Efeu - Die Kulturrundschau

Bevor das Fallbeil niedergeht

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05.11.2021. Die FAZ verfällt im Museum Rietberg der Kultiviertheit narrativer Kunst aus Japan. Die NZZ fragt: Musste man wirklich die antisemitischen Passagen aus Patricia Highsmiths Tage- und Notizbüchern streichen? Der Tagesspiegel erlebt finales Kopfkino in Sebastian Hartmanns Inszenierung des "Idioten", die SZ nur eine Parade hechelnder Soloauftritte. Die taz steht im Kunstmuseum Bonn vor den Zigarettenstummeln von Ingeborg Lüscher und staunt: Rauchen galt mal als schick. Die Musikkritiker erleben ein verstörendes deja vu mit Abbas neuem Album "Voyage".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2021 finden Sie hier

Kunst

Bild: Ingeborg Lüscher. Sea and Land. 1994.

Achtzig Werke schenkte Ingeborg Lüscher den Sammlungen der Ruhr-Universität Bochum, zum Dank richten das Museum unter Tage und das Kunstmuseum Bonn der Künstlerin nun eine Retrospektive unter dem Titel "Spuren des Daseins" aus und taz-Kritiker Max Florian Kühlem ist angenehm irritiert: "Am Anfang hängen die 'Verstummlungen', Collagen aus Tausenden Zigarettenstummeln, die die Künstlerin bei Freund*innen und Bekannten gesammelt und meistens in einem Fensterrahmen zusammenstellt hat. Von fern können diese Strukturen wie natürliche Erscheinungen wirken - Schattenwürfe, Bienenwaben - ein schöner Anblick. Aus der Nähe kommen dann Ekel und ökologische Bedenken ins Spiel. Immerhin belasten die ständig kaum kompostierbaren Zigarettenfilter die Umwelt - eine Assoziation, die Anfang der 1970er Jahre, als die Werke entstanden, wohl noch nicht die erste war. Damals galt Rauchen als schick, gerade für künstlerisch-kreative Menschen."

Bild: Tsukioka Yoshitoshi: "Taira no Kiyomori sieht die Schädel seiner Feinde im verschneiten Garten" aus der Reihe Eine neue Auswahl merkwürdiger Ereignisse, Meiji-Zeit, 1882. Museum Rietberg, Zürich, Foto: Rainer Wolfsberger

In der FAZ verfällt Hubert Spiegel sofort dem Bann der Ausstellung "Liebe, Kriege, Festlichkeiten" im Zürcher Museum Rietberg, die ihm die erstaunliche Modernität narrativer Kunst aus Japan vor Augen führt: "Aus dem späten achtzehnten Jahrhundert stammt eines der schönsten Stücke der Ausstellung: ein achteckiges, reich bemaltes und mit Goldpulver bestreutes Behältnis für Spielmuscheln. Die 360 Muschelhälften wurden erst vergoldet und dann jeweils paarweise mit ikonischen Szenen aus dem Genji-Roman bemalt: eine Art 'Memory', das in höfischen Kreisen seit dem zwölften Jahrhundert gespielt wurde. Je mehr Motive erkannt und in den Romanverlauf eingeordnet werden konnten, desto höher waren Belesenheit und Kultiviertheit der wohlhabenden Spieler einzuschätzen."

In der NZZ blickt Sarah Pines in Peter Beards bereits vergangenes Jahr bei Taschen neu aufgelegten Bildband "The End of the Game" von 1965, "eines der wichtigsten Bücher über Afrika, wegen seiner besonderen und frühen Sensibilität, die die frühen Zeichen von Naturkatastrophen und Klimawandel erfasste", wie sie schreibt: "Heute sind Menschen wie Beard unmöglich geworden. Ihre Erfahrungen wirken John-Wayne-haft pompös. Die Figur des weißen, alternden und libidinösen Mannes im Sarong, der kiffend vor dem Zelt sitzt, neben ihm Kamera, Flinte und Frauen, wirkt unerträglich kolonial. Vielleicht aber brauchte es genau die Energie und Besessenheit Beards, diesen primitiv-sensiblen Blick, um die Zerbrechlichkeit Afrikas zu sehen, die Gefahren zu ahnen, die dem Kontinent und seinen Bewohnern drohten."

