9punkt - Die Debattenrundschau

Wassermelone essen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.11.2021. "Wie ein schrecklicher Angsttraum, wenn man seinen Namen an jeder Wand kleben sieht": Kathleen Stock hat sich in der BBC erstmals öffentlich zu ihrem Rückzug aus der Uni Sussex geäußert. Es gibt keine "Cancel Culture", versichert Stanford-Professor Adrian Daub in der WoZ. Mit den rechtsradikalen Spendern für das Berliner Stadtschloss hat sich nicht der Spenderverein blamiert, sondern die Bundespolitik, meint Andreas Kilb in der FAZ. Die Welt erklärt, was "zusammenhaltssensibler Journalismus" ist.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.11.2021 finden Sie hier

Gesellschaft

Kathleen Stock hat sich in der Sendung "Woman's Hour" der BBC erstmals öffentlich zu ihrem Rückzug aus der Uni Sussex geäußert. Stock war wegen ihres Festhaltens an der Wichtigkeit der biologischen Geschlechter von Trans-Aktivisten heftig attackiert worden (unsere Resümees). In dem Interview schildert sie ziemlich plastisch den Druck, der in den sozialen Medien, mit Plakaten, Demos und Graffiti ausgeübt wird. In einem Resümee des Senders heißt es: "Im Oktober wurden in der Nähe des Universitätscampus Plakate aufgehängt und in einer begleitenden Social-Media-Kampagne behauptet, Stock bedrohe die Sicherheit von Trans-Studenten. Fotos zeigten auch einen maskierten Demonstranten, der mit einem Transparent mit der Aufschrift 'Stock out' auf dem Eingangsschild der Universität stand. Stock sagte der Moderatorin der 'Woman's Hour', Emma Barnett, die Wirkung der Proteste sei 'schwindelerregend' und 'wie eine Art surrealer, schrecklicher Angsttraum, wenn man seinen Namen an jeder Wand kleben sieht'."

Das Video ist bei Twitter über eine Million mal angesehen worden:

Es gibt gar keine Cancel Culture, versichert Adrian Daub, Professor in Stanford, in einem Artikel für die Schweizer WoZ, und schon gar nicht in Europa. Und selbst in Amerika gebe es sie eigentlich weniger, als wir denken: "Die Erzählung von der langsam alles erfassenden Cancel Culture fuße auf einer ganzen Reihe optischer Krümmungen: 'Die' amerikanische Universität meint in diesen Erzählungen häufig gerade einmal ein Dutzend Institutionen - erstklassig, aber eher marginal, was den US-Zeitgeist angeht. Niemand würde das Reed College in Portland, das Swarthmore College bei Philadelphia, das Evergreen College bei Seattle als repräsentativ für das US-Universitätswesen ansehen... Reden zum Beispiel die Studierenden der Anglistik am Oberlin College in Ohio heute mehr über Gender als noch vor dreißig Jahren? Sehr wahrscheinlich. Aber das macht ungefähr fünf Prozent der Studierenden auf einem kleinen Campus bei Cleveland aus." Umso erstaunlicher der Einfluss, den sie auf die Institutionen haben.

Die Zahl der Corona-Neuninfektionen hat in Deutschland laut Robert Koch-Institut (RKI) einen Höchststand erreicht, meldet Zeit Online: "Die Gesundheitsämter meldeten dem RKI binnen eines Tages 37.120 Corona-Neuinfektionen. Die Inzidenz stieg auf 169,9 und übertraf damit den RKI-Höchstwert aus der dritten Infektionswelle im Frühjahr. (…) Allerdings sind die aktuellen Inzidenzen nur bedingt mit denen in früheren Wellen vergleichbar. Mittlerweile sind mehr Menschen in Deutschland geimpft, deshalb führen mehr Infektionen nicht mehr im gleichen Maß zu einer Zunahme der Schwerkranken."

"Die Meinungsfreiheit ist in Gefahr wie nie zuvor", schreibt indes Jörg Phil Friedrich in der Welt mit Blick auf die heftigen Kommentare die die impfkritischen Äußerungen von Sarah Wagenknecht, Richard David Precht und Joshua Kimmich auf sich zogen. Für das Impfen spricht sich Friedrich zwar aus, aber: "Das Problem ist, dass in diesen Diskussionen immer unverhohlener gefordert wird, Meinungen, die einer Corona-Schutzimpfung in irgendeiner Weise kritisch gegenüberstehen, aus der öffentlichen Debatte auszuschließen."
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Kulturpolitik

Nachdem die rechtsradikale Gesinnung des Stadtschloss-Spenders Ehrhardt Bödecker bekannt geworden ist (unser Resümee), fordert der Architektur Philipp Oswalt die Prüfung weiterer Spender. Andreas Kilb geht das in der FAZ ein bisschen weit: "Soll jetzt jeder einzelne Spender ein politisches Leumundszeugnis nachreichen"? Blamiert sei ohnehin nicht der Spendenverein, dessen Preußen-Nostalgie nie in Frage stand. "Blamiert ist die Bundespolitik, die die Rekonstruktion der Barockfassaden zur Privatsache gemacht hat. Die kurzlebigen Vorteile der Mischfinanzierung des Humboldt-Forums, die der damalige Bauminister Tiefensee 2006 mit dem Berliner Regierenden Bürgermeister Wowereit aushandelte, haben sich in langfristige Nachteile verwandelt." (Ohne diese Mischfinanzierung wäre es allerdings nie gebaut worden.)

