsamen sozialen Aufstieg hat sie sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts der führenden ungarischen Schicht, die einen enormen Druck der Magyarisierung ausübte, angepasst und ihren Namen auf 'Kiss' verändert, was im Ungarischen 'klein' bedeutet. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Region dem neuen Staat der Tschechoslowaken zufiel, wird aus den Klein-Kiss die Familie Kiska. Dieses Wort hat im Slowakischen keine Bedeutung - 'klein' lautet wörtlich übersetzt 'malý' -, aber der Name ist nicht selten, er ist aus dem Wunsch entstanden, deutsche oder ungarische Namen klanglich zu slowakisieren. Der Wechsel der Nationalität ist gerade in Mitteleuropa eine alltägliche Sache, die für sich weder rühmenswert noch verwerflich ist, sondern für viele eine schlicht lebenspraktische Entscheidung dargestellt hat und weiterhin darstellt."
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Stichwörter: Gauß, Karl-Markus