Besprochen werden zwei Hamburger Emil-Nolde-Ausstellungen: in der Hamburger Kunsthalle und im Bucerius-Kunst-Forum, (taz-Kritiker Hajo Schiff hätte sich in beiden mehr Auseinandersetzung mit Noldes Nationalismus und Antisemitismus gewünscht), die große Modigliani-Ausstellung in der Wiener Albertina (in der FR-Kritiker Arno Widmann lernt, wie stark der Maler von afrikanischer Kunst beeinflusst wurde) und die Ausstellung "Les Louvre de Pablo Picasso" im Louvre Lens (SZ).
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Literatur

Cornelia Geißler unterhält sich für die FR mit Richard Powers über Literatur zu aktuellen Fragen und seinen neuen Roman "Erstaunen", der den Klimawandel zum Thema hat. Mit dem Begriff "Climate Fiction" kann er allerdings nichts anfangen, erklärt er: "Meiner Meinung nach braucht es diesen Begriff nicht zu geben. Die Fiktion, also das literarische Erzählen, beschäftigt sich mit dem Menschen. Sie erkundet, wer wir sind, wo wir sind, wie es um unsere Beziehung zu diesem belebten Planeten bestellt ist. All die dringenden Fragen, wie wir überhaupt überleben, gehören in unsere Literatur. 'Climate Fiction' sollte keine spezielle Unterkategorie sein, nicht etwa eine hübsche kleine Boutique für den besonderen Geschmack."

Viel Lob gab es in den letzten Wochen für das von Diogenes publizierte Tage- und Notizbuch von Patricia Highsmith: 8000 Seiten verarbeitet zu 1370. Dass Herausgeberin Anna von Planta dabei auswählen musste, ist klar. Aber die schlimmsten Widersprüche einfach übertünchen? "Es gehört zu Highsmith, dass sie eine Antisemitin war", schreibt NZZ-Kritiker Manuel Müller, der sich gewünscht hätte, dass sich das Vorwort damit auseinandersetzt. "Und zwar eine, die viele der kruden Widersprüche in sich vereinigte, die das häufig mit sich bringt. Ohne sich, auch das typisch, an diesen wiederum zu stören. Enge Freunde waren jüdisch, ihre längsten Liebesbeziehungen führte sie mit jüdischen Frauen. ... Die NZZ am Sonntag hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Edition bei einer Passage den Ausruf 'Die widerlichen Juden!' weglässt. Er wurde schlicht durch das Wort 'Furchtbar' ersetzt. Das ist fatal. Aber weniger wegen der prekären Auslassung - welche die Herausgeberin in einer Stellungnahme damit zu verteidigen suchte, dass die Stelle 'in Sachen Antisemitismus auch nicht besonders aufschlussreich' sei. Problematisch ist vielmehr, dass sich den Leserinnen und Lesern unweigerlich ein Verdacht aufdrängt. Es stellt sich die Frage: Wenn bei einem solchen Passus ein antisemitischer Ausfall weggelassen wurde - wo dann sonst noch?"

Weitere Artikel: In der SZ stellt Lothar Müller den südafrikanischen Autor Damon Galgut vor, der für seinen Roman "The Promise" in diesem Jahr mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. In der Welt unterhält sich Marie-Luise Goldmann mit der Comic-Zeichnerin Liv Ströquist über den Wert von Schönheit bei Männern und Frauen. Verena Mayer würdigt in der SZ die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, die 100. Geburtstag feiert (Matthias Döpfner gratuliert in der Welt). Judith von Sternburg gratuliert in der FR Hanns-Joseph Ortheil zum Siebzigsten. In der FAZ stellt Andreas Platthaus die Zeichnerin Nora Krug vor, die Timothy Snyders Manifest "Über Tyrannei" illustriert hat.

Besprochen werden der Bildband "The End of the Game" mit den Afrikafotos von Peter Beard (NZZ), László Krasznahorkais über 400 Seiten langer, nur aus einem Satz bestehender Roman "Herscht 07769" (Zeit), Bei Daos Erinnerungen "Das Stadttor geht auf" (Tsp), Juliane Pickels Jugendbuch "Krummer Hund" (Tsp), Amanda Gormans und Loren Longs illustriertes Liedbuch "Change - eine Hymne für alle Kinder" (Tsp), Richard Russos Roman "Mittelalte Männer" (Tsp), Ulrich Raulffs Band "Sauerland als Lebensform" (FAZ), Gaston Dorrens "In 20 Sprachen um die Welt" (FAZ), Jan Stremmels "Drecksarbeit" (FAZ) sowie einige Kinder- und Jugendbücher (SZ).
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Film

Besprochen werden Francis Lees lesbischer Liebesfilm Film "Ammonite" (SZ, Standard, Tsp), Mia Hansen-Løves "Bergman Island" (Zeit), Scott Coopers Horrorfilm "Antlers" (SZ), Chloé Zhaos Superheldenfilm "Eternals" (NZZ) und das "Sopranos"-Prequel "The Many Saints of Newark" (FAZ).
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Stichwörter: Hansen-Love, Mia