Das Bödecker ehrende Medaillon im Durchgang des Eosander-Portals soll laut Stiftung Humboldt Forum derweil "umgehend" abgenommen werden, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Auch Bödeckers Sohn Andreas und Schwiegertochter Elvira Tasbach distanzieren sich: "In Schriften und Vorträgen seien 'Thesen und Formulierungen enthalten, die falsch und teils sogar rechtsextrem sind', auch habe Bödecker mitunter in 'rechtsextremen Kreisen' veröffentlicht. 'Diese Erkenntnis ist schmerzlich und erfüllt uns mit großer Betroffenheit', schreiben Elvira Tasbach und Andreas Bödecker. Sie betonen, dass sie selber Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus entschieden ablehnen."

Politik

In China wirft eine Tennisspielerin einem früheren Vize-Ministerpräsidenten Missbrauch vor. Die Meldung, erzählt Friederike Böge in de FAZ, wurde nach Minuten gelöscht, und selbst das Wort "Tennis" war aus den Such-Indizes verschwunden: "Trotzdem war das Thema in Peking noch am Donnerstag in aller Munde. Chinas Internetnutzer sind geübt darin, kritische Beiträge per Screenshot zu sichern und mit allerhand Mitteln die Zensur zu umgehen. Nachdem zwischenzeitlich sogar der Begriff 'Tennis' auf dem Index stand, war im Internet viel von 'Wassermelone essen' die Rede. Das ist Umgangssprache und bedeutet, sich an Tratsch zu beteiligen oder Zeuge eines Skandals zu sein."
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Stichwörter: China, Internetzensur

Medien

Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird und das laut eigener Auskunft "die regionale Vielfalt gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland in den Blick nimmt", hat ein Impulspapier mit dem Titel "Zusammenhaltssensibler Journalismus" veröffentlicht. Dass ein Ministerium dafür Geld ausgibt, findet Frederic Schwilden in der Welt "obszön": "Laut Reporter ohne Grenzen wurden dieses Jahr 30 Journalisten und vier Medienmitarbeiter getötet, 339 Journalisten, 13 Medienmitarbeiter und 96 Blogger und Bürgerjournalisten sitzen wegen ihrer Arbeit in Gefängnissen. Das Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) hat im letzten Jahr 69 Angriffe auf Pressevertreter in Deutschland registriert. Das ist die höchste Zahl seit Beginn der Erhebung vor sechs Jahren. Wenn jetzt also gemütlich, von einem Ministerium finanziert, fast 200 Wissenschaftler*innen aus vielen verschiedenen Disziplinen mit empirischen Untersuchungen und großangelegten Vergleichen praxisrelevante Vorschläge' erarbeiten, damit Journalismus den Zusammenhalt in der Gesellschaft fördert, ist das eine Verhöhnung all dieser Menschen."
Archiv: Medien
Stichwörter: Journalismus

Europa

Bülent Mümay kommt in seiner FAZ-Kolumne auf die Affäre um den türkischen Unternehmer und Menschenrechtler Osman Kavala zurück, der seit Jahren zu Unrecht im Gefängnis sitzt, weil er Erdogan nicht gefällt. Botschafter westlicher Staaten hatten Erdogan aufgefordert, Kavala aus dem Gefängnis zu entlassen und damit einer Forderung des Europarats nachzukommen, Erdogan drohte mit Ausweisung der Botschafter. Die Botschafter haben dann noch eine etwas verbindlichere Formulierung nachgeschoben, damit Erdogan sein Gesicht bewahren konnte. Der Europarat droht, die Türkei auszuschließen. Natürlich wird Erdogan am Ende nachgeben, ist sich Mümay sicher: "Wenn Erdogan sieht, dass es ernst wird, kommt Kavala natürlich frei. Um nicht zu sehr in Widerspruch zu sich selbst zu geraten, wird er Kavala aus Silivri holen, indem er ihm eine Haftstrafe in Höhe der bereits abgesessenen Frist oder eine Alternative wie Hausarrest aufbrummt."
Archiv: Europa
Stichwörter: Kavala, Osman, Europarat