9punkt - Die Debattenrundschau

Alles in Ordnung?

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.11.2021. Die taz empfiehlt der Trans-Bewegung, für Gleichberechtigung zu kämpfen anstatt vermeintliche EndgegnerInnen zu jagen. Ebenfalls in der taz schildert der Reporter Samidullah Mahdi die Lage derJournalistInnen in Afghanistan. In der NZZ erzählt Bernd Stegemann, wie er sich aus dem perpetuum mobile der Wut befreite. Die SZ lernt vom British Museum, was das neue Fortschrittlich ist: Nationalstaatliche Eigentumsrechte für völlig überholt zu halten. Im Börsenblatt empfiehlt Deniz Yücel der Buchmesse, die Schmuddelverlage künftig neben dem Herrenklo zu platzieren.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.11.2021 finden Sie hier

Gesellschaft

In der taz findet Peter Weissenburger die Positionen der britischen Philosophieprofessorin Kathleen Stock zwar rundheraus trans-feindlich, weil sie die Bedeutung des geburtlichen Geschlechts über selbstgegebene Genderidentität stellt (unsere Resümees), aber ihre Verfolgung erscheint ihm nicht weniger unmenschlich als vielmehr überflüssig: "Die sozialen Bewegungen laufen Gefahr, sich zu verkämpfen an immer neuen Endgegner*innen. Die Forderung, 'Geschlechtsidentität' unbedingt zu respektieren, ist nachvollziehbar, aber führt politisch ins Leere - im Gegensatz zu Forderungen nach Gleichheit, Sicherheit und Teilhabe von trans Menschen. Vor nicht allzu langer Zeit noch arbeiteten sich homosexuelle Menschen ebenfalls dauernd an einer lästigen Frage ab: ob Homosexuellsein eine 'Wahl' ist oder angeboren sei. Zu einer Klärung kam es nie, stattdessen wurden Fortschritte bei der Gleichstellung erkämpft und Homosexualität ein bisschen mehr normalisiert. Die Antwort auf die Frage ist heute ziemlich egal geworden, weil sie politisch nicht mehr gebraucht wird. Sie ist höchstens noch Special Interest."

Bernd Stegemann, Dramaturg, wie Sara Wagenknecht ein linker Verächter der Identitätspolitik, hat sich von Twitter abgemeldet, diesem "Perpetuum mobile der Wut und der Angst". Statt ein paar Tweets hat er jetzt gleich ein ganzes Buch über Wut geschrieben, wie er im Interview mit Hansjörg Müller auf NZZ Online erzählt: "Als Theatermann interessiere ich mich für öffentliche Gefühlsäußerungen. Und da fällt mir auf, dass wir es in der Öffentlichkeit derzeit vor allem mit zwei Emotionen zu tun haben: Wut und Angst. Das ist fragwürdig, denn was richtet man damit an? Dass es sich mit Wut und Angst nicht gut lebt, sieht jeder, der auf seine eigenen Erfahrungen damit schaut. Umso bemerkenswerter finde ich, dass es diese beiden Gefühle sind, die gerade die Öffentlichkeit dominieren."
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Medien

Der afghanische Reporter Samidullah Mahdi, der mittlerweile im türkischen Exil lebt, beschreibt im taz-Interview mit Lisa Schneider, wie Journalismus unter den Taliban aussieht: "Die Taliban sind nur zu denen freundlich, die ihre Meinung teilen. Sie wollen eine Gesellschaft, die nur ein Gesicht, eine Stimme, eine Farbe hat. Sie waren schon immer gegen jegliche Vielfalt. In den 1990ern gab es nur einen TV-Sender in Afghanistan, der vom Staat betrieben wurde, den haben die Taliban sofort dichtgemacht. Denn jede Art von Bild war in ihrer Interpretation des Islam verboten. Heute nutzen sie selbst diese Medien, aber: Seit der Machtübernahme gibt es im staatlichen Fernsehen keine Reporterinnen oder Moderatorinnen mehr. Noch treten bei den privaten Sendern Frauen auf, aber deutlich weniger. Die verbliebenen Journalisten und Journalistinnen arbeiten unter extremer Zensur und schwierigen Bedingungen. Viele wurden von den Taliban verhaftet, gefoltert, entführt und getötet. Die Erfahrensten haben das Land bereits verlassen."
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Stichwörter: Afghanistan, Taliban

Kulturpolitik

In der SZ blickt Alexander Menden auf die "Mutter aller Restitutionsdebatten", den Streit um die Rückgabe des Parthenon-Fries, den der britische Botschafter Lord Elgin einst in einem Handel mit den osmanischen Besatzern von der Athener Akropolis abtransportieren ließ. Die Unesco hat sich im September hinter die Forderung Griechenlands nach Rückgabe gestellt. Bemerkesnwert, welche Gegenargumente das British Museum hinter vorgehaltener Hand auffährt. Zum Beispiel: "Dass man die politisierende Parteinahme der Unesco mit ihrer Fixierung auf nationalstaatliche Eigentumsrechte als ahistorisch und einseitig betrachte. Doch offiziell schweigt sich das British Museum bis dato aus."

Im Börsenblatt möchte Deniz Yücel als neuer PEN-Präsident die Freiheit des Wortes auch für rechte Verlage gelten lassen (die er allerdings nicht genauer definiert oder von rechtsradikalen oder rechtsextremen abgrenzt). Aber, meint er in der Diskussion um die Buchmesse: "Einen größeren Propaganda-Dienst als ihren Rauswurf kann man diesen Leuten gar nicht erweisen, woran ein Antifaschismus, dem es nicht um die narzisstische Selbstinszenierung, sondern um eben die Bekämpfung des Faschismus geht, kein Interesse haben kann. Das entbindet die Veranstalter nicht von aller Verantwortung. Und weil sie in dieser Frage mehrmals Taktgefühl vermissen ließen, hier als Merksatz: Platzierung neben Blauem Sofa - nicht machen; Platzierung zwischen Besenkammer und Herrenklo - ja, passt."

Nach dem neuen Ärger um die rechtsradikale Gesinnung des Großspenders Ehrhardt Bödecker hat die Stiftung Humboldt Forum die Plakette zu seinen Ehren entfernen lassen, nicht das Kreuz auf der Kuppel (unser Resümee). Im Tagesspiegel quälen jetzt Christiane Peitz Fragen über Fragen: Was ist zum Beispiel mit Bödeckers Frau, die sich bei der Flüchtlingshilfe engagiert und die mit auf der Plakette stand? Und: "Was ist etwa mit Rudolf-August Oetker, der sich zeitlebens gegen die Aufarbeitung der NS-Verstrickung seines Unternehmens gewehrt hatte? Die Großspende datiert dem Vernehmen nach aus der Zeit nach seinem Tod 2007, sie erfolgte über die gleichnamige Kunst- und Kulturstiftung. Alles in Ordnung? Dass aktuelle Rechtsextreme und Revanchisten als Spender fragwürdig wären, ist klar. Aber welches Geld aus deutschem Firmenerbe ist unbelastet, welches nicht? Welche Ehrentafeln in welchen deutschen Kultureinrichtungen stehen demnächst zur Debatte?" Berliner Kulturpolitik ist ein Graus!