Bühne

Szene aus "Der Idiot" am Deutschen Theater. Foto: Arno Declair


"Wozu vier Stunden Theater unter der Überschrift 'Der Idiot, nach Fjodor Dostojewskij' inszenieren und dem Publikum zumuten, wenn einen die drei wesentlichen Komponenten eines erzählenden Romans überhaupt nicht interessieren: die Menschen, die Handlung, die Sprache?", ärgert sich Till Briegleb in der SZ nach Sebastian Hartmanns Inszenierung am Deutschen Theater: "Hier gibt es keine Figuren, keine Zusammenhänge und keine Geschichte. Hier gibt es nur eine Parade der hechelnden Soloauftritte von Hartmanns Lieblingsschauspielerinnen und -schauspielern, die sehr ausgedehnt und von kindischen Aktionen begleitet Sätze sprechen, die immerhin überwiegend aus dem Roman stammen - dort aber selten beieinander stehen."

"Ein Theater, das endlich mal wieder nicht alles erklärt, was man sieht", meint hingegen Christine Wahl im Tagesspiegel: "Hartmanns 'Idiot' raunt nicht. Er entfaltet seine angewandte Existenzphilosophie aus einem speziellen Romanmotiv - dem für Dostojewski, der selbst einmal in letzter Sekunde doch nicht hingerichtet wurde, autobiografischen Exekutionstopos. So gesehen ließe sich der Abend als finales Kopfkino im Angesicht des Todes beschreiben. Viereinhalb Stunden über die letzte Viertelsekunde, bevor das Fallbeil niedergeht." Und nachtkritikerin Anna Fastabend denkt: "Boah, ist das schön, bisschen kitschig, aber so, so schön… Bis man irgendwann schreiend wegrennen will".

Besprochen werden Julia Lwowskis und Franziska Kronfoths Inszenierung von Paul Dessaus Oper "Die Verurteilung des Lukullus" an der Stuttgarter Oper (SZ), Sivan Ben Yishais "Liebe / Eine argumentative Übung" am Kosmos Theater Wien (nachtkritik) und Stefan Herheims Inszenierung von Richard Wagners "Ring des Nibelungen" an der Deutschen Oper Berlin (Zeit Online).
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Musik

Heute erscheint "Voyage", das erste Album von Abba seit vierzig Jahren. Im Standard ist Karl Fluch sehr zufrieden, die Band klingt genau wie früher, freut er sich: "'Voyage' ist ein klassisches Album: zehn Songs - und nur Abba-Musik. Kein Andienen an Moden, Trends, keine Remixe von David Guetta, kein Auto-Tune-Gesäusel, keine hochgepitchten EDM-Eruptionen. Das setzten sie sich als Vorgabe: Das Neue sollte wie Abba klingen, und das tut es. Und so zeitlos wie ihre Klassiker wirken vor allem die Uptempo-Nummern."

Auf Zeit online reagiert Jens Balzer leicht verstört, ob des bekannten Sounds: "Die neuen Abba-Lieder erinnern einen unentwegt an Musik, die man vor langer Zeit einmal gehört hat, und erwecken darum leicht das Gefühl, zurück in die Heimat der Kindheit zu kommen - aber diese Rückkehr in die Heimat ist zugleich verstellt. Weil die Songs die nicht die richtigen sind, weil die Erinnerungen sich als falsche erweisen. 'Voyage' ist unheimlich im Freudschen Sinne des Wortes; es ist vertraut und zugleich unvertraut."

Hier eine Kostprobe:



In der taz feiert Helmut Böttiger fünfzig Jahre W71, den Jazzclub in Weikersheim, der weit über seine Kleinstadtgrenze hinaus bekannt ist: "In der Region selbst wurde der Club W71 lange Zeit sehr skeptisch beäugt. Die Stadt Weikersheim stellte zwar mietfrei das Campinghäuschen, aber als Zuschuss gab sie nur symbolische 150 D-Mark - pro Jahr! Das ging so bis in die 1990er Jahre. Man finanzierte die Veranstaltungen ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge, Getränkeerlöse an der Theke und den ziemlich geringen Eintritt. Und manchmal gelang es, eigentlich unvorstellbare Konditionen für einen Auftritt herbeizuführen. So bei einem der sensationellen Ereignisse der frühen Jahre: ein Auftritt des Yosuke Yamashita Trios aus Japan. Es führte auch zu einem Höhepunkt in der Beziehung zur Lokalpresse. Meistens funktionierte es so, dass die Konzertkritik aus den Reihen des Clubs selbst geschrieben wurde. Damit konnten alle Seiten leben."

Besprochen werden ein Konzert von Paavo Järvi und dem Tonhalle-Orchester Zürich im frisch sanierten Konzertsaal der Tonhalle (NZZ), Lindsay Jordans Album "Valentine" (taz).
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